Sawyer Valentinis (Claire Foy) irrer Horror: mit dem Smartphone gedrehter Kinofilm "Unsane". Foto: Fingerprint Releasing/Bleecker Street

Ausgabe 365
Kultur

Die blaue Gummizelle

Von Rupert Koppold
Datum: 28.03.2018
In Stephen Soderberghs Psychiatrie-Thriller "Unsane – Ausgeliefert" brilliert Claire Foy als junge Frau, die sich nicht zum Opfer machen lässt. Die kapitalismuskritische Story mündet in ein spannendes, aber auch krudes Duell mit einem Stalker. Gefilmt wurde es mit einem Handy – kann man machen, muss man aber nicht.

"Reine Routine", sagt die Angestellte der Highland Creek Klinik zu Sawyer Valentini (Claire Foy) und schiebt ihr nach einem Beratungsgespräch ein paar Formulare hin. "Folgen Sie mir!", sagt dann im Foyer ein Mann im weißen Kittel zu der irritierten jungen Frau, die gerade das Gebäude verlassen will, und führt sie durch lange Korridore zu einem Behandlungszimmer. "Ausziehen, bis auf die Unterwäsche!", befiehlt nun, nachdem sie die Tür verriegelt hat, eine bullige Schwester und streift sich ein Paar Gummihandschuhe über. Das müsse doch alles ein Irrtum sein, sagt Sawyer, die nur mal über ihre Probleme mit einem Stalker sprechen wollte. Aber sie hat eine Klausel im Kleingedruckten überlesen und ist nun in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie gelandet. Und alles, was sie jetzt sagt und tut, wird gegen sie verwendet werden.

Stephen Soderberghs Thriller "Unsane - Ausgeliefert" spielt mit jenen Ängsten und Alpträumen, die seit den Zeiten von Doktor Caligari und Doktor Mabuse - beide ja Chefs von Psychiatrie-Kliniken! - durch die Geschichte des Kinos irrlichtern. In Milos Formans "Einer flog über das Kuckucksnest" (1975) rebelliert Jack Nicholson als anarchischer Held, der eine psychische Erkrankung nur vortäuscht, gegen das autoritäre System und wird durch Lobotomie für immer ruhiggestellt. In Sam Fullers expressivem und exzessivem "Shock Corridor" (1963) will ein Journalist einen Mord aufklären, lässt sich in eine Anstalt einweisen und verliert in dieser, unter anderem durch Elektroschockbehandlung, tatsächlich den Verstand.

Einige Motive dieser Genre-Klassiker finden sich auch in "Unsane", dazu noch jene manipulative Variante, die im Englischen "gaslighting" genannt wird und, was diese Bezeichnung betrifft, ihren Ursprung ebenfalls im Kino hat: In dem Thriller "Gaslight" von 1944, bei uns bekannt als "Das Haus der Lady Alquist", versucht ein Mann, seine Frau in den Irrsinn zu treiben. Die gutgläubig-sanfte Ingrid Bergman konnte diesem bösen Unterfangen damals kaum Widerstand entgegensetzen, die selbstbewusste Claire Foy dagegen zeigt in "Unsane" von Anfang an, wie sich die Zeiten geändert haben: Mit nie nachlassender Renitenz weigert sie sich, die Rolle des Opfers anzunehmen. Und wie es der zierlich-kleinen Schauspielerin ("The Crown") gelingt, sogar barfuß und im flattrigen Anstaltshemdchen als Person dazustehen und nicht als passives und zu behandelndes Etwas, das ist wirklich groß.

Altbekannte Horror-Motive

Aber als Sawyer, die als Analystin in einer Bank arbeitet, ganz rational darlegt, dass sie irrtümlich eingewiesen wurde, hört der Arzt kaum zu. Als sie dann die Polizei um Hilfe bittet, rücken zwei gelangweilte Beamte an, die sich von der Rezeptionistin sofort abspeisen lassen. Als sie sich schließlich physisch wehrt gegen derangierte und zudringliche Mitpatienten wie die neben ihr liegende Violet (Juno Temple), wird dies als gewalttätiges und den Aufenthalt verlängerndes Verhalten interpretiert. Nur ihr schwarzer Mitinsasse Nate (Jay Pharoah), der ebenfalls sehr vernünftig wirkt, hat ein Ohr und manchmal auch ein eingeschmuggeltes Handy für Sawyer. Nate weiß zudem, warum sie hier festgehalten wird: Weil die Klinik nämlich gut an ihr verdient, jedenfalls solange ihre Versicherung für Unterbringung und "Behandlung" zahlt. "Sie sperren gesunde Menschen ein wegen des Profits!", so fasst Sawyer die Ausführungen Nates zusammen. Sie weiß jetzt also, dass das, was ihr passiert, kein Einzelfall ist. Die Sache hat System.

Wie in seinem Pharmazie-Thriller "Side Effects" (2013) greift Soderbergh auch hier die kranken Auswirkungen des Hochkapitalismus in der Gesundheitsindustrie an. Und wie in seinem Vorgängerfilm biegt der Regisseur auch in "Unsane", nachdem er den Alles-für-den-Profit-Punkt herausgearbeitet hat, ins gängige Psycho-Thriller-Genre ab. Er lässt nun Sawyers Stalker (Joshua Leonard) auftauchen (oder bildet sie sich den nur ein?), der unter falschem Namen als Klinikangestellter arbeitet, und inszeniert dann das zunächst sehr ungleiche Duell eines mörderischen Psychopathen, dem für seine Untaten alle Mittel zur Verfügung stehen, und einer aller Macht beraubten Frau, die nur noch ihren Verstand einsetzen kann. Und dazu, damit dieser Verstand nicht auch noch verloren geht, einen sarkastisch-schwarzen Humor, der Sawyer auch in scheinbar aussichtslosen Situationen zumindest verbal oben hält.

Zwangsweise verabreichte Spritzen, halluzinogen wirkende Medikamente, im Klinikkeller verabreichte Elektrofolter, eine blaue Gummizelle, eine Leiche im Kofferraum und ein Hammer in den falschen respektive in den richtigen Händen: Das sind nun die Ingredienzen eines weiterhin ziemlich spannenden, aber mitunter zum kruden B-Picture mutierten Films. Soderbergh hat ihn übrigens auf einem Iphone 7 Plus gedreht, was zum Haupthandlungsort ganz gut passt. In dieser Highland Creek Klinik entsteht der Horror nämlich nicht durch perfekt arrangierte Kinobilder, er breitet sich vielmehr aus in alltäglich sterilen Räumen. Die können so groß sein wie der Patientenschlafsaal, den sich Männer und Frauen teilen müssen, sehen aber trotzdem, weil zum Beispiel fast immer die Decke zu sehen ist, eng und niederdrückend aus. Okay, das ist ganz effektiv, das kann man mal so inszenieren. Dass "Unsane" wohl nie in einem Atemzug mit, sagen wir mal, Kubricks "Shining" genannt werden wird, dürfte Soderbergh egal sein.

 

Stephen Soderberghs "Unsane" kommt am Donnerstag, den 29. März in die deutschen Kinos.Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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