Bereit, sich demütigen zu lassen: Russische Agenten-Azubis, darunter Ex-Primaballerina Dominika Egorova (Jennifer Lawrence, Mitte links). Fotos: 20th Century Fox

Ausgabe 361
Kultur

Der böse Onkel Vanya

Von Rupert Koppold
Datum: 28.02.2018
In "Red Sparrow" spielt Jennifer Lawrence eine russische Agentin, die sich in einen CIA-Mann verliebt. Der Thriller stellt sich in den Dienst der US-Propaganda und wird zum Schmiermittel für eine Wiederkehr des Kalten Kriegs. Ein dreistes Hetzstück, meint unser Filmkritiker.

Der Russe ist ein Drecksack, der... aber nein, so kann man keine Filmkritik beginnen. Also lieber so: Die Bolschoi-Primadonna Dominika Egorova (Jennifer Lawrence) wird von ihrem intriganten Ballettpartner absichtlich arbeitsunfähig getreten und dann von ihrem Onkel Vanya (Matthias Schoenarts), der schon immer ein böses Russenauge, äh, neutraler formuliert, der schon immer ein inzestuös-geiles Auge auf sie geworfen hat, unter Druck gesetzt und für den Geheimdienst rekrutiert. Zuerst lockt Dominika nun einen russischen Drecksack, äh, also, einen mächtigen, aber missliebig gewordenen Oligarchen in ein Hotelzimmer, der sich umstandslos ans Vergewaltigen macht, dabei aber von einem Killer per Drahtschlinge final unterbrochen wird.

Nach dieser ersten Mission muss sich Dominika im russischen Red-Sparrow-Agenten-Ausbildungsprogramm bewähren, ansonsten gibt es nämlich "eine Kugel in den Kopf!" Zu den Spezialitäten dieser Institution, in der junge Frauen in braunen Uniformkleidchen sehr ernste Mienen machen, zählt die sexuelle Demütigung, also das Nackig-machen-Müssen vor versammelter Mann- und Frauschaft oder das Antreten-und-Ducken-zum-Blow-Job. Als ein russischer Drecksack, äh, als ein Kommilitone von der eisig-strengen Ausbilderin Matron (Charlotte Rampling) den Auftrag erhält, unsere Heldin Dominika mal so richtig und quasi als Seminararbeit ranzunehmen ("Dein Körper gehört dem Staat!"), glotzt sie dem Burschen so abschätzig auf den Pimmel, dass selbiger sich und seinen Besitzer hängen lässt.

Das alles wirke nie "selbstzweckhaft oder ausbeuterisch", schreibt die deutsche Kritikerin Antje Wessels und bescheinigt dem Film, in dem sich die Heldin nun in den guten CIA-Agenten Nash (Joel Edgerton) verliebt, "trotz oft verführerischer Hochglanzoptik ein erkennbares Bemühen um eine gewisse Wirklichkeitsnähe, zu der eben auch eine ungeschönte Darstellung der brutalen Seiten des Metiers gehört." Wessels Kollege Owen Gleiberman vom Hollywoodfachblatt "Variety" freut sich überdies, dass "Red Sparrow" die "Spannungen des Kalten Krieges wiederaufleben lässt", und dass Putin, auch wenn er nicht direkt auftrete, irgendwie anwesend sei als "Halbgott einer Verderbtheit, die andere Charaktere ausagieren." Vielleicht noch eine dritte Meinung? Also gut: "Red Sparrow" ist ein ebenso dreistes wie primitives Hetzstück, das direkt aus einem Think Tank der Transatlantiker stammen könnte.

Tut es aber nicht. Die Geschichte hat nämlich die CIA selber geschrieben, respektive dessen jahrzehntelanger Mitarbeiter Jason Matthews. Auf der Webseite seines Verlages ist er ausgewiesen als früherer Chef verschiedener CIA-Filialen, der unter anderem an Rekrutierungs- und Propaganda-Missionen gegen das sowjetisch-beherrschte Osteuropa beteiligt war. Oder noch immer an solchen Missionen beteiligt ist? Die kommunistische Sowjetunion existiert zwar nicht mehr, aber das alte Feindbild wird in Matthews Roman "Red Sparrow" auf den inzwischen kapitalistischen US-Konkurrenten Russland übertragen und weiter gepflegt. Deshalb sieht Osteuropa im Film auch immer noch so aus wie in den fünfziger und sechziger Jahren, vollgestopfte Schäbigkeit in kleinen Wohnungen oder altmodisch eitler Protz in Politpalästen.

Das alte Feindbild wird gepflegt

Seit den Zeiten Stalins habe sich ja auch nichts geändert, sagt ein Überläufer in "Red Sparrow", das Land sei immer noch ein einziges Gefängnis. Und in dem erpresst, foltert und mordet der russische Geheimdienst, dass es nur so eine Art hat. Mit Diktaturen kennt sich der Regisseur Francis Lawrence, der den Matthews-Thriller für die Leinwand adaptiert hat, ja gut aus. Er hat seinen Star Jennifer Lawrence schließlich durch die Science-Fiction-Trilogie "Tribute von Panem" gehetzt und mit ihr den Umsturz eines tyrannischen Reichs vorangetrieben. Und nun kämpft die tapfere Heldin – und dies zu verraten ist in diesem überlangen und vorhersehbaren Thriller kein unzulässiger Spoiler – eben gegen russische Drecksäcke. Jawohl, jetzt lassen wir das so stehen. Denn der Russe wirkt hier tatsächlich so, als sei er genetisch zum Bösen verpflichtet, als müsse er Gefangene in gekrümmte Haltung zwingen und abspritzen, als müsse er ihnen die Haut abziehen, als müsse er sie zum Schein oder auch tatsächlich hinrichten.

All dies führen die Filmemacher exzessiv und ausgiebig vor, so als hätten sie an solchen Brutalitäten selber großen Spaß: Der Sadismus betrifft also nicht nur das Gezeigte, sondern auch die Zeigenden. Und wenn der Film auch noch vorführt, wie Jennifer Lawrence in Unterwäsche malträtiert wird, so dass wohl nicht nur russischen Oligarchen der Sabber aus dem Maul läuft, dann muss ein Wort fallen, das sonst für Machwerke wie die "Saw"-Serie reserviert ist: "Torture Porn".

Auf den Film treffen fast alle Prinzipien der Kriegspropaganda zu

"Red Sparrow" ist ein sehr böser und sehr kranker Film, auf den fast alle der von der belgischen Historikerin Anne Morelli herausgearbeiteten "zehn Gebote" der Kriegspropaganda zutreffen. Zum Beispiel jenes, dass alle Grausamkeiten dem Feind zuzuschreiben sind. Deshalb sollte man an den im Dezember 2014 publizierten Folterreport zu den Methoden des CIA erinnern, in dem nicht nur Schlafentzug, Waterboarding oder Eisduschen aufgelistet sind, sondern auch sexuelle Demütigungen und Vergewaltigungen, rektale Einführungen und Scheinhinrichtungen. "Der Katalog der Misshandlungen ist alptraumhaft", schrieb der "Guardian" damals, besonders weil man wisse, "dass so viel mehr niemals aufgeklärt wird."

An dieser Stelle soll auch der 2014 verstorbene Journalist Peter Scholl-Latour zitiert werden, der in seinen letzten Interviews vor einseitigem Putin-Bashing gewarnt hat. Das größere Problem sei die Desinformation durch westliche Denkfabriken: "Man spielt wieder Kalter Krieg." Auch ein anderer älterer Herr, der diesen Kalten Krieg literarisch begleitet hat, soll hier zu Wort kommen, nämlich John LeCarré ("Der Spion, der aus der Kälte kam"). Wie Matthews war der Autor selber mal im Geheimdienst, aber in seinen Werken um den Agenten George Smiley gibt es kein Gut und Böse, sondern nur moralverwischende Grauzonen. Gerade hat LeCarré mit "Das Vermächtnis der Spione" einen Nachklapp zu den Smiley-Geschichten veröffentlicht, in dem er mit seinem Helden und ein bisschen wohl auch mit sich selbst ins Gericht geht.

Warum habe er Dinge getan, die man eigentlich nicht tun dürfe, fragt sich darin Smiley im Rückblick. "Für den Weltfrieden, was immer das ist? Ja, ja, natürlich ... Oder im Namen des Kapitalismus? Gott bewahre. Des Christentums? Gott bewahre." Und dann bekennt Smiley: "Falls ich je eine Mission gehabt habe - falls mir je eine bewusst gewesen ist, über unser Geschäft mit dem Feind hinaus, dann bestand sie in Europa. Wenn ich herzlos war, dann für Europa. Wenn ich ein unerreichbares Ziel hatte, dann das, Europa aus dem Dunkel in ein neues Zeitalter der Vernunft zu führen." "Red Sparrow" aber, in dem Schauspieler wie Matthias Schoenaerts, Jeremy Irons, Ciaran Hinds oder Charlotte Rampling ihren guten Ruf ramponieren, hat ein anderes Ziel: Er will sich aus dem eh kaum noch angestrebten Zeitalter der Vernunft radikal ins Dunkel zurücklügen.

 

Info:

Francis Lawrences "Red Sparrow" kommt am Donnerstag, den 1. März in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt,finden Sie hier.


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2 Kommentare verfügbar

  • Andromeda Müller
    am 03.03.2018
    Feindbilder sind für jede totalitäre Ideologie identitätsstiftend und überlebenswichtig. Sie schweißen durch z.B. alleinige Wiederholung , selbst der absurdesten Behauptungen , eine Gruppe zusammen , die dann wahrhaft daran glaubt , egal welche offensichtlichen und schlagenden Gegenargumente aufgebracht werden. .

    Der Amerikaner Jack Shaheen hat zu stereotypen Feindbildern in der amerikanischen Hollywood- und Medienindutrie geforscht und aufgeklärt.

    https://www.nytimes.com/2017/07/12/us/jack-shaheen-who-resisted-and-cataloged-stereotyping-of-arabs-dies-at-81.html

    Ein kurzer Ausschnit aus dem NYTimes - Artikel : As Dr. Shaheen saw it, Americans began demonizing Arabs and Muslims after the so-called Six-Day War between Israel and its Arab neighbors in 1967, and the perception of Arabs worsened with the 1973 oil embargo by Middle East petroleum producers, and even more so after the Cold War ended.

    “We have replaced the red threat with the green threat, namely Islam,” he said in 1995.

    (Die rote Gefahr/Rußland wird ja wieder aktuell gepusht. Rußland Verteidigungsbudget ca.70-80 Mrd. $ , USA ohne (!) europäische Nato-Partner 700-800 Mrd.$ ; Deutschland 30.Mrd. wird verdoppelt auf mittelfristig 50-60 Mrd. Euro. Mediennarrativ ?).

    Among the negative portrayals he cited were the cartoons his children watched, including one in which a wrestler named Akbar was described by a narrator as a villain who “likes to hear the cracking of bones, and when he makes those faces, he is ugly, ugly!”
    Photo
    A 2012 reprint of “Reel Bad Arabs: How Hollywood Vilifies a People.” Credit Olive Branch Press
    Dr. Shaheen also criticized the original lyrics to a song in the Disney film “Aladdin” (1992):
    Oh, I come from a land, from a faraway place
    Where the caravan camels roam
    Where they cut off your ear
    If they don’t like your face
    It’s barbaric, but hey, it’s home.

    The lyrics were changed when the film was released on video.
    Wer erinnert sich an irgend einen Spielfilm , in dem die USA als das Böse schlechthin dargestellt wurde ? Was sich amerikanische Bürger , - zu Recht Widerstand gegen eine Besatzungsmacht - , im Hollywood-Propaganda-Film "Red Dawn" herausnehmen , gilt sonst , - aus US-Sicht bei umgekehrtem "Verhältnis"-, für niemanden auf der Welt .
    Ersichtlich , wie sehr man selber mit Propaganda überflutet wird und diese auch glaubt , macht der Dokumentarfilm "Propaganda" des Neuseeländers Slavko Martinov. Interessant auch , daß Martinov deswegen vom dortigen Geheimdienst befragt werden mußte (2.Link ab ca.12:00).
    Gewinner des Amsterdam Dokumentarfilmfestivals 2012 : https://www.youtube.com/watch?v=xusTiowJLkU
    TedX Speech : https://www.youtube.com/watch?v=hUygyiVgg70
  • Karl Heinz Siber
    am 28.02.2018
    Hollywoodfilme, die lupenrein die Weltsicht der CIA widerspiegeln, gab es immer wieder; vermutlich fließen in die Finanzierung solcher Machwerke auch CIA-Gelder. Danke für die schonungslose Kritik.

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