Beginn einer Amour fou: Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) und Alma (Vicky Krieps). Fotos: Focus Features, Universal

Ausgabe 357
Kultur

Die Frau als Wille und Vorstellung

Von Rupert Koppold
Datum: 31.01.2018
In dem exquisit inszenierten Film "Der seidene Faden" verliebt sich Daniel Day-Lewis als älterer Modemacher in eine junge Frau. Die Beziehung entwickelt sich zu einem Machtkampf und zu einer ganz besonderen Variante einer Amour fou.

Der Herr und Meister führt penibel seine Morgentoilette durch, kleidet sich an, erscheint bei Tisch, wo schon seine derzeitige Freundin wartet und auch seine Schwester und Vertraute Cyril (Lesley Manville). Nein, das Frühstück behagt ihm nicht, er habe doch gesagt: "Nichts schwer Verdauliches mehr!" Die solcher Art getadelte Freundin begehrt ein bisschen auf, aber er meint dazu nur schmallippig, für "Konfrontation" habe er keine Zeit. Schließlich ist er Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis), der berühmte Modemacher, der in einem Londoner Stadtpalais residiert und seit vielen Jahren die Damen der Society mit mondänen Modellen ausstatten muss.

Die streng über ihren Bruder wachende Cyril erklärt dessen Beziehung nun für beendet, er solle der Geliebten, so wie den andern vorher, zum Abschied noch ein Kleid schenken und sie dann schnell verabschieden. Es sei für ihn eben alles ein bisschen viel gewesen, der leicht angegraute, ein wenig gebeugte Reynolds, von Kopfweh und vielleicht auch von einer Depression geplagt, solle ein wenig ausspannen und zur Erholung aufs Land fahren. So rast er mit seinem Sportwagen an die Küste und bestellt in einem Hotel ein Frühstück, dieses nun sehr englisch, also ein Haufen schwer Verdauliches. Er bestellt es nämlich bei einer jungen Bedienung (Vicky Krieps), einer morgenfrisch lächelnden Frau, bei deren bloßem Anblick sein Magen zu gesunden scheint und sein Gesicht zu Leuchten beginnt. Sie reicht ihm danach einen Zettel, auf dem steht: "For my hungry boy. My name is Alma". Er lädt sie sofort zum Abendessen ein, was sie wie selbstverständlich annimmt.

So beginnt es. Die Frage ist nur: Was beginnt eigentlich? Denn Reynolds ist nicht auf eine Romanze aus, jedenfalls nicht auf traditionelle Art. Er macht sich also nicht an Alma ran oder gar über sie her, sondern fängt zunächst damit an, sie nach seinem Willen und seiner Vorstellung zu formen. Mit höflich verbrämter Übergriffigkeit ("Darf ich?") wischt er ihr noch im Restaurant den Lippenstift weg, will diese Frau also lieber naturbelassen, bringt sie dann in sein Landhaus und beginnt ohne weitere Erklärung damit, sie zu vermessen. Gleich am ersten Abend eignet der Egomane Reynolds, nun wieder ganz straff und aufrecht, sich also diese so versonnen lächelnde Frau an und probiert sie aus als Modell. Und Cyril, die nun auch noch dazustößt, notiert sich gleich die von Reynolds ermittelten Maße und sagt später zu Alma, die sich ihren Körper betreffend unsicher zeigt: "Sie sind perfekt. Er mag Frauen mit Bäuchlein."

Ein Porträt von Mama im Anzug eingenäht

Der Regisseur Paul Thomas Anderson, der nach seinem gewalttätigen und furiosen Drama "There will be Blood" zum zweiten Mal mit Daniel Day-Lewis zusammenarbeitet, stellt in "Der seidene Faden" eine Welt des Reichtums, der Stile und der Moden vor, die zwar im England der fünfziger Jahre angesiedelt ist, sich aber gegen die prekäre Nachkriegszeit vollkommen abschottet. Nein, nicht vollkommen. Sehr subtil setzt Anderson Zeichen dafür, dass es jenseits dieses exquisit inszenierten, an seinem guten Geschmack aber schier erstickenden Mikrokosmos noch etwas anderes gibt. Auch wenn Almas Herkunft nie ganz geklärt wird, so deutet ihr leichter Akzent (der in der deutschen Fassung leider verloren geht) doch darauf hin, dass sie vom Kontinent kommt, dass sie vielleicht Jüdin ist. Jedenfalls hat sie wohl mehr erlebt, als man ihr zutrauen würde. Und spätestens dann, wenn sie Reynolds nachsichtig erklärt, er sei gar nicht so stark, er tue nur so, zeigt sie sich ihm als ebenbürtig.

Denn diese Geschichte wird nun zum Machtkampf, in dem Alma sich nicht nur gegen Reynolds behaupten muss, sondern auch gegen zwei Frauen. Die eine ist die schon erwähnte Cyril, die sich ein bisschen geriert wie die tyrannisch-perfide Haushälterin in Hitchcocks Älterer-Herr-erobert-junge-Frau-Thriller "Rebecca". Die andere ist schon tot, spukt aber immer noch durch Reynolds Kopf: Es ist seine Mutter, die große Konkurrentin für alle Frauen, die mit ihm eine Beziehung eingehen. Schon beim ersten Treffen mit Alma hat Reynolds von dieser Mutter erzählt, für deren zweite Ehe er selbst das Hochzeitskleid geschneidert hat. In seinen Anzug hat er sich, was er Alma stolz verrät, sogar ein Porträt der Mutter eingenäht. Nein, es wird nicht leicht werden für Alma.

Gleich zu Beginn des Films hat sie in einer vorgreifenden Szene über ihre Beziehung gesprochen. Reynolds habe all ihre Träume wahrwerden lassen. Sie gebe ihm auch, was er am meisten begehre. "Alle Teile von mir!", sagt Alma einem Gegenüber, das nicht im Bild zu sehen ist. Könnte dies eine Beichte sein? Ein Verhör? Ein Geständnis? Denn die Geschichte des vom Perfektionisten Daniel Day-Lewis verkörperten Perfektionisten Reynolds (der Schauspieler hat für die Rolle sogar das Schneiderhandwerk gelernt) und der jungen Alma, die von der Luxemburgerin Vicky Krieps mit einer verblüffenden Mischung aus Sanftheit und Härte gespielt wird, diese Geschichte entwickelt sich zu einer abgründigen Amour fou.

Der Schauplatz, auf dem dieser Liebeskampf ausgetragen wird, ist freilich nicht das Bett. In der einzigen Sequenz sexuellen Verlangens macht der Film die Tür zu und erzählt dann gleich am nächsten Morgen weiter. Nein, es ist zum Beispiel der Tisch, an dem Alma für den hochempfindlichen Reynolds zu viele Geräusche macht beim Bestreichen des Toasts oder beim Kauen, ja, es sei da für ihn überhaupt "zu viel Bewegung". Wenn die beiden aber einer reichen Kundin, die sich bei einer Party danebenbenimmt und somit ihr Woodcock-Kleid entehrt hat, selbiges einfach ausziehen, dann werden sie zu Komplizen.

So etwas schweißt zusammen, was bei Reynolds auch heißt: Es gibt Herzhaftes zu essen, also wieder Eier, Rahm und Speck. Die Liebe in diesem Film braucht eben extreme Zustände, ja, sie braucht so etwa Unmögliches wie die Balance dieser Extreme. Und sie geht durch den Magen - mehr darf man wohl nicht verraten. Höchstens noch, dass zu den diversen Hitchcock-Anspielungen eine an Truffauts "Geheimnis der falschen Braut" hinzukommt. Wenn Reynolds nämlich seiner Alma beim Hantieren am Herd zusieht, dann tut er dies mit jenem einverständig-wissenden Blick, mit dem Jean-Paul Belmondo damals seiner verrückt geliebten Catherine Deneuve zugesehen hat.

 

Info:

Paul Thomas Andersons "Der seidene Faden" kommt am Donnerstag, den 1. Februar in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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