Mini-Menschen im Riesen-Shuttle. Foto: Paramount Pictures

Ausgabe 355
Kultur

Kleiner Mann, was nun?

Von Rupert Koppold
Datum: 17.01.2018
In der Tragikomödie "Downsizing" lässt sich der von Matt Damon gespielte Held auf Zehn-Zentimeter-Größe schrumpfen. Er lebt nun in Leisureland, mit einer erheblich verbesserten Ökobilanz. Aber so ganz kann er der alten Welt nicht entkommen.

Ein Labor, ein Wissenschaftler, eine Versuchsmaus, eine Spritze. "Es funktioniert!", ruft Doktor Jorgen (Rolf Lassgard) euphorisch aus. Fünf Jahre später stellt ein Kollege ein Kästchen auf ein Pult, öffnet den Deckel, und darunter, jetzt zehn Zentimeter groß, aber ansonsten ganz der alte, kommt der Doktor zum Vorschein, schnappt sich ein Mikrofon und erklärt den verblüfften Kongressteilnehmern die ökologischen Vorteile des Menschenschrumpfens. In diesem Säckchen etwa, das der Kollege mitgebracht hat, kann der Abfall eines ganzen Dorfes entsorgt werden. Die Welt war dem Untergang geweiht, jetzt scheint sie gerettet!

Weitere zehn Jahre sind vergangen, aber noch immer leben die meisten Menschen ihr Leben in Normalgröße. Auch der Physiotherapeut Paul Safranek (Matt Damon) aus Omaha, ein nicht besonders kluger, aber guter und ehrlicher Kerl, dem jedoch die Ansprüche seiner Frau (Kristen Wiig) und die Klagen seiner quengeligen Mutter über den Kopf wachsen. Für sein bisschen Geld könnten die Eheleute in der Miniatursiedlung Leisureland eine Villa beziehen! Und so begibt sich das Paar in eine Downsizing-Klinik, um danach in kleiner Umgebung größer herauszukommen.

Die Geschichte von Paul Safranek steht in der Tradition jener Mini-Menschen-Fiktionen, die berühmt wurde mit Jonathan Swifts satirischem Roman "Gullivers Reisen" (1726) und den Bewohnern der Insel Liliput, die sich darüber streiten, ob ein Ei am spitzen oder am stumpfen Ende aufzuschlagen sei. Im Kino hat Jack Arnold 1957 "Die unglaubliche Geschichte des Mr. C" als Thriller mit philosophischem Touch erzählt: der Held gerät in einen radioaktiven Nebel, wird immer kleiner, zieht in ein Puppenhaus, kämpft unter anderem mit einer Spinne und geht schließlich als winziges Teilchen im Kosmos auf. Sehr ernst nimmt auch Richard Fleischer seine 1966 in die Hochphase des Kalten Kriegs inszenierte "Phantastische Reise", in dem ein auf Mikrobengröße miniaturisiertes Team per Kleinst-U-Boot einen Pfropfen aus der Blutbahn eines Ostblock-Überläufers entfernen muss.

In "Downsizing" aber scheint es zunächst so, als wolle der Regisseur Alexander Payne ("About Schmidt") seinen Film eher bei jenen neueren Komödien einreihen, in denen Eltern ihre Kinder schrumpfen. Oder Kinder ihre Eltern. Oder Schüler ihre Lehrer. Doch spätestens in der langen und kühl choreografierten Sequenz der Verkleinerungs-Prozedur schleichen sich andere Töne in diese Geschichte ein. In steril-weißen Räumen wird Paul für die irreversible Schrumpfung vorbereitet: Alle Plomben im Gebiss raus, weil sie als nicht verkleinerbares Material den Kopf zum Platzen brächten. Alle Haare abrasiert, so dass Paul sehr nackt und ungeschützt daliegt. Und dann, in einem großen Saal, werden er und viele andere von ungerührten Krankenschwestern mit Spezialschaufeln aus ihren nun viel zu großen Betten herausgehoben.

Alles ist geschrumpft, nur die sozialen Unterschiede nicht

Paul erwacht und greift als erstes nach unten. Noch alles da! Wer aber nicht mehr da ist, das ist seine Frau. Sie hat es sich im letzten Moment anders überlegt, sodass Paul jetzt mit festgefrorener Depressions-Miene durchLeisurelandschleicht, wortlos seinen fahrradreifengroßen und sehr, sehr schweren Ehering in Empfang nimmt und schließlich auch die in Tennisplatz-Ausmaßen vorgelegte Scheidungsurkunde unterschreibt. Das Spiel mit den Größenverhältnissen lässt der Regisseur sich also nicht entgehen, wobei er auf Standardsituation (Kampf gegen Insekten, Katzen oder Ratten) verzichtet. Und wenn die Schauwerte des als eine Art Disneyworld geschilderten Leisureland sich erschöpft haben, was durch Pauls Perspektive recht schnell passiert, erweist sich die Utopie als verkleinertes Spiegelbild der alten Welt.

Klar, in dieser zwischen Ironie, Satire und Melancholie oszillierenden Tragikomödie feiern auch fröhliche Hedonisten wie der dauergrinsende Dusan Mirkovic (Christoph Waltz) und dessen adliger Freund Konrad (Udo Kier) das neue Leben als Party. "So viele Europäer!", bemerkt in all dem Trubel der trübsinnige Paul, der inzwischen in einem Call Center arbeitet. "Sei nicht so amerikanisch!", antwortet Dusan, in dessen luxuriöser Wohnung Paul die vietnamesische Putzfrau Ngoc Lan Tran kennen lernt. Er will deren Beinprothese reparieren, ruiniert diese aber vollends. Sie zeigt dem schuldbewussten Paul, was die anderen nicht wissen wollen: Auch in Leisureland herrscht Ausbeutung, auch Leisureland hat seine Slums, in welche sie aus den Schränken der Reichen requirierte Medikamente mitbringt. Und in denen sie Paul gegen seinen Willen als Doktor einführt.

"Downsizing" führt diese Wende vom privaten Unglück zur sozialen Aufgabe voller Empathie durch, aber ohne allzu großes Pathos. Es ist die brillante Schauspielerin Hong Chau, die den Film nun an sich reißt und hinter Ngoc Lan Trans herrisch-taffer Fassade eine mitleidsfähige Seele aufscheinen lässt. Sie hat verstanden, dass der technokratische Lösungsansatz sehr limitiert ist, dass sich also durch eine Veränderung der Größenverhältnisse nicht automatisch die Verhältnisse ändern. Aber das ist für sie kein Grund zur Resignation, sondern eine Aufforderung, das Bestmögliche zu schaffen. Der gute Mensch von Leisureland! Die Welt insgesamt, dessen ist sich dieser Film sicher, ist sowieso nicht mehr zu retten, auch nicht durch die Schrumpfung ihrer menschlichen Bewohner. Bliebe für Paul während eines langen und stillen Sonnenuntergangs also nur noch die Frage zu klären, ob er sich für den Rest seines Lebens einbunkern will. Oder doch noch etwas anstellen mit Ngoc Lan Tran. Ein Apfelbäumchen pflanzen vielleicht?


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