Fotos: Amazon Studios

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Ausgabe 346
Kultur

Hinter Beton liegt der Strand

Von Rupert Koppold
Datum: 15.11.2017
In seiner aufwendigen Dokumentation "Human Flow" zeigt Ai Weiwei die globalen Fluchtbewegungen. Dabei setzt er auch sich in Szene, vor allem aber nutzt er seine Prominenz, um sie in den Dienst der Sache zu stellen. Am Sonntag stellt der chinesische Künstler seinen Film im Stuttgart Kino Delphi vor.

Das weite Meer, ein Boot mit Flüchtlingen, ein Leuchtturm: von hoch oben gefilmte Bilder, unterlegt mit elegischer Musik. Sie wirken dekorativ und metaphorisch. Nicht gestellt, nein, aber doch gestaltet. Der Künstler Ai Weiwei hat sie in 23 Ländern dieser Welt von 112 Kameraleuten aufnehmen lassen und dann montiert zu seinem zwei Stunden und zwanzig Minuten dauernden Film "Human Flow". Einige dieser Bilder hat Ai Weiwei selbst mit seinem Smart Phone eingefangen. Immer wieder sieht man ihn auch in Flüchtlingscamps, wie er dort filmt, wie er Gespräche führt, wie er Fleischspieße brutzelt, Tee ausschenkt, sich die Haare schneiden lässt, mit Kindern spielt, eine Frau tröstet.

Der Künstler und Filmemacher tröstet eine Frau.
Der Künstler und Filmemacher tröstet eine Frau.

Ist Ai Weiwei eitel? Drängt er sich nach vorn und schiebt das eigentliche Thema seiner Dokumentation in den Hintergrund? Manche Kritiker haben ihm dies vorgeworfen. Aber es ist wohl eher so, dass dieser Künstler seine Prominenz nutzt, um sie in Dienst zu stellen, um also möglichst viele Menschen auf ein Problem aufmerksam zu machen, das zwar punktuell im sachlich-neutralem Ton der Nachrichten auftaucht, aber auch gleich wieder untergeht. In "Human Flow" dagegen zeigt sich Ai Weiwei als insistierende, empathische und moralische Instanz. Dass es ihm mit dem Thema wirklich ernst ist, darauf weist nicht zuletzt der immense zeitliche, materielle und logistische Aufwand dieses Projekts hin und der große persönliche Einsatz des Künstlers. Ein Solidaritätskonzert für dies und das – viele Grüße an Bono! – ist jedenfalls schneller erledigt.

Der sechzigjährige Ai Weiwei, der in China drangsaliert wird, lebt inzwischen in Berlin und bezeichnet sich selbst als Flüchtling. In New York stellt er sich gerade mit seiner stadtdurchsetzenden Installation "Good Fences make good Neighbors" der staatlichen Abschottungspolitik entgegen. Und in "Human Flow" versucht er nun, den Blick auf diejenigen zu lenken, die der Not entkommen wollen, ihre Heimatländer verlassen, sich auf der Flucht vielen Gefahren aussetzen und dann oft vor jenen Grenzen stehen, die reichere Länder inzwischen errichtet haben. Man sieht in diesem Film: vom Krieg zerstörte Städte; von der Dürre verstaubte Landstriche; zerschlissene Zelte im matschigen Niemandsland; Familien, die sich durch reißende Bäche quälen; überfüllte Schlauchboote; Berge von Rettungswesten.

Anstehen in der Schlange für sicheres Leben.
Anstehen in der Schlange für sicheres Leben.

Alles schon gesehen? Ja, es stimmt, man hat solche Bilder schon gesehen. Auch die goldenen Folien für aus dem Mittelmeer Gerettete, die vor Unterkühlung bewahren sollen. Gianfranco Rosi etwa hat diesen Kontrast zwischen fast überwirklicher Schönheit und größtem Elend in seinem preisgekrönten Dokumentarfilm "Seefeuer" (Kontext berichtete) dargestellt. Aber das ganze globale Ausmaß der Katastrophe, all diese erzwungenen Fluchten und dann in riesigen Camps arretierten Bewegungen, das war so wohl noch nicht zu sehen. Bilder aus Griechenland, Italien, Deutschland, Jordanien, Mexiko, Afghanistan, Myanmar, Bangladesh, Pakistan, Kenia, dem Libanon, der Türkei, dem Irak und anderen Ländern. Und anders als in den TV-Nachrichten sind diese Bilder nicht – oder jedenfalls nicht nur – Illustration zu einem Text, sie haben ein Eigenrecht, sie stehen und sprechen für sich.

Natürlich kann ein Projekt wie "Human Flow" die Fluchtursachen nur andeuten oder durch eingeblendete Zahlen und Fakten bloß kurz benennen. Die Branchenzeitschrift "Variety" hat dies harsch als Einführung für Kenntnislose bezeichnet, als "Refugees for dummies". Aber dieser Film setzt bewusst auf den großen Überblick, will die ganze Breite und verzichtet dafür auf Tiefe. Was freilich nicht heißt, dass er Menschen als gesichtslose Masse behandelt. Wenn Drohnenkameras von oben herabschauen und dabei wimmelnde Gassen zwischen endlosen Hüttenreihen oder kleine Wohnkoben in einem Berliner Hangar auch als ästhetische Phänomene einfangen, dann folgt dem fast immer ein Blick auf Augenhöhe mit den Geflüchteten. "Wir waren siebzehn, jetzt sind wir noch fünf", sagt ein Mann, der vor nassen Gruben steht respektive auf einem schnell ausgehobenen Gräberfeld.

Zwei Frauen im irakischen Mossul.
Zwei Frauen im irakischen Mossul.

Auch Experten internationaler Organisationen kommen kurz zu Wort. An der Grenze zwischen den USA und Mexiko hört man den Satz: "Fast jeder Amerikaner war entweder Migrant oder Nachkomme von Migranten." Im Nahen Osten die mahnenden Worte: "Wir dürfen nicht immun werden gegen diese Bilder!", und dann, während ein ISIS-Pick-Up vorbeifährt: "Wenn diesen Kindern alles verwehrt ist, dann werden sie anfällig für vieles, auch für Radikalisierung." Der libanesische Drusenführer Walid Dschumblatt ("I was a Warlord!") gibt sich geläutert und plädiert dafür, den Hass zu überwinden. Aber bei diesem Interview wurde sein Land noch nicht bedroht von Saudi-Arabien und stand noch nicht vor dem Abgrund eines neuen Bürgerkrieges. Würde er ausbrechen, wäre das nicht nur das Ende aller Sicherheiten für die aus dem Irak und Syrien Geflüchteten, es kämen wohl Millionen neue Flüchtlinge dazu.

Im Gazastreifen ist auf einer Trennmauer der Satz zu lesen: "Wir leben nicht, wir warten auf den Tod!" Eine Gruppe lächelnder junger Frauen, einige von ihnen verschleiert, einige unverschleiert, hat sich vor einem Betonblock postiert, hinter dem der Strand sein könnte. Das hier sei der einzige Platz, "wo man dem Gefängnis Gaza ein bisschen entkommen" könne. Seltsamerweise schimmert bei diesem Gruppenbild, genauso wie bei den springlebendigen Kindern in anderen Camps dieser Welt, sogar so etwas wie Hoffnung auf. In Gaza filmt Ai Weiwei auch einen Tiger, der in einer Kammer eingesperrt ist und um sich selber kreist. Ein Künstler wie er lässt sich so ein starkes Bild natürlich nicht entgehen, Metaphern und Symbole gehören schließlich zu seinem Handwerkszeug. Der Tiger wurde übrigens mit Sponsorenhilfe ausgeflogen. Er hat ein Land gefunden, das ihn aufgenommen hat.

Ai Weiwei stellt seinen Film in Stuttgart persönlich vor. Er kommt am Sonntag, 19. November, um 11.30 Uhr zur Vorführung ins Delphi-Kino. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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Ich denke, der "Kalle" hat ausgedient.





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