Dengler (Ronald Zehrfeld) und Olga (Birgit Minichmayr) stoßen auf Unstimmigkeiten, als sie den offiziellen Tathergang rekonstruieren wollen. Fotos: Julia Terjung/ZDF

Ausgabe 344
Kultur

Wenn Tote nachladen

Von Rupert Koppold
Datum: 01.11.2017
In Lars Kraumes "Dengler – Die schützende Hand" setzt sich der Privatermittler mit dem angeblichen Suizid der NSU-Mörder Mundlos und Böhnhardt auseinander. Die dritte Adaption aus Wolfgang Schorlaus Krimi-Reihe, am 6. November im ZDF zu sehen, wird dabei zum öffentlich-rechtlichen Untersuchungsausschuss.

Dengler schweißgebadet. Dengler im Krankenbett. Dengler in der Zwangsjacke. Verwaschene, ineinander rutschende Bilder. Ein irritiertes Auge in Detailaufnahme. Nachrichtenschnipsel. Schlagzeilen vom Kölner NSU-Nagelbombenattentat. Dazu nervöse Musik, ein Ping-Ping-Ping wie von einem Medizin-Monitor. Und Akten, Akten, Akten. Dann wieder Dengler, festgeschnallt. Und Dr. Müller (Rainer Bock) vom BKA, der sich herabbeugt und sagt: "Niemand kann sich gegen das System stellen, Dengler." So viel Tempo. So viel Material. Aber noch keine Ordnung, noch keine Story erkennbar. Dann reißt der Privatermittler Dengler (Roland Zehrfeld) noch einmal die Augen auf und diesmal findet er sich in einem fahrenden Zug wieder und im Hier und Jetzt. Sein Auftrag: herausfinden, ob die beiden NSU-Mörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt tatsächlich Suizid begangen haben.

Diese Eröffnungssequenz, in welcher der ehemalige BKA-Zielfahnder Dengler von erlebter Vergangenheit albträumt, setzt den Ton für eine Geschichte, die sich beeilen will, nein, die sich beeilen muss. Denn der Autor Wolfgang Schorlau, auf dessen Thriller "Die schützende Hand" dieser Film basiert, hat bei seinen akribischen NSU-Recherchen so viel Stoff zusammengetragen, dass der den anderthalbstündigen TV-Krimi von Lars Kraume schier zum Platzen bringt. Aber der Regisseur macht das gut, er hat die Hauptprotagonisten ja schon eingeführt, er kann in seiner dritten Dengler-Verfilmung also gleich zur Sache respektive zum Fall kommen. Auch die Hackerin Olga (Birgit Minichmayr), immer noch schwarzgekleidet, rauchend und cool – und immer noch gesucht vom BKA –, ist wieder dabei. Zuerst zögert sie, als Dengler sie in Amsterdam aufspürt und ihr erklärt, er brauche die NSU-Akten. Nein, bei "so einem Kack" wolle sie nicht helfen, diese Nazis hätten sich doch selbst umgebracht, sagt Olga. Aber dann spickt sie die Geburtstagsmail, die Dengler einer Ex-Geliebten im BKA schickt, doch mit einem Trojaner.

Und nun versuchen Olga und Dengler in einem Hotelzimmer, den angeblichen Mundlos-Böhnhardt-Suizid anhand der Aktenlage zu rekonstruieren. Was ist da passiert in jenem Camper, der in Stregda bei Erfurt geparkt war, als zwei Streifenpolizisten vorbeischauten? Ein Knall. Sekunden später noch ein Knall. Gleich darauf Feuer. Nein, so kann es nicht gewesen sein. Dengler sucht seinen ehemaligen Mentor Dr. Schweikert (Jürgen Prochnow) in Frankfurt auf, der ihn vor dem Thüringer Verfassungsschutz warnt. Der habe sich "Thüringer Heimatschutz" genannt und die rechte Szene quasi selbst aufgebaut. Aber Schweikert bringt Dengler auch mit dem Erfurter LKA-Mann Brauer (Tom Wlaschiha) in Verbindung, der damals ermittelt hat, auf viele Ungereimtheiten stieß und jetzt sagt: "Dieser Tatort ist nicht leicht zu ertragen, wenn du ein guter Polizist sein willst."

Autor Wolfgang Schorlau hat viele Widersprüche recherchiert

Brauer macht schließlich, auch wenn ihn das die Karriere kosten könnte, bei den privaten Ermittlungen von Dengler und Olga mit. In einer leeren Fabrikhalle in der Nähe von Stregda rekonstruieren sie den Fall, in den Dengler sich immer mehr verbeißt. Der Polizeichef hat die Feuerwehrfotos vom Tatort konfisziert. Der Camper wurde am Ort nicht richtig untersucht, sondern einfach abgeschleppt. Zeugenaussagen wurden nicht berücksichtigt, Fingerabdrücke fehlen, Geschosshülsen sind überflüssig. Es geht darum, dass bei Mundlos keine Rußpartikel in der Lunge nachgewiesen wurden, dass er also schon tot war, als der Camper angezündet wurde. Und es geht darum, dass etwas nach einem Kopfschuss an den Wänden des Campers hätte kleben müssen: "Wo ist ein Kilo Hirnmasse geblieben?" In dieser fiktiven Rekonstruktion kann Kraume also dramaturgisch geschickt jene realen Fakten unterbringen, die Autor Schorlau recherchiert hat.

So wie Dominik Grafs vor kurzem gesendeten "Tatort – Der rote Schatten", der an der offiziellen Selbstmordversion der Stammheimer RAF-Häftlinge zweifelt, stellt nun "Die schützende Hand" die These vom NSU-Suizid in Frage. Und mehr noch als Grafs "Tatort" wird dieser faktensatte Dengler-Krimi, den das ZDF am 6. November ausstrahlt, dabei zu einer Art öffentlich-rechtlichem Untersuchungsausschuss, der die offiziellen Ergebnisse nicht nur wegen ihrer vielen und äußerst merkwürdigen Widersprüche in Frage stellt, sondern zum Skandal erklärt. Nein, so kann es einfach nicht gewesen sein! Und ja, da haben Behörden vieles mutwillig vertuscht.

Im Film geraten deshalb Dengler, Olga und Brauer ins Visier von BKA und Verfassungsschutz. Aber auch die Beziehung zwischen dem immer aufgeregter werdenden Dengler, der sich bei seiner Aufklärungsarbeit zu fiesen Methoden und schnellen Schlüssen hinreißen lässt, und dem skeptisch-spröden Brauer ("Willkommen im Reich der Verschwörungstheorien") wird immer brüchiger. Es ehrt Schorlau und Kraume, dass sie selbst aus ihren allzu berechtigten Zweifeln an der Behördenversion keine neuen und eigenen Theorien entwickeln. Oder diese nur als Denglersche Theorien präsentieren, die wiederum selbst Lücken aufweisen.

Am Ende ist "Bad Moon Rising" von Creedence Clearwater Revival zu hören, der Song mit der ominösen Zeile: "I know the End is coming soon!" Am Ende lädt Dengler auch, trotz Olgas Protest, seinen Revolver. "Keine Sorge, ich habe mich im Griff!", sagt der angeschlagene und sichtlich aufgewühlte Ermittler, der diesen Fall persönlich nimmt. Am Ende haben in diesem kompetent inszenierten und exzellent besetzten Film dann auch noch mal dubiose BKA-Männer wie Dr. Müller oder sinistre Verheimlicher wie der Verfassungsschützer Harry Jäger (Leonard Lansink) ihre Auftritte. Und am Ende werden, nach der Ausstrahlung des Films zur besten Sendezeit, die Spekulationen zum Fall Mundlos und Böhnhardt neue Nahrung bekommen haben und weit über den kleinen Kreis derer hinausreichen, die an ihm schon vorher interessiert waren.

 

Info:

Als "Fernsehfilm der Woche" läuft Lars Kraumes "Dengler – Die schützende Hand" am Montag, den 6. November, um 20.15 Uhr im ZDF.


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3 Kommentare verfügbar

  • Marlies Beitz
    am 11.11.2017
    Das sorgfältig recherchierte Buch von Wolfgang Schorlau ist das eine, die TV-Verfilmung das andere. Die "künstlerischen Freiheiten" gehen mir zu weit und lenken vom Thema "Aufklären" ab, stattdessen steht reißerische Unterhaltung im Mittelpunkt (z.B. der explodierende Sportwagen in der Schluss-Szene). Was mich massiv gestört hat, ist das (im Fernsehen offensichtlich unvermeidliche) Product Placement: warum muss der Kommissar privat einen superteuren Sportwagen fahren? Noch nerviger, wie auch schon in der ersten Schorlau-Verfilmung: Schöner Reisen mit der Deutschen Bahn, ICE-Werbung bis zum Abwinken - ist Wolfgang Schorlau nicht ein dezidierter S-21-Gegner?
  • David Sohn
    am 07.11.2017
    Auch wenn der Film nicht 1:1 das Buch ist und sich einige künstlerische Freiheiten mehr nimmt, aber bzgl des laut den Akten unmöglichen Selbstmord der Uwes sollten nun alle auf dem richtigen Stand sein. Die Akten muss man übrigens nicht so kompliziert hacken wie das die Olga gemacht hat.
    Wer es statt Krimi lieber in 6 Minuten lustig erzählt haben will findet das bei Die Anstalt
    https://www.youtube.com/watch?v=OpVsIoDrcBQ
    Und wenn es Doppelmord war, dann sind die ganzen "NSU Beweise" was?
    Oops, genau das.
    Und was sind dann die sogenannten NSU-Untersuchungsausschüsse?
    Oops, genau das.
    Frohes nachdenken kannn ich nur wünschen.
  • David Sohn
    am 02.11.2017
    Freut mich, daß nach dem tollen Buch das ganze als Film kommt. Hier kann sich jeder alle Unmöglichkeitenn der offiziellen NSU Verschwörungstheorie reinziehen. Leider hilft das nur jemand der offen an die Sache rangeht und sein eigenes Hirn benutzt. Bei den Mitgliedern aller Untersuchungsausschüsse zum NSU Märchen hilft es leider nicht, denn denen ist das Ergebnis (die Uwes waren es) und damit die Marschrichtung vorgegeben.

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