Nicht begeistert von der Dauerüberwachung: Zach (Jannis Niewöhner). Fotos: Constantin Film/die film gmbh/Marc Reimann

Ausgabe 335
Kultur

Camping für die Karriere

Von Rupert Koppold
Datum: 30.08.2017
Alain Gsponers "Jugend ohne Gott" verlegt Ödön von Horváths 1937 veröffentlichte Romanvorlage in die nahe Zukunft. Aus der Warnung vor dem Faschismus wird eine Dystopie, die sich an den "Tributen von Panem" oder den "Maze Runner"-Filmen orientiert.

"Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich eine Welt, in der alle Menschen gleich sind", so ist aus dem Off die Stimme des Schülers Zach (Jannis Niewöhner) zu hören, der in einer anonymen Großstadt lebt. Er wirkt ernst und verschlossen, streift mit Kopfhörern herum, steht allein und verloren an der Glasfront seines Luxusappartements und schaut auf die Straßen, sitzt dann schweigend im Bus, der zu einem Camp in den Bergen fährt, und träumt weiter: "Eine Welt ohne Sektoren, ohne Missgunst und Neid. Niemand muss kämpfen, nicht um sein Leben, nicht um Besitz, nicht um Gerechtigkeit." Wenn er aber seine Augen öffne, so Zach, dann sei die Welt "verlogen und kalt".

So schnell, so klar, so umstandslos geht es hier hinein in die nahe Zukunft und in die Dystopie. Die Welt ist aufgeteilt in Sektoren; wer zu den Armen gehört, darf seinen Ort nicht verlassen, wer zu den Reichen gehört, muss schauen, dass er noch weiter nach oben kommt. Zach ist ein guter Schüler, er nimmt an einem Programm des Rowald-Konzerns teil, die Besten dürfen an einer Elite-Universität studieren. Bei der Ankunft im Camp, einer Mischung aus High-Tech-Architektur und Zeltlager, wird allen ein Chip injiziert, so dass die im Wald platzierten Scanner oder die Drohnen jede Bewegung registrieren können. Trotzdem gelingt es Zach, in dieser überwachten Welt Tagebuch zu führen, und dies auch noch analog per Notizkladde, die er unter seiner Pritsche versteckt.

Das soll nun also die neue Adaption des bereits mehrmals verfilmten Romans "Jugend ohne Gott" von Ödön von Horváth sein, dieser 1937 veröffentlichten Geschichte von einem Lehrer und seinen faschistisch indoktrinierten Schülern? Es dauert tatsächlich geraume Zeit, bis der Regisseur Alain Gsponer ("Heidi") die ganz aus ihrer Zeit herausgenommene und mit neuen Blickwinkeln versehene Vorlage in seinem Film durchscheinen lässt. Der namenlose Lehrer und Ich-Erzähler des Buchs, der zu einer christlich-humanistischen Haltung zurückfindet, ist im Film zunächst nur eine Randfigur (Fahri Yardim), und für Religion wird er sich auch später nicht interessieren. Im Zentrum steht nun der störrische Zach, der Distanz zu den herrschenden Verhältnissen sucht und doch zum Mitmachen gezwungen scheint.

Wenn man den Vergleich zwischen Roman und Film pointiert ausdrücken will: Horváth hat einen Roman über die Jugend geschrieben, Gsponer hat einen Film für die Jugend gedreht. Der Regisseur baut also weniger auf ein literarisch gebildetes Publikum, sondern auf eines, das die "Tribute von Panem"-Trilogie oder die "Maze Runner"-Filme kennt und sich mit deren jugendlichen Heldinnen und Helden identifiziert. So wie diese Vorbilder zeigt auch Gsponers "Jugend ohne Gott" eine scharf zwischen Siegern und Verlierern trennende, also existenzielle Auslese, die als Spiel aufgezogen wird. An Felsen hoch, über den Fluss und durch die Wälder. Und aufpassen auf den kalten Titus (Jannik Schümann), den fischäugigen Konkurrenten, der über Leichen gehen würde. "Nicht kotzen!", warnt mal einer im extrem anstrengenden Wettbewerb seine Gruppenmitglieder. "Gibt Punktabzug! Die sehen hier alles."

Aus dem allwissenden System ist ganz leicht auszubrechen

Dass es Zach trotzdem gelingt, sich hinter Büschen oder Bäumen zu verstecken, wirkt ein wenig, nun ja: kindisch. Dieser Film setzt sein allwissendes System nur als Behauptung ein, zeigt aber immer wieder recht schlichte Möglichkeiten, ihm zeitweise auszuweichen. Auch viele der Charaktere bleiben unterentwickelt. Die übereifrige Nadesh etwa, die Zach zum Sprechen bringen will, wird von Alicia von Rittberg mit mimischen Ausrufezeichen gespielt und gerät zur Allegorie der Aufdringlichkeit. Viel besser ergeht es auch Emilia Schüle nicht als "illegal" im Gelände herumstreunendes Waldmädchen Ewa, in das Zach sich verliebt. Als er ihr anvertraut, dass er gerade seinen Vater verloren hat ("Er hat sich umgebracht"), werden ihr als teilnahmsvoll-angemessene Antwort diese Worte in den Mund gelegt: "Das ist schlimm."

Alain Gsponer hat vor Kurzem den Heidi-Stoff ernst genommen und auch für Erwachsene überzeugend adaptiert. Den in die nahe Zukunft transportierten Horváth-Roman jedoch vereinfacht er ins Überklare und Hölzerne, gerade so, als traue er einem jugendlichen Publikum keinen komplexeren Film zu. Plötzlich aber wirkt es so, als sehe er dies selber als Fehler und wolle diesem nun dadurch entgegenwirken, dass er den Film durch Perspektivwechsel aufsplittert und ergänzt. Die Geschichte, in der jetzt eine Tote im Wald entdeckt wurde, also nochmal von vorn, diesmal jedoch ganz mit Zachs Augen gesehen. Dann noch einmal, nun aus dem Blickwinkel des Lehrers erzählt. Und am Ende auch noch eine Gerichtsverhandlung.

"Wenn wir alle nicht mehr mitmachen?", schreibt Zach mal in sein Tagebuch, das ihm irgendwann gestohlen wird. Es sind solche Fragen, die auch Gsponer an seine Zuschauer heranträgt. Sie sind wohl zu allgemein formuliert, um als dezidierte Gesellschaftskritik zu fungieren. Aber immerhin: Sie werden gestellt und sie können sich ja noch zuspitzen. Man sollte vielleicht nicht zu kritisch sein mit diesem Film, der Themen wie Elite, Empathie oder soziale Herkunft zumindest aufgreift, wenn auch nicht wirklich durchdiskutiert. Positiv betrachtet, gehört "Jugend ohne Gott" zu jenen Filmen, die eine Repolitisierung der Jugend – freilich eher über Emotionen als über Theorien – zeigen oder an ihr mitarbeiten. Andererseits: Wer über viele Schwächen dieses Films schriebe, ihn aber durchaus empfiehlt für jugendliche Zuschauer, der wäre schon ein bisschen überheblich.

 

Info:

Alain Gsponers "Jugend ohne Gott" kommt am Donnerstag, dem 31. August in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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