Sohn Chad (Michael Fassbender) und Vater Colby Cutler (Brendan Gleeson). Fotos: Koch Media

Ausgabe 331
Kultur

Die Welt ist nicht flach

Von Rupert Koppold
Datum: 02.08.2017
In "Das Gesetz der Familie" brillieren Brendan Gleeson als Patriarch eines kriminellen Clans und Michael Fassbender als sein Sohn, der sich dem väterlichen Machtbereich entziehen will. Vorurteilslos und empathisch, hart und unsentimental, meint unser Filmkritiker.

Wrrroomm! Umstandslos hinein in die Action: übers Feld rasen, immer dem Hasen nach! Wenn das in Panik übers hügelige Gelände flüchtende Tier Haken schlägt, bricht auch das hochgetunte Auto aus und schleudert hinterher. Lautes Lachen und Gejohle. Der enge Innenraum voller Adrenalin. Tempo, Gefahr, Euphorie. Chad Cutler (Michael Fassbender) tut sich besonders hervor, ihm kann es gar nicht schnell genug gehen. Zu immer gewagteren Manövern spornt er den Fahrer an. Der heißt Tyson (Georgie Smith), ist Chads Sohn und noch ein Kind.

Nach diesem atemlosen Auftakt beruhigt sich der Film ein wenig und schaut sich um im Wohnwagen-Camp des Cutler-Clans. Doch von Entspannung kann keine Rede sein. Denn in dieser hierarchisch aufgebauten und von Chads Vater Colby (Brendan Gleeson) beherrschten Gemeinschaft beginnt es zu brodeln. Chad hat sich bisher dem Willen seines tyrannischen Vaters gebeugt, hat sich einbinden lassen in dessen Raubzugpläne, war selber überzeugt davon, dass dieses randständige Leben das richtige ist. Bloß rebellisch bleiben, bloß nicht bürgerlich werden! Aber nun hat Chad eine Frau, die den Alten nicht ausstehen kann, eine kleine Tochter und den Sohn Tyson, den er in die Schule schickt. "Meine Familie", sagt er. Sein Vater Colby aber korrigiert: "Ich bin deine Familie!"

Zunächst wollte der Regisseur Adam Smith eine Dokumentation über eine berüchtigte Landfahrersippe im südenglischen Gloucestershire drehen, nun hat er in diese Grafschaft und in dieses Milieu hinein einen zwischen Thriller und Drama changierenden Spielfilm inszeniert. Wenn Chad mit einer lässig zwischen die Lippen geklemmten Zigarette hinterm Steuer hockt, den Motor aufröhren lässt und mit arrogantem Grinsen der Polizei davonrast, dann gehört er – so wie Ryan O'Neil als "Driver" (1978), Ryan Gosling in "Drive" (2011) oder aktuell Ansel Elgort als "Baby Driver" – in jene Thriller-Reihe mit mythischen Kinofluchtfahrern, die ihr Handeln selbst bestimmen. Aber wenn Chad aussteigt und vor seinem Vater Colby steht, ist es vorbei mit der Souveränität. Dann findet er sich in einem Familiendrama wieder und versucht mühsam, dem übergroßen Schatten dieses massig-schweren Mannes zu entkommen.

Brendan Gleeson spielt diesen Colby als ebenso brutalen wie gewieften Patriarchen, der wie die gefürchteten Rancherfiguren des Western die Söhne als Konkurrenten sieht und deshalb kleinhalten muss. Bloß dass seine sogenannte Ranch eben eine Ansammlung von Wohnwagenkabinen, Autos, Schrott und Gerümpel ist, durch das Hunde, Hühner und Kinder streifen. Von außen betrachtet also ein versiffter White-Trash-Rückzugsort, für Colby dagegen eine eigene Welt mit eigener Kultur. Ein Hort der Freiheit und Unabhängigkeit. Und auch ein Reich des instinktiven und vulgarisierten Klassendenkens, einer trotzigen Wir-zeigen-es-denen-da-oben-samt-ihren-Bütteln-Haltung. Im Camp hängt eine Polizistenpuppe mit aufgemalter Zielscheibe.

Keine romantischen Helden aber auch keine primitiven Kriminellen

"Die Cutlers sind keine Ganoven als romantische Helden", so erkennt der Kritiker von epd-film ganz richtig, und fährt dann falsch fort: "… sondern primitive Kriminelle. Die traurigen Konsequenzen ihrer Verbrechen – traumatisierte Kinder und eine Ächtung durch die anderen Bürger – werden zwar gezeigt, aber Schuld sind immer die anderen: die Lehrer, die Polizei, überhaupt die spießbürgerliche Gesellschaft. Diese dümmlich-selbstgerechte Perspektive machen sich fatalerweise auch die Filmemacher zu eigen." Nein, diese Perspektive machen sie sich eben nicht zu eigen! "Das Gesetz der Familie" schildert dieses Milieu zwar vorurteilslos und empathisch, aber auch so hart und unsentimental, dass eine Identifikation mit dessen Protagonisten schwerfallen dürfte. Zumal sich diese als recht komplexe Charaktere erweisen: Hinter der selbstsicheren Attitüde Colbys etwa ist die Angst zu spüren, seinen Sohn zu verlieren. Und Chad wiederum, der seine Wut mal an einem Schwachsinnigen auslässt, überrascht in dieser Macho-Welt dann wieder dadurch, dass er Verständnis für das Bettnässen seines Sohnes Tyson zeigt.

Tyson ist nämlich hin- und hergerissenen zwischen Vater Chad und Großvater Colby. Wenn er die Schule besucht hat, "widerlegt" der Großvater das Gelernte auf seine Art. Die Welt eine Kugel? Quatsch. Die Evolution? "Niemand kann mir erzählen, dass ich aus dem Arsch eines Affen stamme!", so wettert Colby, der gern eigene, aus Katholizismus und bizarren Privatmythen gebastelte Geschichten erzählt. Seinen Sohn Chad mobbt er schließlich in einen weiteren Coup hinein. Wieder sind nun exzellent inszenierte Actionszenen zu sehen. Aber diesmal hat der Raubzug einen der ganz Mächtigen getroffen. Diesmal macht die Staatsmacht ernst und greift dabei auch zu fiesen Methoden. So wird die Welt der Cutler-Sippe immer enger, und alles drängt zu einem Showdown hin.

Dieser Showdown kommt auch, allerdings anders als vermutet. Verraten wird vom Schluss dieses exzellent gespielten und spannenden Films, der sich zwischen Blockbuster-Action und Independent-Nische freilich schwertun wird, nur ein Dialog. "Ist die Welt wirklich flach?", fragt Tyson seinen Vater Chad, der selber nie in die Schule durfte und deshalb auch Analphabet geblieben ist. Und dieser Chad gibt in seiner Antwort eine ungeheure Wissenslücke zu und zeigt gleichzeitig eine große Bildung des Herzens: "Das musst du selber rausfinden. Ich weiß es nicht." Hat Tyson sich also von seinem eigenen Vater emanzipiert? So souverän jedenfalls war der gefürchtete Machtausüber Colby ihm gegenüber nie.

 

Info:

Adam Smiths "Das Gesetz der Familie" kommt am Donnerstag, den 3. August in die deutschen Kinos. In Stuttgart läuft er im Arthaus-Kino Delphi: Donnerstag bis Montag um 20.15 Uhr, Freitag und Sonntag zusätzlich um 15.50 Uhr, sowie Samstag um 22.50 Uhr. Die Vorstellung am Sonntagabend ist im Original mit Untertiteln. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden sie hier.


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2 Kommentare verfügbar

  • Gerald Fix
    am 05.08.2017
    Ich kann - ausnahmsweise - der Bewertung des Films nicht ganz zustimmen. Zu hohl ist die Weltsicht Colbys, als dass sie dazu taugen würde, den Zusammenhalt der Familie zu begründen. Man kennt, wie sie ja schreiben, solche Geschichten aus Western und man kennt sie von ethnischen, politischen oder religiösen Minderheiten, aber nur im Western kommen sie ähnlich substanzlos daher wie bei den Cutlers. (Oder, vielleicht habe ich das nicht verstanden, ging es gerade darum, den ausgehöhlten Ehrbegriff vorzuführen. Aber ich glaub's nicht.)
    Wie weit entfernt ist dieser Film von "The Wind, That Shakes The Barley"!
  • Helga Stöhr-Strauch
    am 03.08.2017
    Starke, sensible und kluge Kritik. Danke!

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