Ausgabe 329
Kultur

Ach, wie war die Zukunft schön

Von Rupert Koppold
Datum: 19.07.2017
Luc Besson bringt die französische Comic-Serie um den Weltraumagenten Valerian auf die Leinwand. Ein buntes Spektakel, das sich nach den unschuldigeren Zeiten der Populärkultur zurücksehnt.

This is Major Tom to Ground Control
I'm stepping through the door
And I'm floating in a most peculiar way
And the stars look very different today
(aus: David Bowies Song "Space Oddity" von 1969)

Früher war noch alles voller Zukunft, der ganze Weltraum weit offen, ein unendlich großer Spielplatz für tolle Abenteuer! Tim rast mit seiner roten Rakete auf den Mond. Barbarella treibt sich auf bunten Planeten herum. Und Valerian repariert im Auftrag der Weltregierung all das, was die große Utopie gefährden könnte. Im Jahr 1967 taucht dieser furchtlose Raum-Zeit-Agent erstmals auf, erfunden von Pierre Christin, der auch Szenarien für französische Comic-Größen wie Bilal, Tardi oder Juillard schrieb, und gezeichnet von Jean-Claude Mézières, der unter anderem mit Jean Giraud alias Möbius befreundet war und mit diesem das Design für Luc Bessons Science-Fiction-und-Fantasy-Film "Das fünfte Element" (1997) entwarf. Mit seinem neuen Film "Valerian" hat Besson nun direkt auf die Christin-und-Mézières-Comic-Saga zurückgegriffen und lässt sie auf der Leinwand als poppig-fröhliches Feuerwerk explodieren.

Im Prolog verlängert der Regisseur die historischen amerikanisch-sowjetischen Andockmanöver von Apollo- und Sojuskapseln zunächst bis zur aktuellen Raumstation und dann in neue Jahrhunderte hinein: lauter lächelnde Empfangs- und friedliche Willkommensorgien, auch wenn ein paar der extraterrestrischen Gäste beim Handshake fischige Schleimspuren hinterlassen. Und über diese euphorische Sequenz legt Besson auch noch den ungeheuer süffigen David-Bowie-Song "Space Oddity", in dem Major Tom in neue Welten hinausdriftet. Ach, wie war die Zukunft schön! Diese Erinnerung an bessere Zeiten, dieses nostalgische Gefühl, dass im Weltraum Aufregendes und Gutes auf die Menschheit wartet, will dieser Film nun 137 Minuten lang zelebrieren.

Die Science-Fiction-Dystopien, von "2001 – Odyssee im Weltraum" bis hin zu "Alien", schiebt Besson lässig beiseite, genauso wie die sich plötzlich wichtig nehmenden und deshalb bleischwer gewordenen Fortsetzungen der "Star Wars"-Saga. Er hält es mehr mit deren erstem Film, in dem sich der Regisseur George Lucas noch nette Nebensachen erlaubte. Viele der durcheinander wuselnden Geschöpfe in Bessons Film sehen tatsächlich aus wie Verwandte der ersten "Star Wars"-Protagonisten. Der massige Igon Siruss (wuchtig gespielt von Bits and Bytes) etwa, dem Valerian einen ganz, ganz wichtigen Konverter entwendet, könnte ein Weltraumgangsterbruder von Jabbah the Hutt sein. So hat Besson also von Lucas abgekupfert? Nein, es ist eher andersrum: Lucas war und ist Fan der lange vor "Star Wars" begonnenen "Valerian"-Comics, und er hat deren Einfluss auch gar nicht bestritten.

Touristisches Verhältnis zum prallbunten Multikultiall

Aber jetzt hinein ins Werk – und erst mal ans blaue Meer! Dort leben die perlmuttfarbenen Pearls in Muscheldesign-Hütten und überhaupt im Einklang mit der Natur, bis schwarzwolkige Explosionen den Himmel verdüstern und Trümmer einer Weltraumschlacht ihren Lebensraum vernichten. Die Schockwelle fegt durchs All an ein anderes Meer, der dort urlaubende Valerian (Dane DeHaan) erwacht und beginnt sofort, sich mit seiner Kollegin Laureline (Cara Delevigne) zu kabbeln. Das werden die beiden auch weiter tun, egal, ob die Besitzverhältnisse an einem Cocktail zu klären sind oder ein Höllenhundmonster hinter ihnen her ist. Ein hübsches Paar in fast zierlicher Teenie-Anmutung, das sich aber sehr erwachsen gibt. Vor allem Laureline (die in der deutschen Comicfassung Veronique heißt), zeigt sich in ihren Auftritten sehr reif und auch viel aktiver als in der gezeichneten Vorlage. Sie haut ordentlich zu und wenn Valerian dasselbe tut, behauptet sie, das habe er von ihr gelernt. Wenn sich Laureline aber mal fügen muss, dann verzieht ihre Darstellerin, das blonde Model Cara Delevigne, ihr Gesicht zu einer apart eingeschnappten Ihr-seid-wohl-bescheuert-Miene.

Als der Dienst ruft, tragen die beiden Agenten zunächst noch Freizeitkleidung. Und das passt, weil dieser Film ja ein irgendwie touristisches Verhältnis zu seinen prallbunten Multikultiwelten hat, durch die er seine Helden nun hindurchjagt. Den riesigen Basar auf einem Wüstenplaneten kann Valerian übrigens nur sehen, wenn er sich diese andere Dimension per Spezialbrille erschließt. Alles ist Projektion! Da kommentiert sich dieser 3-D-Film, bei dem die Schauspieler zunächst vor Green-Screens agieren und erst später mit computergenerierten Räumen und Geschöpfen verbunden wurden, quasi selbst.

So entwaffnend kindsköpfig es hier zugeht:Besson gibt sich manchmal überraschend sophisticated. Und er macht dem superheldenfixierten Hollywood Konkurrenz mit einem Film, der dem Blockbuster-Kino eine andere Farbe und eine neue Note gibt. Gesprochen wird in seinem in Paris entstandenen Film allerdings Englisch, und als Valerian mal in Bessons Muttersprache angesprochen wird, sagt er: "Tut mir leid, ich verstehe kein Französisch!" Mais oui! Ein bisschen Selbstironie muss sein.

Aber weiter mit der Story! Äh?! Welcher Story denn? Doch, doch, es gibt eine, sie wurde hier ja schon angedeutet und sie ist vorhersehbar schlicht. Aber sie taugt dazu, mit großer Lust am Detail eine Menge an Einfällen dran aufzuhängen. Ein Weltraumjahrmarkt tobt sich hier aus, auf dem Raumschiffe, U-Boote oder hochgetunte gelbe Schulbusse herumrasen, -zischen und -torkeln; ein Karneval der Ethnien und Moden wird gefeiert, bei dem ein menschlicher Kommandeur in Operettenuniform (Clive Owen) herumschurkt, eine Art Ententrio mit geteiltem Hirn als leicht fiese Disney-Hommage herumwatschelt und ein blaublubbriges Gestaltwechselwesen namens Bubble eine Show als Cabaret-Tänzerin, Krankenschwester oder Kleopatra hinlegt. "Ich kann den ganzen Shakespeare auswendig", sagt Bubble auch noch, die – zumindest zeitweise – von Rihanna gespielt wird.

Spaß kann man als Zuschauer allerdings nur haben, wenn man diesem Film keinen Widerstand entgegensetzt. Man muss sich in ihn hineinfallen lassen, sich seinem Tempo und seiner Action unterwerfen, seinen Bilderrausch genießen. Ein mit avanciertesten Mitteln entstandener Nostalgie- und Retro-Film! Eine Einladung zur lustvollen Regression! Also mal den Ernst für gut zwei Kinostunden verdrängen, es ist schließlich Sommer. Und dann dringt in diesen Sci-Fi-Fantasy-Film, der sich nach unschuldigeren Zeiten sehnt, doch noch die Gegenwart ein. Am Ende geht es nämlich um Wiedergutmachung an den Pearls, die einer der menschlichen Täter verhindern will, und zwar mit dem Satz "Our citizens first". Meine Güte, nicht mal in einem Sommerfilm ist man vor Trump sicher! Aber gleich ist es wieder vorbei mit der Aktualität und es wird ganz allgemein die Botschaft von Friede und Freude verkündet. Und von Liebe. Valerian hat Laureline nämlich, wenn auch zunächst im unpassenden Moment, einen Heiratsantrag gemacht. Den rundet er ab mit einem Versprechen, das wir kleinen Erdenbürger nicht geben können, wohl aber ein weit gereister Weltraumagent: "Ich nehm' dich mit zum besten Strand des Universums!"

 

Info:

Luc Bessons "Valerian – Die Stadt der tausend Planeten" kommt am Donnerstag, den 20. Juli in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt,finden Sie hier.


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1 Kommentar verfügbar

  • Fritz Meyer
    am 21.07.2017
    Alle meine Jugendidole sind jetzt ruiniert! Star Wars? Bald gibt es 10 Filme und die meisten davon sind definitiv nicht gut. (Wer wollte eigentlich Han Solo und Prinzessin Leia jemals alt sehen? Oder sterben?) Der Herr der Ringe? Um wesentliche Aspekte kastriert oder verdreht und in ein Korsett gesteckt. (Oder wie der Kleine Hobbit bis zum Exzess sinnlos aufgeblasen.) Und jetzt Valerian und Veronique (oder Laureline im Original)? Ohje...

    Ich wollte diesen Film lieben. Aber ausser der grossartigen Optik ist er in vielen - den meisten - Hinsichten eine komplette Enttäuschung. Die Schauspieler, vorneweg die zwei Hauptrollen, haben KEINE Chemie. Generell stinkt eine Menge schauspielerisches "Talent" in diesem Film zum Himmel. Und wer ausgerechnet Rihanna casten musste...

    "We'll fix it in post production."

    Ja, man hat oft das Gefühl der selbstherrliche George Lucas der Prequels wäre hier zugange. Bonuspunkte immerhin dafür, dass auf eine "origin story" verzichtet wird. Amerikanische Kritiker beschweren sich schon scharenweise, dass ihnen der Background dieses Universums und seiner Charaktere nicht zu Tode erklärt wurde, aber dieser Film ist ja auch vorrangig für Europäer. Oder korrekterweise für EINEN Europäer - Luc Besson.

    Nach The Fifth Element also der zweite Film als reiner Selbstzweck? Nun, der Vorwurf könnte eigentlich für alle Filme Bessons gelten. Nur waren die bisher mehrheitlich gute Filme. Bzw. Filme, wo vor allem auch die Schauspieler im Vordergrund standen.

    Aber hier hat Besson anscheinend den Kontakt zu seinen Zuschauern und dem Medium verloren. Oder doch zuviel Avatar verinnerlicht? Denn der Valerian-Film (warum eigentlich nur Valerian?) fühlt sich streckenweise wie ein schamloses Rip-Off von Avatar an. Und das Schlimme daran ist, dass die Comicvorlage vermutlich Cameron bei Avatar inspiriert hat.

    Aber Besson bricht aus dem Schema auch leider nicht aus. Der Film bewegt sich konventionell von Punkt A nach B in der Story. Und das auch bei allen Klischees. Die Vorlage war durchaus frech und ein wenig (70er Jahre) anarchisch angehaucht. Die Umsetzung ist es leider nicht mehr. Ausser man zählt diverse Slapstick und Anspielungen dazu. Die Shinguz als Donald Ducks?

    Und die Musik von Alexandre Desplat lockt leider auch keinen Hund hinter dem Ofen hervor. Warum eigentlich nicht Eric Serra? Oder lieber gleich Michael Giacchino?

    Nun, wie auch immer. Dieser Film ist leider nicht gelungen. Schade. Schade, Schade, Schade.

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