Ungemütlicher Empfang: Familie Zantoko kommt in Marly-Gomont an. Foto: Prokino

Ausgabe 316
Kultur

Der Doktor und der Proll

Von Rupert Koppold
Datum: 19.04.2017
Gleich zwei französische Komödien starten, die Immigranten-Geschichten erzählen. So unterschiedlich "Ein Dorf sieht schwarz" und "Alles unter Kontrolle" auch sind: In beiden Filmen zeigt sich das Kino des Nachbarlands erneut als Integrationsmaschine.

Der Bürgermeister des nordfranzösischen Kaffs Marly-Gomont ist wieder mal in die Großstadt gekommen, um einen Dorfarzt anzuheuern. Die fröhlichen Medizinstudenten, die im Bistro ihren Abschluss feiern, kennen ihn schon und lachen ihn wieder aus. Bloß der aus dem Kongo stammende Seyolo (Marc Zinga), der nicht zurück in die Heimat möchte und vor allem nicht Leibarzt des Diktators Mobutu werden will, zeigt Interesse. "Die haben aber noch nie einen Schwarzen gesehen", warnt der Bürgermeister. "Dann wird es Zeit!", antwortet Seyolo. So beginnt Julien Rambaldis Integrations-Komödie "Ein Dorf sieht schwarz", die im Jahr 1975 spielt und sich tatsächlich so (oder jedenfalls so ähnlich) ereignet hat. 

Die Geschichte des algerischen Kleinkriminellen Akim (Medi Sadoun) dagegen, der ebenfalls in Frankreich bleiben will, sich aber einen afghanischen Pass geklaut hat und nun nach Kabul abgeschoben werden soll, spielt im Hier und Jetzt und ist ohne reales Vorbild. Der Regisseur Philippe de Chauveron treibt das Geschehen dann auch lustvoll hinein in eine Brachialklamotte, in der Akim, der Abzuschiebende, und der Polizist José (Ary Abittan), sein von den Behörden verpflichteter Abschieber, zuerst durch Dick und Dünn müssen und sich am Ende näherkommen.

Dass in Deutschland gleichzeitig zwei französische Komödien zum Thema Integration starten, ist kein unwahrscheinlicher Zufall, sondern so etwas wie der Kulminationspunkt eines Trends. Das Kino des Nachbarlands versucht sich seit einiger Zeit als Integrationsmaschine, lässt die Kulturen, Klassen, Religionen, Nationalitäten, Milieus und Hautfarben aufeinanderprallen und löst die Probleme in gut gelaunten und erfolgreichen Wir-schaffen-das-Filmen. Und diese Filme, von "Willkommen bei den Sch'tis" (2008) über "Ziemlich beste Freunde" (2011) bis hin zu "Monsieur Claude und seine Töchter" (2014), reüssieren auch bei uns, treffen also auch hier einen Nerv und reaktionsbereite Zwerchfelle. Dass das Zusammenleben in der Realität auch Probleme aufwirft, die nicht ohne weiteres gelöst werden können, wissen die Zuschauer natürlich, sie schauen schließlich Nachrichten. Aber im Kino darf und soll es halt auch mal gutgehen.

Bis zur Selbstverleugnung integrationswillig

Für Seyolo in "Ein Dorf sieht schwarz" geht es letztlich deshalb gut, weil er bis zur Selbstverleugnung integrationswillig ist. "Wir müssen uns anstrengen, damit sie uns mögen lernen", predigt er seiner Frau Anne (Aissa Maiga) und seinen beiden Kindern. Als die Patienten trotzdem ausbleiben, geht Seyolo in die Kneipe und spendiert den Dörflern Runde um Runde. Sogar zu Hause soll jetzt nur noch Französisch gesprochen werden. Kurz gesagt: Seyolo tut alles im Sinne jener Integrationsleistung, die bei uns etwa die CSU verlangt. Und das wäre noch peinlicher, wenn nicht wenigstens die mit hochhackigen Schuhen an Kühen vorbeischreitende Anne so angepisst wäre von der grautrüben Provinz und ihren dumpfen Bewohnern.

Aber all diese Held-aus-der-Stadt-findet-Glück-im-Dorf-Filme müssen letztlich den Charme der Provinz suchen und auch finden. Wobei "Ein Dorf sieht schwarz" sich dabei lange schwer tut. Der Rassismus der Einheimischen kann erst durch ein Weihnachtswunder respektive Seyolos Hilfe bei einer Notgeburt aufgebrochen werden. Heute und in der Realität gehört Marly-Gomont zum Marine-Le-Pen-Land, genauso wie das nordfranzösische Nachbarkaff Bergues, in dem Danny Boon 2008 seine "Willkommen-bei-den-Sch'tis"-Komödie spielen ließ. Und was der Autor dieses Textes damals über Boons Film schrieb, das trifft am Ende auch auf "Ein Dorf sieht schwarz" zu: "Statt Rückständigkeit sieht der Regisseur kraftvoll-bodenständiges Verharren, statt Enge Heimeligkeit, statt Sozialkontrolle freundschaftliche Wärme." Und so präsentiert sich Seyolos bedächtig inszenierte Geschichte als nostalgisch-milder Rückblick auf eine Zeit, in der in Sachen Immigration und Integration noch vieles möglich schien. Zumindest mit viel gutem Willen.

Man kann auch als Proll dazugehören

"Alles unter Kontrolle" schlägt da einen anderen Ton und ein anderes Tempo an. Der Regisseur de Chauveron, der in "Monsieur Claude und seine Töchter" einen katholischen Mittelschichtsvater mit jüdischen, muslimischen, asiatischen und schwarzen Schwiegersöhnen konfrontierte, springt nun mit rücksichtsloser Verve hinein ins Macho-und-Proll-Milieu. Die Abschiebemission wird nach einer Notlandung auf Malta zur rasanten Flucht-und Verfolgungsorgie, die Stationen heißen jetzt Alkohol, Rausch und Rülpser. Oder K.O.-Tabletten, Kotzen und Kleidungsverlust. Und am Schluss werden Akim und José erkennen, was der Zuschauer schon lange weiß: dass sie sich doch recht ähnlich sind.

In immer neuen Konstellationen wartet auf dieses ruppige Zwangsgemeinschafts-Duo neues Schlamassel, irgendwann treiben diese beiden nicht besonders hellen Kerle auf einem kleinen Schlauchboot im Meer, und irgendwann findet sich dann José ohne Papiere in einem Lager auf Lampedusa und wird für einen nordafrikanischen Araber gehalten. Da ist "Alles unter Kontrolle" schon zum Buddy-Movie geworden, zu einem Abenteuer sich gegenseitig austricksender Kumpel, die jedem, der das Wort "subtil" benutzen würde, was aufs Maul gäben. Erlaubt sind in dieser selbstsicher dahinpumpenden Klamotte dagegen krachiger physischer Humor und hemmungsloses Grimassieren.

Nein, man muss diesen Film wirklich nicht mögen. Aber anders als Seyolo in "Ein Dorf sieht schwarz" muss Akim sich in "Alles unter Kontrolle" nicht als besonders guter und braver Franzose beweisen, der als afrikanischer Entwicklungshelfer auch noch Bildung und Kultur in die Provinz bringt. Akim darf Proll bleiben, er lebt in diesem Land und gehört, so wie er ist, trotzdem dazu. Eines aber ist diesen zunächst so unterschiedlichen Komödien doch gemeinsam: Sie erzählen beide keine Geschichte über Immigranten oder, wie es so heißt, über Menschen mit Immigrationshintergrund. Sie erzählen vielmehr aus deren Perspektive. Und das unterscheidet sie dann auch von Simon Verhoevens Komödie "Willkommen bei den Hartmanns", in welcher der schwarze Immigrant allzu oft zum Zeugen deutscher Mittelschichtsprobleme wird.

 

Info:

Julien Rambaldis "Ein Dorf sieht schwarz" kommt am Dopnnerstag, 20. April in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt,finden Sie hier.


Philippe de Chauverons "Alles unter Kontrolle" kommt ebenfalls am Donnerstag, 20. April in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt,finden Sie hier.


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