Khaleds (Sherwan Haji) Antrag auf Asyl wird abgelehnt – Aleppo sei sicher. Fotos: Pandora Film

Ausgabe 313
Kultur

Kampf gegen die Moderne

Von Rupert Koppold
Datum: 29.03.2017
In seinem neuen Film "Die andere Seite der Hoffnung" integriert Aki Kaurismäki ganz selbstverständlich einen syrischen Flüchtling in seinen Arme-Leute-Kosmos. Großes Kino, meint unser Filmkritiker.

Die Welt des Aki Kaurismäki. Sehr reduziert, sehr stilisiert, immer nah am Schweigen. So kommt einer an: Es ist dunkel, im Hafen von Helsinki tutet ein Horn, aus einer Schiffsladung Kohle gräbt sich der junge syrische Flüchtling Khaled (Sherwan Haji) heraus, geht ohne Eile von Bord und in die Nacht hinein. Und so haut einer ab: In einem tristen Zimmer zieht sich der Handelsvertreter Wikström (Sakari Kuosmanen), ein Mann in mittleren Jahren und mit gut abgehangenem Gesicht, seinen Ehering vom Finger und legt ihn seiner Frau wortlos auf den Tisch – neben die halbleere Flasche Schnaps, den vollen Aschenbecher und den großen Kaktus.

Die Geschichten von Khaled und Wikström kreuzen sich kurz, aber bevor sie wirklich ineinanderfließen, erzählt der Regisseur sie zunächst parallel weiter. Khaled geht zur Polizei und stellt einen Antrag auf Asyl, er wird sachlich vermessen und fotografiert und kommt erst mal in eine Zelle. Dann kann er von seinen Fluchtgründen erzählen, dass also seine Familie in Aleppo umgekommen ist, dass er die gefährliche Überfahrt nach Europa überstanden hat, aber dann auf dem Festland von seiner mit ihm geflüchteten Schwester getrennt wurde, der letzten lebenden Verwandten. Khaleds Antrag wird abgelehnt, er kommt in Abschiebehaft. In Aleppo sei es nicht gefährlich, so der Bescheid. In den TV-Nachrichten sieht man, wie diese Stadt von Bomben zerstört wird. 

Wikström fährt währenddessen durch die Stadt, verkauft sein Geschäft, steigt bei einer Pokerpartie ein und setzt, ganz buchstäblich, alles auf eine Karte. Jetzt hat er Geld und kauft sich ein Restaurant, das vielleicht mal bessere Tage gesehen hat. Nun ja, wenn man sich diese kahlen Wände, diese angeratzten Möbel und diese drei stoischen Angestellten ansieht, dann wohl doch nicht. Letztere werden von Wikström übernommen. Jawohl, auch der Koch, der im Stehen schlafen kann, mit einer Schöpfkelle in der Hand und einer Fluppe im Mund. Sowieso wird in Kaurismäkis Filmen weitergepafft, als wäre die Luft sonst zu ungesund frisch. Wobei der Regisseur das Rauchen auch als Kultur inszeniert, das Anbieten einer Zigarette als soziale Interaktion, das Feuergeben als Geste der Freundschaft.

Aki Kaurismäki und die Welt von gestern: Schon in seinen ersten Filmen, etwa "Schatten des Paradieses" (1986) oder "Ariel" (1988), konnten seine Protagonisten sich nicht in die neuen Zeiten einfügen. Sie blieben Außenseiter, bewegten sich durch ein stilisiertes Milieu der armen Leute und erfuhren dort manchmal die Solidarität der Habenichtse. Und immer noch befindet sich Kaurismäkis Kino im Kampf gegen die Moderne, die von ihm ästhetisch ignoriert wird. Hier dominiert, von Wikströms alter Limousine bis zu den Bartresen und Lampen, der Stil der fünfziger und sechziger Jahre. Sogar die Polizei tippt noch auf Schreibmaschinen herum, und wenn an den Rändern der Bilder doch mal ein Handy oder ein Computer zu sehen sind, dann wirken sie wie Fremdkörper.

Nicht realistisch, aber nah dran am richtigen Leben

Die Moderne ist bei Kaurismäki weniger eine zeitliche Kategorie als eine gesellschaftliche. Sie ist kalt und sie gehört denen da oben! Der Look des Marmors und der Glaspaläste darf seine Filme nicht okkupieren. Deshalb umgibt Kaurismäki seine Helden mit einem eigenen Stil, schenkt ihnen leuchtende Farben und faszinierende Bildkompositionen. Da wackelt die Kamera auch nicht suchend herum, da präsentiert sie lapidar einen sicheren Befund: So ist es – und nicht eventuell irgendwie anders. Natürlich mutet diese Art des Filmemachens heute nostalgisch und ein bisschen museal an. Dennoch ist zu spüren, dass es dem Regisseur letztlich nicht bloß um die Pflege von Retro-Chic geht, sondern vor allem um trotzige Verweigerung. Wobei sich Kaurismäki nur der Ästhetik der Moderne entziehen will, nicht aber deren Problemen.

Das Kino, so wie er es verstehe, sei das Kino von Renoir, Bresson oder Kurosawa, hat Kaurismäki erklärt. Es sei global und handle davon, dass die Menschen in diese Welt hineingeboren werden und versuchen, in dieser Welt zurechtzukommen. (Hollywood dagegen sei nicht global, Hollywood "kotzt nur belanglose Geschichten aus".) Auch "Die andere Seite der Hoffnung" ist in diesem Sinne global. Ohne zu zögern, integriert Kaurismäki den Flüchtling Khaled in seinen Kosmos der kleinen Leute. Da muss nicht diskutiert werden, da geht es nicht um ein abstraktes Thema, da steht vor Wikströms Restaurant plötzlich ein Mensch, der Hilfe braucht. Das ist großes Kino. Nicht realistisch, nein. Aber nah dran am richtigen Leben, gerade weil es nicht unbedingt zeigt, wie dieses Leben ist, sondern wie es sein sollte. In gewissem Sinne sind Kaurismäkis Filme utopisch. Als Khaled nachts von einem rassistischen Schlägertrupp eingekreist ist, wird er von Obdachlosen gerettet.

Kaurismäki schafft in "Die andere Seite der Hoffnung" auch wieder die unauflösliche Gleichzeitigkeit von Tragik und Komik. Und er stellt diesen Film auch wieder in sein Gesamtwerk hinein und erweitert es dadurch. Die Schauspielerin Kati Outinen zum Beispiel, die 1990 so herzzerreißend "Das Mädchen aus der Streichholzfabrik" spielte, will hier als ältere Frau das stille Finnland endlich verlassen und in Mexiko ein lauteres Leben finden. Und in jenem Hafen, in dem Khaled ankommt, ist 2002 schon "Der Mann ohne Vergangenheit" aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht. Auch Restaurant-Szenen hat Kaurismäki schon einige inszeniert, in "Wolken ziehen vorüber" (1996) hätte man sich gern an den Tisch gesetzt und gegessen. In "Die andere Seite der Hoffnung" würde man sich auch gern dazusetzen, das aus der Not geborene Sushi mit altem Salzhering und Wasabi aber eher nicht essen.

Mit seinem Film "Le Havre", in dem sich ein älterer Schuhputzer eines kleinen afrikanischen Jungen annimmt, hat Kaurismäki 2011 eine Flüchtlingstrilogie begonnen; sein neuer Film bildet den Mittelteil. Inzwischen aber sagt der Regisseur, er sei müde, er könne keine Filme mehr drehen. Schon einmal hat er seinen Rücktritt erklärt, damals aber doch weitergemacht. Wenn "Die andere Seite der Hoffnung" nun tatsächlich seine Filmografie beschließen sollte, wäre dieses Werk ein würdiger Abschluss.

 

Info:

Aki Kaurismäkis "Die andere Seite der Hoffnung" kommt am Donnerstag, dem 30. März, in die deutschen Kinos. In Stuttgart läuft der Film im Arthaus-Kino Delphi zwischen Donnerstag und Samstag um 18:20 und 20:30 Uhr, am Sonntag nur um 18:20 Uhr. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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