Hervorragende Trink- und Kampfgefährten: Friedrich Engels (Stefan Konarske, links) und Karl Marx (August Diehl). Foto: Kris Dewitte/Neue Visionen

Ausgabe 309
Kultur

Vom Obergespenst des Kommunismus

Von Rupert Koppold
Datum: 01.03.2017
In "Der junge Karl Marx" holt Regisseur Raoul Peck den ollen Intellektuellen aus seiner Denkmalstarre. Seine totzitierten Sätze werden wieder lebendig. Kein Meisterwerk, aber brandaktuell, meint unser Filmkritiker.

Die Nacht war lang, der junge Marx hat sie mit seinem Freund Engels trinkend und diskutierend in Kneipen verbracht, jetzt steht er draußen auf der Gasse und plötzlich leuchtet sein Gesicht auf. Er hat eine zündende Idee und er lässt einen Satz los, der global aufflammen wird und auch heute, gut eineinhalb Jahrhunderte später, wieder gefährlich lodert: "Alle Philosophen haben bis jetzt die Welt immer nur interpretiert. Aber man muss sie verändern – jetzt!"

Lange Zeit schien dieser Satz nur noch historisches Zitat und damit entschärft zu sein. Und auch derjenige, der ihn in Raoul Pecks Film so frisch in die Welt setzt, galt bloß noch als ein Mann von gestern, als ein zum Klassiker erstarrter Aufrührer. Die spießige DDR stellte ihn in Karl-Marx-Stadt als klotzigen Riesenkopf ruhig, der siegende Kapitalismus, der die Stadt sofort wieder in Chemnitz rückbenannte, war sich sicher, den Denker nicht mehr ernst nehmen zu müssen. Während Che Guevara zur folklorisierenden Forever-Young-Pop-Ikone wurde, war Marx als Forever-Old-Rauschebart abgeschrieben. Aber weil die Verhältnisse immer mehr so sind und werden, wie Marx sie beschrieben oder vorausgesagt hat, ist er wieder da, wird weltweit diskutiert und ist nun auch Held eines Biopics.

Wie? Nein, der Bart ist nicht ab, doch der Schauspieler August Diehl trägt ihn hier nicht wie einen altväterlichen Staubfänger, sondern wie das trotzige Lass-es-wuchern-Statement eines jungen Revolutionärs. Im Jahr 1843 ist Marx Mitte zwanzig und ein selbstbewusster Radikaler. Den Polizisten, die angesetzt sind auf seinen linken Zirkel und auf die Zeitung, für die er schreibt, öffnet er mit hochmütiger Geste die Tür, bevor sie diese einbrechen können. In deutschen Landen ist seines Bleibens nun nicht mehr, er geht mit seiner Frau Jenny (Vicky Krieps) ins Exil, zuerst nach Paris, später nach Brüssel. Das Paar lebt in ärmlicher Bürgerlichkeit, Marx sucht Arbeit, schreibt nächtelang bei Kerzenlicht, in der Stube kräht ein Kind und bald wird ein weiteres erwartet. "Schon wieder!"

Nein, der Regisseur geht nicht so weit, die Marx'sche Theorie auf dessen Biografie zurückzuführen respektive sie nur aus dieser heraus zu erklären. Aber indem er Marx vom Denkmal herunterholt und in die reale Welt hineinwirft, werden dessen totzitierte Sätze wieder lebendig und geerdet. Sie erhalten wieder einen Träger und damit auch eine neue Dringlichkeit. In blasphemischer Überspitzung gesagt: Das Wort ist wieder Fleisch geworden. Wobei Marx in diesem Film eben kein unangreifbarer und unfehlbarer Heiliger ist, sondern ein streitlustiger und durchaus arroganter junger Mann, der gern eine Flasche Rotwein auf dem Tisch hat und seine Jenny im Bett. Dieser Jenny, die aus adligem Hause stammt und wegen Marx auf viele Privilegien verzichtet, kommt übrigens nicht nur eine Nebenrolle als Hausfrau zu: Sie spornt ihren Mann an, sie diskutiert mit, sie ist so emanzipiert, wie es die Zeiten und Umstände eben zulassen.

Noch größer freilich ist die Rolle von Friedrich Engels (Stefan Konarske), den Marx bei der ersten Begegnung zunächst kühl abfahren lässt und dann doch, als der ihn beharrlich weiter bewundert, für dessen Elendsbeschreibung der Arbeiterklasse in England lobt. Der Fabrikbesitzersohn Engels verliebt sich in die von seinem Vater entlassene Mary Burns (Hannah Stelle), wagt sich in seinem Anzug-und-Zylinder-Outfit sogar in das düstere Quartier der rothaarigen Irin Mary, will trotz Warnung nicht gehen und kriegt deshalb eine Arbeiterfaust aufs Maul. Mit Marx, den er materiell unterstützt, verbindet Engels bald eine mitunter feuchtfröhliche Männerfreundschaft, und wenn die beiden vor der Polizei fliehen, dann inszeniert Raoul Peck das als Verfolgungsjagd mit Slapstickanklängen.

Zur Komödie allerdings wird sein Film nicht, die Sequenz ist nur gedacht als Auflockerung einer ernsten, in Brauntöne getauchten Geschichte, die bis ins Jahr 1848 erzählt wird. Also bis hin zur Veröffentlichung jener Schrift, die die Welt aus den Angeln heben will: dem Kommunistischen Manifest. Bis dahin muss in diesem mehrsprachigen Film jedoch noch viel debattiert werden. Die Linke bildet sich gerade erst heraus, ist sich noch lange nicht einig, droht sich zu zersplittern. Und Marx ist ja kein Mann für den intellektuellen Kompromiss, er ist von seinen Worten überzeugt und will – oft mit sarkastischer Schärfe und böser Ironie – jederzeit gewinnen. Gegen einen gestandenen Anarchisten wie Pierre-Joseph Proudhon (Olivier Gourmet) genauso wie gegen einen sozialistisch-religiösen Schwärmer wie Wilhelm Weitling (Alexander Scheer). In diesen Redeschlachten der Revolutionäre setzt Marx sich schließlich durch, im Handstreich wird eine alte Alle-Menschen-sind-Brüder-Fahne durch eine klassenkämpferische rote ersetzt.

Der in Port-au-Prince geborene Regisseur Raoul Peck, der in Zaire (heute Demokratische Republik Kongo), in Frankreich, den USA und Deutschland gelebt, studiert und gearbeitet hat, war Mitte der neunziger Jahre Kultusminister von Haiti. Er hat Spiel- und Dokumentarfilme über den Genozid in Ruanda oder über den ermordeten linken kongolesischen Politiker Patrice Lumumba gedreht. Ende März kommt seine oscarnominierte Dokumentation "I am not your Negro" in unsere Kinos, in der er auf James Baldwins Spuren vom Rassismus in den USA erzählt. Peck ist also ein polyglotter Intellektueller und Weltbürger, für den eine filmische Karl-Marx-Renaissance nahelag. Dass viele Sätze in seinem Film funktional sind und quasi offiziell, dass das Beiläufige hier also kaum Platz findet, nimmt er in Kauf.

"Der junge Karl Marx" mag deshalb kein Meisterwerk sein, aber zum steifen Ausstattungs- und Historienstück verkommt der Film nie. Denn immer schwingt hier die Gegenwart mit, erkennt man etwa in den Arbeitsverhältnissen einer Fabrik in Manchester die Verhältnisse in den Sweatshops von Bangladesch wieder. "Nichts ist für immer", sagt Marx. Und am Ende wird – auch Jenny ist dabei – am ersten Satz des Manifests herumprobiert: "Ein Schreckgespenst ..."? Nein, kürzer, prägnanter: "Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus". Und was im Manifest noch drinsteht, im Film aber nicht mehr zu hören ist, das wuchert auch heute noch weiter: Konzentration des Eigentums, Ausbeutung, Lohndruck, Zerstückelung der Arbeit, Entfremdung, Erschließung neuer Märkte ... Da kann man nur sagen: Karl Marx, übernehmen Sie!

 

Info:

Raoul Pecks "Der junge Karl Marx" kommt am Donnerstag, 2. März, in die deutschen Kinos. In Stuttgart läuft er im Delphi Do-Mo 17.45, Fr-Mo 20.20 sowie Sa 22.50 Uhr. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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