Die echte Grafik gibt's als Ganzes am Textende im PDF. Und hier in der Bilderstrecke.

Ausgabe 313
Medien

Die Krake als Grafik

Von Horst Röper
Datum: 29.03.2017
Die "Süddeutsche", die StZN, die Südwestpresse – alles Südwestdeutsche Medienholding, kurz SWMH. Kontext verschafft wieder einmal einen Überblick über das große Fressen. Mit einer neuen Konzern-Grafik.

Wieder einmal hat der Bundestag die sogenannte Presseklausel im Kartellrecht novelliert, um den Aufkäufern die Tür noch weiter zu öffnen. Zeitungsunternehmen dürfen mehr als schon zuvor untereinander kooperieren, die Abgeordneten wollen wieder einmal einer vermeintlich darbenden Branche zur Seite springen, indem sie kostensparende Zusammenarbeit auf allen möglichen Ebenen erleichtern. Das Bundeskartellamt, einst ein durchsetzungsfähiger Kontrolleur zu Gunsten von Pressevielfalt, liegt schon länger an der Kette. Die Kartellrichter schrecken niemanden mehr. Einer der Profiteure ist die Südwestdeutsche Medienholding in Stuttgart, die einen Verlag nach dem anderen aufkauft.

Die SWMH bildet zusammen mit ihren Anteilseignern von der "Rheinpfalz" in Ludwigshafen und der "Südwest Presse" in Ulm schon seit Jahren an der Auflage gemessen die zweitgrößte Verlagsgruppe im deutschen Zeitungsmarkt. Nun wird die Gruppe mit der mehrheitlichen Übernahme der "Eßlinger Zeitung" und der "Kreiszeitung Böblinger Bote" wieder deutlich wachsen. Solche Nachbarverlage zu übernehmen, mit denen die eigenen Zeitungen aus Stuttgart im Wettbewerb stehen, wäre vor einigen Jahren noch am Veto des Bundeskartellamtes gescheitert.

In den 70er Jahren hatte die Politik der Behörde die Aufgabe übertragen, die damalige Konzentrationswelle in der Zeitungsbranche zu beenden und dadurch für den Erhalt von Vielfalt zu sorgen. Insbesondere der Essener WAZ-Konzern war zum Sinnbild einer zerstörerischen Kraft für die grundgesetzliche geforderte Medienvielfalt geworden. Der Konzern hatte sich den wenig schmeichelhaften Beinamen Krake eingehandelt, in deren Tentakeln sich immer mehr kleine und mittlere Zeitungsverlage in Nordrhein-Westfalen verfangen, ihre Eigenständigkeit eingebüßt hatten und letztlich vom Markt verschwunden waren.

Auch in Baden-Württemberg ist die Zeitungsvielfalt schon seit Jahren stark eingeschränkt. Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt in Gebieten mit nur einer Zeitung. Wahlmöglichkeiten haben die LeserInnen nicht. Die Befürchtung ist groß, dass dieser Anteil wachsen wird. Die neue deutsche Welle heißt redaktionelle Kooperation. Bei den Hauptredaktionen von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" ist sie seit einem Jahr realisiert, mit dem Ergebnis weitgehend identischer Inhalte. Noch deutlich höhere Kosteneinsparungen sind bei den Lokalredaktionen zu erzielen, vor allem dann, wenn sie einem selbst gehören. Deshalb ist es nach wie vor lukrativer und auch einfacher, Nachbarverlage zu übernehmen, als in fremden Regionen zu investieren. Siehe "Eßlinger Zeitung" und "Kreiszeitung Böblinger Bote".

Die Strategie der Verleger heißt heute nicht mehr, die Konkurrenz mit harten Bandagen zu bekämpfen. Sie will kostspieligen Wettbewerb vermeiden. Eine beliebte Methode ist inzwischen, unterschiedlichen Zeitungen einen einheitlichen oder in weiten Teilen deckungsgleichen Lokalteil beizufügen. Nach dem neuen Motto: Warum zwei Lokalredaktionen an einem Ort unterhalten, wenn eine ausreicht. In den letzten Jahren sind in NRW Dutzende von Lokalredaktionen aufgegeben oder auf eine Minibesetzung mit ein, zwei Redakteuren reduziert worden.

Fazit: Es gibt heute noch mehr Anlass als damals, Zeitungsfusionen zu beobachten beziehungsweise zu untersagen. Das gilt für die Folgenabschätzung im Werbemarkt und mehr noch für das verfassungsrechtliche Gebot der Vielfaltsicherung. Doch da die kartellrechtliche Kontrolle immer schwächer wird, können die Kraken weiter ihre Fangarme ausstrecken. Eine der aktivsten ist derzeit die SWMH. Die Folgen ihrer Beutezüge werden erst allmählich sichtbar. 

Die ganze Grafik als PDF herunterladen.

 

Horst Röper (64) gilt als der beste Kenner der Medienkonzentration in Deutschland. Er ist Geschäftsführer des Medienforschungsinstituts Formatt in Dortmund.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

5 Kommentare verfügbar

  • Rolf Steiner
    am 31.03.2017
    Demokratie-Zerstörer? Es könnte sich in diese Richtung weiter entwickeln. Denn neben den rechten Schmuddelerzeugnissen wie Junge Freiheit, Kopp, Elsässers Compact, RT, Sputnik, Fox und Breitbart und viele, viele ähnlichen tritt immer deutlicher ein größer werdender schwarzer Schatten in den Kulissen der deutschen Printmedien auf: die SWMH. Wer zu diesem Konglomerat gehört, zeigt Ihre sehr aufschlussreiche Grafik.

    Ich glaube längst nicht mehr daran, dass das Kartellamt seine Wächterposition beibehält, um eine gefährliche Konzentration der Medien in Deutschland aufzuhalten.

    Stellen wir uns darauf ein, dass immer weniger Verleger immer mehr Einfluss auf die öffentliche Meinung und damit auf die Politik ausüben werden. Dann sind nur noch knallhart "linientreue Journalisten" auserwählt, einen guten Job zu bekommen. Und die Demokratie wird auch damit immer wackliger.
  • Schwabe
    am 30.03.2017
    Wenn man sich das ganze Mediengeflecht der SWMH so ansieht mangelt es meiner Meinung nach nicht an einer Zeitungsvielfalt (was bürgerliche Politiker wohl als "verfassungsrechtliche Gebot der Vielfaltsicherung" auslegen), sondern daran, dass durch die Zentralisierung unter einem Eigentümer der Manipulation der Meinungsbildung des Lesers durch einheitliche/tendenziöse Berichterstattung Tür und Tor geöffnet wird. Durch einheitliche/tendenziöse Berichterstattung informieren Zeitungen (sowie TV und Radio) dann nicht mehr sondern manipulieren den Konsument in seiner Meinungsbildung.
    Dieses manipulieren geschieht aus meiner Sicht bewusst bei den dem Establishment wichtigen wirtschafts- und gesellschaftspolitisch, sowohl innen- als auch außenpolitisch wichtigen Themen - auch Kampagnenjournalismus genannt. Die Strategien dabei sind vielfältig.
    Und das alles geschieht nur aus einem einzigen Grund: Die Bevölkerungsmehrheit auf Linie der (bürgerlichen) Politik zu bringen um ungehindert im Sinne des Kapitalismus agieren zu können. Denn gegen eine Mehrheit in der Bevölkerung bzw. gegen deren Unmut ist jede Regierung machtlos und handlungsunfähig. Insbesondere bei "Projekten" die sich gegen die eigentlichen Bedürfnisse der Bevölkerungsmehrheit richten (z.B. Privatisierung des Gemeinwohls, prekäre Beschäftigung, Miet-/Immobilienpreise, illegale Angriffskriege führen, Feindbilder aufbauen, etc.).
  • jetztredichklartext
    am 30.03.2017
    Danke für die informative Aufklärung. Die Grafik zeigt, es gibt weder Pressefreiheit noch Meinungsvielfalt. Ich fühle mich darin bestätigt, die Zeitung, ein Relikt aus der Ära der Karbitlampe, auch weiterhin nicht zu würdigen. Gut, daß es Radio gibt. Immerhin aktueller im Gegensatz zur Zeitung aber auch nicht ausreichend meinungsdiffenziert. Einzig die kostenlosen Wochenblätter mit den Beilagen der Supermärkte haben noch eine Berechtigung. Der journalistische Abstand zur Tageszeitung ist durch die redaktionelle Gleichschaltung in den Medienkonzernen bei gleichzeitiger Abschaffung der Readktionen nicht mehr bedeutsam. Und für das Wesentliche vor Ort, wer ist gestorben, wer hat Geburtstag, welcher Hühnerverein macht welches Fest, reicht die kostenlose Zeitung. Mit der putzt sich ein Fenster nicht schlechter, nur günstiger.
  • Stefan Urbat
    am 30.03.2017
    Also ist die Ludwigsburger Kreiszeitung in der direkten Umgebung von Stuttgart offenbar die letzte unabhängige Zeitung geblieben, wiewohl schon eingekreist von Übernahmen der Marbacher, Kornwestheimer und Bietigheimer Zeitungsverlage... deren Tage sind sicher auch gezählt, es sei denn, sie gehören zu einem anderen Medienimperium. Und die Pirmasenser Zeitung war vor fünf Jahren auch noch unabhängig, nun also auch bei der SWMH. Eine schlimmere Konzentration im Südwesten und Süden kann man sich eigentlich kaum mehr ausmalen.
    • Josef Zimmer
      am 01.06.2017
      Die Ludwigsburger Kreiszeitung ist tatsächlich noch ein freies Blatt und gehört auch keinem anderen 'Medienimperium' an. Kurioserweise ist sogar genau das Gegenteil der Fall: Der Verleger der LKZ ist ein Anteilseigner der SWMH.
      Und genau hier findet sich auch der Grund dafür wie es dieser kleine Verlag schaffen konnte alle die Jahre gegen die Krake zu bestehen. Wo die Eigner ihren eigenen Markt haben greift die Holding nicht an.

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!