Ausgabe 289
Editorial

Bitte kauft uns!

Von unserer Redaktion
Datum: 12.10.2016

Vor wenigen Tagen hat der Medienriese Südwestdeutsche Medienholding (SWMH) wieder zugeschlagen: Zuerst kaufte der Konzern das "Lift" Stuttgartmagazin, jetzt hat es sich die "Eßlinger-" samt "Cannstatter-" und "Untertürkheimer Zeitung" einverleibt (siehe Kontext-Extra vom 7. Oktober, hier am Ende des Artikels).

"Rest in peace Pressevielfalt Baden-Württemberg" tippten die einen bei Facebook. "Dann kann man ja nur noch den Welzheimer Boten lesen" beschwerten sich die anderen. So siehts wohl aus, aufkaufen ist Trend. Aber bitte, bitte, liebe LeserInnen, nicht so negativ. Im Trendsprech der VerlegerInnen hört sich die "Aus Vielfalt mach Einheitsbrei"-Strategie doch top an: "Marktchancen gemeinsam nutzen", "Synergie-Effekte erzeugen", "in die Zukunft investieren", super Sache.

Möchten auch endlich gekauft werden: Ferdinand Führer (links), Roland van Oystern.
Möchten auch endlich gekauft werden: Ferdinand Führer (links), Roland van Oystern.

Denken sich auch Ferdinand Führer und Roland van Oystern, zwei Stuttgarter Musiker, Berufspunks und - jawoll - noch völlig unabhängige Kleinstverleger. Als Musiker in zahlreichen Bands und Projekten versorgen die kongenialen Subkultur-Entrepreneure ihr geneigtes Publikum auch mit Szenemagazinen. 2014 haben sie für das "Homestory-Magazin" sogar den Rocco-Clein-Preis für Musikjournalismus gewonnen - ein Heft voller frei erfundener Portraits deutscher Punkrock-Legenden. Daneben haben die beiden Antihelden auch die Zeitschrift "Der Großmasturbator" verbrochen. Ein Undergound-Spaßblatt, über das begeisterte Rezensenten auch gerne mal schreiben: "Eigentlich schreibt der Herausgeber nur Scheiße. Über Zeugs, das nun wirklich niemanden interessiert." Führer und van Oystern sind längst Kult in der Stuttgarter Subkultur. Nur mit der Knete klappt's nicht so recht. "Schade dass die ["Stuttgarter Zeitung"; Anm. d. Redaktion] nicht auch Fanzines aufkaufen...", schreibt Ferdinand Führer unter einen der Facebook-Posts zum Aufkauf der "Eßlinger Zeitung".

Ist noch zu haben.
Ist noch zu haben.

"Underground-Chic würde der Stuttgarter Zeitung total gut stehen", erklärt der volltätowierte Zauselbart Kontext gegenüber. "Der etablierte StZ-Konsument könnte sich dadurch subversiver fühlen und der Underground-Freund braucht sich nicht abgehängt fühlen - das wären super Synergieeffekte". Ein Paket mit Gratisausgaben des "Großmasturbators" sei bereits geschnürt. Das wolle man zusammen mit diversen Musiksamplern von "Assophon" über "Manfred Edelnutte" bis hin zu "Sputnik Booster" in den nächsten Tagen auf den Presseberg schleppen. Ja, Synergien braucht das Land.

 

 

 

Kontext Spezial:

Bullshit-Bingo "Verleger Edition" - der Spielspaß für alle ZeitungsabonnentInnen Baden-Württembergs.
Einfach alleine oder gemeinsam (für SpielerInnen in lesefähigem Alter) aufmerksam Stuttgarter Zeitung, Stuttgarter Nachrichten oder Eßlinger Zeitung lesen. Begegnet Ihnen dabei eine der auf dem Spielfeld gelisteten hohlen Phrasen, markieren Sie sie auf Ihrem Bingo-Papier. Wer fünf Treffer in einer Reihe hat - egal ob vertikal, horizontal oder diagonal -  darf laut "Synergie!" schreien und hat gewonnen.

Und unter diesem Link als PDF zum Ausdrucken.

 

 

KONTEXT-Extra vom 07.10.216:

"Stuttgarter Zeitung" kauft "Esslinger Zeitung"

Das letzte Blatt, das sich die "Stuttgarter Zeitung" einverleibt hat, war erst kürzlich das Stadtmagazin "Lift" (Kontext berichtete). Jetzt folgt die "Esslinger Zeitung" (verkaufte Auflage 38 600 Exemplare), zu der auch die Cannstatter Zeitung und die Untertürkheimer Zeitung gehören. Vor zwei Tagen, am Mittwoch, erfuhr die dortige Belegschaft, dass Geschäftsführerin Christine Bechtle-Kobarg weitere Anteile an ihrem Blatt verkauft hat und die Stuttgarter nun Mehrheitsgesellschafter der Zeitung werden. Bisher hielt die Verlegerin 63 Prozent des Unternehmens, die "Stuttgarter Zeitung" war mit 24 Prozent beteiligt. Jetzt fallen ganze 87 Prozent an der Bechtle Graphische Betriebe und Verlagsgesellschaft den Stuttgartern zu. Die übrigen 13 Prozent gehören der GO Druck Media Verlag GmbH & Co. KG.

"Esslinger Zeitung" und "Stuttgarter Zeitung", wollen "künftig eng zusammen arbeiten", so Herbert Dachs, Geschäftsführer der "Stuttgarter Zeitung". Er spricht davon "Kompetenzen zu bündeln, Marktchancen zu nutzen und gemeinsam strategische Ziele zu formulieren". 250 MitarbeiterInnen sind von der Übernahme betroffen und verzeichnen offenbar die berühmt berüchtigten "Synergiepotenziale". In der Vergangenheit mündeten solche vor allem in Einsparungen von redaktionellem Personal und Inhalt, bei Insidern hat die Strategie der Stuttgarter schon einen eigenen Namen: "Schwabo-Effekt", denn der "Schwarzwälder Boten" in Oberndorf ist auch eines der Synergie-Opfer des Stuttgarter Pressehauses (Kontext berichtete).

Richard Rebmann, der Geschäftsführer der Südwestdeutschen Medien-Holding (SWMH), zu der die "Stuttgarter Zeitung" gehört, kündigt an, dass "das Engagement des Medienkonzerns im Bereich regionale Zeitungsverlage konsequent weiter ausgebaut werde". Siegfried Heim von der Deutschen Journalisten Union (DJU) sagt, die Redaktion der Esslingen Zeitung sei schon seit einiger Zeit "strukturell unterbesetzt". "Jetzt kommt die Angst um den Arbeitsplatz dazu."

Dagmar Lange, die erste Landesvorsitzende des Deutschen Journalisten Verbandes Baden-Württemberg (DJV) sagt, sie sei über die Nachricht aus Esslingen "entsetzt", auch dieser Kauf gehöre zu einer größeren Strategie des Presseriesen SWMH. "Wer nicht bei drei auf den Bäumen ist, wird aufgekauft." Byebye Pressevielfalt. Einmal mehr. Gespannt darf man auch sein, was mit der Druckerei geschieht und der dort im Lohndruck hergestellten BILD-Zeitung. Wandert die Druckerei, der Druck der EZ und der BILD, nun auf den Möhringer Hügel?


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