"Drei Zelte hinter mir lag eine Frau im Schlamm mit ihrem zehn Tage alten Baby." Norbert Blüm im Flüchtlingslager Idomeni.

Ausgabe 289
Politik

"Wie moderner Sklavenhandel"

Von Johanna Henkel-Waidhofer (Interview)
Datum: 12.10.2016
Nobert Blüm (CDU) hat auch mit 81 Jahren seinem Kampfesmut nicht verloren: Vor kurzem lebte der frühere Sozialminister eine Weile in einem Zelt im Flüchtlingslager Idomeni. Nun appelliert er an Unionspolitiker "aus den Büschen zu kommen, um sich endlich lautstark an die Seite von Angela Merkel zu stellen".

Herr Blüm, wie unzufrieden sind Sie mit der CDU in der Flüchtlingspolitik?

Ich bin praktisch von Kindesbeinen an CDU-Mitglied und habe auch nicht vor, das zu ändern. Was aber nicht heißt, dass ich damit einverstanden bin, wenn der Eindruck entsteht, wir seien eine Partei von hartherzigen Festungsbauern, denen das Schicksal von Zehntausenden Menschen egal ist. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man in einer so großen Volkspartei Kompromisse machen muss. In der Flüchtlingspolitik gibt es nach christlichem Verständnis aber keine Kompromisse. Der barmherzige Samariter fragt nicht, woher der Verletzte stammt, welchem Glauben er angehört, ob er ausgebildet ist etc. Der um Hilfe Rufende ist sein Nächster. Das ist die Quintessenz der biblischen Geschichte.

In der CSU offenbar noch weniger als in der CDU.

Viel zu viele Politiker argumentieren nur mit Zahlen und Statistiken. Die lassen mich relativ kalt. Mitleid ist nicht abstrakt, sondern konkret. Wir müssen mitleiden mit einem jungen Mann, der Syrien verlassen hat, weil rund um ihn herum Menschen die Köpfe abgeschlagen wurden. Nicht bildlich, sondern tatsächlich. Und Menschen waren in Syrien gezwungen, diese Grausamkeiten anzusehen. Wer nicht erschüttert ist, wenn er das erfährt, der gehört zum Doktor. Wir Menschen haben die Fähigkeit, uns in den anderen hinein zu versetzen. Kein Tier kann das, das unterscheidet uns. Wir haben, das haben kluge Leute herausgefunden, Spiegelneuronen. Wenn wir diese aber nicht nutzen und uns nicht hineinversetzen in die Lage von Flüchtlingen, dann sind wir wieder auf die Evolutionsstufe von Tieren zurückgefallen.

Nach diesen Maßstäben müsste die Kanzlerin eine überwältigende Mehrheit für ihre Politik haben, vor allem in der Union. Davon kann aber keine Rede sein. Wieso blenden so viele in den Parteien mit dem C dieses C aus?

Ich verstehe meine Freunde von der Christlich-Sozialen Union nicht. Wir haben als Menschen und als Christen doch Pflichten. Ich war nie in Gefahr, Mitglied im Angela-Merkel-Fan-Club zu werden. Aber vor einem Jahr war ich stolz auf sie. Sie hat getan, was selbstverständlich ist, nämlich Menschen aus der Not zu retten. Alles andere wäre unterlassene Hilfeleistung gewesen. Man muss nicht besonders fromm sein, um das für richtig zu halten. Was ich nicht verstehe, ist, wieso wir nicht stärker Farbe bekennen und die Auseinandersetzung mit Rassisten und Nationalisten offensiv aufnehmen. Wo waren Julia Klöckner oder Guido Wolf in den Landtagswahlkämpfen? Wir müssen raus aus den Büschen und uns endlich lautstark an die Seite der Kanzlerin stellen. Sonst ist das C wirklich nichts wert. In Baden-Württemberg hat mit Winfried Kretschmann übrigens einer gewonnen, der Angela Merkel unterstützt hat und weiter unterstützt. Wenn vor 2000 Jahren die CSU in Ägypten regiert hätte, gäbe es jetzt keine christliche Partei in Bayern. Jesus hat nur überlebt, weil er mit Maria und Josef in Ägypten Asyl gefunden hat, sonst wäre er von Herodes' Häschern umgebracht worden, wie alle Kinder unter zwei Jahren. Die Heilige Familie war eine Asylantenfamilie in Ägypten.

Die Bundeskanzlerin hat nach der Wahl in Berlin einen Satz gesagt, der oft nur verkürzt zitiert wird. Sie wollte nicht nur die Zeit um viele Jahre zurückspulen, wenn sie könnte. Sie hat auch bekannt, dass sie sich zu lange auf das Dublin-Abkommen verlassen hat und darauf, dass die Nachbarn, vor allem jene im Süden, Deutschland, umgeben von sicheren Drittstaaten, das Flüchtlingsproblem abnehmen ...

... das ist doch heute auch wieder so. Wir sind eine Hochzivilisation, fähig, zum Mond zu fliegen, aber nicht fähig, Menschen ihre einfachsten Elementarbedürfnisse zu erfüllen. Und wieder überlassen wir die Lösung den Schwächsten: Griechenland und Italien. Ich war in Idomeni. Drei Zelte hinter mir lag eine Frau im Schlamm mit ihrem zehn Tage alten Baby. Sie war im Krankenhaus zur Entbindung, durfte drei Tage bleiben, so hilfsbereit sind wir dann doch, und dann musste sie zurück in den Schlamm. Was ist das für ein Europa? Wenn 500 Millionen Europäer keine fünf Millionen Flüchtlinge aufnehmen können, dann müssen wir den "Verein" wegen Unfähigkeit zur Menschlichkeit eben auflösen. So ein Europa brauchen wir nicht.

Die Ungarn und die Polen sehen das ganz anders.

Für Viktor Orbán schäme ich mich. Sein Zynismus ist eine Schande, ausgerechnet für ein Land, das 1989 als erstes den Stacheldraht des Eisernen Vorhangs durchtrennt hat. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie groß damals die Angst der Ungarn war und wie groß die Hoffnung auf Europa, um das Land zu schützen vor einem Einmarsch der Sowjets wie 1956. So viele mutige Männer und Frauen waren damals an der Öffnung beteiligt. Die Entwicklung in Polen ist trauriger als traurig. Solidarnosc war einmal das Fanal, mit dem die Polen die waffenstrotzende Sowjetunion sogar in die Knie zwangen. Und jetzt fällt das Land zurück in einen Nationalismus, dessen Opfer es in der Geschichte so oft war. Die den Eisernen Vorhang, der Europa trennte, zu Fall brachten, wollen jetzt einen Eisernen Vorhang rund um Europa bauen.

Während Ihres Besuchs in Idomeni haben Sie die polnische Regierung als gottvergessene Trittbrettfahrer bezeichnet.

Dazu stehe ich. Vorteile nutzen und Lasten ablehnen, das ist Trittbrettfahrerei. Mit diesem Gegenkurs zur europäischen Solidarität in der Flüchtlingsfrage verraten die Polen ihre besten Traditionen.

Was tun?

Das Wichtigste ist, immer und immer wieder zu thematisieren, dass, wer bei europäischen Subventionen die Hand aufhält, die Zusammenarbeit in der Zuwanderung nicht verweigern kann. Europa ist nicht die zur Rosinentheorie passende Praxis. Es gibt Rechte und Pflichten. Ich appelliere besonders an die jungen Leute, den Mund aufzumachen, gegen Kontrollen, gegen Obergrenzen. Es gehört doch zu den großen Errungenschaften, dass wir uns frei bewegen können in Europa. Dafür müssen die Jungen mehr kämpfen. Es geht schließlich um die Zukunft, in der sie länger leben werden als wir Alten.

Nicht nur Wirtschaftspolitiker in der Union setzen auf ein Gesetz zur Steuerung der Einwanderung. Werden da nicht zwei Themen miteinander vermengt?

Da werden nicht nur zwei Themen vermengt, nämlich Flucht und Einwanderung. Beim Einwanderungsgesetz geht es um die Gutausgebildeten, die Ärzte aus Afrika und die Ingenieure aus Bangalore. Die Schlechtausgebildeten dürfen in ihrem Elend bleiben. Das ist wie moderner Sklavenhandel: Es geht nur nicht mehr wie damals darum, ob die Zähne in Ordnung sind, jetzt reicht ein Diplom. Die Kolonialisten beuteten die Bodenschätze aus, wir die Qualifizierung. Wir lassen in den Armutsländern ausbilden. Das ist billiger. Wo ist der prinzipielle Unterschied zum Sklavenhandel? Wie Zugvögel sollen die Menschen dann den Arbeitsplätzen hinterherfliegen. So ein Einwanderungsgesetz will ich nicht. Wir müssen die Fluchtursachen mit einer ganz anderen Energie als bisher bekämpfen.

Ihr Parteifreund Thomas Strobl sagt aber, er könne keinen baden-württembergischen Mittelständler davon überzeugen, in Eritrea zu investieren.

Da ist auch nicht Baden-Württemberg allein aufgerufen. Da ist Europa gefragt. Zuerst müssen wir den Waffenhandel trockenlegen. Der Islamische Staat schießt nicht mit Pfeil und Bogen, sondern mit hochtechnologischen Präzisionswaffen, und nicht auf Tiere, sondern auf Menschen. Geheimdienste können das Telefon der Kanzlerin abhören, aber Waffenhändler nicht ausfindig machen? Ich glaube nicht, dass deutsche Firmen direkt in Geschäftsbeziehungen zum IS stehen. Also muss es dunkle Wege und Kanäle geben, über die Waffen in die Hände der Mörder kommen. Ich müsste ja alle Hoffnung fahren lassen, wenn ich nicht glauben würde, dass man Verbrechern, die mit Waffen handeln, das Handwerk legen kann, wenn man will. Die Welt wird von einem nationalen Egoismus überrannt wie eine Epidemie. Indien baut eine Mauer, um sich von Bangladesh abzuschirmen, dann werden die Leute in Bangladesh absaufen, wenn der Meeresspiegel steigt. Wenn Afrika wegen der Klimapolitik der Industriestaaten verdurstet, dann werden sich die Verdurstenden in die Industriestaaten aufmachen. Sollen wir denn auch eine Mauer über die Zugspitze bauen, damit kein Flüchtling mehr ein Schlupfloch findet?

Möglicherweise denken viel mehr Politiker morgens beim Blick in den Spiegel wie Norbert Blüm und reden nur deshalb anders, weil Populisten und Nationalisten, der Front National, die FPÖ und die AfD, immer stärker werden.

Das ist dumm. Den Nationalisten nachgeben bringt nichts. Die österreichische Bundesregierung aus SPÖ und ÖVP hat doch sehr aktiv dafür gesorgt, dass die Balkanroute geschlossen wird. Ist deshalb die Zustimmung zur FPÖ gesunken? Nein, sie ist höher als je zuvor. Auf Populisten und Nationalisten können Demokraten nur mit klarer Kante reagieren, mit klaren Positionen. Nationalismus stammt aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Seine Zeit ist passé. Wer mit der AfD in einen Wettbewerb eintritt, kann nur verlieren. Die große Mehrheit der Deutschen hat doch gar nicht AfD gewählt. Würden wir weniger nach rechts schielen, hätte die AfD weniger Chancen. Und wo ist eigentlich die Sozialistische Internationale? Sie singt schöne Lieder. Das ist aber nicht genug. Wo sind die Christen? Wo ist die Hilfe der reichen Saudis für ihre muslimischen Schwestern und Brüder? Ich bin dafür, dass sie den nationalen Egoisten den Spiegel vors Gesicht halten. Es ist jetzt die Zeit, Klartext zu reden.


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12 Kommentare verfügbar

  • andromeda
    am 23.10.2016
    Alles richtig Herr Schwabe . Parteiräson ist natürlich unappetitlich.
  • Schwabe
    am 18.10.2016
    Idomeni (Flüchtlingslager) ist die Folge von kriegerischen Auseinandersetzungen (vgl. auch "Illegale Kriege"): http://www.nachdenkseiten.de/?p=35408) , der Feindschaft Russlands gegenüber und Regime Changes im Nahen Osten und Nordafrika - insbesondere wegen der unersättlichen Gier nach Rohstoffen wie Öl, Gas und seltene Erden sowie der Arroganz bestimmter Eliten (m.E. des Westens) nicht mit seinem gegenüber verhandeln zu wollen.

    "Den Finger in die Wunde zu legen" ist gut (sofern es dem Frieden dient und Gewalt verurteilt). Doch wen man gleichzeitig versucht, so wie Blüm dies meiner Ansicht nach macht, die zu schützen (CDU/CSU, Frau Merkel) die für Idomeni eine große Mitverantwortung tragen, wäre es m.E. nach besser den Mund zu halten. Den so schafft man keinen Frieden. Und dagegen erhebe ich meine Stimme.

    In einem ähnlichen Sachverhalt hat es der Regisseur Oliver Stone (aktueller Film "Snowden") meines Erachtens in einem Interview auf den Punkt gebracht. In Bezug auf Hillary Clinton sagte er (nachdem er auf Ihre Mitverantwortung vergangener Kriege hingewiesen hat): „Sie ist eine Kriegerin. Sie scheint keinerlei kritische Selbstwahrnehmung zu haben, was die Kriege angeht, die sie unterstützt“.
  • Horst Ruch
    am 17.10.2016
    ....Norbert Blüm in Ehren, doch die Ursachenbekämpfung des (Flüchtlings)Elends war wohl nie Regierungsschwerpunkt. Das ist ja von einigen Kommentatoren auch so gesehen worden.
    Die beste Aussage zu diesem Thema wurde am letzten Freitag in der "HeuteShow" mit der Satire "Ärsche ohne Grenzen" gesendet, was in der Mediathek nachzuschauen sich lohnt.
    Die G8- AG in eigener Mission.
  • Gela
    am 16.10.2016
    Ihre Antwort @Schwabe hat mich beschäftigt, aber auch bestätigt in meiner Kritik, daß Sie dazu neigen, das Kind mit dem Bade auszuschütten und aus einer verengten Sicht zu argumentieren. Ich habe ja Rosa Luxemburg nicht als Zeugin für die Notwendigkeit von Reformen im kapitalistischen System genannt, sondern für ihre Fähigkeit, Menschen zu überzeugen. Natürlich weiß ich von ihrem langen Kampf gegen den Revisionismus. Die Geschichte hat aber ihren Glauben, daß die Revolution mit Sieg der Arbeiterklasse auf jeden Fall kommt - so, wie von Marx vorhergesagt - widerlegt. 100 Jahre später ist die Welt schlimmer und komplexer und der neoliberale Kapitalismus zerstörerischer ohne daß es eine kämpferische Arbeiterklasse noch gibt.
    Da ist Sahra Wagenknecht (danke für den Link auf das Interview mit Albrecht Müller!) realistischer: was sie für notwendig hält, nämlich die Wiederherstellung des Sozialstaates, die Wiederbelebung des ehrlichen Wettbewerbs etc. (ich weiß, sehr verkürzt) ist vielleicht möglich, braucht aber viel, viel Überzeugungsarbeit! Sie hat auch kein Problem - und da komme ich wieder auf den Ausgangpunkt meiner Kritik an Ihnen zurück - bürgerliche Wohltaten als Vorbild anzuerkennen, wie z.B. die Carl- Zeiss - Stiftung. So sind eben auch Blüm und Merkel zu loben, wenn sie etwas Gutes tun - auch wenn man sie sonst noch so sehr kritisiert!
  • andromeda
    am 16.10.2016
    Erstmal muß man Blüm loben , daß er sich dort hinbewegt hat und anschließend auch öffentliche Kritik äußert . Dies tut er auch zu anderen Themen ( Altersvorsorge , Ukraine oder Palästina) .
    Welcher Ex-Politiker irgendeiner Partei macht das denn sonst ?
    Ich kenne nur die vielen freiwilligen Helfer und den Verein für politische Schönheit .
    Auch kann sich ein Blüm als Expolitiker 100mal mehr "erlauben" als in Amt und Würde .
    Jeder Politiker wird doch gleich medial "geschlachtet" und demontiert , egal mit welchem Parteibuch , wenn er mal die Wahrheit sagt (Köhler , Wulff , Öney ). Andere dürfen immer weiter machen . Soviel zur 4.Gewalt . Die kommt immer nur dann in die Gänge wenn es ihren Besitzern passt .Sie ist schon immer und heute immer schamloser zu 80% regierungskonforme und populistisches Desinformation der Bevölkerung (jüngstes Beispiel Kolumbien-Berichterstattung).
    20 % sind für das Feigenblatt Pluralismus vorbehalten .

    Man muss schon mal zu einem Grässlin -Vortrag um die neusten europäischen Fluchtverhinderungspläne bzgl.Afrika,
    die in Planung sind , kennenzulernen .
    Damit der Leser nicht suchen muß : Ein unüberwindbarer Trennzaun entlang der Südgrenzen der arabisch-magrehbinischen Mittelmeerländer quer durch den Kontinent soll die Flüchtlingsleichen von den Mittelmeerstränden entfernt halten . Der Fall Trump und Mexiko wird natürlich mit Krokodilstränen und Empörung begleitet .
    Fluchtursachen öffentlich anzugehen , feudal-kolonialistisches Weltwirtschaftssystem ( falls keine "Freihandelsverträge abgeschlossen werden helfen Korrumpierung , Erpressung , Mord und "Präventionskriege" weiter , siehe
    - John Perkins:" Economic Hitmen" ) .
    Was soll also das Herumgehacke auf Blüm ? Politiker in "Amt und Würde" verlieren sofort ihren Posten/Listenplatz durch
    Kampagnen oder ihre eigene demokratische Partei , wenn sie sich nicht mehr opportun anpassen . Unter vorgehaltener Hand beklagen sie sich sogar darüber .
  • Schwabe
    am 15.10.2016
    Wer Rosa Luxemburg auch nur im Entferntesten in Zusammenhang bringt mit "Reformen" ( Verbesserungen) innerhalb des kapitalistischen Systems trägt m.E. nicht nur seine Unwissenheit gegenüber Rosa Luxemburg zur Schau, sondern auch gegenüber dem Wesen des Kapitalismus (Profitgier die auch vor Krieg, ob physischer und psychischer Natur, nicht zurückschreckt) - tut mir Leid Gela.
    Die Ansichten Rosa Luxemburgs zu diesem Thema können Sie nachlesen in diversen Streitschriften von ihr in denen sie sich insbesondere zu dem "revisionistischen" Theoretiker und "Sozialisten" Eduard Bernstein äußert.
    Die Geschichte bietet dafür, das sich der Kapitalismus nicht zugunsten der Bevölkerungsmehrheit reformieren lässt, seit über hundert Jahren genügend Beispiele. Angefangen mit dem Regierungseintritt Alexandre Millerand`s 1899 in die französische (bürgerliche) Waldeck-Rousseau Regierung, was in der damaligen französischen und internationalen Arbeiterbewegung (lohnabhängig Beschäftigte bzw. der Bevölkerungsmehrheit) zu heftigen Debatten führte. Diese Debatte endete erst mit der Verurteilung des Regierungseintritts Millerands auf dem Amsterdamer Sozialistenkongress 1904.
    Selbst Karl Liebknecht unterlag in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg bzw. vor der Zustimmung der SPD zu den Krigskrediten (ohne die der erste Weltkrieg zu diesem Zeitpunkt nicht hätte begonnen werden können) zeitweise Gedanken den Kurs seiner SPD Parteikollegen mit zu tragen.

    Wenn, wie Gela behauptet, bürgerliche Parteien/Politiker gewillt wären maßgebliche Verbesserungen innerhalb des kapitalistischen Systems zuzulassen (zugunsten sozialer Bedürfnisse der Bevölkerungsmehrheit) würde die Daseinsvorsorge in Deutschland nicht privatisiert werden bzw. würden sich bürgerliche Politiker dafür stark machen diese rückgängig zu machen.
    Wenn der Kapitalismus reformierbar wäre, wäre auch Griechenland nicht mit so brachialer (psychischer) Gewalt in die Knie gezwungen worden (gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit) und damit dem kapitalistischen Profitstreben bzw. dem Privatisierungswahn geopfert worden.

    Menschen spielen im Kapitalismus keine ernsthafte Rolle (und wenn dann nur eine vorgeschobene).

    Wer wie Gela an ernsthafte Verbesserungen innerhalb des Kapitalismus glaubt, politisch interessiert ist und wählen geht müsste dann meiner Ansicht nach eigentlich Anhänger von Sahra Wagenknecht sein!
    Aber selbst an der Person Sahra Wagenknecht von der Partei DIE LINKE lässt sich die Kompromisslosigkeit des kapitalistischen Systems verdeutlichen. Man muss nur aufmerksam und mit kritischem Blick die Berichterstattung verfolgen. Hierzu zwei Links:
    "Über den feindseligen Umgang von Medien mit Politikern, die nicht in die Linie passen, konkret betreffend Jeremy Corbyn und Sahra Wagenknecht" - http://www.nachdenkseiten.de/?p=34352
    Video: Sahra Wagenknecht im Gespräch mit Albrecht Müller - http://www.nachdenkseiten.de/?p=34423
  • Gela
    am 14.10.2016
    Norbert Blüm sagt mit deutlichen und markanten Worten seinen Partei"freunden", was Sache ist - in der Flüchtlings- und Europa-PolitiK: mehr Menschlichkeit und Mitgefühl gerade in einer angeblich christlichen Partei; eine Politik, die koloniale Ausbeutung vermindert; Verbot von Waffenhandel ; weniger nationaler Egoismus; keine Mauern - und er lobt Angela Merkel für ihre Entscheidung im letzten Jahr, die Grenzen für Füchtlinge zu öffnen. Sie bekommt dafür von ihrer Partei und der Bevölkerung viel Kritik und kann den Kurs so nicht durchhalten - aber sie hat es gewagt - und das ist gut so.
    Was aber fällt @ Schwabe (und den anderen Kommentatoren) dazu ein? Spott und Miesmacherei,
    Ich lese die Kommentare von Schwabe kaum noch, weil sie immer nach dem selben Muster ablaufen: wenn ein Politiker oder Journalist oder Kommentator nicht Schwabes eingeengter Ideologie folgt, dann kann alles , was dieser schreibt oder tut nichts wert sein, sondern ist nur "politisches Kalkül" aus Partei-Egoismus.
    Da wird immer wieder mit antikapitalistischen Schlag-Wörtern im wahren Wortsinn auf alles Lobenswerte und Differenzierte eingeschlagen, alle Versuche, die Auswüchse des Raubtierkapitalismus und die Fehlleistungen in der Demokratie zu kritisieren und zu korrigieren werden entwertet, weil alles in die Schublade von " neoliberal" gepackt wird.
    Was er dagegen als "linke Politik" zu bieten hat, bleibt ideologisch und farblos und geht vor allem an der Befindlichkeit der Menschen hier vorbei . Rosa Luxemburg hat es noch verstanden, Menschen mitzureißen - aber inzwischen hat sich die Welt so sehr verändert und sich der Sozialismus so kompromittiert, daß er mit Schlagworten nicht wieder zu erwecken ist. Da sollte man es loben und sich engagieren, wenn es innerhalb des kapitalistischen Systems und in der Demokratie Bestrebungen gibt, Auswüchse zu beschneiden und Verbesserungen zu erreichen - anstatt nur rumzunörgeln.
  • Schwabe
    am 13.10.2016
    Merkel - die Barmherzige, die Blüm hier so hoch lobt, hat am 06.10.16 beim "Tag der deutschen Industrie" in Berlin die Ablehnung von Freihandelsabkommen als Antiamerikanismus gedeutet und behauptet, dass wenn sie ein Freihandelsabkommen mit Russland schließen würde sicherlich nur die Hälfte der Menschen dagegen wäre (Zitat Merkel: "Ich sage es mal ganz vorsichtig: Die Tatsache, dass ein Freihandelsabkommen, das wir mit Russland verhandeln würden, wahrscheinlich nur die Hälfte aller Diskussionen mit sich bringen würde, das muss uns doch zu denken geben." (Quelle: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-10/freihandelsabkommen-angela-merkel-ttip-usa-antiamerikanismus.

    Millionen von Freihandelsgegnern im In- und Ausland Antiamerikanismus vorzuwerfen ist meines Erachtens nicht mehr und nicht weniger als der Rassismus Vorwurf eines Staatsoberhauptes gegen große Teile der Europäischen und der eigenen Bevölkerung (staatlich betriebener Rassismus). Darüber hinaus hetzt sie mit ihrer Aussage gegen Russland.
    Merkel wirft quasi Gegnern von Freihandelsabkommen indirekt Rassismus vor und Putinversteher zu sein.

    Anstatt die Sorgen und Ängste der Bevölkerungen ernst zu nehmen, haut sie rassistische/populistische Sätze raus die großes Spaltungspotential in sich tragen.

    Darf ein Staatsoberhaupt eines demokratischen Rechtsstaates so etwas sagen?
  • fritzi
    am 13.10.2016
    blüm hat nicht begriffen, daß die narrative vom islam hier eine verharmlosende ist. er sollte einmal hören und sich zu gemüte führen, was renommierte islamwissenschaftler - heute nennt sich jeder abc - schütze so - zu dem schreiben. d.h. zu verschiedenen koranübersetzungen, zu interpretationen der hadithe, zur islamischen jurisprudenz. wenn möglich sollte er sich auch einmal zuverlässige übersetzungen aller dieser schriftölichen äußerungen zum islam besorgen einschließlich einer guten und zuverläßlichen darstellung aller relevanten fatwas. dann ist er vielleicht klüger. ob er das dann auch zeigt, ist eine andere frage!

    best regards from wayland/mass.

    fwbecker
  • Heinz Greiner
    am 12.10.2016
    Man hätte den langjährigen Diener Helmut des Großen ja auch danach fragen können , wie es mit seiner christlichen Gesinnung vereinbar ist , Afrika zu Freihandelsabkommen zu erpressen , aktuell Kenia und Burundi, um die Abfälle der höchstsubventionierten EU Landwirtschaft veräußern zu können .
    Angela die Wunderbare sprach heute vom Zukumbfdskontinent Afrika . Ihr Minister Müller redet nicht besser . Scheinheiligkeit war immer schon das Merkmal dieser Politiker . Mit Nobby begann das , was die Schröder/Gabriel SPD vollendet .
  • Fritz
    am 12.10.2016
    Der nächste Geissler.
  • Schwabe
    am 12.10.2016
    Merkel die Barmherzige und die Verkörperung des C´s im Namen der CDU - unterirdisch!
    Die Darstellungen von Blüm sind m.E. keinen Deut besser als die übliche Meinungsmache in den Leitmedien.

    Gleich bei der ersten Antwort überrascht mich Blüm mit einer Aussage zu der es m.E. gar keine Frage gab, nämlich "Ich bin praktisch von Kindesbeinen an CDU-Mitglied und habe auch nicht vor, das zu ändern." Zugunsten von Blüm deute ich das mal als schlechtes Gewissen wider besseren Wissens noch immer CDU-Mitglied zu sein.

    Weiter geht es mit der Aussage "Was aber nicht heißt, dass ich damit einverstanden bin, wenn der Eindruck entsteht, wir seien eine Partei von hartherzigen Festungsbauern, denen das Schicksal von Zehntausenden Menschen egal ist.".
    Auch wenn Blüm nicht damit einverstanden ist, ändert das m.E. nichts an der Tatsache, dass es genau so ist und wie ich finde sogar noch schlimmer!
    Eine Bundeskanzlerin die Ausruft "Wir schaffen das" als deren Berater klar war dass bereits hunderttausende von Flüchtlingen unaufhaltsam unterwegs sind (also auch das Dublin-Abkommen Deutschland nicht "schützen" wird) ist in meinen Augen nicht glaubwürdig, sondern handelt aus rein politischem Kalkül das Beste aus der Situation für sich und die christliche Partei herauszuholen und nicht aus Sorge um die Flüchtlinge!.
    Bestätigt wird diese unmenschliche Haltung der Frau Merkel und der CDU durch die jetzt im Nachhinein vorgenommenen Verschärfungen des Asylrechts, der die Flüchtlinge zu Menschen dritter Klasse degradiert.

    "Vor kurzem lebte der frühere Sozialminister eine Weile (wie lange?) in einem Zelt im Flüchtlingslager Idomeni" - davor habe ich Respekt. Doch andererseits brauche ich z.B. nicht dort zu leben um zu wissen das dies oft menschenunwürdige Verhältnisse sind die unserem westlichen Wertesystem den Spiegel vorhalten! Man sollte sich eben nicht ausschlißlich auf die Leitmedien verlassen. Vorschlag von mir als tägliche Lektüre www.nachdenkseiten.de

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