Gezwungenes Gruppenlächeln. Fotos: X Verleih.

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Ausgabe 314
Kultur

Dem Schwank fehlt jeder Schwung

Von Rupert Koppold
Datum: 05.04.2017
Sam Garbarski erzählt in "Es war einmal in Deutschland" von Überlebenden des Holocaust, die im Nachkriegs-Frankfurt als Vertreter arbeiten und sich so die Ausreise aus Deutschland finanzieren wollen. Böse Komödie auf dunklem Grund, deren Witz die Wunden der Historie freilegt? Leider nein, meint unser Kritiker, und rät: lieber Wilder gucken.

Ihr Mann sei im Krieg gefallen, erzählt eine deutsche Hausfrau einem Vertreter, der ihr im Frankfurt des Jahres 1946 Wäsche verkaufen will. "Das hört man gern", murmelt der beiseite, so dass den Satz nur der Zuschauer, nicht aber die Kundin hören kann. Der Vertreter ist Jude, er ist dem Holocaust entkommen und will sich nun das Geld verdienen, das er braucht, um das Täterland für immer zu verlassen. Angeheuert wurden er und fünf weitere jüdische Überlebende von David Bermann (Moritz Bleibtreu), der das Geschäft gern allein aufgezogen hätte, aber keine Lizenz von der US-Militärverwaltung bekommt und deshalb Teilhaber braucht. Bermann wird nämlich der Kollaboration mit den Nazis verdächtigt und immer wieder von der amerikanischen Offizierin Sara Simon (Antje Traue) verhört. Wie er damals ins KZ Sachsenhausen gekommen sei, will sie wissen. "Mit einer Limousine, mit Chauffeur", sagt der ein bisschen dandyhafte Bermann und zündet sich lässig eine Zigarette an.

Mit solchen Szenen und mit solchen Sätzen deutet Sam Garbarski ("Irina Palm") in seiner Adaption der Michel-Bergmann-Romane "Die Teilacher" und "Machloikes" an, was aus seinem Film hätte werden können: Eine böse Komödie auf dunklem Grund, deren scharfer Witz die Wunden der Historie nicht zupflastert, sondern diese Wunden aufreißt und zur Besichtigung freilegt. Aber es ist dann leider nur ein Film aus zweiter oder dritter Hand geworden, also einer, der sich keine großen Gedanken zur Inszenierung macht, sondern sich routiniert bereitstehende Bilder aus Kino und TV-Spiel zusammenklaubt. Wenn Bermann in seinen durch Rückblenden illustrierten Erzählungen etwa erklärt, er sei im Lager privilegiert gewesen, weil er Hitler das Witze-Erzählen beibringen sollte, erinnert das an Dany Levys "Mein Führer" (2007), in dem Ulrich Mühe als KZ-Häftling zu Hitlers Rhetorik-Lehrer wird. Und Moritz Bleibtreu hat schon in Wolfgang Murnbergers Nazi-Komödie "Mein bester Feind" (2011) einen Juden gespielt, der wie Bermann durch Chuzpe überlebt.

"Nie vergessen: Hitler ist tot, aber wir leben noch!", so motiviert Bermann in den Nachkriegsszenen seinen moderat jiddische Worte einstreuenden Vertreter-Trupp. Doch die Bilder kriechen den munteren Worten hinterher, die Verkaufsstrategien – unter ihnen der aus Peter Bogdanovichs "Paper Moon" (1974) entlehnte Todesanzeigen-und-Witwen-Trick – sind zu umständlich eingefädelt, die Geschichte kommt nicht auf Touren, dem Schwank fehlt jeder Schwung. Den Personen um Bermann herum fehlt es zudem an Persönlichkeit, sie werden nicht plastisch herausmodelliert, sondern nur, wie etwa der feist-blonde Obersturmbannführer (Joachim Paul Assböck), flach ins Klischee hineingesetzt. Die Musik dagegen trägt fett auf und täuscht akustisch vor, was visuell nicht eingehalten wird. Sogar das Plakat, so wie der Film in nostalgischer Brauntönung gehalten, verspricht zu viel: Da ist Antje Traue als attraktive US-Offizierin zu sehen, hinter ihr Bermann und seine sechs Mitstreiter, bekleidet mit Mänteln und Hüten, bewaffnet mit Äxten, Rohren und Zangen, aufgereiht wie Helden vor dem Kampf.

Fajnbrot (Tim Seyfi) und David (Moritz Bleibtreu) drehen armen Witwen teure Wäsche an.
Fajnbrot (Tim Seyfi) und David (Moritz Bleibtreu) drehen armen Witwen teure Wäsche an.

"Es war einmal in Deutschland", dieser Titel und auch dieses Plakat wollen ja auch auf Sergio Leone anspielen, auf dessen Gangsterepos "Es war einmal in Amerika" und auf dessen Western "Spiel mir das Lied vom Tod", der im Original ebenfalls die "Es war einmal"-Formel benutzt. Garbarskis Film meint das übrigens nicht ironisch, er versucht sich am Ende tatsächlich an einer Sergio-Leone-Zeitlupen-Sequenz. Die aber wird zum Desaster, zum einen inhaltlich, weil das zusammengestoppelte Drehbuch eine nicht wirklich eingeführte und schon lange vergessene Schwarzmarkt-Schurken-Figur plötzlich wieder hervorholt und aufbauscht, zum anderen ästhetisch, weil der groß als Rache angekündigte Showdown zusammenschnurrt auf das Verprügeln ... – nein, nicht mal des Konkurrenten! Sondern nur seines Autos.

Emotionen abrufen auf billigste Baukastenart

"Dies ist eine wahre Geschichte. Und was nicht ganz wahr ist, stimmt trotzdem", so heißt es im Vorspann dieses Films, der von der Fantasie als Überlebenshilfe in schlimmen Zeiten erzählen will. "Ich wollte Hitler töten", behauptet Bermann, und in den geflunkerten Rückblenden sieht man ihn auf dem Obersalzberg unter drallen Maderln im Dirndl. Wirklich komisch ist das nicht, und auch der Held als Meister des Witzeerzählens bleibt bloße Behauptung. Schlimmer aber ist wohl dies: dass der Film, wenn er mal nicht lustig sein will, auf billige Baukastenart versucht, Erschütterung und Trauer des Zuschauers abzurufen. Da führt der Jude Bermann dann seine Verhörerin in das zerstörte Wäschekaufhaus seiner Eltern und schweigt in aufdringlichster Weise die Wände an. Später heißt es dann: Akte zu und Kuss! Und wie Sam Garbarski so etwas inszeniert, was er überhaupt mit "Es war einmal in Deutschland" alles anrichtet, das ist beinahe ein Rückfall ins bieder-gedankenlose Joseph-Vilsmaier-Historien-Kino ("Rama Dama").

Und nein, es ist immer noch nicht zu Ende. Im Finale nämlich lässt Garbarski auch noch "As Time goes by" spielen, wagt also nicht nur den Vergleich mit Leones Werken, sondern auch noch mit "Casablanca" – und geht jämmerlich baden. Der Regisseur hat sein Thema verschenkt, es wartet auf einen besseren Film. Aber so soll dieser Text nicht enden. Denn es gibt ja schon lange exzellente Komödien, die mit jüdischem Witz von der deutschen Nachkriegszeit erzählen. Wer sich etwa die Fahrt durch das zerstörte Berlin anschaut, mit der Billy Wilder seinen 1948 gedrehten und ebenso komischen wie abgründigen Film "Eine auswärtige Affäre – A foreign Affair" beginnt, der erfährt in ein paar Minuten mehr vom Klima der Zeit als im kompletten Film von Sam Garbarski. Der Wilder-Film ist übrigens für etwa zwölf Euro als Bluray erhältlich. Die kann und will man sich mehrmals anschauen.

 

Info:

Sam Garbarskis "Es war einmal in Deutschland" kommt am Donnerstag, 6. April in die deutschen Kinos. In Stuttgart läuft der Film im Atelier am Bollwerk diesen Donnerstag bis Sonntag um 15:40, 18:30 und 20:20 Uhr. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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