KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere einen bis drei Punkte oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


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Studentinnen in Ramallah. Foto: Axsos AG

Studentinnen in Ramallah. Foto: Axsos AG

Ausgabe 314
Überm Kesselrand

Vom Leben vor dem Tod

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 05.04.2017
Es gibt derart viele neue Krisenherde auf der Welt, dass die alten aus dem Blick geraten. Israelis und Palästinenser stehen sich so feindlich gegenüber wie seit Jahrzehnten nicht. Die Lunte brennt lichterloh. Trotzdem kämpfen Optimisten unverdrossen um Ausgleich und Mäßigung. Auch mit baden-württembergischer Hilfe.

Frank Müller ist Chef des IT-Dienstleisters Axsos, der Niederlassungen in Stuttgart, Solingen und in Ramallah unterhält. Ramallah? An die verdutzte Rückfrage ist er längst gewöhnt. Mit fünf Mitarbeitern hat er 2011 in der Westbank begonnen, bis 2030 sollen es zwischen 500 und 1000 sein. Der 48-Jährige glaubt an eine Zukunft trotz Sperranlagen und Repressalien. Israelis üben hier die volle zivile und militärische Kontrolle aus, und ihr Verständnis davon ist oft genug inakzeptabel. "Ich bin pro Frieden", sagt er, "aber gerade wir Deutsche tun gut daran, beide Seiten zu sehen und zu moderieren." Wichtig sei, "dass die junge Generation Palästinas ihr Leben nicht mit Steinewerfen verschwendet". Weil er aber weiß, wie eingeschränkt die Möglichkeiten der arabischen Beschäftigten unter israelischer Besatzung sind, wurden Heimarbeitsplätze eingerichtet, der immer wieder verhängten Ausgangssperren wegen.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Mitte) bei Asxos mit Vorstand Frank Müller. Foto: StaMi BW
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Mitte) bei Asxos mit Vorstand Frank Müller. Foto: Staatsministerium BW

Ende März hatten Müller und sein Aufsichtsratschef Rolf Stephan Besuch. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) wollte nicht nur in Tel Aviv, sondern auch in der Westbank einen Einblick in die Start-up-Szene bekommen. Auch hier studieren junge Frauen schneller und machen die besseren Abschlüsse. Axsos hat deutsch-arabische Projektteams eingeführt. Kulturelle Vielfalt wird als besonders produktiv gerühmt und befördert. So hängen in den Räumlichkeiten in Ramallah ausschließlich Bilder deutscher Sehenswürdigkeiten an den Wänden, in Stuttgart nur solche aus dem Nahen Osten. In Deutschland seien im IT-Bereich zwischen 30 000 und 50 000 Stellen unbesetzt, weiß Müller, der in den Neunzigern Angestellter beim Evangelischen Jugendwerk Baden-Württemberg und zur Aufbauarbeit in Palästina war. Hier treffe er auf Gastfreundschaft, auf Zugewandtheit, auf die vielen Vorzüge der arabischen Welt. In seinem unternehmerischen Engagement sieht er "einen Beitrag zum Frieden im Heiligen Land". Es würden Brücken gebaut und soziale Marktwirtschaft exportiert, lobt Winfried Kretschmann. Der Blick aus dem Fenster neben ihm ist dennoch ernüchternd trist. Auf dieser Seite der Mauer, die Israel gegen den Terror schützen und im Endausbau rund tausend Kilometer lang sein soll, funktioniert nicht einmal die Müllabfuhr.

"Wir weigern uns zu hassen"

Keine 50 Kilometer weiter südlich funktioniert noch viel weniger. Daoud Nassar streitet seit 1991 um das Land, das sein Großvater vor hundert Jahren und mit Dokumenten lückenlos belegbar gekauft hat. Einen "Außenposten der Hoffnung" nennt er seine 42 Hektar. Dabei darf er, weil es die israelischen Behörden nicht wollen, nicht bauen, es gibt kein Wasser- und keine Stromleitung, dafür Zisternen und die Sonne. Geschlafen, diskutiert, gelebt und gelacht wird in Höhlen und Zelten. "Wir weigern uns zu hassen", steht auf Stein gemalt am Eingang zur Begegnungsstätte, "wir weigern uns, Feinde zu sein." Die Familie, die bisher 180 000 Dollar in die gerichtlichen Auseinandersetzungen gesteckt hat, ist jederzeit auf das Anrücken der Bulldozer gefasst. Einmal wurde, wenige Tage bevor die Aprikosen reif waren, die gesamte Ernte samt den Bäumen zerstört. Direkt gegenüber, jenseits einer schmalen Senke, entsteht gerade eine große Schule für die Kinder jüdischer Siedler. Nassar ist Betriebswirt mit österreichischem Abitur und bestem Deutsch. Er weiß, dass wenn das so weitergeht mit dem Bauen, ihr Besitz irgendwann von Siedlungen eingekreist sein wird und damit vom Umland abgeschnitten.

"Wenn du als Soldat einen Schritt in die besetzten Gebiete machst, dann ist das, als ob du deine Moral in den Reißwolf wirfst – nach einer Minute ist nichts mehr davon übrig", schreibt Jehuda Schaul. Früher diente er in Israels Armee, später hat er die Organisation "Breaking the Silence" (Schweigen brechen) gegründet, auf Hebräisch "Schowrim Schtika". 146 Augenzeugenberichte versammelt das inzwischen auch auf Deutsch erschienene gleichnamige Buch. "Die jungen Männer und Frauen", heißt es im Vorwort von Avi Primor, einst Botschafter in Bonn, "wollen niemand verleumden, sie wiederholen keinen Tratsch und Klatsch, sie verbreiten keine Gerüchte, sondern sie erzählen das, was sie selbst gesehen haben oder sogar was sie selber getan haben". 

Schon der Blick ins Inhaltsverzeichnis offenbart die grausame Wirklichkeit. "Ihre Gliedmaßen waren auf der Mauer verschmiert" heißt ein Kapitel; "Mir war nicht bewusst, dass es Straßen nur für Juden gibt" ein anderes. Soldaten beschreiben ihren Auftrag mit "Stören und belästigen", Krankenwagen aufzuhalten, in einer "Art totaler Willkür" vorzugehen. Ein Palästinenser muss – Luftlinie keine 20 Kilometer von Yad Vashem entfernt – einen Kontrollpunkt nutzen. "Was ist das sonst", fragt ein Fallschirmjäger, "wenn nicht ein Ghetto?"

Eine Zwei-Staaten-Lösung ist schwer vorstellbar

Unter den Gästen aus Baden-Württemberg, die von Jerusalem aus auf erzwungenen Umwegen zu Axsos nach Ramallah fahren, die in der Frühsommerhitze den 30-minütigen Fußweg zum "Tent of Nations" zurücklegen müssen, weil die Straße von den Besatzern mit einem großen Felsblock unpassierbar gemacht wurde, kann sich niemand mehr vorstellen, wie eine Zwei-Staaten-Lösung, ein friedliches Nebeneinander aussehen könnte. Müller und Nassar eint ihre beeindruckende, an Realitätsverweigerung grenzende Zuversicht. Im nächsten Jahr, erinnert der Unternehmer, jähre sich die israelische Besatzung der Westbank zum 70. Mal – mit all den damit verbundenen Einschränkungen. Das habe "in den Köpfen der Menschen ein Opferbewusstsein hinterlassen", das aufgebrochen werden muss. Er wolle den jungen Menschen in Palästina vermitteln: "Ihr habt einen Gestaltungsspielraum, ihr könnt das Land verändern, damit vielleicht irgendwann einmal eine Augenhöhe zwischen Israel und Palästina entsteht."

Kretschmann im Tent of Nations. Foto: Staatsministerium BW
Kretschmann im Tent of Nations. Foto: Staatsministerium BW

Im "Tent of Nations" werden Kinderfreizeiten veranstaltet oder Frauentreffen, aus Europa kommen Jugendliche zum Freiwilligen Sozialen oder Ökologischen Jahr oder für ein paar Monate. Gerade arbeitet eine Studentin aus Dortmund auf dem kargen Land. Freunde haben sie dazu animiert und sie selbst will andere überzeugen, es ihr gleichzutun. Viele junge Palästinenser, sagt Mitri Raheb, ein evangelischer Pfarrer und zugleich Hochschulpräsident in Betlehem, seien sehr religiös, "sie glauben an ein Leben nach dem Tod, nur nicht mehr an ein Leben davor". Die Botschaft brennt sich ein. Winfried Kretschmann, der zweimal 30 000 Euro aus Landesmitteln für die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach mitgebracht hat, bekennt später, diesen Satz werde er nicht mehr vergessen.

Die Region war schon weiter, viel weiter. Vor inzwischen fast 25 Jahren wurde in Washington jener Grundlagenvertrag unterzeichnet, der als Meilenstein auf dem Weg zum Frieden galt. Im November 1995 wurde einer der Väter, Ministerpräsident Yitzak Rabin, von einem rechtsnationalen jüdischen Studenten erschossen. Wenig später kam der rechtskonservative Benjamin Netanjahu an die Macht und wurde, mit Unterbrechungen, bis heute wieder gewählt, zuletzt 2015. Gegenwärtig laufen Ermittlungen gegen den inzwischen 67-Jährigen wegen Vorteilsnahme. Das Land rückt immer weiter nach rechts, die Gruppe der orthodoxen Juden, die ihr ganzes Leben vom Staat alimentiert werden, nicht arbeiten und nicht zum Militär müssen, die aber stramm nationalistisch wählen, wird immer größer. Just als die baden-württembergische Delegation im Land war, genehmigt die Regierung erstmals seit den Friedensverhandlungen der Neunziger Jahre neue Siedlungen im Vornhinein, statt wie bisher illegalen Bauten nachträglich ihren Segen zu geben. Für die Familie Nassar und ihre Nachbarn ändert sich kaum etwas. Sie arbeiten weiter hart, zum Beispiel am und im Kräutergarten gegenüber der neue Schule, mit seinen von Hand geschichteten steinernen Mauern, dem Thymian und dem Rosmarin. Der unbeugsame Palästinenser will möglichst viele Nachbarn dazu bringen, nicht aufzugeben, ihren Grund und Boden weiterhin auch ohne Wasserleitungen urbar zu machen. Denn wenn drei Jahre nichts wächst, so will es das Recht der Stärkeren, fällt das Land unwiederbringlich an Israel.

Thymian pflücken verboten – reine Schikane

Apropos Thymian: Neben dem Stacheldraht, den Checkpoints, den Straßen- oder Ausgangssperren bestimmen große Kleinigkeiten das Leben in der Westbank. Eben erst wurde wilder Thymian auf die Liste jener Pflanzen gesetzt, die am Wegesrand nicht mehr gepflückt werden dürfen. Die Besatzer wollen es so. Warum? Weil sie wissen, dass Thymian Hauptzutat für Zatar ist, die traditionelle Gewürzmischung, die jede palästinensische Familie nach eigenem Rezept fertigt. Frank Müller bloggt und kocht und entwickelt Rezepte. In dem Onlineshop, den Axsos unterhält und dessen Einnahmen vollständig an Einrichtungen zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen fließen, gibt es Zatar-Spätzle aus Dinkelgries zu kaufen. Produziert werden sie von der Nudelmanufaktur Schaut aus Andelfingen am Fuße der Schwäbischen Alb. Nein, er sei kein Sozialromantiker, sagt der Firmenchef. Er kämpft an gegen Widerstände, gegen Ohnmacht und Verzweiflung.

Irgendwann in diesen Stunden wird am Damaskustor in Jerusalem eine junge Frau erschossen, die ein Messer gezückt hatte. Vielleicht redet einer der Polizisten, die an dieser Aktion beteiligt werden, auch einmal. Dann würde er sich heftiger Kritik ausgesetzt sehen, in seinem Freundeskreis, in vielen Medien, sogar Schikanen der Behörden. Wie jene 146 Zeitzeugen, die in "Schowim Schtrika" ihr Schweigen brachen. "Oft werden sie als Vaterlandverräter beschimpft", beklagt Avi Primor und stellt der Mehrheit seiner Landsleute ein unschönes Zeugnis aus: "Die schaut weg und steckt den Kopf in den Sand."

Menschen wie Nassar und Müller wollen sich damit nicht abfinden. Der eine ringt weiter unermüdlich um seine Olivenernte, um den ersten Wein, den Kretschmann überreicht bekommt, um Aprikosen- oder Feigenmarmelade, um den internationalen Austausch, um weitere Besucher und Helfer aus Baden-Württemberg und um sein Recht vor dem Höchstgerichthof. Der andere will eine Niederlassung auf der anderen Seite der Sperranlagen eröffnen, plant jüdische Israelis einzustellen. Und er malt sich aus, wie seine Beschäftigten aus Ramallah 25 Kilometer nach Süden fahren, um zum ersten Mal in ihrem Leben Jerusalem einen Besuch abzustatten. Den Antrag darauf hat die Militärverwaltung abgelehnt. Also wird Müller noch einen stellen. Und noch einen und noch einen ...


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