KONTEXT Extra:
Gleise frei für den Güterverkehr

Nein, ein konkretes Datum, bis wann Züge zwischen Rastatt und Baden-Baden wieder verkehren können, das gibt es immer noch nicht. Nachdem am Freitag (18.08.) Vertreter der Deutschen Bahn und betroffener Kommunen im Verkehrsministerium zusammenkamen, teilte dieses mit: "Alle Beteiligten haben die Hoffnung, dass bis zum Ende der Sommerferien in Baden-Württemberg die Rheintalstrecke wieder durchgängig befahren werden kann." Das sind ganz andere Töne, als der ursprüngliche Zeitplan der Deutschen Bahn, in dem der 28. August angepeilt wurde. Das kommende Schuljahr beginnt im Südwesten am 11. September. Verbindlich ist das Datum nicht, die Bahn betont weiterhin, derzeit seien keine Prognosen möglich, bis wann die Reparaturmaßnahmen abgeschlossen sind.

Das Verkerhrsministerium teilte außerdem mit, man werde der Bahn in "gewissen Grenzen" entgegenkommen. Das bedeutet eine zwischenzeitliche Einschränkung des Personenverkehrs, Schienenersatzverkehr wird ab Samstag (19.08) auf den betroffenen Strecken eingerichtet. So sollen mehr Kapazitäten für Güterzüge geschaffen werden, die aktuell auf Umleitungen angewiesen sind. Unumwunden heißt es dazu in einer Pressemitteilung: "Bis zur Wiederherstellung der Trasse zwischen Rastatt und Baden-Baden werden auf den genannten Strecken in der Nacht Lärmbeeinträchtigungen für die Anlieger durch ein erhöhtes Güterzugaufkommen die Folge sein." Die Maßnahme sei jedoch zeitlich befristet und solle spätestens zu Beginn des neuen Schuljahres aufgehoben werden. Der Regionalverkehr dürfe zudem, wie es aus dem Ministerium heißt, nicht in den Hauptverkehrszeiten beeinträchtigt werden, daher gebe es zwischen 6 und 9 Uhr sowie 15 Uhr und 19 Uhr keine Zugausfälle.

Weiterhin kritisiert das Verkehrsministerium die Kollegen auf Bundesebene. Die Zurückhaltung bei der Ertüchtigung von Nebenstrecken räche sich nun. Minister Winfried Hermann beklage das bereits seit seinem Amtsantritt.

Betroffene Fahrgäste finden hier detaillierte Informationen zum Ersatzfahrplan. (18.08.2017)


"Runder Tisch" zu Rastatt

Bis zu 200 Güterzüge donnern tagtäglich durchs Rheintal. Im Hochsommer sind es weniger, dennoch stauen sich die Transporte – in der Planung – inzwischen zurück bis Rotterdam. Die grün-schwarze Landesregierung hat zwar keine direkten Zuständigkeiten rund ums Gleisdesaster der Deutschen Bahn in Rastatt. Das Verkehrsministerium bietet der DB aber an, die Folgen abzumildern. Noch in dieser Woche findet ein "Runder Tisch" in Stuttgart statt, um über Ausweichstrecken und Umleitungsverkehre zu reden. Unter anderem werden Kommunalpolitikern in betroffenen Städten und Gemeinden über die möglichen Belastungen rund um die Uhr informiert. Es dürfte nach den bisherigen Planungen "einen 24-Stunden-Güterbetrieb auf ziemlich beschaulichen Strecken“ geben, sagt ein Sprecher. Die Bahn teilte bereits mit, "ihren Kunden 200 Umleitungstrassen mit unterschiedlichen technischen Anforderungen anbieten zu können".  

Ebenfalls eingeladen nach Stuttgart sind Vertreter der DB Netz, der DB Region und der Nahverkehrsgesellschaft. Das Verkehrsministerium mit seinen Fachleuten prüft auch, wie und an welchen Strecken der Takt des Regionalverkehrs ausgedünnt werden könnte, um vorübergehend Güter zu transportieren. Das Angebot gilt aber nur bis zum Schulbeginn im September, weil nach den Ferien das Fahrgastaufkommen deutlich steigt. Die DB selber nennt als eine Umleitungsstrecke die Neckar-Alb-Bahn über Horb–Tübingen–Reutlingen–Plochingen. "Wegen der Umleitung der Güterzüge sind Anpassungen im Regionalzugverkehr auf der Neckar-Alb-Bahn notwendig", heißt es in einer Pressemitteilung weichgespült, und dass die DB "für die auftretenden Beeinträchtigungen und die verstärkte Nutzung der Neckar-Alb-Bahn für den Güterverkehr Anwohner und Fahrgäste um Verständnis bittet". Die notwendigen Umleitungsmaßnahmen für den Güterverkehr seien zeitlich befristet, "bis die durchgehende Sperrung der Rheintalbahn wieder aufgehoben werden kann". Ein konkretes Datum dafür wird nicht (mehr) genannt. Experten rechnen mit einer Wiederinbetriebnahme frühestens in der zweiten Septemberhälfte. 

Dazu: https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/333/der-schienen-gau-4546.html


Tunnel-Flop

Es sollte die Weltpremiere werden für die neue Stabilisierungsmethode per Eisring im Tunnelbau. Monatelang war an den Vorkehrungen getüftelt worden. Jetzt ist eine der meist befahrenen Eisenbahnstrecken Europas erst einmal bis mindestens 26. August gesperrt. In Rastatt-Niederbühl, dort, wo die Züge künftig aus dem Tunnel kommen werden, unterquert die Strecke den Bahndamm. Und die darauf liegenden Geleise sackten ab.

Die Konstruktion ist komplex, Stuttgart 21 lässt grüßen: Der Tunnel ist 4,3 Kilometer lang, führt in zwei Röhren von Ötigheim nach Niederbühl, unter der Murg, unter einer tief liegenden Straße, die ihrerseits unter der Rheintalstrecke durchführt, dann zügig wieder nach oben. Eingefroren wurde ein geschlossener Ring. Alle Beteiligen erklärten immer wieder, damit in actu auf einer Baustelle, keine Erfahrungen zu haben. Die Gewissheit, dass das Manöver gelingt, war dennoch groß. Bautechniker untersuchen bereits das Fiasko, möglicherweise ist der Regen der vergangenen Tage verantwortlich.

Das "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" ist "wenig überrascht von der Leichtfertigkeit, mit der die Deutsche Bahn offensichtlich Tunnelbauarbeiten unter einer der Hauptstrecke des deutschen Bahnverkehrs betrieben hat". Dass es keinen Plan B gebe, zeige die Selbstüberschätzung der DB und, auch hier, das Versagen des Aufsicht führenden Eisenbahnbundesamts, so Bündnissprecher Norbert Bongartz. Es sei im Vorfeld der Bauarbeiten in Rastatt "mit Händen zu greifen gewesen, dass ein Tunnelbau so knapp unter den bestehenden Bahngleisen und in Sandboden hoch riskant ist". Keinen Pfifferling seien die vollmundigen Beteuerungen der Bahn wert, sie habe die Tunnelbauarbeiten mitten im Stadtgebiet Stuttgarts voll im Griff. Auch wenn da die Überdeckung bei den Tunnelbaustellen zumeist deutlich höher ist: "Angesichts der besonderen geologischen Situation in Stuttgart muss auch hier über die schon bekannten Schäden hinaus mit Bauproblemen ganz anderer Größenordnung gerechnet werden." (14.8.2017)


Malen nach Zahlen

Das ist aber ein gelungener erster Platz! Die CDU habe mit sagenhaften 55 Prozent die Nase vorn beim Frauenanteil auf den Landeslisten für die Bundestagswahl. Das teilte jetzt Landeswahlleiterin Christiane Friedrich mit. Erst nach der Union kommen Grüne und Linkspartei mit je 50 Prozent und die SPD mit gut 46 Prozent. Jedoch, die schönen Zahlen sind Blendwerk.

Denn nahezu alle CDU-Abgeordneten werden auch 2017 wieder direkt in den Bundestag gewählt werden, als SiegerInnen in ihrem Wahlkreis. Davon gibt es 38 im Südwesten. Und in ihnen spiegelt sich die CDU-Wirklichkeit im Jahre 2017: in 35 wurden Kandidaten nominiert und nur in drei Kandidatinnen: Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium und Vorsitzende der Frauenunion, die Stuttgarterin Karin Maag und die bisher jüngste Volksvertreterin Ronja Kemmer.

Selbst in Mannheim, Heilbronn und Böblingen sind ausscheidende CDU-Männer, darunter auch Landeschef Thomas Strobl, durch Männer ersetzt. Dabei hatte der doch zur "politischen Grundmelodie" erklärt, dass "mehr Frauen zum Tragen kommen". Doch auch in Berlin ist die baden-württembergische Landesgruppe derzeit mit nur acht weiblichen Abgeordneten vertreten und am Ende des Bundesvergleichs zu finden.

Der Männeranteil auf allen im Land antretenden Listen ist laut Landeswahlleiterin Friedrich immerhin von 71 Prozent zurückgegangen auf 66 Prozent. Spitzenreiter in der Männerstatistik für die Wahl am 24. September ist die AfD mit 87 Prozent. Gefolgt werden die Rechtspopulisten von den Liberalen, die es 2017 im Land auf nur 19 Prozent Kandidatinnen bringen. Das bedeutet sogar einen Rückschritt im Vergleich zu vor vier Jahren und gut 21 Prozent bedeutet. (9.8.2017)


Kontext-Vorstand ruft zu Flashmob auf

"Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!", sagt unser zweiter Vereinsvorsitzender Jürgen Klose. Und weil er das schier nicht glauben kann, hat er gestern am Nachmittag vor lauter Zorn kurzfristig zu einem Flashmob aufgerufen. Etwa 20 Spontandemonstrierer standen wenig später vor dem Stuttgarter Rathaus – mit Fahrradhupen und Trillerpfeifen! Hier Jürgen Kloses Rede:

"Ich habe zu diesem Protest heute aufgerufen, weil ich zornig bin über die 'Ergebnisse' des Diesel-Gipfels. Ich wollte mein Adrenalin wieder loswerden!

Papst Gregor der Große (6. Jhdt.) soll gesagt haben: 'Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.' Das ist sozusagen mein Leitmotiv. Guckt euch auf YouTube das Video mit Georg Schramm an, dann wisst ihr was ich meine!

Wir sind zornig auf das peinliche Schaulaufen von Politik und Autoindustrie auf dem gestrigen Dieselgipfel!

Wir sind zornig auf die unverantwortliche Bundeskanzlerin. Sie lässt lieber Urlaubsfotos aus Südtirol verbreiten als den Automanagern die Leviten zu lesen!

Wir sind zornig auf die Bundesregierungen gleich welcher Couleur, die sich zum Büttel der Autoindustrie degradieren ließen statt ihrer Aufsichtspflicht für Verbraucher und Umwelt nachzukommen!

Wir sind zornig auf die vom Gipfel ausgesandte Botschaft 'Wir tun was!' - nur besonders wehtun durfte es den Autokonzernen nicht!

Wir sind zornig auf den Versuch, uns mit Placebos abzuspeisen: Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!

Wir sind zornig auf die jahrelange Missachtung von Grenzwerten und auf den offensichtlichen und schon länger bekannten Schwindel mit den Abgastests und der Mogelsoftware! 

Wir sind zornig auf die Täuschung der Verbraucher und den erfüllten Tatbestand des Betrugs (§263 StGB). Täuschungshandlung, Vermögensschaden, Bereicherungsabsicht - alle juristischen Tatbestände sind erfüllt! Strafen? Fehlanzeige!

Wir sind zornig auf die völlige Missachtung des Verursacherprinzips: Wer zahlt den Dieselbesitzern den Wertverlust ihrer Autos. Warum gibt es keinen Schadenersatz?

Wir sind zornig, dass die Autoindustrie anscheinend nach dem Leitmotiv handelt 'Profit vor Gesundheit' und 'Gier vor Umweltschutz'!

Wir sind zornig auf die Autokonzerne, die eine der Kernbranchen dieser Republik schwer beschädigen und damit Zehntausende von Arbeitsplätzen gefährden! Zukunftsvorsorge sieht anders aus!

Wir alle haben ein Recht auf saubere Luft, eine intakte Umwelt und gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen!

Wir alle wollen eine Abkehr vom Autowahn und die Umkehr zu einem anderen, menschen- und umweltfreundlicheren Verständnis von Mobilität!

Wir alle wollen Stuttgart vom Makel der Feinstaub- und Stauhauptstadt befreien!

Wir bleiben zornig, bis wir am Ziel sind!

Danke für eure Unterstützung!" (4.8.2017)


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Studentinnen in Ramallah. Foto: Axsos AG

Studentinnen in Ramallah. Foto: Axsos AG

Ausgabe 314
Überm Kesselrand

Vom Leben vor dem Tod

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 05.04.2017
Es gibt derart viele neue Krisenherde auf der Welt, dass die alten aus dem Blick geraten. Israelis und Palästinenser stehen sich so feindlich gegenüber wie seit Jahrzehnten nicht. Die Lunte brennt lichterloh. Trotzdem kämpfen Optimisten unverdrossen um Ausgleich und Mäßigung. Auch mit baden-württembergischer Hilfe.

Frank Müller ist Chef des IT-Dienstleisters Axsos, der Niederlassungen in Stuttgart, Solingen und in Ramallah unterhält. Ramallah? An die verdutzte Rückfrage ist er längst gewöhnt. Mit fünf Mitarbeitern hat er 2011 in der Westbank begonnen, bis 2030 sollen es zwischen 500 und 1000 sein. Der 48-Jährige glaubt an eine Zukunft trotz Sperranlagen und Repressalien. Israelis üben hier die volle zivile und militärische Kontrolle aus, und ihr Verständnis davon ist oft genug inakzeptabel. "Ich bin pro Frieden", sagt er, "aber gerade wir Deutsche tun gut daran, beide Seiten zu sehen und zu moderieren." Wichtig sei, "dass die junge Generation Palästinas ihr Leben nicht mit Steinewerfen verschwendet". Weil er aber weiß, wie eingeschränkt die Möglichkeiten der arabischen Beschäftigten unter israelischer Besatzung sind, wurden Heimarbeitsplätze eingerichtet, der immer wieder verhängten Ausgangssperren wegen.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Mitte) bei Asxos mit Vorstand Frank Müller. Foto: StaMi BW
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Mitte) bei Asxos mit Vorstand Frank Müller. Foto: Staatsministerium BW

Ende März hatten Müller und sein Aufsichtsratschef Rolf Stephan Besuch. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) wollte nicht nur in Tel Aviv, sondern auch in der Westbank einen Einblick in die Start-up-Szene bekommen. Auch hier studieren junge Frauen schneller und machen die besseren Abschlüsse. Axsos hat deutsch-arabische Projektteams eingeführt. Kulturelle Vielfalt wird als besonders produktiv gerühmt und befördert. So hängen in den Räumlichkeiten in Ramallah ausschließlich Bilder deutscher Sehenswürdigkeiten an den Wänden, in Stuttgart nur solche aus dem Nahen Osten. In Deutschland seien im IT-Bereich zwischen 30 000 und 50 000 Stellen unbesetzt, weiß Müller, der in den Neunzigern Angestellter beim Evangelischen Jugendwerk Baden-Württemberg und zur Aufbauarbeit in Palästina war. Hier treffe er auf Gastfreundschaft, auf Zugewandtheit, auf die vielen Vorzüge der arabischen Welt. In seinem unternehmerischen Engagement sieht er "einen Beitrag zum Frieden im Heiligen Land". Es würden Brücken gebaut und soziale Marktwirtschaft exportiert, lobt Winfried Kretschmann. Der Blick aus dem Fenster neben ihm ist dennoch ernüchternd trist. Auf dieser Seite der Mauer, die Israel gegen den Terror schützen und im Endausbau rund tausend Kilometer lang sein soll, funktioniert nicht einmal die Müllabfuhr.

"Wir weigern uns zu hassen"

Keine 50 Kilometer weiter südlich funktioniert noch viel weniger. Daoud Nassar streitet seit 1991 um das Land, das sein Großvater vor hundert Jahren und mit Dokumenten lückenlos belegbar gekauft hat. Einen "Außenposten der Hoffnung" nennt er seine 42 Hektar. Dabei darf er, weil es die israelischen Behörden nicht wollen, nicht bauen, es gibt kein Wasser- und keine Stromleitung, dafür Zisternen und die Sonne. Geschlafen, diskutiert, gelebt und gelacht wird in Höhlen und Zelten. "Wir weigern uns zu hassen", steht auf Stein gemalt am Eingang zur Begegnungsstätte, "wir weigern uns, Feinde zu sein." Die Familie, die bisher 180 000 Dollar in die gerichtlichen Auseinandersetzungen gesteckt hat, ist jederzeit auf das Anrücken der Bulldozer gefasst. Einmal wurde, wenige Tage bevor die Aprikosen reif waren, die gesamte Ernte samt den Bäumen zerstört. Direkt gegenüber, jenseits einer schmalen Senke, entsteht gerade eine große Schule für die Kinder jüdischer Siedler. Nassar ist Betriebswirt mit österreichischem Abitur und bestem Deutsch. Er weiß, dass wenn das so weitergeht mit dem Bauen, ihr Besitz irgendwann von Siedlungen eingekreist sein wird und damit vom Umland abgeschnitten.

"Wenn du als Soldat einen Schritt in die besetzten Gebiete machst, dann ist das, als ob du deine Moral in den Reißwolf wirfst – nach einer Minute ist nichts mehr davon übrig", schreibt Jehuda Schaul. Früher diente er in Israels Armee, später hat er die Organisation "Breaking the Silence" (Schweigen brechen) gegründet, auf Hebräisch "Schowrim Schtika". 146 Augenzeugenberichte versammelt das inzwischen auch auf Deutsch erschienene gleichnamige Buch. "Die jungen Männer und Frauen", heißt es im Vorwort von Avi Primor, einst Botschafter in Bonn, "wollen niemand verleumden, sie wiederholen keinen Tratsch und Klatsch, sie verbreiten keine Gerüchte, sondern sie erzählen das, was sie selbst gesehen haben oder sogar was sie selber getan haben". 

Schon der Blick ins Inhaltsverzeichnis offenbart die grausame Wirklichkeit. "Ihre Gliedmaßen waren auf der Mauer verschmiert" heißt ein Kapitel; "Mir war nicht bewusst, dass es Straßen nur für Juden gibt" ein anderes. Soldaten beschreiben ihren Auftrag mit "Stören und belästigen", Krankenwagen aufzuhalten, in einer "Art totaler Willkür" vorzugehen. Ein Palästinenser muss – Luftlinie keine 20 Kilometer von Yad Vashem entfernt – einen Kontrollpunkt nutzen. "Was ist das sonst", fragt ein Fallschirmjäger, "wenn nicht ein Ghetto?"

Eine Zwei-Staaten-Lösung ist schwer vorstellbar

Unter den Gästen aus Baden-Württemberg, die von Jerusalem aus auf erzwungenen Umwegen zu Axsos nach Ramallah fahren, die in der Frühsommerhitze den 30-minütigen Fußweg zum "Tent of Nations" zurücklegen müssen, weil die Straße von den Besatzern mit einem großen Felsblock unpassierbar gemacht wurde, kann sich niemand mehr vorstellen, wie eine Zwei-Staaten-Lösung, ein friedliches Nebeneinander aussehen könnte. Müller und Nassar eint ihre beeindruckende, an Realitätsverweigerung grenzende Zuversicht. Im nächsten Jahr, erinnert der Unternehmer, jähre sich die israelische Besatzung der Westbank zum 70. Mal – mit all den damit verbundenen Einschränkungen. Das habe "in den Köpfen der Menschen ein Opferbewusstsein hinterlassen", das aufgebrochen werden muss. Er wolle den jungen Menschen in Palästina vermitteln: "Ihr habt einen Gestaltungsspielraum, ihr könnt das Land verändern, damit vielleicht irgendwann einmal eine Augenhöhe zwischen Israel und Palästina entsteht."

Kretschmann im Tent of Nations. Foto: Staatsministerium BW
Kretschmann im Tent of Nations. Foto: Staatsministerium BW

Im "Tent of Nations" werden Kinderfreizeiten veranstaltet oder Frauentreffen, aus Europa kommen Jugendliche zum Freiwilligen Sozialen oder Ökologischen Jahr oder für ein paar Monate. Gerade arbeitet eine Studentin aus Dortmund auf dem kargen Land. Freunde haben sie dazu animiert und sie selbst will andere überzeugen, es ihr gleichzutun. Viele junge Palästinenser, sagt Mitri Raheb, ein evangelischer Pfarrer und zugleich Hochschulpräsident in Betlehem, seien sehr religiös, "sie glauben an ein Leben nach dem Tod, nur nicht mehr an ein Leben davor". Die Botschaft brennt sich ein. Winfried Kretschmann, der zweimal 30 000 Euro aus Landesmitteln für die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach mitgebracht hat, bekennt später, diesen Satz werde er nicht mehr vergessen.

Die Region war schon weiter, viel weiter. Vor inzwischen fast 25 Jahren wurde in Washington jener Grundlagenvertrag unterzeichnet, der als Meilenstein auf dem Weg zum Frieden galt. Im November 1995 wurde einer der Väter, Ministerpräsident Yitzak Rabin, von einem rechtsnationalen jüdischen Studenten erschossen. Wenig später kam der rechtskonservative Benjamin Netanjahu an die Macht und wurde, mit Unterbrechungen, bis heute wieder gewählt, zuletzt 2015. Gegenwärtig laufen Ermittlungen gegen den inzwischen 67-Jährigen wegen Vorteilsnahme. Das Land rückt immer weiter nach rechts, die Gruppe der orthodoxen Juden, die ihr ganzes Leben vom Staat alimentiert werden, nicht arbeiten und nicht zum Militär müssen, die aber stramm nationalistisch wählen, wird immer größer. Just als die baden-württembergische Delegation im Land war, genehmigt die Regierung erstmals seit den Friedensverhandlungen der Neunziger Jahre neue Siedlungen im Vornhinein, statt wie bisher illegalen Bauten nachträglich ihren Segen zu geben. Für die Familie Nassar und ihre Nachbarn ändert sich kaum etwas. Sie arbeiten weiter hart, zum Beispiel am und im Kräutergarten gegenüber der neue Schule, mit seinen von Hand geschichteten steinernen Mauern, dem Thymian und dem Rosmarin. Der unbeugsame Palästinenser will möglichst viele Nachbarn dazu bringen, nicht aufzugeben, ihren Grund und Boden weiterhin auch ohne Wasserleitungen urbar zu machen. Denn wenn drei Jahre nichts wächst, so will es das Recht der Stärkeren, fällt das Land unwiederbringlich an Israel.

Thymian pflücken verboten – reine Schikane

Apropos Thymian: Neben dem Stacheldraht, den Checkpoints, den Straßen- oder Ausgangssperren bestimmen große Kleinigkeiten das Leben in der Westbank. Eben erst wurde wilder Thymian auf die Liste jener Pflanzen gesetzt, die am Wegesrand nicht mehr gepflückt werden dürfen. Die Besatzer wollen es so. Warum? Weil sie wissen, dass Thymian Hauptzutat für Zatar ist, die traditionelle Gewürzmischung, die jede palästinensische Familie nach eigenem Rezept fertigt. Frank Müller bloggt und kocht und entwickelt Rezepte. In dem Onlineshop, den Axsos unterhält und dessen Einnahmen vollständig an Einrichtungen zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen fließen, gibt es Zatar-Spätzle aus Dinkelgries zu kaufen. Produziert werden sie von der Nudelmanufaktur Schaut aus Andelfingen am Fuße der Schwäbischen Alb. Nein, er sei kein Sozialromantiker, sagt der Firmenchef. Er kämpft an gegen Widerstände, gegen Ohnmacht und Verzweiflung.

Irgendwann in diesen Stunden wird am Damaskustor in Jerusalem eine junge Frau erschossen, die ein Messer gezückt hatte. Vielleicht redet einer der Polizisten, die an dieser Aktion beteiligt werden, auch einmal. Dann würde er sich heftiger Kritik ausgesetzt sehen, in seinem Freundeskreis, in vielen Medien, sogar Schikanen der Behörden. Wie jene 146 Zeitzeugen, die in "Schowim Schtrika" ihr Schweigen brachen. "Oft werden sie als Vaterlandverräter beschimpft", beklagt Avi Primor und stellt der Mehrheit seiner Landsleute ein unschönes Zeugnis aus: "Die schaut weg und steckt den Kopf in den Sand."

Menschen wie Nassar und Müller wollen sich damit nicht abfinden. Der eine ringt weiter unermüdlich um seine Olivenernte, um den ersten Wein, den Kretschmann überreicht bekommt, um Aprikosen- oder Feigenmarmelade, um den internationalen Austausch, um weitere Besucher und Helfer aus Baden-Württemberg und um sein Recht vor dem Höchstgerichthof. Der andere will eine Niederlassung auf der anderen Seite der Sperranlagen eröffnen, plant jüdische Israelis einzustellen. Und er malt sich aus, wie seine Beschäftigten aus Ramallah 25 Kilometer nach Süden fahren, um zum ersten Mal in ihrem Leben Jerusalem einen Besuch abzustatten. Den Antrag darauf hat die Militärverwaltung abgelehnt. Also wird Müller noch einen stellen. Und noch einen und noch einen ...


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