Studentinnen in Ramallah. Foto: Axsos AG

Studentinnen in Ramallah. Foto: Axsos AG

Ausgabe 314
Überm Kesselrand

Vom Leben vor dem Tod

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 05.04.2017
Es gibt derart viele neue Krisenherde auf der Welt, dass die alten aus dem Blick geraten. Israelis und Palästinenser stehen sich so feindlich gegenüber wie seit Jahrzehnten nicht. Die Lunte brennt lichterloh. Trotzdem kämpfen Optimisten unverdrossen um Ausgleich und Mäßigung. Auch mit baden-württembergischer Hilfe.

Frank Müller ist Chef des IT-Dienstleisters Axsos, der Niederlassungen in Stuttgart, Solingen und in Ramallah unterhält. Ramallah? An die verdutzte Rückfrage ist er längst gewöhnt. Mit fünf Mitarbeitern hat er 2011 in der Westbank begonnen, bis 2030 sollen es zwischen 500 und 1000 sein. Der 48-Jährige glaubt an eine Zukunft trotz Sperranlagen und Repressalien. Israelis üben hier die volle zivile und militärische Kontrolle aus, und ihr Verständnis davon ist oft genug inakzeptabel. "Ich bin pro Frieden", sagt er, "aber gerade wir Deutsche tun gut daran, beide Seiten zu sehen und zu moderieren." Wichtig sei, "dass die junge Generation Palästinas ihr Leben nicht mit Steinewerfen verschwendet". Weil er aber weiß, wie eingeschränkt die Möglichkeiten der arabischen Beschäftigten unter israelischer Besatzung sind, wurden Heimarbeitsplätze eingerichtet, der immer wieder verhängten Ausgangssperren wegen.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Mitte) bei Asxos mit Vorstand Frank Müller. Foto: StaMi BW
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Mitte) bei Asxos mit Vorstand Frank Müller. Foto: Staatsministerium BW

Ende März hatten Müller und sein Aufsichtsratschef Rolf Stephan Besuch. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) wollte nicht nur in Tel Aviv, sondern auch in der Westbank einen Einblick in die Start-up-Szene bekommen. Auch hier studieren junge Frauen schneller und machen die besseren Abschlüsse. Axsos hat deutsch-arabische Projektteams eingeführt. Kulturelle Vielfalt wird als besonders produktiv gerühmt und befördert. So hängen in den Räumlichkeiten in Ramallah ausschließlich Bilder deutscher Sehenswürdigkeiten an den Wänden, in Stuttgart nur solche aus dem Nahen Osten. In Deutschland seien im IT-Bereich zwischen 30 000 und 50 000 Stellen unbesetzt, weiß Müller, der in den Neunzigern Angestellter beim Evangelischen Jugendwerk Baden-Württemberg und zur Aufbauarbeit in Palästina war. Hier treffe er auf Gastfreundschaft, auf Zugewandtheit, auf die vielen Vorzüge der arabischen Welt. In seinem unternehmerischen Engagement sieht er "einen Beitrag zum Frieden im Heiligen Land". Es würden Brücken gebaut und soziale Marktwirtschaft exportiert, lobt Winfried Kretschmann. Der Blick aus dem Fenster neben ihm ist dennoch ernüchternd trist. Auf dieser Seite der Mauer, die Israel gegen den Terror schützen und im Endausbau rund tausend Kilometer lang sein soll, funktioniert nicht einmal die Müllabfuhr.

"Wir weigern uns zu hassen"

Keine 50 Kilometer weiter südlich funktioniert noch viel weniger. Daoud Nassar streitet seit 1991 um das Land, das sein Großvater vor hundert Jahren und mit Dokumenten lückenlos belegbar gekauft hat. Einen "Außenposten der Hoffnung" nennt er seine 42 Hektar. Dabei darf er, weil es die israelischen Behörden nicht wollen, nicht bauen, es gibt kein Wasser- und keine Stromleitung, dafür Zisternen und die Sonne. Geschlafen, diskutiert, gelebt und gelacht wird in Höhlen und Zelten. "Wir weigern uns zu hassen", steht auf Stein gemalt am Eingang zur Begegnungsstätte, "wir weigern uns, Feinde zu sein." Die Familie, die bisher 180 000 Dollar in die gerichtlichen Auseinandersetzungen gesteckt hat, ist jederzeit auf das Anrücken der Bulldozer gefasst. Einmal wurde, wenige Tage bevor die Aprikosen reif waren, die gesamte Ernte samt den Bäumen zerstört. Direkt gegenüber, jenseits einer schmalen Senke, entsteht gerade eine große Schule für die Kinder jüdischer Siedler. Nassar ist Betriebswirt mit österreichischem Abitur und bestem Deutsch. Er weiß, dass wenn das so weitergeht mit dem Bauen, ihr Besitz irgendwann von Siedlungen eingekreist sein wird und damit vom Umland abgeschnitten.

"Wenn du als Soldat einen Schritt in die besetzten Gebiete machst, dann ist das, als ob du deine Moral in den Reißwolf wirfst – nach einer Minute ist nichts mehr davon übrig", schreibt Jehuda Schaul. Früher diente er in Israels Armee, später hat er die Organisation "Breaking the Silence" (Schweigen brechen) gegründet, auf Hebräisch "Schowrim Schtika". 146 Augenzeugenberichte versammelt das inzwischen auch auf Deutsch erschienene gleichnamige Buch. "Die jungen Männer und Frauen", heißt es im Vorwort von Avi Primor, einst Botschafter in Bonn, "wollen niemand verleumden, sie wiederholen keinen Tratsch und Klatsch, sie verbreiten keine Gerüchte, sondern sie erzählen das, was sie selbst gesehen haben oder sogar was sie selber getan haben". 

Schon der Blick ins Inhaltsverzeichnis offenbart die grausame Wirklichkeit. "Ihre Gliedmaßen waren auf der Mauer verschmiert" heißt ein Kapitel; "Mir war nicht bewusst, dass es Straßen nur für Juden gibt" ein anderes. Soldaten beschreiben ihren Auftrag mit "Stören und belästigen", Krankenwagen aufzuhalten, in einer "Art totaler Willkür" vorzugehen. Ein Palästinenser muss – Luftlinie keine 20 Kilometer von Yad Vashem entfernt – einen Kontrollpunkt nutzen. "Was ist das sonst", fragt ein Fallschirmjäger, "wenn nicht ein Ghetto?"

Eine Zwei-Staaten-Lösung ist schwer vorstellbar

Unter den Gästen aus Baden-Württemberg, die von Jerusalem aus auf erzwungenen Umwegen zu Axsos nach Ramallah fahren, die in der Frühsommerhitze den 30-minütigen Fußweg zum "Tent of Nations" zurücklegen müssen, weil die Straße von den Besatzern mit einem großen Felsblock unpassierbar gemacht wurde, kann sich niemand mehr vorstellen, wie eine Zwei-Staaten-Lösung, ein friedliches Nebeneinander aussehen könnte. Müller und Nassar eint ihre beeindruckende, an Realitätsverweigerung grenzende Zuversicht. Im nächsten Jahr, erinnert der Unternehmer, jähre sich die israelische Besatzung der Westbank zum 70. Mal – mit all den damit verbundenen Einschränkungen. Das habe "in den Köpfen der Menschen ein Opferbewusstsein hinterlassen", das aufgebrochen werden muss. Er wolle den jungen Menschen in Palästina vermitteln: "Ihr habt einen Gestaltungsspielraum, ihr könnt das Land verändern, damit vielleicht irgendwann einmal eine Augenhöhe zwischen Israel und Palästina entsteht."

Kretschmann im Tent of Nations. Foto: Staatsministerium BW
Kretschmann im Tent of Nations. Foto: Staatsministerium BW

Im "Tent of Nations" werden Kinderfreizeiten veranstaltet oder Frauentreffen, aus Europa kommen Jugendliche zum Freiwilligen Sozialen oder Ökologischen Jahr oder für ein paar Monate. Gerade arbeitet eine Studentin aus Dortmund auf dem kargen Land. Freunde haben sie dazu animiert und sie selbst will andere überzeugen, es ihr gleichzutun. Viele junge Palästinenser, sagt Mitri Raheb, ein evangelischer Pfarrer und zugleich Hochschulpräsident in Betlehem, seien sehr religiös, "sie glauben an ein Leben nach dem Tod, nur nicht mehr an ein Leben davor". Die Botschaft brennt sich ein. Winfried Kretschmann, der zweimal 30 000 Euro aus Landesmitteln für die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach mitgebracht hat, bekennt später, diesen Satz werde er nicht mehr vergessen.

Die Region war schon weiter, viel weiter. Vor inzwischen fast 25 Jahren wurde in Washington jener Grundlagenvertrag unterzeichnet, der als Meilenstein auf dem Weg zum Frieden galt. Im November 1995 wurde einer der Väter, Ministerpräsident Yitzak Rabin, von einem rechtsnationalen jüdischen Studenten erschossen. Wenig später kam der rechtskonservative Benjamin Netanjahu an die Macht und wurde, mit Unterbrechungen, bis heute wieder gewählt, zuletzt 2015. Gegenwärtig laufen Ermittlungen gegen den inzwischen 67-Jährigen wegen Vorteilsnahme. Das Land rückt immer weiter nach rechts, die Gruppe der orthodoxen Juden, die ihr ganzes Leben vom Staat alimentiert werden, nicht arbeiten und nicht zum Militär müssen, die aber stramm nationalistisch wählen, wird immer größer. Just als die baden-württembergische Delegation im Land war, genehmigt die Regierung erstmals seit den Friedensverhandlungen der Neunziger Jahre neue Siedlungen im Vornhinein, statt wie bisher illegalen Bauten nachträglich ihren Segen zu geben. Für die Familie Nassar und ihre Nachbarn ändert sich kaum etwas. Sie arbeiten weiter hart, zum Beispiel am und im Kräutergarten gegenüber der neue Schule, mit seinen von Hand geschichteten steinernen Mauern, dem Thymian und dem Rosmarin. Der unbeugsame Palästinenser will möglichst viele Nachbarn dazu bringen, nicht aufzugeben, ihren Grund und Boden weiterhin auch ohne Wasserleitungen urbar zu machen. Denn wenn drei Jahre nichts wächst, so will es das Recht der Stärkeren, fällt das Land unwiederbringlich an Israel.

Thymian pflücken verboten – reine Schikane

Apropos Thymian: Neben dem Stacheldraht, den Checkpoints, den Straßen- oder Ausgangssperren bestimmen große Kleinigkeiten das Leben in der Westbank. Eben erst wurde wilder Thymian auf die Liste jener Pflanzen gesetzt, die am Wegesrand nicht mehr gepflückt werden dürfen. Die Besatzer wollen es so. Warum? Weil sie wissen, dass Thymian Hauptzutat für Zatar ist, die traditionelle Gewürzmischung, die jede palästinensische Familie nach eigenem Rezept fertigt. Frank Müller bloggt und kocht und entwickelt Rezepte. In dem Onlineshop, den Axsos unterhält und dessen Einnahmen vollständig an Einrichtungen zur Betreuung von Kindern und Jugendlichen fließen, gibt es Zatar-Spätzle aus Dinkelgries zu kaufen. Produziert werden sie von der Nudelmanufaktur Schaut aus Andelfingen am Fuße der Schwäbischen Alb. Nein, er sei kein Sozialromantiker, sagt der Firmenchef. Er kämpft an gegen Widerstände, gegen Ohnmacht und Verzweiflung.

Irgendwann in diesen Stunden wird am Damaskustor in Jerusalem eine junge Frau erschossen, die ein Messer gezückt hatte. Vielleicht redet einer der Polizisten, die an dieser Aktion beteiligt werden, auch einmal. Dann würde er sich heftiger Kritik ausgesetzt sehen, in seinem Freundeskreis, in vielen Medien, sogar Schikanen der Behörden. Wie jene 146 Zeitzeugen, die in "Schowim Schtrika" ihr Schweigen brachen. "Oft werden sie als Vaterlandverräter beschimpft", beklagt Avi Primor und stellt der Mehrheit seiner Landsleute ein unschönes Zeugnis aus: "Die schaut weg und steckt den Kopf in den Sand."

Menschen wie Nassar und Müller wollen sich damit nicht abfinden. Der eine ringt weiter unermüdlich um seine Olivenernte, um den ersten Wein, den Kretschmann überreicht bekommt, um Aprikosen- oder Feigenmarmelade, um den internationalen Austausch, um weitere Besucher und Helfer aus Baden-Württemberg und um sein Recht vor dem Höchstgerichthof. Der andere will eine Niederlassung auf der anderen Seite der Sperranlagen eröffnen, plant jüdische Israelis einzustellen. Und er malt sich aus, wie seine Beschäftigten aus Ramallah 25 Kilometer nach Süden fahren, um zum ersten Mal in ihrem Leben Jerusalem einen Besuch abzustatten. Den Antrag darauf hat die Militärverwaltung abgelehnt. Also wird Müller noch einen stellen. Und noch einen und noch einen ...


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Letzte Kommentare:


Ausgabe 391 / Zum Schutze der Verfassung / Schwa be / vor 24 Minuten 47 Sekunden
Zustimmung!











Ausgabe 390 / Die Reichen berauben / Wolfgang Bender / vor 19 Stunden 49 Minuten
Ich denke, der "Kalle" hat ausgedient.



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