Ausgabe 38
Überm Kesselrand

Krippe und Krieg

Von Susanne Götze (Text und Fotos)
Datum: 21.12.2011
Bethlehem – das klingt nach Weihnachten, Liebe und Wärme. Die Wirklichkeit vor Ort ist anders. Bethlehem liegt auf palästinensischem Gebiet. Kaum ein Pilger traut sich deshalb von der Geburtskirche weg in die angrenzenden Straßen. Was ein großer Fehler ist.

Palästina kämpft um einen Sitz in der UN-Vollversammlung. Der überdimensionale Stuhl steht in Ramallah auf dem zentralen Löwenplatz.

Bethlehem – das klingt nach Weihnachten, Liebe und Wärme. Die Wirklichkeit vor Ort ist anders. Bethlehem liegt auf palästinensischem Gebiet. Kaum ein Pilger traut sich deshalb von der Geburtskirche weg in die angrenzenden Straßen. Was ein großer Fehler ist.

In Bethlehem ist zur Weihnachtszeit sprichwörtlich die Hölle los. Tausende Pilger aus aller Welt werden in Bussen zur Geburtskirche in Bethlehem gekarrt. Auf dem Vorplatz tummeln sich Souvenirhändler, der Krippenverkauf hat Konjunktur. Gegenüber der Kirche, die im fünften Jahrhundert nach Christi Geburt errichtet wurde, steht heute eine Moschee mit Gleich gegenüber der Geburtskirche, zu der die Pilger strömen, steht diese Moschee mit dem Arafat-Poster.einem Arafat-Poster, eingerahmt von zwei großen, schlanken Palmen. Gleich nebenan blasen Palästinenser überdimensionierte Plaste-Weihnachtsmänner auf. Über den kleinen Gassen der Bethlehemer Altstadt glühen elektrische Sterne und Kerzen.

"Stern über Bethlehem, zeig uns den Weg, führ uns zur Krippe hin, zeig, wo sie steht", besingt das beliebte Weihnachtslied von Alfred Hans Zoller. Und genau dahin wollen alle Besucher von Bethlehem. Doch der Weg zur Krippe ist heute weit weniger romantisch als vor 2000 Jahren: Vom Busparkplatz aus gelangt man durch eine kleine Tür ins Innere der Kirche, deren Zentrum ein mit Gold und Ornamenten verzierter Altar ist, der unwirklich weihrauchverhangen aus dem kargen Dunkel herausragt. Schlichte, glatte Steinsäulen trennen das Kirchenschiff, es gibt keine Bänke, nur einen unebenen, gelblichen Steinboden. Der Platz rechts vom Altar ist mit murmelnden Pilgern verstopft. Dicht drängen sich griechisch-orthodoxe, katholische und protestantische Gläubige vor dem kleinen Eingang, der in einen stickigen Keller führt. Der Pfarrer verweist viele seiner ungeduldigen Schäfchen unsanft des Platzes: "Sofort zurück! Kommen Sie später wieder! Machen Sie, dass Sie wegkommen, go, go, go!"

Dort unten in der schummrigen Grotte soll ein Marmorbassin mit einem Silberstern stehen, an das sich die Pilger ranschieben, um es für eine Sekunde zu berühren, ja zu küssen. Die Hysterie in der Grotte ist programmiert – wenn das Jesus wüsste!

Die Pilger wagen sich nicht mal in die Seitenstraße

Die Geburtskirche und ihre Grotte sind meistens alles, was die Pauschalpilger von Bethlehem mitbekommen. Sie sehen den Kirchvorplatz, die Souvenirhändler vor der Kirche, den Parkplatz und eben, wenn sie es schaffen, die Grotte. Nicht einmal zum Krippenverkäufer rund 100 Meter neben der Kirche in einer Seitenstraße wagen sich die Besucher. Viele haben Angst, denn Bethlehem liegt in palästinensischem Gebiet. "Die Touristen haben keine Zeit. Sie werden von den israelischen Reiseveranstaltern in die Souvenirshops gelotst, die als Subunternehmer für sie arbeiten", ärgert sich Jack Giacaman, Besitzer eines kleinen Souvenirladens. "Ihnen wird Angst gemacht, dabei wurde in dieser Stadt noch nie irgendein Tourist auch nur leicht verletzt." Der freundlich lächelnde kleine Mann ist auf die Gunst einiger weniger Touristen angewiesen, die sich zu ihm in die Seitengasse verirren – und er lebt vor allem von Bestellungen, dem Internet sei Dank.

Zu Zeiten der zweiten Intifada im Jahr 2002 war Bethlehem touristenfrei. Nachdem die israelischen Truppen sich zurückgezogen hatten, kamen auch die Touristen wieder. Ihre Angst aber blieb, dabei sind die eigentlich Traumatisierten die Einheimischen, meint der Theologe Andreas Kunz, der seit 1998 regelmäßig in Bethlehem arbeitet. Zwar ist er auch öfter in Deutschland, fühlt sich aber am wohlsten hier, zwischen den Palästinensern. "Damals hatten wir nicht gedacht, dass die Israelis sich wirklich trauen, nach Bethlehem einzumarschieren. Aber dann passierte es doch. Die Gefahr geht hier eindeutig nicht von den Palästinensern aus."

Der Theologe, dem Palästina so sehr am Herzen liegt, bildet in Bethlehem einheimische Reiseguides aus. Sie lernen nicht nur alles über die biblischen Stätten Palästinas, sondern auch über die Geschichte ihres Landes. Wie ihr Lehrer Kunz können sie dann erklären, wie es zum Bau der Geburtskirche kam, aber auch, was in Bethlehem während der jordanischen und israelischen Besatzung geschah und geschieht und wie die Menschen damit im Alltag leben.

Einheimische Guides zeigen ein anderes Palästina

Kunz sind die Touristen ein Gräuel, die von der Krippengrotte direkt in den klimatisierten Reisebus steigen und ängstlich durchs Fenster die fremdartigen Einheimischen wie in einem Zoo betrachten. So werde man weder von Bethlehem noch von Jesus jemals etwas verstehen.

Wer sich also wirklich heilige Spuren verfolgen will, statt bakterienverkeimte Becken abzuküssen, muss nur die Augen aufmachen und sich an einen einheimischen Guide halten. Doch die Nachfrage nach alternativen Touren durchs Heilige Land hält sich in Grenzen. Fragt man Andreas Kunz, was denn aus seinen palästinensischen Schülern nach dem Abschluss wird, verfinstert sich sein Gesicht. "Sie haben kaum eine Chance", erklärt er fast wütend: "In Israel bekommen sie ohnehin keine Erlaubnis, Touristen zu führen, und hier in Palästina verdienen sie zu wenig und sind von dem Wohlwollen israelischer Reiseveranstalter abhängig." Diese würden die palästinensischen Führer höchstens für ein paar Stunden buchen, bevor die Besucher dann wieder nach Israel zurückfahren. "Viele haben auch zu wenig Mut, etwas Eigenes aufzubauen, um sich aus der Abhängigkeit zu lösen", sagt Kunz.

Dass dies möglich ist, zeigt die Alternative Tourism Group (ATG). Die Arbeit von Rami Kassis und seinen Kollegen steht unter einem guten Stern: Sie wagten dieses Experiment und führen Touristengruppen aus aller Welt durch Palästina, organisieren Transport und Übernachtungen. Es kommen Europäer, Amerikaner und immer mehr Russen. Gerade ist sogar die Neuauflage des ersten von Palästinensern erstellten Reiseführers erschienen. Das Ziel: ein anderes Palästina zeigen und die Touristen mit den Menschen zusammenbringen.

Der Pfarrer und sein kulturelles Netzwerk

Bucht man eine Reise von Deutschland aus mit ATG, kann man sich nicht nur aussuchen, was für ein Programm man haben möchte, sondern auch, wo man schlafen will: im Hotel oder bei palästinensischen Familien. "Sie können uns angeben, ob sie lieber eine politische Tour haben oder mehr religiöse Ziele besuchen wollen", erklärt der Vorsitzende Rami Kassis rauchend in seinem spartanischen Büro in Beit Sahour, einem Vorort von Bethlehem. Reiseleiter Andreas Kunz findet auch, dass ATG eine gute Arbeit macht. Jedoch werde das nicht das Problem lösen, dass die Masse der Touristen sich nicht in palästinensische Gebiete traut oder von israelischen Führern davor gewarnt wird.

Dabei scheint der biblische Stern über ganz Bethlehem – aber besonders über dem Internationalen Begegnungszentrum der Weihnachtskirche. Hierher verirren sich nur die wenigsten Pilger. Dabei sind es von der Geburtskirche keine 500 Meter bis zu der im 19. Jahrhundert von Deutschen errichteten Weihnachtskirche und ihrem in der Region mittlerweile populären Pfarrer Mitri Raheb hat in Bethlehems Altstadt ein Gästehaus und ein Begegnungszentrum aufgebaut.Pfarrer Mitri Raheb. "Wir hatten zuerst schon Angst, hierherzukommen, aber mittlerweile fühlen wir uns sicher, ja richtig willkommen", berichtet ein Pilgerpärchen, das den Schritt in die Altstadt von Bethlehem gemacht hat und über das Begegnungszentrum und sein Gästehaus sprichwörtlich gestolpert ist.

Seit 1995 baut der palästinensische Pfarrer Mitri Raheb ein kulturelles Netzwerk in der Region auf, das seinesgleichen sucht. Das Diyar-Netzwerk betreut ein Gästehaus, hat eine Kunsthochschule gegründet und ein Sport-und-Wellness-Center gebaut. Das gesamte Diyar-Konsortium ist mittlerweile der drittgrößte Arbeitgeber der Region. Raheb glaubt, dass die "Investitionen" in die Menschen vor Ort das Einzige sind, was in der politischen Situation einen Sinn ergebe: "Auch wenn wir wissen, dass es nur schlechter werden kann, haben wir Hoffnung. Hoffnung heißt zu wissen, dass morgen die Welt untergeht, und trotzdem heute einen Olivenbaum zu pflanzen", so das Credo des Pfarrers der Weihnachtskirche. "Ich versuche in meiner Gemeinde Fakten zu schaffen: Wir tun alles, um in junge Menschen zu investieren."

Die Mauer, die Checkpoints, die Siedler, die eingezäunten Straßen

Raheb hat mit seiner Gemeinde schon viel durchgemacht. Die Invasion der isrealischen Panzer in Bethlehem im Jahr 2002 hinterließ nicht nur an den hellen Granitmauern des Zentrums, sondern auch bei den Menschen ihre Spuren. Er habe daraus gelernt, nicht mehr auf die Politik zu hoffen, sondern selber anzupacken, erzählt Raheb bühnenreif ins Aufnahmegerät. Die verzweifelte Entschlossenheit sieht man dem sanften und freundlichen Mann mit seiner runden, großen Brille erst auf den zweiten Blick an. Hoffnung auf Freiheit, meint er bitter, sei etwas, was Europäer kaum mehr verstehen würden. Rachels Grab liegt auf palästinensischem Gebiet, ist aber abgeschottet und den Palästinensern nicht zugänglich.Doch hier in Bethlehem trage man sie jeden Tag in sich, weil sie fehle. Nachdem die UN einen Palästinenserstaat abermals abgelehnt habe, sei die Lage perspektivloser denn je. "Palästina sieht heute aus wie ein Emmentaler Käse: Der Käse ist für die Israelis, und in den Löchern sitzen die Palästinenser. Die Westbank ist nur noch ein Flickenteppich."

Tatsächlich haben Siedler rund um Bethlehem große Gebiete annektiert. Auch die Mauer haben die Einwohner jeden Tag vor Augen, ebenso die Checkpoints und die eingezäunten Siedlerstrassen. Die Mauer geht sogar zum Teil nach Bethlehem hinein. Grund dafür ist das Grab von Rachel, eigentlich ein Heiligtum für Muslime, Juden und Christen. 2007 schirmten die Israelis den Kuppelbau völlig ab und versahen ihn mit einer Mauer, Stacheldraht und Wachtürmen: Eine kleine Straße, rechts und links von einer Mauer umgeben, führt von der israelisch verwalteten C-Zone bis zum Grab. So können Israelis geschützt die Grabstätte besuchen.

In der Vergangenheit hatte es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Besuchern und Einheimischen gegeben. Palästinenser müssen diesen Wall nun zusätzlich umgehen. Der Zutritt zum Grab ist ihnen schon seit 1967 nicht mehr erlaubt, auch wenn es eigentlich auf palästinensischem Gebiet liegt. Ein weiteres Symbol für dieses Land, in dem jeder Stein heilig und jeder zweite von einer Mauer umgeben ist. Jedes Jahr zu Weihnachten schreitet der Patriarch von Jerusalem zu Rachels Grab, für ihn wird der Checkpoint zur A-Zone geöffnet.

Der Stern über Bethlehem als Fluch, nicht als Segen

Gleich gegenüber von Rachels Grab liegt das Aida-Flüchtlingscamp, in dem seit über 60 Jahren die 1948 geflüchteten Palästinenser leben. Über dem Eingang prangt der weltgrößte Schlüssel aus Eisen. "Die Menschen hier geben die Schlüssel von ihren ehemaligen Häusern, aus denen sie vertrieben wurden, von Generation von Generation weiter. Sie haben die Hoffnung nicht aufgegeben, irgendwann einmal zurückzukehren", erklärt der Führer Andreas Kunz. Der Stern über Bethlehem ist für sie ein Fluch und kein Segen.

Das Bethlehem von Andreas Kunz, Rami Kassis und Pfarrer Mitri Raheb ist eine Entdeckungsreise. Statt einem Stern sollte man lieber den dreien folgen. In Bethlehem lernt man nicht nur etwas über einen politischen Konflikt, sondern auch viel über die Absurdität menschlichen Verhaltens, über Unversöhnlichkeit, Mut, Hoffnung, Moral und Verzweiflung.

Mitri Raheb von der Weihnachtskirche hat zuletzt noch eine Überraschung für seine Pilger parat: Unter seinem Gemeindehaus hat er vor einigen Jahren eine Grotte entdeckt, die angeblich laut Archäologen auf ein Alter von 2000 Jahren datiert wird. Die kleine Höhle wurde restauriert, und an der Frontseite kann man eine Art Türabdruck sehen. Die rund 20 Quadratmeter große Grotte ist in zwei Ebenen geteilt: Nahe der Tür schliefen die Menschen, eine Stufe tiefer die Tiere. Kaum vorzustellen, dass hier bis zu 20 Leute um ein Feuer gelegen haben sollen.

Vielleicht stand die Krippe auch in einer Felsengrotte

In der Bibel heißt es: "Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem (...). Und Maria gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge."

Die Herberge könnte ebenso eine Grotte gewesen sein, wie sie unter Mitris Weihnachtskirche gefunden wurde. Denn da kein Platz mehr in dem Raum bei den Schlafenden war, wurde das Paar zu den Tieren verwiesen. "Wo die Krippe wirklich gestanden hat, ist nebensächlich. Viel spannender ist, wie die Menschen damals miteinander umgegangen sind. Uns interessieren die Menschen und nicht die Mythen. Was uns an Jesus interessiert, ist, wie er mit seinen Mitmenschen vor 2000 Jahren gelebt hat, was er getan und gedacht hat", meint der Mann mit der großen Brille.

Schade nur, dass die meisten Pilger davon nichts sehen und hören. Manchmal sieht man wohl den Stern vor lauter Sternen nicht: "Stern über Bethlehem, wir sind am Ziel, denn dieser arme Stall birgt doch so viel."


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