KONTEXT Extra:
Lindenhof kriegt eine Million vom Land

Das Theater Lindenhof ist ein Unikum in der baden-württembergischen Bühnenlandschaft, ein Regionaltheater in dem nicht einmal 1000 Seelen zählenden Dorf Melchingen, das mit Aufsehen erregenden Inszenierungen, etwa 2016 einem Stück mit syrischen Geflüchteten, immer wieder weit ins Land hinaus wirkt. Seit langem allerdings stehen in dem 1981 gegründeten Theater umfangreiche Umbauarbeiten an, um die Standards für Zuschauer und Schauspieler auf ein zeitgemäßes Niveau zu heben, unter anderem einen barrierefreien Zugang zu gewährleisten.

Für dieses Vorhaben gibt es nun eine Förderung von einer Million Euro vom Land. Am Freitag überreichte Peter Hauk (CDU), Minister für den ländlichen Raum, Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer den Zuschussbescheid. Eine stattliche Summe, Hallmayer ist dennoch "nicht überrascht" über die Höhe. "Wir hatten ja Anträge in bestimmten Höhen gestellt, das ist alles vorbesprochen worden." Schon bisher wird das Theater von den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb, der Sitzgemeinde Burladingen und vom Land gefördert, insofern entsprächen auch der Finanzierungsmix für den Umbau dieser Konstruktion. Trotzdem ist der Intendant ungeheuer froh über die jetzt bewilligte Landesförderung, denn immerhin habe es über acht Jahre von den ersten Plänen bis jetzt gedauert, die Umbaufinanzierung sicher zu stellen. "Es hat schon viel Überzeugungsarbeit bedurft", sagt Hallmayer, und auch nach dem Wechsel vom früheren zuständigen Minister Alexander Bonde (Grüne) zu Peter Hauk nach der Landtagswahl 2016 habe man wieder neuen Anlauf nehmen müssen. "Aber wir haben gemerkt, dass von allen Fraktionen eine außergewöhnliche Wertschätzung für das Theater da war."

Nun kann sofort mit dem Bauen begonnen werden, "der Bagger ist schon da", so Hallmayer. An den auf 2,5 Millionen Euro veranschlagten Baukosten beteiligen sich auch die angrenzenden Landreise und die Gemeinde Burladingen, und mit 750 000 Euro Eigenmitteln auch die Stiftung Theater Lindenhof. "Einen Teil davon haben wir schon", sagt Hallmayer, "für einen Teil wollen wir noch Unternehmen als Partner werben." (23.7.2017)


Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


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Bis 2. April ist die Ausstellung "Die Nachbarn werden weggebracht" in Horb zu sehen. Fotos: Verein Ehemalige Synagoge Rexingen

Bis 2. April ist die Ausstellung "Die Nachbarn werden weggebracht" in Horb zu sehen. Fotos: Verein Ehemalige Synagoge Rexingen

Ausgabe 311
Zeitgeschehen

"Sie haben übrigens Verwandte in Israel"

Von Oliver Stenzel
Datum: 15.03.2017
Eine Ausstellung in Horb erinnert an die Deportation und Ausraubung der dort lebenden Juden durch die Nazis. Umgesetzt haben sie zwei Rexinger, die seit Jahren zeigen, wie lebendige Gedenkstättenarbeit aussehen kann.

Gesund wurde Hedwig Schwarz aus Rexingen nicht mehr. Aber sie war eine der fünf von 127 deportierten Jüdinnen und Juden aus dem heutigen Horber Stadtgebiet, die die KZs und Vernichtungslager der Nazis überlebten. Ihr Mann, der Viehhändler Louis Schwarz, ihre Tochter Hilde und deren sechsjähriger Sohn wurden ermordet. Hedwig Schwarz jedoch fiel beim Transport ins KZ Theresienstadt von einem Lastwagen, brach sich den Oberschenkelhals. Wo sie überlebte, in einem Krankenhaus, versteckt oder in Theresienstadt, weiß man nicht. Nach der Befreiung des Lagers kam sie schwerkrank ins Marienhospital nach Stuttgart, wo sie bis zu ihrem Tod 1952 blieb. Begraben ist sie auf dem Rexinger Friedhof.

Bis in die NS-Zeit gab es in Rexingen, das heute zu Horb am Neckar gehört, eine besonders lebendige jüdische Gemeinde. 262 Mitglieder zählte sie noch 1933. Daneben gab es im heutigen Horber Stadtgebiet fünf weitere jüdische Gemeinden, die größte davon mit knapp 100 Mitgliedern in Horb selbst, wo um die Jahrhundertwende anstelle einer Synagoge ein jüdischer Betsaal in einem Wohnhaus eingerichtet wurde. 1933 lebten insgesamt noch rund 400 Juden in diesen sechs Gemeinden.

Sechs der 127 deportierten Juden aus dem heutigen Horber Stadtgebiet, an die die Ausstellung erinnert.
Sechs der 127 deportierten Juden aus dem heutigen Horber Stadtgebiet, an die die Ausstellung erinnert.

Etwa zwei Drittel von ihnen konnten in den folgenden Jahren emigrieren, und Rexingen war dabei die einzige jüdische Gemeinde im Deutschen Reich, der eine Gruppenauswanderung gelang: Nach gründlicher Vorbereitung ging im Frühjahr 1938 eine Gruppe von 41 Personen nach Palästina, um dort die noch heute bestehende Siedlung Shavei Zion zu gründen, im nordwestlichsten Teil des späteren Staates Israel. Weitere Gruppen hätten folgen sollen, doch nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 war dies nicht mehr möglich.

An die verbliebenen 127 Juden aus Rexingen, Horb und den umliegenden Gemeinden, die 1941 und 1942 deportiert wurden, erinnert noch bis Anfang April die Ausstellung "Die Nachbarn werden weggebracht" in dem ehemaligen Horber Betsaal. Seit 2012 ist hier ein kleines Museum untergebracht, das vom Träger- und Förderverein Ehemalige Synagoge Rexingen unterhalten und genutzt wird.

Bestellzettel für Raubgut

127 Bilderrähmchen, zu etwa einem Drittel mit Fotos gefüllt, erinnern an die Deportierten. Eng aneinander gereiht stehen sie auf Tischen, vor ihnen liegen Textblätter mit Namen, Lebensdaten und manchmal weiteren Fotos. Knappe Informationen, doch sie reichen in dieser Präsentationsform, um die Ungeheuerlichkeit des Vorgangs zu verdeutlichen. "In der Masse erschlägt das einen vielleicht", sagt Barbara Staudacher vom Synagogenverein, "aber es gibt auch einen Begriff davon, was damals geschah."

Schaudern lässt auch der zweite Teil der Ausstellung, der anhand von Akten des Finanzamts Horb zeigt, wie das NS-Regime die Deportation und Ausraubung der jüdischen Familien organisierte. Kaltblütigkeit, Zynismus, Gier und bürokratische Genauigkeit gingen hier Hand in Hand.

Dokumente belegen detailliert, an wen das geraubte Eigentum ging: Die besten Stücke sicherten sich die Höheren SS- und Polizei-Führer der Region, danach kamen die Finanzämter, dann verschiedene NS-Organisationen, der Rest wurde öffentlich versteigert. Zu sehen ist unter anderem ein "Bestellzettel" der Kreisfrauenschaft: ein kleiner Küchenschrank, ein Kaffeegeschirr, 30 Kaffeelöffel und so weiter. Erschreckend auch die Geschichte der Restitution nach 1945: Überlebende oder Nachkommen der Beraubten mussten selbst Belege liefern, was ihnen geraubt wurde, obwohl die Finanzämter diese – mindestens zum Teil – noch hatten, sich aber unwissend stellten.

Was vom geraubten Eigentum der jüdischen Familien nicht an NS-Funktionäre oder -Organisationen verteilt wurde, wurde öffentlich versteigert.
Was vom geraubten Eigentum der jüdischen Familien nicht an NS-Funktionäre oder -Organisationen verteilt wurde, wurde öffentlich versteigert.

Die Ausstellung haben Staudacher und ihr Partner Heinz Högerle zusammengestellt, "da steckt jahrzehntelange Recherche drin", sagt sie. Was ihnen an Budget fehlt, machen sie dabei durch Kreativität bei der Konzeption wett. Auch, dass der ehemalige Betsaal in dieser Form umgebaut werden konnte, ist ihr Verdienst, sie initiierten 2006 eine Förderstiftung zu diesem Zweck.

Für ihre Arbeit erhielt das Paar das Bundesverdienstkreuz

Staudacher ist 73 und war früher Buchhändlerin, Högerle ist 67 und immer noch Verleger, beide wirken sie viel jünger. Aus Stuttgart sind sie 1999 nach Rexingen gezogen, in den Synagogenverein 2001 eingetreten. Und seitdem, kann man sagen, prägen sie ihn. Für ihre ehrenamtliche Arbeit wurden sie mittlerweile unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Deutsch-Jüdischen Geschichtspreis ausgezeichnet.

Gegründet wurde der Verein schon 1997, "weil niemand mehr für das Gebäude der ehemaligen Synagoge aufkommen wollte", erzählt Högerle. Ab 1952 wurde es von der evangelischen Gemeinde als Kirche genutzt. Irgendwann war eine Renovierung nötig, Stadt und evangelische Landeskirche hätten das Gebäude "hin- und hergeschoben wie eine heiße Kartoffel", so Högerle. Der Horber Oberbürgermeister Michael Theurer habe dann den Träger- und Förderverein initiiert, der das Haus als Pächter mietfrei von der Stadt erhielt.

Eines der ersten Projekte war die Dokumentation des jüdischen Friedhofs in Rexingen. "Da haben wir gesagt: Wir sind beide im Verlagsgewerbe, wenn ihr ein Buch machen wollt, können wir euch helfen", erinnert sich Högerle. Bald halfen sie nicht mehr nur.

Die alte Synagoge in Rexingen. Foto: gemeinfrei
Die alte Synagoge in Rexingen. Foto: gemeinfrei

Frisch im Verein gründeten sie als erstes einen Öffentlichkeitsausschuss. "Wir waren der Meinung, dass mehr Öffentlichkeitsarbeit, mehr Veranstaltungen gemacht werden müssten", sagt Staudacher. Auch bauten sie eine Homepage auf, die mittlerweile zweisprachig deutsch und englisch ist.

Zu jüdischen Familien mit Rexinger oder Horber Wurzeln hatten sie anfangs keinerlei Kontakt, auch über die Stadt war in dieser Hinsicht nach dem Krieg nichts passiert. Dann kamen 2001 zwei Ehepaare aus Shavei Zion zu Besuch. Einer davon habe erzählt, sein Vater sei einer der Rexinger Kundschafter gewesen, die das Landstück in Palästina ausgesucht hätten. Die Begegnung sei "sehr, sehr intensiv" gewesen, sagt Högerle, und von da an sei es "rasend schnell gegangen".

Reger Austausch mit Shavei Zion

Im Jahr darauf reisten Högerle und Staudacher selbst nach Shavei Zion, es war der erste von vielen Besuchen, die noch folgen sollten. Sie knüpften nicht nur Kontakte mit den Familien dort, sondern schauten auch ins Archiv des Ortes. "Da war so viel Material über die Auswanderung, dass wir uns gesagt haben: Das muss man erschließen!", sagt Staudacher. Vier Jahre arbeiteten sie an der Ausstellung "Ort der Zuflucht und Verheißung", die 2008, zum 70. Jahrestag der Gruppenauswanderung, erst in Shavei Zion, danach in Jerusalem, Berlin und Stuttgart gezeigt wurde – und seitdem auch an vielen anderen Orten.

Aus den Kontakten haben sich bislang fünf Jugendaustausche zwischen Horb und Shavei Zion entwickelt, und bei manchen der beteiligten Gymnasiasten hätten die daraus gewonnen Erfahrungen auch schon die Wahl des Studienfachs, Judaistik oder Geschichte, beeinflusst.

Viel Jugendarbeit gemeinsam mit den Schulen in Horb und Umgebung machen Staudacher und Högerle darüber hinaus. Oft sind es ganz einfache Projekte, etwa mehrmals jährlich zusammen mit Schülern den jüdischen Friedhof aufzuräumen, und währenddessen erzählen sie die Geschichte des Ortes. "Manchmal kommen dann die Mütter zu uns", so Staudacher, "und sagen: Meine Tochter oder mein Sohn waren so begeistert". Wie vor kurzem zwei aus England stammende Frauen, die mittlerweile Übersetzungen für den Verein machen. So wächst das Netzwerk.

Unermüdlich: Barbara Staudacher und Heinz Högerle.
Unermüdlich: Barbara Staudacher und Heinz Högerle.

Und nicht zuletzt sind Staudacher und Högerle unermüdlich dabei, Bücher und Broschüren über das frühere jüdische Leben der Gemeinde zu veröffentlichen. Dass beide in diesem Bereich berufliche Erfahrungen hatten, vereinfachte die Sache, und mittlerweile haben sie ihren eigenen kleinen Verlag.

Besonders stolz sind beide darauf, 2005 die Lebenserinnerungen der 1922 in Stuttgart geborenen Hannelore Marx herausgebracht zu haben, diese seien "eine der wichtigsten Zeitzeugen-Schilderungen von jüdischen Überlebenden aus der Nazi-Zeit", findet Högerle. Marx, die erst vor wenigen Wochen mit 94 Jahren in New York gestorben ist (ein Nachruf hier) lernte nach Kriegsende ihren späteren Mann Victor kennen, der Rexinger Vorfahren hatte. Gemeinsam emigrierten sie nach New York, wo sie in einem Wohltätigkeitsverein ehemals Rexinger Juden, der "Rexinger Benevolent Association", aktiv wurden.

Diese schwäbischstämmige Community gibt es in New York immer noch, mehrmals schon waren Staudacher und Högerle dort zu Besuch. Zuletzt 2015, als eine Freundin von Hannelore Marx 100 Jahre alt wurde. "Da ist man in New York, in der Synagoge, und dauernd fällt der Name 'Rexingen'!", erinnert sich Högerle lachend.

Familienzusammenführungen durch die Vereins-Datenbank

Die vielen Kontakte und Recherchen sind über die Jahre auch in eine Datenbank eingeflossen, die mittlerweile mehrere tausend Namen umfasst, von jüdischen Familien aus Rexingen und Umgebung, aber auch weiter entfernten württembergischen Gemeinden. Die Datenbank werde sehr viel nachgefragt, erzählt das Paar, und ermögliche, immer wieder Familienzusammenführungen – über sieben Jahrzehnte nach dem Holocaust.

"Manchmal kommen Anfragen, da denke ich mir: Da hat doch schon mal jemand aus der Familie nachgefragt! Und dann gucke ich nach und schreibe: Sie haben übrigens eine Verwandte in Israel, haben Sie zu der Kontakt? Und dann kommt als Antwort: 'Was? Ich habe eine Verwandte in Israel?' Und dann mailen die sich, es ist eine Riesenfreude, das kommt wirklich oft vor", erzählt Staudacher begeistert. Demnächst komme jemand aus Argentinien mit Rexinger Vorfahren, dem habe sie Verwandte aus Israel vermittelt, und nun würden sie sich in Stuttgart treffen.

Solche Erlebnisse seien das Schönste, sagt Högerle. "Wenn man merkt: Was du da machst, ist nicht nur Vergangenheitsarbeit, sondern das hat ganz aktuell mit dem Leben der Leute zu tun."

Die Leidenschaft, mit der Staudacher und Högerle von ihrer Arbeit erzählen, steckt an. Seit Jahren machen sie zu zweit die Vereinsarbeit in Vollzeit – "wir machen fast nichts anderes, wir sind ja Rentner", sagt Staudacher. Und auch wenn sie seit kurzem einen jungen Historiker in einer Minijob-Stelle zur Seite haben, sowie eine Mitarbeiterin für die Datenbank, glauben beide nicht, dass sich alle Aktivitäten in vollem Umfang weiterführen lassen werden. Denn ohne Ehrenamtliche wird Gedenkstättenarbeit auch in Zukunft nicht gehen, "und Leute in unserem Alter haben Enkel, Urenkel, müssen Familienarbeit leisten. Das müssen wir nicht", sagt Staudacher. "Ich habe zwar eine Tochter, aber die ist zum Glück genauso familiendistanziert eingestellt wie ich."

Doch bevor sich Staudacher und Högerle in den Ruhestand verabschieden, wollen sie noch ein paar Ziele im Verein verwirklichen: Zum einen eine Dauerausstellung im Betsaal einzurichten, das sei ganz wichtig. Zum anderen die Rexinger Synagoge zu renovieren, eine Bibliothek und einen Teil der Shavei-Zion-Ausstellung dort unterzubringen. Die Mittel dafür sind schon genehmigt. Und ganz allgemein: "Wir versuchen auch andere Gedenkstättenvereine zu ermutigen, einen Weg wie wir zu gehen: Modernisierung, eine Homepage, eine Datenbank aufbauen", so Högerle. Damit die Vermittlung der Vergangenheit Anknüpfungspunkte an die Gegenwart bekommt.

 

Info:

Die Ausstellung "Die Nachbarn werden weggebracht" ist noch bis zum 2. April 2017 samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet, für Gruppen nach Anmeldung auch zu anderen Terminen. Der Eintritt ist frei (Museum Jüdischer Betsaal Horb, Fürstabt-Gerbert-Straße 2, Horb am Neckar).


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