Die Journalistin Filiz Koçali. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 311
Kolumne

Meister der Feindbilder

Von Filiz Koçali
Datum: 15.03.2017
In der Türkei bringt Erdoğan die Opposition zum Schweigen, warum sollte er dann in Deutschland oder den Niederlanden reden, meint unsere Kolumnistin und fragt sich, warum ihm das keiner sagt. Kontext bu mektupları Türkçe ve Almanca yayınlıyor.

Liebe Aslı,

wir sind weit entfernt voneinander und so wird es noch eine Weile bleiben. Ich kann nicht ins Land hinein und Du kannst nicht heraus. Solange die Türkei sich nicht wenigstens ein bisschen in Richtung Demokratie bewegt, können wir uns nicht treffen. Ich weiß nicht, wann wir wieder die Gelegenheit haben werden, uns gegenüber zu sitzen und uns zu unterhalten.

Ich bin mir jedoch sicher, dass wir über die gleichen Themen sprechen und dieselben Sorgen haben. Bestimmt verfolgst auch Du, wie Erdoğan und die AKP-Regierung zunehmend den Druck und die Gewalt in der Türkei erhöhen, und wie derzeit AKP-Ministern in Europa untersagt wird, für das Verfassungsreferendum zu werben. Ich lese sowohl die Nachrichten, die hier im Ausland erscheinen, als auch die Zeitungen der Türkei. Auch hier ist die wichtigste Meldung, dass die AKP-Minister nicht öffentlich auftreten können.


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5 Kommentare verfügbar

  • Jupp
    am 20.03.2017
    Ach wie sehr würde ich manchen Foristen wünschen- dass sie mal vom Sofa aufstehen und die schwäbische Wohlfühloase verlassen.

    Geht doch mal raus in die Welt. Es gibt Länder wo es tatsächlich Schlimmeres gibt als einen Bahnhofsumbau der euch so beschäftigt, dass ihr in einer Endlosschleife festhängt.
    Nehmt euch einen Flieger und demonstriert nächstes Wochenende in der Türkei gegen Erdogan. Mit so lustigen Plakaten wie wir sie von den Montagsdemos kennen.

    Wenn dann ihr jemals wieder ins soooo schlimme Ländle zurück kommt werdet ihr es wieder lieben.
    Unglaublich was man hier lesen darf. Ein Schlag ins Gesicht der Hunderttausenden die Ihre Arbeit verloren haben. Und der Zehntausenden die im Gefängnis sitzen weil sie nicht auf Linie sind.
  • Schwabe
    am 19.03.2017
    "In der Türkei bringt Erdoğan die Opposition zum Schweigen,..."

    In Deutschland liegt die Mehrheit der Oppositionsparteien und die Leitmedien bei den wichtigen Wirtschafts- und Gesellschaftspolitischen Themen, sowohl Innen- als auch außenpolitisch auf gleicher, kapitalorientierter, zerstörerischer Linie wie die herrschende bürgerliche Regierungspolitik. Beispiele sind die Präkarisierung von Arbeitsplätzen, die Privatisierung von Volkseigentum (Daseinsvorsorge) wie die Eisenbahn (Gewerkschaftsmobbing), das Gesundheitswesen, die Energieversorgung, die Bildung, die Autobahnen (geplant), Teilnahme an kriegerisch aggressiven Handlungen/Provokationen, Regime Changes (also Teilnahme an der Ermordung vieler Menschen), menschenverachtenden Freihandelsabkommen (z.B. mit Afrika) u.v.m..
    Der mit physischer Gewalt, Freiheitsentzug daherkommende Demokratieabbau in der Türkei ist ohne Frage schlimmer als der in Deutschland. Doch Abbau von Demokratie bleibt Abbau von Demokratie. Auch wenn er in Deutschland schleichend, eher mit psychischer Gewalt unter dem Mäntelchen der parlamentarischen Demokratie und -wie ich immer zu sagen pflege - mit Banane, Reisefreiheit und Lidl - daherkommt.
    Eine Regierung hat Vorbildfunktion und ist Richtungsweisend für die eigene Bevölkerung (ähnlich derer von Eltern gegenüber ihren Kindern). Diese Vorbildfunktion hat die deutsche bürgerliche Politik aufgegeben. Entsprechend setzt die Verwahrlosung, Verrohung, Entpolitisierung und Entsolidarisierung der deutschen Bevölkerung ein. Man schaue sich nur das eher harmlose Beispiel der zunehmenden Vermüllung des öffentlichen Raumes an und mit welcher Selbstverständlichkeit viele Menschen in Deutschland ihren Müll ungeniert auf die Strasse werfen. Angefangen von Verpackungen von Kaugummis, Zigaretten, bis hin zu Müllbeuteln, Kinderwägen, Fernseher, etc. Was sicherlich nicht zuletzt auch dem Abbau vieler städtischer Arbeitsplätze sowie dem Abbau von Papierkörben - also der Sparpolitik bürgerlicher Politik - geschuldet ist. Würde bürgerliche Politik Steuern nicht nur der arbeitenden Bevölkerung direkt vom Lohn abziehen sondern Unternehmen auch wieder normal besteuern, wäre noch viel mehr Geld da welches sinnvoll, im Sinne der Bevölkerungsmehrheit, eingesetzt werden könnte.

    Gewalt bleibt Gewalt! Ob nun physischer und eher offensichtlicher Gewalt - wie in der Türkei oder ob nun mit psychischer/seelischer und eher latenter (versteckter) Gewalt - wie in Deutschland unter bürgerlicher Politik! Demokratieabbau geschieht in beiden Ländern!
  • Georg Warning
    am 18.03.2017
    Sehr geehrter Herr Gela,
    dass man in der Türkei für Kritik an Erdogan hinter Gittern kommt, ist keine Besonderheit von Erdogan, hiesige Mapusse hätten das auch gern, müssen sich aber meist mit Entlassungen begnügen. Der Unterschied liegt nicht im Ehrgeiz der Herren und Damen, sondern in den Möglichkeiten, die ihnen das System bietet. Die Türkei war früher eine Militärdiktatur mit wenigen zugelassenen Parteien und einem starken Zentralismus nach dem Vorbild der französischen Revolution, das hat sich Erdogan zunutze gemacht. Privatunternehmer sind in der Türkei viel stärker von staatlichen Aufträgen abhänig als in Deutschland, auch das macht zu Erdogan zunutze. Was nicht bedeutet, dass hier kein massiver Filz zu finden ist. Dass man sogar in Deutschland für Kritik an Erdogan hinter Gitter kommen kann, ist nicht Erdogans Schuld, sondern die der deutschen Gesetzgeber, die lieber Kritik an fremden Staatsoberhäuptern unter Strafe stellen als dafür zu sorgen, dass fremde Staatsoberhäupter wie Ajatollah Chamene'i - Drahtzieher des Mordes am Kurdenführer Scharafkandi in Berlin - vor Gericht gestellt werden. Und was Sie in Deutschland unbesorgt gegen Politiker unternehmen können, sollten Sie vielleicht selbst einmal austesten. Ein Berichterstatter über die Polizistenprozesse zum Schwarzen Donnerstag in Stuttgart - von Hause Richter - bekam jedenfalls eine Hausdurchsuchung und ein Verfahren an den Hals...
    Wenn in Deutschland nur die AKP zum Wahlkampf auftritt und keine anderen - vielleicht besuchen Sie ja keine kurdischen Veranstaltungen und wissen es nicht anders, wäre damit noch keineswegs belegt, dass nur Herr Erdogan und seine Partei dafür verantwortlich sind.
    Wie vielfältig unsere von Annoncen oder von staatlichen Geldern abhängigen Medien sind, konnten Sie beim Lokomotivführer-Streik feststellen.
    Im übrigen wünschen ich süße Träume in der funktionierenden Demokratie.
  • Gela
    am 17.03.2017
    @Georg Warning: Ich kann Ihnen gern sagen, was Erdogan von hiesigen Politikern unterscheidet, wenn Sie das noch nicht gemerkt haben: Wenn Sie in der Türkei Erdogan krisitieren, lösen Sie damit ein sicheres Billet für einen Gefängnisaufenthalt unter höchst unerfreulichen und unsicheren Bedingungen - dagegen können Sie Mappus und Resch und Merkel und wen Sie wollen in Deutschland unbesorgt kritisieren und ggf. anzeigen. Es gibt überparteiliche Untersuchungsausschüsse, über deren Verhandlungen Sie sich informieren können. Wenn in Deutschland deutscher Wahlkampf ist, können alle Parteien ihre Reden schwingen, auch die AfD - beim türkischen Wahlkampf in Deutschland tritt nur die AKP auf- oder haben Sie was vom Wahlkampf von Erdogans Gegnern in Deutschland gehört?
    Mit dieser katastrophierenden Gleichsetzerei von traurigen Mißständen in einer doch recht gut funktionierenden Demokratie mit einer sich rasch entwickelnden Diktatur , in der alle Meinungsfreiheit brutal unterdrückt wird, tragen Sie doch selbst zur Verdummung der Leute bei, vor der Sie so warnen. Doch, man soll Zeitungen lesen, Fernsehen sehen, Politikerhören, - aber verschiedene, um sich selbst ein Urteil bilden zu können!
  • Georg Warning
    am 16.03.2017
    Liebe Filiz Kocali,
    Sie schreiben an den türkischen Staatspräsidenten gerichtet: "Du bringst in deinem eigenen Land die Opposition zum schweigen, warum solltest du dann hier reden?"
    Die Wut ist berechtigt. Aber was unterscheidet denn Erdogan von hiesigen Politikern? Von Mappus, der für den kriminellen Polizeieinsatz in Stuttgart am 30. September 2010 verantwortlich ist und nie dafür vor Gericht gestellt wurde, vom damaligen Innenminister Resch, der der Öffentlichkeit schamlos ins Gesicht gelogen hat über das, was seine Helden in Uniform damals angerichtet haben. Was unterscheidet die politisch Verantwortlichen der Polizei in Dessau, die den gefesselten Oury Jalloh nach allen vorliegenden Indizien auf der Polizeiwache angezündet und ermordet hat, sowie die für die Aufklärung des Todes verantwortlichen Organe von den staatlichen Gewalttätern in der Türkei? Wenn deutsche Staatsverbrecher in Deutschland frei reden können, warum sollten türkische Staatsverbrecher schlechter gestellt sein? Gleiches Recht für alle. Das eigentliche Problem ist doch, dass solche Verbrecher so viele Stimmen aus dem Volk bekommen. Und das ist nicht nur die Schuld der Lügner, sondern auch derer, die sich belügen lassen. Das Recht auf Informationsfreiheit bedeutet auch das Recht, sich mit Unwahrheiten vollzustopfen. Warum sollten türkische Wähler in Deutschland da schlechter gestellt sein als deutsche Wähler in Deutschland. Dabei wäre es so einfach: Keine Fernsehnachrichten anschauen, keine Zeitung lesen, die von Annoncen lebt, keine Politikerveranstaltungen besuchen und keinem die Stimme geben, der eine reelle Chance hat, an die Regierung zu kommen. Aber nein, diese Wählerinnen und Wähler wollen ja Lügen hören. Solange sich das nicht ändert, werden die erfolgreichsten Lügner auch die erfolgreichsten Politiker sein. Nicht nur Erdogan.

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