Die Erschießungsstätte IX. Fort in Kaunas, Litauen. Foto: W. Proske (Hrsg.), "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" – Bd. 6

Ausgabe 304
Zeitgeschehen

"Es war die Hölle, die Hölle"

Von Gastautor Wolfram Wette
Datum: 25.01.2017
Einer der bestialischsten NS-Schergen stammt aus Waldkirch bei Freiburg: Karl Jäger, der für den Mord an 138 272 litauischen Juden verantwortlich ist. Die Stadt enthüllt zum Gedenktag für die Holocaust-Opfer ein Mahnmal, für das der Historiker Wolfram Wette viele Jahre gekämpft hat. Kontext veröffentlicht seine Rede.

Für Waldkirch ist der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar) in diesem Jahr ein ganz besonderer Tag. Denn wir enthüllen ein Mahnmal, das für die Stadt und die hier lebenden Menschen von großer Bedeutung sein kann. Es erinnert an mehr als 138 000 Menschen, die 1941 und 1942 in dem kleinen baltischen Land Litauen ermordet worden sind. Zumeist waren es Juden. Karl Jäger (1888 – 1959), der Haupttäter, stammte aus dieser unserer Stadt. Er war der Chef jenes erst mobilen, dann stationären Mordkommandos namens EK 3, das die Morde zusammen mit litauischen Helfern durchführte.­

Ein Mahnmal gibt es bereits. Es steht in Günzburg bei Ulm, in jener Gemeinde, aus der Joseph Mengele stammte. Es erinnert an die Opfer des SS-Arztes in Auschwitz. Waldkirch ist nach Günzburg meines Wissens die zweite deutsche Gemeinde, die damit ein Mahnmal an dem Ort hat, an dem der Täter beheimatet war. Dadurch übernehmen wir Verantwortung zwar nicht für dessen Taten, aber für die Erinnerung an diese. Wir verbinden diese Verantwortung mit der Bekräftigung unseres Willens, nie wieder Vergleichbares geschehen zu lassen. Darin sehen wir die zentrale Lehre aus der Geschichte von Krieg und Holocaust.

Die Bretter in Waldkirch sind sehr dick

Das Waldkircher Mahnmal hat eine Vorgeschichte, die uns vor Augen führt, was der Satz von Max Weber meint: dass Politik ein "starkes, langsames Bohren von harten Brettern" bedeutet. Die Vorgeschichte umfasst mehr als ein Vierteljahrhundert. Nach dem Krieg war das Thema über einen langen Zeitraum hinweg – etwa 35 Jahre – gänzlich unbeachtet geblieben. Dann wurde es während der Waldkircher Kulturtage des Jahres 1989 ganz unerwartet aktuell. Es durchlief die Phasen des Konflikts, der Abwehr, der Verdrängung, des Zögerns, des allmählichen Begreifens und schließlich der – noch ziemlich jungen – Erkenntnis, dass wir alle uns dieser Erinnerung stellen müssen.

Dem Gemeinderat der Stadt ist Anerkennung dafür zu zollen, dass er das Mahnmal im Jahre 2015, 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, beschlossen hat. Dem Oberbürgermeister und der Stadtverwaltung danken die Initiatoren, nämlich die "Ideenwerkstatt Waldkirch im NS-Staat", für die Realisierung an diesem prominenten Ort zwischen der katholischen Kirche Sankt Margarethen und dem Elztal-Museum. Dieser geschichtsträchtige Ort ist – wie wir finden – ein guter Platz.

Mahnmale, die an Opfer und Täter erinnern, sind nicht selbsterklärend. Das hat sich beim Holocaust-Mahnmal in Berlin gezeigt, dem ein unterirdischer "Ort der Information" hinzugefügt werden musste. Das war nicht anders bei dem Günzburger Mahnmal, das – von Schülern entwickelt – eine Vielzahl von Augen zeigt, die an die Kindermorde des Täters Josef Mengele erinnern. Auch die fünf Stelen des Mahnmals in Waldkirch bedürfen der Erläuterung. Aus diesem Grunde steht neben den fünf Basaltstelen eine Informationstafel. Sie stellt eine Faksimile-Reproduktion der handschriftlichen Meldung des SS-Standartenführers Karl Jäger vom 1. Februar 1942 dar, in welcher er die Summe der bis dahin ermordeten Menschen mitteilt, nämlich: "Gesamtzahl: 138 272, davon Frauen 55 556, Kinder 34 464."

Wenn wir hören, dass der Zweite Weltkrieg 50 Millionen Menschen das Leben gekostet hat, oder wenn wir lesen, dass damals in Europa fast sechs Millionen Juden ermordet worden sind, alleine in Litauen zwischen Sommer 1941 und Januar 1942 mehr als 138 000, fühlen wir uns überwältigt, überfordert, weil diese Zahlen unser Vorstellungsvermögen bei weitem übersteigen. Vergleiche können uns etwas auf die Sprünge helfen. Etwa der Vergleich mit unserem Heimat-Landkreis Emmendingen: Laut Statistik hatte der Landkreis Emmendingen am Jahresende 1990 139 248 Einwohner, also ähnlich viele wie die jüdische Bevölkerung Litauens damals. Man kann sich also vorstellen: Das EK 3 ermordete 1941/42 ungefähr so viele Menschen, wie 1990 im Landkreis Emmendingen lebten: Männer, Frauen und Kinder. In 71 Städten und Gemeinden Litauens schlug das EK 3 zu, zum Teil mehrfach. In Kaunas, der Hauptstadt, gab es 13 Mordaktionen, in Wilna sogar 15.

Über das Vorgehen der Täterseite und über die Anzahl Menschen, die in den einzelnen Orten ermordeten wurden, sind wir hinreichend informiert, weil der Kommandeur des EK 3 penibel Buch führte. Jeder kann das nachlesen. Der berühmte "Jäger-Bericht" vom 1. Dezember 1941 ist vielfach veröffentlicht worden und bei den Fachleuten weltweit bekannt. Sehr viel schwieriger ist es, sich die Judenmorde aus der Sicht der Opfer vorzustellen, an die wir mit unserem Mahnmal in erster Linie erinnern wollen. Die Ermordeten leben nicht mehr. Sie können nicht mehr zu uns sprechen. Aber es gibt einzelne Überlebende, die berichteten, was sie erlebt haben. Einige von ihnen waren sogar bereits mehrfach in Waldkirch und in Freiburg, um vor Schülerinnen und Schülern zu sprechen. Außerdem gibt es einige schriftliche Berichte von überlebenden Zeitzeugen. Diese können uns bei dem Versuch helfen, die Mauer der kalten Zahlen in den Mordbilanzen Karl Jägers zu durchbrechen und uns der Opferperspektive anzunähern.

Karl Jäger war bei der Selektion von Tausenden dabei

Erstes Beispiel: Die sogenannte Intelligenz-Aktion vom 18. August 1941. An jenem Tag befahl der EK 3-Kommandeur in Kaunas, dass sich als Antwort auf eine angebliche Sabotagehandlung 500 "Intelligenzler" (gemeint waren Leute mit einer akademischen Ausbildung) am Ghettotor einfinden sollten. Den "Studierten" wurde vorgegaukelt, sie sollten zu Arbeiten im Rathausarchiv und in den Archiven der Ministerien herangezogen werden, die sich in einem verwahrlosten Zustand befänden. Der Zeitzeuge David-Bendor berichtet, dass ein jüdischer Kollaborateur eine Intelligenzler-Liste zusammengestellt hatte, auf die sich das EK 3 stützen konnte. Die 500 jüdischen Männer folgten dem Aufruf freiwillig. Es kamen sogar 534 Personen. Die Ahnungslosen wurden nun im Fußmarsch zum IV. Fort nach Panemuni geführt. Unterwegs wurden sie angehalten, die Hände hochzunehmen. Im Fort angekommen, wurden die irregeführten jungen Männer allesamt noch am selben Tag erschossen.

Zweites Beispiel: Am 29. Oktober 1941 fand ein Massenmord statt, dem insgesamt 9200 Menschen zum Opfer fielen. Ein 15-jähriger Junge überlebte die sogenannte "Großen Aktion". Er schildert uns, wie sich die Opfer auf dem Demokratu-Platz in Kaunas versammeln mussten. Wie sie dort von einem SS-Offizier hörten, dass sie zur "Aussiedlung" in den Raum Lublin vorgesehen seien. Es folgte – in Anwesenheit von Karl Jäger – der stundenlange Prozess der Selektion: Arbeitsfähige nach rechts, die anderen nach links. Letztere wurden im Kleinen Ghetto untergebracht. Am nächsten Morgen begann ihr Todesmarsch in Richtung IX. Fort am Rande der Stadt. Die Menschen ahnten, was ihnen bevorstand. An Flucht war nicht zu denken, weil bewaffnete Deutsche und Litauer den Weg säumten. Kuki Kopelman, der durch einen Zufall überleben konnte, hat genau geschildert, wie das grauenhafte Massaker im IX. Forts von statten ging. Er sagte später: "Es war die Hölle, die Hölle."

Drittes Beispiel: In Kaunas wurden nicht nur litauische Juden ermordet, sondern auch solche, die man aus Berlin, München, Frankfurt, Wien und Breslau mit Zügen in die litauische Hauptstadt deportiert hatte. Der Zug mit 999 Münchener Juden kam am 25. November 1941 in Kaunas an. Es handelte sich um Kaufleute, Beamte und leitende Angestellte samt deren Frauen und Kindern. Die Männer reisten in ihrer besten Kleidung, mit Hut, Krawatte und Weste. Auch ihnen hatte man in München etwas von "Aussiedlung in den Osten" erzählt. Vom Bahnhof Kaunas aus wurden die Menschen in das etwas höher gelegene IX. Fort hinausgetrieben, wo sie einige Tage lang unter entsetzlichen Bedingungen festgehalten wurden. Am darauf folgenden Morgen erreichte die Gefangenen der Befehl, im Hof des Forts zu gymnastischen Morgenübungen herauszutreten. Mit diesem perfiden Täuschungsmanöver wurden die Münchener Juden ins Freie gelockt und dort mit bereit gestellten Maschinengewehren erschossen. Nicht eines der Opfer überlebte.

Die Stadt München ließ übrigens im November 2000 im IX. Forts von Kaunas eine Gedenktafel anbringen, die an die ermordeten Münchener Juden erinnert. Der Text lautet: "In Trauer und Scham – und entsetzt über das Schweigen der Mitwissenden – gedenkt die Landeshauptstadt München der 1000 jüdischen Männer und Frauen, die am 20. November 1941 von München nach Kowno deportiert und fünf Tage später an diesem Ort brutal ermordet wurden."

Jetzt setzt die Stadt Waldkirch ein Zeichen

Ich möchte schließen mit einer Anmerkung zur Frage der Schuld, weil es hier noch immer Missverständnisse gibt. Persönliche Schuld tragen nur die Täter der damaligen Zeit, damit auch der SS-Offizier Karl Jäger aus der Stadt Waldkirch und seine Gehilfen. Die jungen Menschen von heute dagegen tragen selbstverständlich keine Schuld. Die Nachgeborenen sind – nach einem Wort von Ralph Giordano – die "schuldlos Beladenen". Nichts anderes haben uns die Holocaust-Überlebenden aus Litauen gesagt, als wir sie dort aufsuchten beziehungsweise, als sie uns in Waldkirch besuchten.

Gerne greife ich zurück auf ein Wort des vormaligen Bundespräsidenten Richard v. Weizsäcker. Er sagte in seiner berühmten Rede von 8. Mai 1985 sinngemäß: Die nachgewachsenen Generationen sind nicht verantwortlich für die Untaten des NS-Staates, wohl aber für die Erinnerung an diese. Das Geschehene lässt sich nicht ungeschehen machen. "Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren."

Mit der Enthüllung des Mahnmals für die ermordeten Juden Litauens setzt die Stadt Waldkirch ein Zeichen. Wir, die Bürger dieser Stadt, wollen damit unserer Verantwortung für die Erinnerung an dieses Großverbrechen gerecht werden. Wir erinnern uns aus eigenem Antrieb und aus eigener Entscheidung öffentlich daran, dass ein Mann aus dieser Stadt in der Zeit des Zweiten Weltkrieges einer der Haupttäter des Holocaust war. Wir wollen die belastenden historischen Fakten nicht mehr verdrängen, sondern ihnen ins Gesicht sehen und sie als eine Mahnung akzeptieren. Zugleich enthält das Mahnmal eine Botschaft, die in die Zukunft gerichtet ist. Sie lautet: Als Lehre aus der Vergangenheit bekräftigen wir unseren Willen, uns stets gegen Gewalt und Rassismus und für eine humane Orientierung einzusetzen.

 

Wolfram Wette (76), emeritierter Professor für Geschichte und Friedensforscher, hat 20 Jahre über Karl Jäger geforscht. Sein jüngster Beitrag dazu steht in dem Buch "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer", Band sechs: Belastete aus Südbaden, herausgegeben von Wolfgang Proske.Das Kapitel ist hier verlinkt.

Weitere Informationen zu dem verdienstvollen Buchprojekt und zu Lesungen finden sich unterdiesem Link.


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2 Kommentare verfügbar

  • Gerd Hohmann-Schmitz
    am 31.01.2017
    Die Details dieses großen Mordens zu erfahren, ist fast unerträglich und treibt einem die Tränen in die Augen. Und zu wissen, dass diese Täter zum größten Teil ein ruhiges und unbelästigtes Leben im Nachkriegsdeutschland genießen durften, erzeugt Wut und die Gewissheit einer großen Ungerechtigkeit. Die einzige Lehre, die aus diesen Ereignissen zu ziehen ist, ist "Wehret den Anfängen".
  • Zaininger
    am 30.01.2017
    Was sagte K. Adenauer schon 1949?
    Es muss endlich (!!!) aufhören zwischen den politisch Einwandfreien und den anderen zu unterscheiden ... oder: die Nazi-Schnüffelei muss ein Ende haben!
    Das ist das Fundament dieser Republik.

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