KONTEXT Extra:
Gleise frei für den Güterverkehr

Nein, ein konkretes Datum, bis wann Züge zwischen Rastatt und Baden-Baden wieder verkehren können, das gibt es immer noch nicht. Nachdem am Freitag (18.08.) Vertreter der Deutschen Bahn und betroffener Kommunen im Verkehrsministerium zusammenkamen, teilte dieses mit: "Alle Beteiligten haben die Hoffnung, dass bis zum Ende der Sommerferien in Baden-Württemberg die Rheintalstrecke wieder durchgängig befahren werden kann." Das sind ganz andere Töne, als der ursprüngliche Zeitplan der Deutschen Bahn, in dem der 28. August angepeilt wurde. Das kommende Schuljahr beginnt im Südwesten am 11. September. Verbindlich ist das Datum nicht, die Bahn betont weiterhin, derzeit seien keine Prognosen möglich, bis wann die Reparaturmaßnahmen abgeschlossen sind.

Das Verkerhrsministerium teilte außerdem mit, man werde der Bahn in "gewissen Grenzen" entgegenkommen. Das bedeutet eine zwischenzeitliche Einschränkung des Personenverkehrs, Schienenersatzverkehr wird ab Samstag (19.08) auf den betroffenen Strecken eingerichtet. So sollen mehr Kapazitäten für Güterzüge geschaffen werden, die aktuell auf Umleitungen angewiesen sind. Unumwunden heißt es dazu in einer Pressemitteilung: "Bis zur Wiederherstellung der Trasse zwischen Rastatt und Baden-Baden werden auf den genannten Strecken in der Nacht Lärmbeeinträchtigungen für die Anlieger durch ein erhöhtes Güterzugaufkommen die Folge sein." Die Maßnahme sei jedoch zeitlich befristet und solle spätestens zu Beginn des neuen Schuljahres aufgehoben werden. Der Regionalverkehr dürfe zudem, wie es aus dem Ministerium heißt, nicht in den Hauptverkehrszeiten beeinträchtigt werden, daher gebe es zwischen 6 und 9 Uhr sowie 15 Uhr und 19 Uhr keine Zugausfälle.

Weiterhin kritisiert das Verkehrsministerium die Kollegen auf Bundesebene. Die Zurückhaltung bei der Ertüchtigung von Nebenstrecken räche sich nun. Minister Winfried Hermann beklage das bereits seit seinem Amtsantritt.

Betroffene Fahrgäste finden hier detaillierte Informationen zum Ersatzfahrplan. (18.08.2017)


"Runder Tisch" zu Rastatt

Bis zu 200 Güterzüge donnern tagtäglich durchs Rheintal. Im Hochsommer sind es weniger, dennoch stauen sich die Transporte – in der Planung – inzwischen zurück bis Rotterdam. Die grün-schwarze Landesregierung hat zwar keine direkten Zuständigkeiten rund ums Gleisdesaster der Deutschen Bahn in Rastatt. Das Verkehrsministerium bietet der DB aber an, die Folgen abzumildern. Noch in dieser Woche findet ein "Runder Tisch" in Stuttgart statt, um über Ausweichstrecken und Umleitungsverkehre zu reden. Unter anderem werden Kommunalpolitikern in betroffenen Städten und Gemeinden über die möglichen Belastungen rund um die Uhr informiert. Es dürfte nach den bisherigen Planungen "einen 24-Stunden-Güterbetrieb auf ziemlich beschaulichen Strecken“ geben, sagt ein Sprecher. Die Bahn teilte bereits mit, "ihren Kunden 200 Umleitungstrassen mit unterschiedlichen technischen Anforderungen anbieten zu können".  

Ebenfalls eingeladen nach Stuttgart sind Vertreter der DB Netz, der DB Region und der Nahverkehrsgesellschaft. Das Verkehrsministerium mit seinen Fachleuten prüft auch, wie und an welchen Strecken der Takt des Regionalverkehrs ausgedünnt werden könnte, um vorübergehend Güter zu transportieren. Das Angebot gilt aber nur bis zum Schulbeginn im September, weil nach den Ferien das Fahrgastaufkommen deutlich steigt. Die DB selber nennt als eine Umleitungsstrecke die Neckar-Alb-Bahn über Horb–Tübingen–Reutlingen–Plochingen. "Wegen der Umleitung der Güterzüge sind Anpassungen im Regionalzugverkehr auf der Neckar-Alb-Bahn notwendig", heißt es in einer Pressemitteilung weichgespült, und dass die DB "für die auftretenden Beeinträchtigungen und die verstärkte Nutzung der Neckar-Alb-Bahn für den Güterverkehr Anwohner und Fahrgäste um Verständnis bittet". Die notwendigen Umleitungsmaßnahmen für den Güterverkehr seien zeitlich befristet, "bis die durchgehende Sperrung der Rheintalbahn wieder aufgehoben werden kann". Ein konkretes Datum dafür wird nicht (mehr) genannt. Experten rechnen mit einer Wiederinbetriebnahme frühestens in der zweiten Septemberhälfte. 

Dazu: https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/333/der-schienen-gau-4546.html


Tunnel-Flop

Es sollte die Weltpremiere werden für die neue Stabilisierungsmethode per Eisring im Tunnelbau. Monatelang war an den Vorkehrungen getüftelt worden. Jetzt ist eine der meist befahrenen Eisenbahnstrecken Europas erst einmal bis mindestens 26. August gesperrt. In Rastatt-Niederbühl, dort, wo die Züge künftig aus dem Tunnel kommen werden, unterquert die Strecke den Bahndamm. Und die darauf liegenden Geleise sackten ab.

Die Konstruktion ist komplex, Stuttgart 21 lässt grüßen: Der Tunnel ist 4,3 Kilometer lang, führt in zwei Röhren von Ötigheim nach Niederbühl, unter der Murg, unter einer tief liegenden Straße, die ihrerseits unter der Rheintalstrecke durchführt, dann zügig wieder nach oben. Eingefroren wurde ein geschlossener Ring. Alle Beteiligen erklärten immer wieder, damit in actu auf einer Baustelle, keine Erfahrungen zu haben. Die Gewissheit, dass das Manöver gelingt, war dennoch groß. Bautechniker untersuchen bereits das Fiasko, möglicherweise ist der Regen der vergangenen Tage verantwortlich.

Das "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" ist "wenig überrascht von der Leichtfertigkeit, mit der die Deutsche Bahn offensichtlich Tunnelbauarbeiten unter einer der Hauptstrecke des deutschen Bahnverkehrs betrieben hat". Dass es keinen Plan B gebe, zeige die Selbstüberschätzung der DB und, auch hier, das Versagen des Aufsicht führenden Eisenbahnbundesamts, so Bündnissprecher Norbert Bongartz. Es sei im Vorfeld der Bauarbeiten in Rastatt "mit Händen zu greifen gewesen, dass ein Tunnelbau so knapp unter den bestehenden Bahngleisen und in Sandboden hoch riskant ist". Keinen Pfifferling seien die vollmundigen Beteuerungen der Bahn wert, sie habe die Tunnelbauarbeiten mitten im Stadtgebiet Stuttgarts voll im Griff. Auch wenn da die Überdeckung bei den Tunnelbaustellen zumeist deutlich höher ist: "Angesichts der besonderen geologischen Situation in Stuttgart muss auch hier über die schon bekannten Schäden hinaus mit Bauproblemen ganz anderer Größenordnung gerechnet werden." (14.8.2017)


Malen nach Zahlen

Das ist aber ein gelungener erster Platz! Die CDU habe mit sagenhaften 55 Prozent die Nase vorn beim Frauenanteil auf den Landeslisten für die Bundestagswahl. Das teilte jetzt Landeswahlleiterin Christiane Friedrich mit. Erst nach der Union kommen Grüne und Linkspartei mit je 50 Prozent und die SPD mit gut 46 Prozent. Jedoch, die schönen Zahlen sind Blendwerk.

Denn nahezu alle CDU-Abgeordneten werden auch 2017 wieder direkt in den Bundestag gewählt werden, als SiegerInnen in ihrem Wahlkreis. Davon gibt es 38 im Südwesten. Und in ihnen spiegelt sich die CDU-Wirklichkeit im Jahre 2017: in 35 wurden Kandidaten nominiert und nur in drei Kandidatinnen: Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium und Vorsitzende der Frauenunion, die Stuttgarterin Karin Maag und die bisher jüngste Volksvertreterin Ronja Kemmer.

Selbst in Mannheim, Heilbronn und Böblingen sind ausscheidende CDU-Männer, darunter auch Landeschef Thomas Strobl, durch Männer ersetzt. Dabei hatte der doch zur "politischen Grundmelodie" erklärt, dass "mehr Frauen zum Tragen kommen". Doch auch in Berlin ist die baden-württembergische Landesgruppe derzeit mit nur acht weiblichen Abgeordneten vertreten und am Ende des Bundesvergleichs zu finden.

Der Männeranteil auf allen im Land antretenden Listen ist laut Landeswahlleiterin Friedrich immerhin von 71 Prozent zurückgegangen auf 66 Prozent. Spitzenreiter in der Männerstatistik für die Wahl am 24. September ist die AfD mit 87 Prozent. Gefolgt werden die Rechtspopulisten von den Liberalen, die es 2017 im Land auf nur 19 Prozent Kandidatinnen bringen. Das bedeutet sogar einen Rückschritt im Vergleich zu vor vier Jahren und gut 21 Prozent bedeutet. (9.8.2017)


Kontext-Vorstand ruft zu Flashmob auf

"Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!", sagt unser zweiter Vereinsvorsitzender Jürgen Klose. Und weil er das schier nicht glauben kann, hat er gestern am Nachmittag vor lauter Zorn kurzfristig zu einem Flashmob aufgerufen. Etwa 20 Spontandemonstrierer standen wenig später vor dem Stuttgarter Rathaus – mit Fahrradhupen und Trillerpfeifen! Hier Jürgen Kloses Rede:

"Ich habe zu diesem Protest heute aufgerufen, weil ich zornig bin über die 'Ergebnisse' des Diesel-Gipfels. Ich wollte mein Adrenalin wieder loswerden!

Papst Gregor der Große (6. Jhdt.) soll gesagt haben: 'Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.' Das ist sozusagen mein Leitmotiv. Guckt euch auf YouTube das Video mit Georg Schramm an, dann wisst ihr was ich meine!

Wir sind zornig auf das peinliche Schaulaufen von Politik und Autoindustrie auf dem gestrigen Dieselgipfel!

Wir sind zornig auf die unverantwortliche Bundeskanzlerin. Sie lässt lieber Urlaubsfotos aus Südtirol verbreiten als den Automanagern die Leviten zu lesen!

Wir sind zornig auf die Bundesregierungen gleich welcher Couleur, die sich zum Büttel der Autoindustrie degradieren ließen statt ihrer Aufsichtspflicht für Verbraucher und Umwelt nachzukommen!

Wir sind zornig auf die vom Gipfel ausgesandte Botschaft 'Wir tun was!' - nur besonders wehtun durfte es den Autokonzernen nicht!

Wir sind zornig auf den Versuch, uns mit Placebos abzuspeisen: Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!

Wir sind zornig auf die jahrelange Missachtung von Grenzwerten und auf den offensichtlichen und schon länger bekannten Schwindel mit den Abgastests und der Mogelsoftware! 

Wir sind zornig auf die Täuschung der Verbraucher und den erfüllten Tatbestand des Betrugs (§263 StGB). Täuschungshandlung, Vermögensschaden, Bereicherungsabsicht - alle juristischen Tatbestände sind erfüllt! Strafen? Fehlanzeige!

Wir sind zornig auf die völlige Missachtung des Verursacherprinzips: Wer zahlt den Dieselbesitzern den Wertverlust ihrer Autos. Warum gibt es keinen Schadenersatz?

Wir sind zornig, dass die Autoindustrie anscheinend nach dem Leitmotiv handelt 'Profit vor Gesundheit' und 'Gier vor Umweltschutz'!

Wir sind zornig auf die Autokonzerne, die eine der Kernbranchen dieser Republik schwer beschädigen und damit Zehntausende von Arbeitsplätzen gefährden! Zukunftsvorsorge sieht anders aus!

Wir alle haben ein Recht auf saubere Luft, eine intakte Umwelt und gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen!

Wir alle wollen eine Abkehr vom Autowahn und die Umkehr zu einem anderen, menschen- und umweltfreundlicheren Verständnis von Mobilität!

Wir alle wollen Stuttgart vom Makel der Feinstaub- und Stauhauptstadt befreien!

Wir bleiben zornig, bis wir am Ziel sind!

Danke für eure Unterstützung!" (4.8.2017)


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Ende Juli demonstrierten rund 2000 Menschen bei der Free-Palästina-Demo in Stuttgart gegen Israels Angriffe auf den Gazastreifen. Fotos: Martin Storz

Ende Juli demonstrierten rund 2000 Menschen bei der Free-Palästina-Demo in Stuttgart gegen Israels Angriffe auf den Gazastreifen. Fotos: Martin Storz

Ausgabe 175
Überm Kesselrand

Judenhass und Israelkritik

Von Thomas Rothschild
Datum: 06.08.2014
Je mehr israelische Bomben auf den palästinensischen Gazastreifen fallen, um so lauter werden die Proteste dagegen. Kritik am Gaza-Krieg ist nicht antisemitisch, solange sie zwischen israelischer Staatspolitik und Juden differenziert, analysiert Gastautor Thomas Rothschild.

Die für Juden und hoffentlich auch für Nichtjuden unerfreuliche Nachricht zuerst: Bei Demonstrationen gegen die aktuelle israelische Offensive im Gazastreifen wurden in Deutschland Sprechchöre wie "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein" skandiert, in Frankreich Synagogen mit Molotowcocktails angegriffen und Läden jüdischer Eigentümer geplündert. Die gute Nachricht danach: Vertreter aller Parteien und auch der Zentralrat der Muslime haben solche antisemitischen Ausschreitungen verurteilt. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek, erklärte ausdrücklich: "Wer Judenhass predigt oder meint, im Zuge des Gaza-Krieges Antisemitismus verbreiten zu müssen, hat in unserer Gemeinde nichts zu suchen."

Warnungen dieser Art deuten freilich darauf hin, was Normalität ist: Juden, wo sie auch leben, wie sie auch denken, was sie auch tun mögen, werden für die Politik Israels mitverantwortlich gemacht. Als die USA gegen Vietnam oder gegen den Irak Krieg führten, kam niemand auf die Idee, einzelne Amerikaner der Kriegshetze zu beschuldigen und anzugreifen, obwohl ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung die Aggressionen ihrer Regierung gebilligt hat. Als ein noch größerer Teil der Deutschen den Krieg Hitlers unterstützt hat und viele noch nach dem verlorenen Krieg Deserteure als Verräter betrachteten, hat man einzelne Deutsche im Ausland mit wenigen Ausnahmen trotzdem nicht unter Generalverdacht gestellt. Die Juden in der Diaspora sind noch nicht einmal israelische Staatsbürger. Viele von ihnen haben den Staat im Nahen Osten niemals besucht. Aber wenn dieser Staat tatsächlich hassenswerte Verbrechen begeht, werden sie in die Pflicht genommen – selbst wenn sie mit der israelischen Opposition, der Friedensbewegung sympathisieren wie die Vietnamkriegs- und Golfkriegsgegner mit der Opposition in den USA oder die Nazigegner mit den Widerstandskämpfern im Dritten Reich.

Diese Reaktion verleiht dem Verdacht des Antisemitismus eine gewisse Plausibilität. Wer vorgibt, Israels Politik zu kritisieren, und die Juden feige Schweine nennt, ist in der Tat, ohne Wenn und Aber, Antisemit. Nein, zum hundertsten Mal: Kritik an Israel ist nicht antisemitisch, und der Protest gegen den Krieg im Gazastreifen ist es erst recht nicht. Aber die Projektion einer staatlichen Politik auf die Juden, die womöglich nicht einmal Bürger dieses Staates sind, ist antisemitisch. Wer sich darum herumfeilschen möchte, ist ein Heuchler.

Die Unterscheidung von Heuchlern und ehrlich Besorgten wird durch die Berichterstattung in den deutschen Medien nicht gerade erleichtert. Über eine proisraelische Demonstration am vergangenen Donnerstag meldete die "Stuttgarter Zeitung": "Unter den Gegendemonstranten waren auch mehrere Teilnehmer, die dem politisch linken Spektrum zuzurechnen sind. Sie pfiffen und protestierten, als das Vorstandsmitglied der DIG, Lothar Galow-Bergemann, auf der Kundgebung sagte: 'In Deutschland tobt ein schockierender Judenhass, den viele nicht mehr für möglich gehalten hätten.'" Woher weiß die Reporterin, welchem politischen Spektrum Demonstranten zuzuordnen sind? Führt die StZ ihre eigene Verbrecherdatei? Oder arbeitet sie gar mit polizeilichen Beobachtern zusammen? Und woran erkennt die Berichterstatterin, wogegen sich die Pfiffe und Proteste richteten? Wären sie als Widerspruch gegen die Ablehnung von Judenhass zu verstehen, dann wären sie in der Tat antisemitisch. Aber können sie nicht ebenso gut der Veranstaltung, also einer Sympathiekundgebung für Israel im gegenwärtigen Konflikt gelten? Dann wären sie legitim, hätten jedenfalls mit Antisemitismus nichts zu tun. So wie es in der Zeitung steht, wird die zur Entlastung der Rechten kolportierte Meinung bestärkt, dass die Linken die eigentlichen Antisemiten seien.

Kritik ist nicht nur berechtigt, sondern notwendig

Die Gleichsetzung von Israelis und Juden, vielmehr: von israelischer Regierung und Juden ist nicht nur antisemitisch – sie erschwert vielmehr, was sie ermöglichen möchte, die gerechte Kritik an Israels Aggressionen. Sie setzt diese Kritik ihrerseits dem Verdikt des Antisemitismus aus. Dabei ist die Kritik an den Aggressionen nicht nur berechtigt, sondern dringend notwendig. Sie exkulpiert ja nicht – um ein weiteres Immunisierungsargument zu entkräften – die Gegenseite. Man musste Saddam Hussein nicht für ein frommes Schäfchen halten, um den Golfkrieg verhindern zu wollen. Man muss faschistische Tendenzen in der Ukraine und das Vordringen der NATO nach Osteuropa nicht begrüßen, um Putins Politik auf der Krim zu verurteilen. Und man muss die Raketen der Hamas nicht verharmlosen, um die Militäroperationen Israels zu missbilligen. Kein vernünftiger Mensch bestreitet das Existenz- und Selbstverteidigungsrecht Israels. Aber wo die Opfer auf der einen Seite – und nicht zum ersten Mal – mehr als zwanzig Mal so hoch sind wie auf der anderen Seite, muss selbst der gegenüber Zahlen und Statistiken Skeptischste zu dem Schluss kommen, dass da kein ritterlicher Kampf auf Augenhöhe stattfindet. Zumal, wenn die Opfer Zivilisten sind.

Die Gleichsetzung von Israel und Juden, einer verbrecherischen Staatspolitik mit einer ohnedies schwer zu definierenden Menschengruppe kommt jenen entgegen, die immer schon antisemitisch fühlten und dachten und das nun unverblümt äußern dürfen. Aber leider verleihen viele Juden in der Diaspora, insbesondere in den USA, und die offiziösen Repräsentanten jüdischer Organisationen dieser Gleichsetzung eine scheinbare Glaubwürdigkeit, wenn sie bedingungslos für Israel Partei ergreifen, wie es hirnlose Nationalisten immer schon für "ihren" Staat getan haben. Der Nationalismus hat nicht, wie man nach 1945 hoffte, ab-, sondern global eher zugenommen. Und die Juden, die sich mit Israel identifizieren, machen da keine Ausnahme.

Statt sich mit einem verbrecherischen Staat solidarisch oder auch nur ihm gegenüber loyal zu verhalten, läge es an den Juden in aller Welt, der mörderischen Politik der gegenwärtigen israelischen Regierung Einhalt zu befehlen. Dann nämlich brächten sie den Juden jene Ehre ein, die die Widerstandskämpfer gegen das Unrecht zu allen Zeiten und in allen Ländern, nicht zuletzt in Deutschland, ihren Völkern eingebracht haben. Nach wie vor gilt Bertolt Brechts Mahnung an die Nachgeborenen: "Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd / Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt / Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung." Und auch dies, vom selben Autor: "Wenn die Kämpfer gegen das Unrecht besiegt sind / Hat das Unrecht doch nicht recht!"

Die Juden waren in der unglücklichen Lage, dass sie erst mit großer Verspätung, nach Jahrhunderten der Diaspora, die Gelegenheit bekamen, einen Nationalstaat zu gründen. Dass dies auf einem Territorium geschah, auf dem Araber lebten, die ihrerseits erst im Begriff waren, eine Nation zu werden, musste voraussehbar zu Konflikten führen. Statt sich nun mit den antikolonialistischen Bestrebungen der (ehemaligen) Kolonialvölker zu solidarisieren, verbündeten sich die in Palästina ansässigen und auf der Flucht vor Pogromen und vor der nationalsozialistischen "Endlösung" neu eingewanderten Juden mit den ehemaligen Kolonialherren, führten sie sich selbst mehr und mehr wie Kolonialherren auf, behandelten sie die Palästinenser, sofern sie nicht vertrieben worden waren, als Staatsbürger zweiter Klasse. Sie hatten nun ihren Nationalstaat und schienen entschlossen, all die Fehler und Sünden des Nationalismus zu wiederholen.

Dass ausgerechnet die Juden, die einen vom Nationalismus verursachten Genozid überlebt hatten, ihrerseits zu wütenden Nationalisten werden sollten, gehört zu den tragischsten Kapiteln der Geschichte. Wie sehr wünschte man sich doch, dass sie aus erlittenem Schicksal gelernt hätten und nicht so handelten, wie zu handeln sie den Individuen anderer Völker zu Recht vorwerfen. Wie sehr wünschte man sich, dass jeder Einzelne von ihnen vorlebte, wie redliche Deutsche oder Österreicher sich hätten verhalten sollen, als deren jüdische Nachbarn abgeholt und ins KZ deportiert wurden. Die Verteidiger Israels und seiner Politik fragen rhetorisch, warum Juden bessere Menschen sein sollten als andere. Die verzweifelte Antwort leitet sich aus dem Glauben an die menschliche Lernfähigkeit ab: Nicht, weil sie als bessere Menschen geboren wurden, sondern weil ihnen die kollektive Erfahrung eine Lehre erteilt hat, die sie von sich selbst auf andere übertragen können müssten, sollten Juden gegen Nationalismus und seine Folgen immun sein.

Die tägliche Erfahrung lehrt uns, dass es so nicht ist. Offenbar sind Menschen in ihrer großen Mehrheit überfordert, wenn sie, was sie als Opfer erlebt haben, beherzigen sollen, sobald sie in die Rolle der Täter schlüpfen. Israel ist, leider, ein ganz normaler Staat geworden, und seine Bewohner sind ganz normale Menschen geworden. Das Ergebnis trägt wenig dazu bei, ein freundliches Menschenbild zu entwerfen.

Dem übersteigerten Bedürfnis nach Gruppenidentität und somit auch nach Identifikation mit Israel gegenüber, das mit Solidarität nichts zu tun hat, sollte gelten, was Arthur Schnitzler unübertrefflich formuliert hat: "Ich fühle mich mit niemandem solidarisch, weil er zufällig derselben Nation, derselben Rasse, derselben Familie angehört wie ich. Es ist ausschließlich meine Sache, mit wem ich mich verwandt zu fühlen wünsche; ich anerkenne keine angeborene Verpflichtung in dieser Frage."

Keine Sympathie, kein Respekt

Menschlich ist es durchaus verständlich, dass Individuen, dass Gruppen erst einmal um ihre eigene Sicherheit bangen, dass sie gegen eigene Benachteiligung aufbegehren. Dass Juden, deren Verwandte ermordet wurden, am eigenen Überleben und am Überleben derer, mit denen sie ein spät erworbenes Vaterland teilen, stärker interessiert sind als an einer humanen Welt; dass Frauen, die über Generationen hinweg schlechtere Chancen hatten als Männer, eher Vorteile erlangen wollen wenigstens für die kleine Schicht der bürgerlich-intellektuellen Frauen, der sie angehören, als eine egalitäre Gesellschaft; dass Minderheiten gegen Gesetze demonstrieren, die sie gefährden, statt gegen eine ungerechte Gesetzgebung insgesamt – all dies ist verständlich. Sympathisch, mit Verlaub, ist es nicht. Jedenfalls verdient es keinen besonderen Respekt. Dass sich jemand für seine eigenen Rechte einsetzt, ist sinnvoll, aber es bewegt sich im Rahmen eines Wertesystems, für das der Egoismus verbindlich ist. Der Schwächere spielt seine Interessen gegen den Stärkeren aus. Aber es sind nicht mehr als eben seine Interessen.

In der "Zeit" schreibt Tanja Dückers, Israel-Kritik sei "immer auch zu einem substanziellen Teil purer unreflektierter Antiamerikanismus". Dass dieser Antiamerikanismus, wenn er denn tatsächlich immer(!) Teil der Israel-Kritik sein sollte, unreflektiert sei, ist die "pure" Behauptung einer Autorin, die für sich beansprucht, dass nur ihr Standpunkt reflektiert sei. Aber Antiamerikanismus ist zu einem Synonym für Antisemitismus geworden. Weil es sich doch herumgesprochen hat, dass Israel-Kritik nicht antisemitisch sein muss, stigmatisiert man sie jetzt mit dem Vorwurf des Antiamerikanismus. Dass im Nahen Osten Weltpolitik betrieben wird, kann doch niemand ernsthaft bestreiten. Dass die USA dort ihre Interessen wahrnehmen, auch nicht – was übrigens für Israel zum Problem werden wird, wenn die USA zur Überzeugung gelangen, dass ihnen arabische Staaten nützlicher sind. Es war George W. Bush, der verkündete: "We stand with Israel because it shares our values." Das muss nicht immer so bleiben. Und zum Glück verhält es sich mit den Amerikanern wie mit den Juden: Ein paar gibt es schon, die weder die Werte Israels noch die von George W. Bush teilen. Wie zum Beispiel der amerikanische Jude Noam Chomsky.

Antiamerikanisch ist nicht, wer gegen eine Politik des Irakkriegs, der NSA oder des Wirtschaftsimperialismus protestiert. Antiamerikanisch ist, wer jeden Amerikaner, Noam Chomsky eingeschlossen, dafür verantwortlich macht. Mit dem Antisemitismus verhält es sich ähnlich.

 

Thomas Rothschild, geboren in Glasgow und aufgewachsen in Wien, ist promovierter Literaturwissenschaftler, Autor und Journalist. Seit 2011 ist Rothschild Präsidiumsmitglied des deutschen Schriftstellerverbands P.E.N.


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