Ende Juli demonstrierten rund 2000 Menschen bei der Free-Palästina-Demo in Stuttgart gegen Israels Angriffe auf den Gazastreifen. Fotos: Martin Storz

Ende Juli demonstrierten rund 2000 Menschen bei der Free-Palästina-Demo in Stuttgart gegen Israels Angriffe auf den Gazastreifen. Fotos: Martin Storz

Ausgabe 175
Überm Kesselrand

Judenhass und Israelkritik

Von Thomas Rothschild
Datum: 06.08.2014
Je mehr israelische Bomben auf den palästinensischen Gazastreifen fallen, um so lauter werden die Proteste dagegen. Kritik am Gaza-Krieg ist nicht antisemitisch, solange sie zwischen israelischer Staatspolitik und Juden differenziert, analysiert Gastautor Thomas Rothschild.

Die für Juden und hoffentlich auch für Nichtjuden unerfreuliche Nachricht zuerst: Bei Demonstrationen gegen die aktuelle israelische Offensive im Gazastreifen wurden in Deutschland Sprechchöre wie "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein" skandiert, in Frankreich Synagogen mit Molotowcocktails angegriffen und Läden jüdischer Eigentümer geplündert. Die gute Nachricht danach: Vertreter aller Parteien und auch der Zentralrat der Muslime haben solche antisemitischen Ausschreitungen verurteilt. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek, erklärte ausdrücklich: "Wer Judenhass predigt oder meint, im Zuge des Gaza-Krieges Antisemitismus verbreiten zu müssen, hat in unserer Gemeinde nichts zu suchen."

Warnungen dieser Art deuten freilich darauf hin, was Normalität ist: Juden, wo sie auch leben, wie sie auch denken, was sie auch tun mögen, werden für die Politik Israels mitverantwortlich gemacht. Als die USA gegen Vietnam oder gegen den Irak Krieg führten, kam niemand auf die Idee, einzelne Amerikaner der Kriegshetze zu beschuldigen und anzugreifen, obwohl ein großer Teil der amerikanischen Bevölkerung die Aggressionen ihrer Regierung gebilligt hat. Als ein noch größerer Teil der Deutschen den Krieg Hitlers unterstützt hat und viele noch nach dem verlorenen Krieg Deserteure als Verräter betrachteten, hat man einzelne Deutsche im Ausland mit wenigen Ausnahmen trotzdem nicht unter Generalverdacht gestellt. Die Juden in der Diaspora sind noch nicht einmal israelische Staatsbürger. Viele von ihnen haben den Staat im Nahen Osten niemals besucht. Aber wenn dieser Staat tatsächlich hassenswerte Verbrechen begeht, werden sie in die Pflicht genommen – selbst wenn sie mit der israelischen Opposition, der Friedensbewegung sympathisieren wie die Vietnamkriegs- und Golfkriegsgegner mit der Opposition in den USA oder die Nazigegner mit den Widerstandskämpfern im Dritten Reich.

Diese Reaktion verleiht dem Verdacht des Antisemitismus eine gewisse Plausibilität. Wer vorgibt, Israels Politik zu kritisieren, und die Juden feige Schweine nennt, ist in der Tat, ohne Wenn und Aber, Antisemit. Nein, zum hundertsten Mal: Kritik an Israel ist nicht antisemitisch, und der Protest gegen den Krieg im Gazastreifen ist es erst recht nicht. Aber die Projektion einer staatlichen Politik auf die Juden, die womöglich nicht einmal Bürger dieses Staates sind, ist antisemitisch. Wer sich darum herumfeilschen möchte, ist ein Heuchler.

Die Unterscheidung von Heuchlern und ehrlich Besorgten wird durch die Berichterstattung in den deutschen Medien nicht gerade erleichtert. Über eine proisraelische Demonstration am vergangenen Donnerstag meldete die "Stuttgarter Zeitung": "Unter den Gegendemonstranten waren auch mehrere Teilnehmer, die dem politisch linken Spektrum zuzurechnen sind. Sie pfiffen und protestierten, als das Vorstandsmitglied der DIG, Lothar Galow-Bergemann, auf der Kundgebung sagte: 'In Deutschland tobt ein schockierender Judenhass, den viele nicht mehr für möglich gehalten hätten.'" Woher weiß die Reporterin, welchem politischen Spektrum Demonstranten zuzuordnen sind? Führt die StZ ihre eigene Verbrecherdatei? Oder arbeitet sie gar mit polizeilichen Beobachtern zusammen? Und woran erkennt die Berichterstatterin, wogegen sich die Pfiffe und Proteste richteten? Wären sie als Widerspruch gegen die Ablehnung von Judenhass zu verstehen, dann wären sie in der Tat antisemitisch. Aber können sie nicht ebenso gut der Veranstaltung, also einer Sympathiekundgebung für Israel im gegenwärtigen Konflikt gelten? Dann wären sie legitim, hätten jedenfalls mit Antisemitismus nichts zu tun. So wie es in der Zeitung steht, wird die zur Entlastung der Rechten kolportierte Meinung bestärkt, dass die Linken die eigentlichen Antisemiten seien.

Kritik ist nicht nur berechtigt, sondern notwendig

Die Gleichsetzung von Israelis und Juden, vielmehr: von israelischer Regierung und Juden ist nicht nur antisemitisch – sie erschwert vielmehr, was sie ermöglichen möchte, die gerechte Kritik an Israels Aggressionen. Sie setzt diese Kritik ihrerseits dem Verdikt des Antisemitismus aus. Dabei ist die Kritik an den Aggressionen nicht nur berechtigt, sondern dringend notwendig. Sie exkulpiert ja nicht – um ein weiteres Immunisierungsargument zu entkräften – die Gegenseite. Man musste Saddam Hussein nicht für ein frommes Schäfchen halten, um den Golfkrieg verhindern zu wollen. Man muss faschistische Tendenzen in der Ukraine und das Vordringen der NATO nach Osteuropa nicht begrüßen, um Putins Politik auf der Krim zu verurteilen. Und man muss die Raketen der Hamas nicht verharmlosen, um die Militäroperationen Israels zu missbilligen. Kein vernünftiger Mensch bestreitet das Existenz- und Selbstverteidigungsrecht Israels. Aber wo die Opfer auf der einen Seite – und nicht zum ersten Mal – mehr als zwanzig Mal so hoch sind wie auf der anderen Seite, muss selbst der gegenüber Zahlen und Statistiken Skeptischste zu dem Schluss kommen, dass da kein ritterlicher Kampf auf Augenhöhe stattfindet. Zumal, wenn die Opfer Zivilisten sind.

Die Gleichsetzung von Israel und Juden, einer verbrecherischen Staatspolitik mit einer ohnedies schwer zu definierenden Menschengruppe kommt jenen entgegen, die immer schon antisemitisch fühlten und dachten und das nun unverblümt äußern dürfen. Aber leider verleihen viele Juden in der Diaspora, insbesondere in den USA, und die offiziösen Repräsentanten jüdischer Organisationen dieser Gleichsetzung eine scheinbare Glaubwürdigkeit, wenn sie bedingungslos für Israel Partei ergreifen, wie es hirnlose Nationalisten immer schon für "ihren" Staat getan haben. Der Nationalismus hat nicht, wie man nach 1945 hoffte, ab-, sondern global eher zugenommen. Und die Juden, die sich mit Israel identifizieren, machen da keine Ausnahme.

Statt sich mit einem verbrecherischen Staat solidarisch oder auch nur ihm gegenüber loyal zu verhalten, läge es an den Juden in aller Welt, der mörderischen Politik der gegenwärtigen israelischen Regierung Einhalt zu befehlen. Dann nämlich brächten sie den Juden jene Ehre ein, die die Widerstandskämpfer gegen das Unrecht zu allen Zeiten und in allen Ländern, nicht zuletzt in Deutschland, ihren Völkern eingebracht haben. Nach wie vor gilt Bertolt Brechts Mahnung an die Nachgeborenen: "Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd / Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt / Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung." Und auch dies, vom selben Autor: "Wenn die Kämpfer gegen das Unrecht besiegt sind / Hat das Unrecht doch nicht recht!"

Die Juden waren in der unglücklichen Lage, dass sie erst mit großer Verspätung, nach Jahrhunderten der Diaspora, die Gelegenheit bekamen, einen Nationalstaat zu gründen. Dass dies auf einem Territorium geschah, auf dem Araber lebten, die ihrerseits erst im Begriff waren, eine Nation zu werden, musste voraussehbar zu Konflikten führen. Statt sich nun mit den antikolonialistischen Bestrebungen der (ehemaligen) Kolonialvölker zu solidarisieren, verbündeten sich die in Palästina ansässigen und auf der Flucht vor Pogromen und vor der nationalsozialistischen "Endlösung" neu eingewanderten Juden mit den ehemaligen Kolonialherren, führten sie sich selbst mehr und mehr wie Kolonialherren auf, behandelten sie die Palästinenser, sofern sie nicht vertrieben worden waren, als Staatsbürger zweiter Klasse. Sie hatten nun ihren Nationalstaat und schienen entschlossen, all die Fehler und Sünden des Nationalismus zu wiederholen.

Dass ausgerechnet die Juden, die einen vom Nationalismus verursachten Genozid überlebt hatten, ihrerseits zu wütenden Nationalisten werden sollten, gehört zu den tragischsten Kapiteln der Geschichte. Wie sehr wünschte man sich doch, dass sie aus erlittenem Schicksal gelernt hätten und nicht so handelten, wie zu handeln sie den Individuen anderer Völker zu Recht vorwerfen. Wie sehr wünschte man sich, dass jeder Einzelne von ihnen vorlebte, wie redliche Deutsche oder Österreicher sich hätten verhalten sollen, als deren jüdische Nachbarn abgeholt und ins KZ deportiert wurden. Die Verteidiger Israels und seiner Politik fragen rhetorisch, warum Juden bessere Menschen sein sollten als andere. Die verzweifelte Antwort leitet sich aus dem Glauben an die menschliche Lernfähigkeit ab: Nicht, weil sie als bessere Menschen geboren wurden, sondern weil ihnen die kollektive Erfahrung eine Lehre erteilt hat, die sie von sich selbst auf andere übertragen können müssten, sollten Juden gegen Nationalismus und seine Folgen immun sein.

Die tägliche Erfahrung lehrt uns, dass es so nicht ist. Offenbar sind Menschen in ihrer großen Mehrheit überfordert, wenn sie, was sie als Opfer erlebt haben, beherzigen sollen, sobald sie in die Rolle der Täter schlüpfen. Israel ist, leider, ein ganz normaler Staat geworden, und seine Bewohner sind ganz normale Menschen geworden. Das Ergebnis trägt wenig dazu bei, ein freundliches Menschenbild zu entwerfen.

Dem übersteigerten Bedürfnis nach Gruppenidentität und somit auch nach Identifikation mit Israel gegenüber, das mit Solidarität nichts zu tun hat, sollte gelten, was Arthur Schnitzler unübertrefflich formuliert hat: "Ich fühle mich mit niemandem solidarisch, weil er zufällig derselben Nation, derselben Rasse, derselben Familie angehört wie ich. Es ist ausschließlich meine Sache, mit wem ich mich verwandt zu fühlen wünsche; ich anerkenne keine angeborene Verpflichtung in dieser Frage."

Keine Sympathie, kein Respekt

Menschlich ist es durchaus verständlich, dass Individuen, dass Gruppen erst einmal um ihre eigene Sicherheit bangen, dass sie gegen eigene Benachteiligung aufbegehren. Dass Juden, deren Verwandte ermordet wurden, am eigenen Überleben und am Überleben derer, mit denen sie ein spät erworbenes Vaterland teilen, stärker interessiert sind als an einer humanen Welt; dass Frauen, die über Generationen hinweg schlechtere Chancen hatten als Männer, eher Vorteile erlangen wollen wenigstens für die kleine Schicht der bürgerlich-intellektuellen Frauen, der sie angehören, als eine egalitäre Gesellschaft; dass Minderheiten gegen Gesetze demonstrieren, die sie gefährden, statt gegen eine ungerechte Gesetzgebung insgesamt – all dies ist verständlich. Sympathisch, mit Verlaub, ist es nicht. Jedenfalls verdient es keinen besonderen Respekt. Dass sich jemand für seine eigenen Rechte einsetzt, ist sinnvoll, aber es bewegt sich im Rahmen eines Wertesystems, für das der Egoismus verbindlich ist. Der Schwächere spielt seine Interessen gegen den Stärkeren aus. Aber es sind nicht mehr als eben seine Interessen.

In der "Zeit" schreibt Tanja Dückers, Israel-Kritik sei "immer auch zu einem substanziellen Teil purer unreflektierter Antiamerikanismus". Dass dieser Antiamerikanismus, wenn er denn tatsächlich immer(!) Teil der Israel-Kritik sein sollte, unreflektiert sei, ist die "pure" Behauptung einer Autorin, die für sich beansprucht, dass nur ihr Standpunkt reflektiert sei. Aber Antiamerikanismus ist zu einem Synonym für Antisemitismus geworden. Weil es sich doch herumgesprochen hat, dass Israel-Kritik nicht antisemitisch sein muss, stigmatisiert man sie jetzt mit dem Vorwurf des Antiamerikanismus. Dass im Nahen Osten Weltpolitik betrieben wird, kann doch niemand ernsthaft bestreiten. Dass die USA dort ihre Interessen wahrnehmen, auch nicht – was übrigens für Israel zum Problem werden wird, wenn die USA zur Überzeugung gelangen, dass ihnen arabische Staaten nützlicher sind. Es war George W. Bush, der verkündete: "We stand with Israel because it shares our values." Das muss nicht immer so bleiben. Und zum Glück verhält es sich mit den Amerikanern wie mit den Juden: Ein paar gibt es schon, die weder die Werte Israels noch die von George W. Bush teilen. Wie zum Beispiel der amerikanische Jude Noam Chomsky.

Antiamerikanisch ist nicht, wer gegen eine Politik des Irakkriegs, der NSA oder des Wirtschaftsimperialismus protestiert. Antiamerikanisch ist, wer jeden Amerikaner, Noam Chomsky eingeschlossen, dafür verantwortlich macht. Mit dem Antisemitismus verhält es sich ähnlich.

 

Thomas Rothschild, geboren in Glasgow und aufgewachsen in Wien, ist promovierter Literaturwissenschaftler, Autor und Journalist. Seit 2011 ist Rothschild Präsidiumsmitglied des deutschen Schriftstellerverbands P.E.N.


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Ich denke, der "Kalle" hat ausgedient.



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