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Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


So schnell kann's gehen: Grün-schwarzer Knatsch

Es war schon in trockenen Tüchern, dass die Landesregierung eine Sprungrevision gegen das zweite Stuttgarter Feinstaub-Urteil anstrengt. Fast. Die CDU-Fraktion hatte diesen Weg zum Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am Dienstag einstimmig als Kompromiss eröffnet und tags darauf bestätigt. Und die Grünen, von denen viele in Fraktion und Partei zur Annahme des Richterspruchs vom Juli 2017 samt Fahrverboten neigte, wären auch einverstanden gewesen. Trotzdem platzten am Freitag die Verhandlungen der Koalittionsspitzen im Staatsministerium – völlig unerwartet. Denn: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sollte längst im Flieger nach Berlin sitzen, als sich die Verhandlungsgruppen in Stuttgart, mal gemeinsam und mal getrennt, immer noch die Köpfe heiß debattierten.

Ein Knackpunkt klingt besonders absurd. Winfried Hermanns Verkehrsministerium hat ein Maßnahmenbündel zur Luftreinhaltung in Stuttgart erarbeitet, wonach das Land Geld aus dem mit einer Milliarde Euro für diesen Zweck gefüllten Topf des Bundes abrufen und eventuell auch selber Mittel in die Hand nehmen will, etwa um ÖPNV-Preise deutlich abzusenken. Die CDU-Fraktion formulierte am Dienstag ausdrücklich, es solle "jetzt schnell ein Bündel an verbindlichen, rechtlich zulässigen Maßnahmen als Alternative zu Fahrverboten beschlossen werden". Hier sei "in erster Linie das Ministerium für Verkehr gefordert, entsprechende Vorschläge zu unterbreiten". Das Ministerium hat unterbreitet. Nun aber will die CDU plötzlich ein Gegengeschäft machen und diesen Maßnahmen nur dann zustimmen, wenn die Grünen ihrerseits damit einverstanden sind, dass gegen das Urteil berufen wird. Bis kommenden Mittwoch um 23.59 Uhr bleibt Zeit, einen Kompromiss zu finden. Andernfalls, die KlägerInnen würden jubeln, ist das Urteil angenommen. (29.09.2017)


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Burkhard Kosminski wird voraussichtlich neuer Schauspielintendant in Stuttgart. Fotos: Joachim E. Röttgers (links), Kosminsiki

Burkhard Kosminski wird voraussichtlich neuer Schauspielintendant in Stuttgart. Fotos: Joachim E. Röttgers (links), Kosminsiki

Ausgabe 316
Kultur

Hochtouriger Leerlauf

Von Martin Eich
Datum: 19.04.2017
Burkhard C. Kosminski soll Armin Petras nachfolgen und dem Schauspiel Stuttgart wieder zu Relevanz verhelfen. Am Nationaltheater Mannheim, wo er seit 2006 tätig ist, scheiterte er daran. Dass ihn eine Findungskommission trotzdem auswählte, dürfte sich rächen.

Nein, so wird das nichts. Brav und bieder schleppt sich die Inszenierung mit ihrem entmaterialisierten Ton dahin, beinahe alles ist schwebende Anmut, verhaltene Innigkeit, lyrische Monstranz. Dabei sollten auf der Bühne des Nationaltheaters Mannheim eigentlich Fluchtursachen und gesellschaftliche Unwuchten verhandelt werden; Roland Schimmelpfennigs "Das große Feuer" wollte es zumindest so. Aber offenbar nicht Regisseur Burkhard C. Kosminski, passenderweise Hausherr und damit keinem Spartenleiter rechenschaftspflichtig, der in diesem Stoff das Fegefeuer eines irdischen Infernos hätte sehen können.

Beinahe genau vor einem Jahr war hier ähnliches zu konstatieren. Derselbe Regisseur, derselbe Autor, derselbe Bühnenbildner verantworteten mit "An und Aus" einen Abend über den Atomunfall in Fukushima. Und schon damals erschöpfte man sich immer dann in Andeutungen, raschelte mit Papier, betrieb Schattenspiele und romantisierte hemmungslos, wenn beklemmender Realitätsspuk das Mittel der Wahl gewesen wäre. Selten war die Apokalypse fröhlicher und die Niedlichkeits-Falle gieriger als während dieser beiden Inszenierungen. "Dinner for One" spielt jetzt in Mannheim: The same procedure as last year.

Brav und bieder schleppt sich "Das große Feuer" dahin. Foto: Christian Kleiner
Brav und bieder schleppt sich "Das große Feuer" dahin. Foto: Christian Kleiner

Publikum und Kritiker sind von Kosminski inzwischen kaum mehr anderes gewohnt. Bertolt Brechts vielleicht vorschnelle Erkenntnis, wie anstrengend es doch sei, böse zu sein – auf die Arbeiten des 55-Jährigen trifft das zu. Jedenfalls dann, wenn "böse" durch "inhaltlich" oder "politisch" ersetzt wird. Seit 2006 amtierte er zunächst als Schauspieldirektor, nach dem Rückzug von Generalintendantin Regula Gerber dann als Spartenintendant in Mannheim, und hat in dieser Zeit ungewöhnlich viele Stücke mehr oder weniger namhafter deutscher Dramatiker uraufgeführt.

Kosminski pflegt eher nützliche Kontakte als die Regiekunst

Ermöglicht hat das ein faustischer, unfixierter Pakt: Kosminski schmückt sich mit Prominenz und die Autoren können sicher sein, dass er es bei bestenfalls moderaten Änderungen belässt. Denn Streichungen, Setzungen, Akzentuierungen sind nicht seine Sache. Als Regisseur repariert er nicht, sondern verstärkt und lässt vom Blatt spielen. Konturen gewinnen diese Abende höchstens – ähnlich dem Aufbau chemischer Verbindungen durch Einwirkung von Tageslicht – aus sich selbst heraus. Das Resultat: Inszenierungen, die den Nervenkitzel eines Klosters mit der Sinnlichkeit eines Finanzamts verbinden, von Stücken, die nach Gebrauch verschwinden. Nachgespielt – Indikator dafür, was in Mannheim über die Bühne geht – wird kaum eine der Ex-und-Hopp-Vorlagen. Hier gedeiht das Nullwachstum.

Die Bilanz bildet das ab. Weder zum Berliner Theatertreffen noch zu den Ruhrfestspielen wurde er bislang eingeladen und, noch aussagekräftiger, auch keine andere Produktion seiner Sparte. Kosminski hat die Schauspiel-Dependance des Nationaltheaters von der Landkarte der deutschen Bühnenlandschaft gefegt. Dröhnendes Eigenlob kann das nicht kaschieren. Erfolgreicher agiert ausgerechnet seine Intendanten-Kollegin Andrea Gronemeyer, die das Jugendtheater des Hauses leitet und regelmäßig ausgezeichnet wird; sie beweist, dass die Ursache des Problems nicht geographischer, sondern personeller Natur ist.

Nach den Gesetzmäßigkeiten der Branche reitet jemand seiner Generation mit dieser Biographie längst in den Sonnenuntergang der eigenen Laufbahn. Kosminski hingegen wird, falls der Verwaltungsrat der Württembergischen Staatstheater am 24. April zustimmt, künftig als Nachfolger von Armin Petras das Schauspiel Stuttgart leiten. Seit Kriegsende waren kein Generalintendant und kein Schauspielchef, die in der Landeshauptstadt antraten, älter. Selbst Über-Vorgänger Claus Peymann, ewiger Gralshüter einer weniger trüben lokalen Vergangenheit, hat Vorbehalte: "Es ist ein immanenter Theaterplatz. Ich wünsche Kosminski alles Theaterglück. Hoffentlich wird es für ihn nicht zu einer Hypothek, dass er aus Mannheim kommt, weil ein größerer räumlicher Abstand für kreative Theaterarbeit wichtig ist." Deutschland, sofern es die Schaubühne nicht vollends vergessen hat, wundert sich.

Bei den "Mannheimer Gespräche": Kosminski (rechts) mit Winfried Kretschmann (Mitte) und Christof Hettich. Foto: Christian Kleiner
Bei den "Mannheimer Reden": Kosminski (rechts) mit Winfried Kretschmann (Mitte) und Christof Hettich. Foto: Christian Kleiner

Dieses Mysterium ist Ausfluss erfolgreichen Kalküls. Gezielt sucht Kosminski die Nähe von Politikern und einflussreichen Theaterschaffenden, pflegt weniger die Regiekunst als nützliche Kontakte. Mit Mannheims Oberbürgermeister duzt er sich und Matthias Lilienthal, damals als designierter Intendant der Münchner Kammerspiele umschmuster Liebling der Szene, diente er 2014 bei der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft im Werkhaus des Nationaltheaters als Trabant: Jeweils nur kurz konnte sich Lilienthal der hartnäckigen und von Teilnehmern amüsiert registrierten Fürsorge des Gastgebers entziehen, wenn dieser sich auch Ulrich Khuon – Intendant des Deutschen Theater Berlin und später Mitglied just jener Findungskommission, die Kosminski einstimmig für Stuttgart vorschlug – zuwandte.

Sogar das Rahmenprogramm seiner Sparte mutet an, als ziele es vor allem auf die Anwerbung von Politprominenz ab. Kürzlich weilte Ministerpräsident Winfried Kretschmann zur ersten Auflage der "Mannheimer Reden" am Rhein. Wie Kosminskis Pressesprecherin das neue Format erläutert, ist von unfreiwilliger Komik: "Ein Anstoß des Nationaltheaters Mannheim in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Bildungs- und Gesundheitsunternehmen SRH unter der Schirmherrschaft des Oberbürgermeisters der Stadt Mannheim Dr. Peter Kurz; Medienpartner: Mannheimer Morgen." Mehr Establishment geht wirklich nicht.

Nicht vom Geist der Opposition getrieben

Dagegen wäre weniger zu sagen, wenn es der Sache diente. Nur hat sich das Wirken des passionierten Öffentlichkeitsarbeiters längst verselbstständigt: Seine Entscheidungen und Initiativen fördern nicht das Theater, sondern ihn. Kosminski verkauft sich selbst. Dort, wo Friedrich Schillers Protest-Drama "Die Räuber" 1782 uraufgeführt wurde, entstellt sich heute bis zur Kenntlichkeit ein Kunstverständnis, das nicht vom Geist der Opposition getrieben, sondern von Anpassung und Anbiederung zersetzt wird.

Wobei Tatsachen bedarfsweise zur Dispositionsmasse und damit zu Kollateralschäden mutieren. Mitunter verfängt sich Kosminski bei der Eigenvermarktung in Superlativen. Wie vor drei Jahren, als er – bislang sein alarmistisches Meisterstück – in einem Brandbrief an mehrere Minister mit gravitätischem Credo, dramatisch veredeltem Parlando und avantgardistischer Interpunktion den angeblich drohenden Untergang der deutschen Bühnenlandschaft vorhersagte. Discite moniti: Lernt, Ihr Ermahnten! Vergils "Aeneis" hätte die Blaupause sein können. Aber schon der zweite Satz, mit dem Kosminski sein Haus nonchalant zum "ältesten kommunalen Theater der Welt" ernannte, enthielt eine Falschbehauptung (das Erlanger zum Beispiel ist älter). Danach wurde es nicht besser. Unverdrossen die Kompetenzen von Bund und Ländern vermischend, forderte er, den Solidaritätszuschlag den Kulturhaushalten zuzuschlagen. Daraus sollten künftig auch Printmedien gefördert werden; als ob Zeitungen am finanziellen Gängelband des Staates ein demokratisches Ideal wären. Keiner der Vorschläge war juristisch umsetzbar.

Ohnehin ist kaum einer weniger dazu berufen, mehr Geld für die Bühnen zu fordern. Das Nationaltheater leistet sich, während bei Darstellern und Sängern gespart wird, fünf Intendanten. Dass gerade in Kosminskis Sparte ungewöhnlich aufwendige Bühnenbilder realisiert werden, mag noch künstlerischen Argumenten geschuldet sein. Anders verhält es sich, wenn – wie vor einigen Spielzeiten geschehen – eigens für eine Produktion und für einen Betrag, von dem ein Hartz-IV-Empfänger mehrere Monate leben muss, ein Ring angeschafft wird. Motto: Ein falscher König braucht wenigsten echten Schmuck. Selbst aus den vorderen Reihen war das edle Requisit, das dem Schauspieler nur gegen Quittung ausgehändigt und umgehend nach jeder Aufführung weggeschlossen wurde, nicht zu erkennen.

Betriebsklima im Mannheimer Ensemble lässt zu wünschen übrig

Weil Kosminski vor allem ins Abseits strahlt, gärt es im Ensemble. Das Haus ist unter ihm zum theatralen Himmelfahrtskommando geworden, gilt als Karrieren-Endlager. Wer hier arbeitete, kommt an den ersten Bühnen des Landes nicht mehr unter. Jenny König, die er gebetsmühlenartig als Gegenbeweis anführt, ist die berühmte Ausnahme, welche nicht die Regel entkräftet. Sie wechselte 2009 sofort nach ihrem zweijährigen Anfängerengagement an die Berliner Schaubühne und gehörte zu kurz dazu, um mit seinem Theater identifiziert zu werden. Neben der Aussichtslosigkeit drückt die Belastung durch die vergleichsweise vielen Neuproduktionen und das große Repertoire das Betriebsklima. Der hochtourige Leerlauf, den der ehrgeizige Intendant dem Ensemble für immer wieder neue Schlagzeilen und Auslastungsrekorde aufbürdet, fordert Tribut und manchmal auch die Gesundheit.

Von Kosminski äußerst angetan: Fritz Kuhn und ...
Von Kosminski äußerst angetan: Stuttgarts OB Fritz Kuhn (Grüne). Foto: Joachim E. Röttgers

Trotz aller kosmetischen Optimierungen waren seine Bemühungen um andere, prestigeträchtigere Wirkungsstätten lange erfolglos. Kosminski – stets um den Eindruck bemüht, das Copyright jeder Idee liege bei ihm – verliert schnell an Glanz, je weiter man sich von Mannheim entfernt. Zu tief steht er als Regisseur und Intendant im Soll, als dass Entscheider dies übersehen könnten. Vor vier Jahren verhob er sich bei seinem Düsseldorfer Musiktheater-Debüt grandios an Richard Wagners "Tannhäuser"; Opern-Journalisten kürten die Episode in einer Umfrage zum "Reinfall der Saison" und "FAZ"-Großkritiker Gerhard Stadelmaier verdammte Kosminski in sprachlich nicht ganz korrekter, aber trotzdem furioser Weise als "Einfallspinsel".

Auch konzeptionell vermag er lediglich begrenzt zu begeistern. Als Leipzig einen Nachfolger für Schauspiel-Intendant Sebastian Hartmann suchte und Kosminski sich auf Vermittlung des Deutschen Bühnenvereins vorstellte, erinnerte sich Oberbürgermeister Burkhard Jung als Mitglied der Findungskommission schon kurz danach nicht mehr daran: "Wer? Nie gehört. Aber ich erkundige mich." Zwei Tage später folgte der versprochene Rückruf: Ja, Kosminski sei tatsächlich dort gewesen. Eindruck, gar bleibenden, habe er nicht hinterlassen.

Ebenfalls Kosminski-Fan: Kunstministerin Theresia Bauer (Grüne). Foto: Joachim E. Röttgers
Ebenfalls Kosminski-Fan: Kunstministerin Theresia Bauer (Grüne). Foto: Joachim E. Röttgers

Stuttgart ist deshalb seine letzte Chance. Umgekehrt gilt das nicht. Wer die Sphärenklänge von Kunstministerin Theresia Bauer ("Seine Leidenschaft und seine Ideen werden das Publikum begeistern.") und Oberbürgermeister Fritz Kuhn ("Ich verspreche mir spielfreudiges und ästhetisch anspruchsvolles Theater.") mit der Realität abgleicht, wähnt sich in einem Paralleluniversum. Was Schiller und Lessing für die Schaubühne forderten, nämlich eine moralische Anstalt zu sein, davon ist das Nationaltheater Mannheim so weit entfernt wie ein Amazonas-Stamm von einer bemannten Marsmission. Nichts spricht dafür, dass sich das in Stuttgart ändern könnte. Denn die Apokalypse offenbart sich bei Burkhard C. Kosminski nicht als Analyse oder Prophezeiung und braucht auch keine Bühne. Es ist die Apokalypse einer Kunstform.

 

Martin Eich ist Feuilletonist und Theaterkritiker. In Südhessen wohnend, beobachtet er das Nationaltheater Mannheim und Burkhard C. Kosminski seit Jahren aus der Nähe.


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