KONTEXT Extra:
Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


So schnell kann's gehen: Grün-schwarzer Knatsch

Es war schon in trockenen Tüchern, dass die Landesregierung eine Sprungrevision gegen das zweite Stuttgarter Feinstaub-Urteil anstrengt. Fast. Die CDU-Fraktion hatte diesen Weg zum Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am Dienstag einstimmig als Kompromiss eröffnet und tags darauf bestätigt. Und die Grünen, von denen viele in Fraktion und Partei zur Annahme des Richterspruchs vom Juli 2017 samt Fahrverboten neigte, wären auch einverstanden gewesen. Trotzdem platzten am Freitag die Verhandlungen der Koalittionsspitzen im Staatsministerium – völlig unerwartet. Denn: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sollte längst im Flieger nach Berlin sitzen, als sich die Verhandlungsgruppen in Stuttgart, mal gemeinsam und mal getrennt, immer noch die Köpfe heiß debattierten.

Ein Knackpunkt klingt besonders absurd. Winfried Hermanns Verkehrsministerium hat ein Maßnahmenbündel zur Luftreinhaltung in Stuttgart erarbeitet, wonach das Land Geld aus dem mit einer Milliarde Euro für diesen Zweck gefüllten Topf des Bundes abrufen und eventuell auch selber Mittel in die Hand nehmen will, etwa um ÖPNV-Preise deutlich abzusenken. Die CDU-Fraktion formulierte am Dienstag ausdrücklich, es solle "jetzt schnell ein Bündel an verbindlichen, rechtlich zulässigen Maßnahmen als Alternative zu Fahrverboten beschlossen werden". Hier sei "in erster Linie das Ministerium für Verkehr gefordert, entsprechende Vorschläge zu unterbreiten". Das Ministerium hat unterbreitet. Nun aber will die CDU plötzlich ein Gegengeschäft machen und diesen Maßnahmen nur dann zustimmen, wenn die Grünen ihrerseits damit einverstanden sind, dass gegen das Urteil berufen wird. Bis kommenden Mittwoch um 23.59 Uhr bleibt Zeit, einen Kompromiss zu finden. Andernfalls, die KlägerInnen würden jubeln, ist das Urteil angenommen. (29.09.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Der Künstler HAP Grieshaber bei der Arbeit. Foto: privat

Der Künstler HAP Grieshaber bei der Arbeit. Foto: privat

Ausgabe 316
Zeitgeschehen

Eleftheria heißt Freiheit

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 19.04.2017
Vor 50 Jahren putschten in Griechenland die Obristen. Der Künstler HAP Grieshaber organisierte den Protest in Stuttgart, Gastarbeiter, Bildungsbürger und Studenten schlossen sich an. Nun hat die Documenta eröffnet. Zuerst in Athen, aus Solidarität mit Griechenland.

"Eleftheria i Thanatos" steht auf dem Plakat, Freiheit oder Tod: der Wahlspruch der griechischen Republik, seit 1821 der Kampf um die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich begann. Das Plakat ruft auf zur Gründungsversammlung eines "Bürgerausschusses für die griechische Sache" im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle am 13. Dezember 1967, organisiert von dem auf der Achalm bei Reutlingen lebenden Künstler HAP Grieshaber. Der Anlass: Am 21. April hatten in Griechenland die Obristen geputscht.

"Freiheit oder Tod": Ausstellungsplakat von HAP Grieshaber. Foto: VG Bild-Kunst
"Freiheit oder Tod": Ausstellungsplakat von HAP Grieshaber. Foto: VG Bild-Kunst

Das Plakat zeigt ein seltsames Wesen: eine Art Greif mit menschlichem Kopf, halb Engel, halb kapitolinische Wölfin. Das Motiv hatte Grieshaber zuerst für seine Zeitschrift "Engel der Geschichte" verwendet, die der Künstler seit 1964 in der Stuttgarter Manus Presse herausgab. Deren achtes Heft war Griechenland gewidmet.

Der Titel "Engel der Geschichte" stammt von Walter Benjamin, der in einem berühmten Zitat, von einer Zeichnung Paul Klees ausgehend, seine Geschichtsauffassung darlegt: "Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. [...] Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert."

Eine einzige Katastrophe, Trümmer auf Trümmer: Der Obristenputsch war der erste militärische Umsturz in Westeuropa nach dem Ende der Hitlerdiktatur, und er weckte böse Erinnerungen. Schon unter den deutschen Besatzern, die 1941 einmarschierten, nachdem Mussolinis Truppen gescheitert waren, hatte sich der spätere Putschistenanführer Georgios Papadopoulos als Kommunistenjäger profiliert.

Als nach dem Abzug der Nazis die kommunistischen Partisanen den überwiegenden Teil des Landes kontrollierten, sorgten zuerst die Engländer, dann die Amerikaner – auch mit Napalm-Brandbomben - dafür, dass das Land in der westlichen Interessenssphäre verblieb, wie von Churchill und Stalin vereinbart. Im Griechischen Bürgerkrieg konnte sich Papadopoulos wieder als antikommunistischer Kämpfer, als Offizier bei rechten Paramilitärs, bewähren und erhielt dann von der CIA eine weitere Ausbildung.

1933 musste Grieshaber von Griechenland zurück nach Deutschland

Grieshaber hatte seine eigenen Erinnerungen: "Wie oft war ich froh in den Jahren der Nazi-Diktatur, wenn mir meine griechischen Freunde wieder geholfen haben", schreibt er im Aufruf zur Gründung des Bürgerausschusses. "Dank ihrer Hilfe gelang es mir, den Schergen des Dritten Reiches zu entkommen. Durch ihren Minister für Tourismus gelang es sogar, 1937 eine Ausstellung meiner Holzschnitte in aller Öffentlichkeit zu machen. Er bedankte sich für die 'griechisch-arabische Volkskunst', mit dieser Bezeichnung habe ich meine Ausstellung getarnt, allen Ernstes beim Auslandsinstitut."

1. Mai 1967 in Stuttgart: gegen Atomkrieg und für freie Wahlen in Griechenland. Foto: Bundesarchiv
1. Mai 1967 in Stuttgart: gegen Atomkrieg und für freie Wahlen in Griechenland. Foto: Bundesarchiv

"Arabische Volksbücher – griechische Volksmalerei" lautete der volle Titel der Ausstellung, die in der Galerie Valentien im Königsbau stattfand. Sie beruhte auf einer Reise nach Ägypten und Griechenland, zu der Grieshaber 1932 mit seinen Studienfreunden Klaus Vrieslander und Marguerite Ammann aufgebrochen war. Was ihn besonders faszinierte, war nicht die klassische Kultur, sondern das volkstümliche, ursprünglich türkische Karagiozis-Schattentheater. Später erzählte der Künstler, er habe in Athen "eine antinationalsozialistische Zeitung herausgegeben." Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten musste er nach Deutschland zurück: "Ich wusste, dass ich ins Dunkel fuhr."

Von Johannes Poethen und Margarete Hannsmann, die den Putsch selbst miterlebt hatten, ließ er sich die Ereignisse berichten. Der Lyriker Poethen war immer wieder nach Griechenland gereist, getrieben von der Sehnsucht nach der klassischen Kultur, Hannsmann hatte ihn begleitet. Von einem idealisierten Griechenlandbild fand sie, durch die Begegnung mit Grieshaber, zu einer gegenwartsbezogeneren Schreibweise. In einem Gedicht beschreibt sie die Atmosphäre:

In dieser Stadt / auf allen Straßen / ausgedörrt / überfahren / das Volk / Die Agora ist geschlossen. / Wie viele Panzer /gegen den einen Schrei.

Der Schlachtruf hieß Freiheit

Fast 2000 Menschen kamen zur Gründungsveranstaltung des Bürgerausschusses im Dezember 1967 in die Liederhalle. Bildungsbürger, Gastarbeiter und – nicht zuletzt durch den Putsch – radikalisierte Studenten, zogen an einem Strang. In den folgenden Jahren reisten Grieshaber und Hannsmann quer durch die Republik, um in Schulen und Bibliotheken, Buchhandlungen und Gastarbeiter-Versammlungen für die griechische Sache zu trommeln. Für Amnesty International entwarf Grieshaber ein Plakat, auf der Pressekonferenz einer NATO-Konferenz in Bonn las Hannsmann ihre Gedichte.

Eine von Grieshaber gestaltete Ausgabe der Zeitschrift "Spektrum" verbreitete sich 1973 in Windeseile bis nach Griechenland. Eine griechische Zeitung in Rom druckte die Blätter nach. Französische Studenten trugen sie auf Demonstrationen mit. In einem Holzschnitt stellte der Künstler Günter Wallraff dar, der sich in Athen von Geheimpolizisten hatte verprügeln und festnehmen lassen. Er entwarf noch viele Plakate zu Griechenland, immer wieder mit dem Schlachtruf: Eleftheria, Freiheit!

All diese Aktivitäten, mit dem Stuttgarter Bürgerausschuss angefangen, haben mit dazu beigetragen, dass die Diktatur in Deutschland und Europa nicht unbeobachtet blieb – und damit letztlich auch dazu, dass die Obristen 1974 zurücktreten mussten. Die demokratisch gewählte Nachfolgeregierung wusste es dem Künstler zu danken, indem sie ihn 1977 zu einer Ausstellung im Kulturzentrum der Stadt Athen einlud. Grieshabers "Mahnbilder für die Freiheit und die Menschenrechte" waren anschließend auch in Mannheim zu sehen und danach Kern einer großen Retrospektive in der Staatlichen Kunsthalle Berlin.

Ein Athener Widerstandsmuseum ist nun Documenta-Ort

Parko Eleftherias, Freiheitspark, heißt heute eine kleine Grünanlage vor dem ehemaligen Hauptsitz der Militärpolizei der Junta, in dem die Vereinigung der verfolgten und exilierten Widerstandskämpfer ein Museum des demokratischen Widerstands gegen die Diktatur betreibt. Dieses Museum ist nun einer der Ausstellungsorte der Documenta, die am 8. April, zwei Monate vor Kassel, in Athen eröffnet wurde. Der Architekt Andreas Angelidakis hat vom angrenzenden Städtischen Kunstzentrum eine Verbindung hergestellt, die den Raum der Kunst zu den dunkleren Seiten der Geschichte hin öffnet.

"Wir (alle) sind das Volk": Transparent am Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst in Athen. Foto: Mathias Völzke
"Wir (alle) sind das Volk": Transparent am Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst in Athen. Foto: Mathias Völzke

Ausgestellt ist dort ein Video des syrischen Künstlerkollektiv Abounaddara unter dem Titel "Der Syrer, der die Revolution wollte". Seit 2011 stellen die Künstler wöchentlich einen kurzen Film von ein bis zwei Minuten Länge ins Netz, um die Menschen, die in Syrien für Veränderungen auf die Straße gezogen sind, selbst zu Wort kommen zu lassen. Sie, die eigentlichen Subjekte der Revolution, werden in der Medienwahrnehmung zu bloßen Statisten, kritisiert das Kollektiv. Die Künstler wollen ihnen ihre Würde zurückgeben und fordern ein Recht auf das eigene Bild.

"Von Athen lernen", lautet das Motto der Documenta. "Nicht von dem Athen als Wiege der westlichen Zivilisation, sondern von einem Ort, an dem die Widersprüche der zeitgenössischen Welt aufeinanderprallen", wie der künstlerische Leiter Adam Szymczyk Ende 2015 im Editorial der Zeitschrift "South as a State of Mind" schrieb, die, ursprünglich 2012 in Athen gegründet, seitdem als Magazin der Documenta fungiert.

Heute ist es nicht das Militär, sondern die Troika, die Griechenland zu schaffen macht, wenn auch auf ganz andere Weise. Während der Arbeiten an dem Magazin, bemerkt Szymczyk, "hat sich die andauernde wirtschaftliche und humanitäre Krise in Griechenland deutlich verschärft." Der Titel der Zeitschrift bezieht sich jedoch nicht nur auf Griechenland. Es geht um den globalen Süden, im Heft finden sich Texte wie "Wir Flüchtlinge" von Hannah Arendt oder die Rede von Thomas Sankara vor der Organisation für Afrikanische Einheit 1987 in Addis Abeba, in dem dieser eine Schuldenrückzahlung an die reichen Länder ablehnte. Wie der Kameruner Ko-Kurator Bonaventure Soh Bejeng Ndikung anmerkt: Was Griechenland heute durchmacht, haben die Länder südlich des Mittelmeers bereits hinter sich.

Viele Arbeiten beschäftigen sich mit Migration und Subjektwerdung

Arbeiten von rund 150 lebenden und weiteren 50 nicht mehr lebenden Künstlern sind an mehr als 40 Ausstellungsorten zu sehen. Der wichtigste davon ist das Nationale Museum für zeitgenössische Kunst, seit 2014 untergebracht auf dem Gelände der ältesten griechischen Brauerei. Viele kommen aus dem globalen Süden und erzählen mit ihren Arbeiten Geschichten von Migration und Subjektwerdung:

Eine Reminiszenz an das Karagiozis-Schattentheater: Videoinstallation von Bouchra Khalili. Foto: Angelos Giotopoulos
Eine Reminiszenz an das Karagiozis-Schattentheater: Videoinstallation von Bouchra Khalili. Foto: Angelos Giotopoulos

Davon, wie Migranten, von den ökonomischen Umständen getrieben, zunächst den Verhältnissen in den Ankunftsländern ausgeliefert waren, dann aber ihr Schicksal in die eigenen Hände nahmen und zu politisch Handelnden wurden. So hat die marokkanische Künstlerin Bouchra Khalili im Auftrag der Documenta ein Video über eine kleine, multinationale Theatergruppe in Athen gedreht. Sie bezieht sich dabei auf das erste nordafrikanische Migrantentheater im Paris der 1970er-Jahre, zeigt aber auch das Karagiozis-Schattentheater, das bereits Grieshaber so beeindruckte.

"Wir müssen wieder Verantwortung übernehmen und wie politische Subjekte handeln, anstatt das einfach den gewählten Vertretern zu überlassen", forderte Szymczyk in seiner Eröffnungsansprache. Joulia Strauss hat bereits vor zwei Jahren auf eigene Faust damit angefangen. Am authentischen Ort, wo einst Plato seine Akademie gründete, einem kleinen Park nordwestlich von Athen, rief die russische Künstlerin eine autonome Akademie ins Leben, um die Grundlagen der westlichen Zivilisation neu zu überdenken. Sie finanziert das Projekt unter anderem durch den Verkauf von Porträts, die sie von den Lehrenden anfertigt. "Lernen von Athen" ist falsch, sagt Strauss, "wir lernen nicht voneinander, wir teilen unser Wissen."

Mehr als 60 Lehrveranstaltungen haben bereits stattgefunden, mit mehr als 30 Dozenten. George Caffentzis zum Beispiel, emeritierter Philosophieprofessor der University of Southern Maine, bezog sich im Juni 2015 auf Plato, der in seiner "Politeia" (Der Staat) bereits für das Recht eingetreten sei, die Rückzahlung von Schulden zu verweigern. 

George Caffentzis. Zeichnung: Joulia Strauss
George Caffentzis beim Referieren über Platos Ansichten zu Schulden. Zeichnung: Joulia Strauss

Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!