Museen ohne Eintritt würden Menschen schlauer und Museen voller machen. Fotos: Joachim E. Röttgers

Museen ohne Eintritt würden Menschen schlauer und Museen voller machen. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 306
Kultur

Hereinspaziert!

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 08.02.2017
Es wäre eine keine kleine Revolution in den heiligen Hallen der Hochkultur: Staatssekretärin Petra Olschowski hat laut über einen Nulltarif für die Museen des Landes nachgedacht. Statt Applaus hagelt es aber Kritik. Noch ein Indiz dafür, dass die Welt ziemlich gaga ist.

Manche gesellschaftspolitischen Einfälle sind schon der Leute wegen richtig, die sie ablehnen. So wettert der neue FDP-Abgeordnete Nico Weinmann, Sohn des ehemaligen Heilbronner CDU-OB, gegen die "unseriöse, rein ideologisch begründete Haushaltsplanung". So, als seien nicht gerade neoliberale Chefideologien mit schuld am schlanken Ellenbogenstaat, in dem Familien bis hinein in die Mittelschicht abgehängt sind und kulturelle Einrichtungen für sie fremdes Territorium. Das liegt zwar keineswegs allein an den Eintrittspreisen. Dennoch belegen alle einschlägigen Studien, wie das Interesse selbst an allen Werken, die auf den ersten Blick nur schwer zu dechiffrieren sind, aufblüht, wenn die Betrachtung gratis ist.

Wider besseren Wissens rempelt Weinmann die parteilose Staatssekretärin Petra Olschowski zusätzlich an, weil sie als Beispiel das Museum Folkwang anführt. "Oder träumt sie von freigiebigen Stiftungen?", will er wissen. Denn den Nulltarif im 115 Jahre alten Essener Kunstmuseum finanziert die "Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung". Sind es nicht die Liberalen, die Mäzenatentum regelmäßig rühmen und dem Engagement der öffentlichen Hand gegenüber sogar als überlegen anpreisen?

Vier Euro kostet die Dauerausstellung im Lindemuseum.
Vier Euro Eintritt für die Dauerausstellung im Lindenmuseum.

Was wäre gerade aus FDP-Sicht dagegen zu sagen, würde sich eine der heimischen Stiftungen aufraffen und jene Gelder zur Verfügung stellen, die als jährliche Kosten errechnet sind für einen landesweiten freien Eintritt in die staatlichen Sammlungen? Nichts. Zumal Weinmann aus dem eigenen Wahlkreis um einschlägige Aktivitäten weiß. Denn die Ernst Franz-Vogelmann-Stiftung fördert seit Jahren den freien Eintritt samt Führungen von Schulklassen in den Städtischen Museen Heilbronn.

Borniert ist die Debatte aber vor allem, weil es weltweit zahllose, auch wissenschaftlich unterfütterte Beispiele dafür gibt, wie der Verzicht auf einen Obolus tatsächlich zur Steigerung der Besucherzahlen führt. Und die wäre in vielen Häusern dringend notwendig. Ein Vorbild hierfür sind China und Dänemark, Wien und vor allem England. Olschowski war gerade mal vier Wochen im Amt, als Martin Roth, derzeit noch Direktor des Londoner Victoria & Albert Museums (V&A), in Stuttgart über seine Erfahrungen referierte. Die Geisteshaltung der frei zugänglichen Kultur gewinne gerade jetzt immer mehr Anhänger, berichtete der:"In einer Stadt wie London, wo schon das Atmen Geld zu kosten scheint, müssen wir Räume zum Wohlfühlen schaffen."

Öffentliches Eigentum muss offen zugänglich sein

Viel beschrieben ist, wie sich das V&A zum Jugendtreffpunkt entwickelte und sich die Besucherzahlen vervielfacht haben. Der kostenlose Zugang wird als nur konsequent angesehen – schließlich unterhalten die Steuerzahler und -innen die Einrichtungen, der Ankauf vieler Exponate wäre ohne Steuergelder nicht vorstellbar. Also gehörten zumindest die Sammlungen ohnehin dem Volk. Roth spricht vom freien Eintritt als "grandioser Idee". Museen wie das V&A seien "für die Menschen gemacht, sie grenzen nicht durch Bildung aus, sondern integrieren durch Wissen".

Das will Olschowski ebenfalls. Die Kunsthistorikerin mit einer Magisterarbeit über HAP Grieshaber nennt den kostenfreien Zugang "ein gutes Zeichen in die Gesellschaft hinein", und lässt derzeit gemeinsam mit den Museen prüfen, "wie hoch die Einnahmenverluste wären, um eine Einschätzung für die finanzielle Situation zu bekommen". Die SPD ist schon weiter. Die hat zwar die Regierungszeit mit den Grünen ungenutzt verstreichen lassen, macht sich jetzt aus der Opposition heraus aber stark für eine "Kultur für alle". Ex-Finanzminister Nils Schmid rechnet mit Kosten zwischen fünf und sechs Millionen Euro im Jahr, bei elf Landesmuseen. Durchsetzen konnte sich seine Fraktion in den Haushaltsberatungen allerdings nicht.

13 Euro Eintritt kostet die "Schwaben"-Ausstellung im Landesmuseum Württemberg.
13 Euro Eintritt kostet die "Schwaben"-Ausstellung im Landesmuseum Württemberg.

Wenn aber die FDP und – um der Quereinsteigerin ihre Grenzen aufzuzeigen – erst recht die CDU gegen den Nulltarif Stimmung machen, verraten beide auch die eigenen Verdienste um die Konzeption "Kultur 2020". Die war im vergangenen Jahrzehnt noch unter schwarz-gelber Ägide als Fahrplan fürs Land verabschiedet worden. Die ständigen Ausstellungen der Landesmuseen stellen "ein unverzichtbares Element des außerschulischen Lernorts Museum dar", steht darin zu lesen. Sie bildeten "in ihrer Gesamtheit die museale Grundversorgung des Landes und machen die Sammlungen als Eigentum der Bürgerinnen und Bürger der Öffentlichkeit zugänglich". Und im Sinne einer Grundversorgung müssten die ständigen Ausstellungen durch eine "sinnvolle Eintrittspreisgestaltung" allen Menschen offen stehen.

Schade eigentlich, dass dieser einfachen Logik nicht einmal Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu folgen vermag. Er legt sich, wie fast immer, wenn Unfrieden in der Koalition droht, lieber mit dem eigenen Lager an als mit dem Regierungspartner. Also pfiff er die frühere Rektorin der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste öffentlich zurück, dementierte gar, dass es überhaupt Überlegungen zum freien Eintritt gibt. Dabei hatte er Olschowski bei der Präsentation seiner Regierung angesichts ihrer Kompetenz noch als "besonderen Akzent" gerühmt. Jetzt muss sie stattdessen ein Konzept erarbeiten, wie neue Besuchergruppen anders als über den Geldbeutel zu interessieren sind.

Die Finanzierung ist kein Gegenargument

An Konzepten ist kein Mangel. Allerdings kommen alle, die im Sinne ihrer Erfinder funktionieren, nicht um den Nulltarif herum. Das hat sogar die Hamburger FDP erkannt und auf ihrem Landesparteitag Mitte 2016 beschlossen, "bei allen staatlichen Museen auf Eintrittsgelder zu verzichten" und dies "durch Zusatzangebote wie Gastronomie, Shops, Kooperationen, Events, Spenden und durch eine nachfrageorientiertere Gestaltung des Angebots" gegenzufinanzieren. Auch sie lebt in der Erwartung, dass "langfristig hierdurch die staatlichen Zuschüsse sogar gesenkt werden".

Wie das konkret funktionieren kann, weiß der frühere Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums, Hans Ottomeyer. Der ist überzeugt, dass das englische Modell gesellschaftspolitisch wie finanziell vernünftig ist und verweist auf die Sparpotentenziale, wenn nicht "unendlich viele Mittel in Marketingmaßnahmen gesteckt werden müssen". Jeder zusätzliche Besucher werde "mit sehr viel Geld bezahlt, damit er überhaupt zu dem Haus findet". Ganz zu schweigen von den "vielen Leuten, die ich brauche, um Tickets zu verkaufen, wie viele Kassenkräfte, Ersatzkassenkräfte oder Buchhaltungsmitarbeiter".

Fünf Euro sind es für die Dauerausstellung im Haus der Geschichte.
Fünf Euro sind es für die Dauerausstellung im Haus der Geschichte.

Kretschmann und all die anderen Bremser müssten sich vom Landtag nur über die Straße in die Staatsgalerie bewegen. Die hat den Selbstversuch bereits hinter sich. Der damalige Direktor Sean Rainbird konnte 2009 Sponsoren überzeugen, das Unternehmen, das als Landesbetrieb geführt wird, sechs Monate zum Nulltarif zu finanzieren. Statt 51.000 Menschen wie im Vergleichszeitraum 2008 fanden fast 140.000 den Weg in das Haus an der Konrad-Adenauer-Straße. Geblieben davon ist der kostenlose Besuch jeden Mittwoch. Im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe ist der Freitag frei, inklusive einer thematisch Woche für Woche wechselnden Führung um 16 Uhr, zu der nicht selten bis zu 70 Interessierte erscheinen und damit deutlich mehr als bei den Bezahlangeboten.

Baden-Württemberg liegt mit rund 1300 Museen auf Platz zwei im bundesweiten Länderranking hinter Bayern. Baden-Württemberg könnte bundesweit zum Vorreiter werden und der Spaltung der Gesellschaft mit einem kulturellen Gegenkonzept begegnen. Museen, die nicht mehr auf spektakuläre, teure Sonderausstellungen setzen, sondern auf den Gratis-Alltag wären da nur der Anfang. Die Bretter, die die Welt bedeuten, könnten folgen, zum Beispiel durch eine Kopie des Wiener "Theaters der Jugend". Mit 47.000 Abonnenten ist das die weltgrößte Einrichtung für Kinder und Jugendlichen – die Karten kosten selbst in den renommiertesten Häusern weniger als fünf Euro.

Immerhin kann Olschowski auf einen Mitstreiter von Gewicht hoffen, wenn sie – wie Kretschmann streng ankündigte – bis zum Sommer ihre Ideen zur Öffnung der Sammlungen für neue Interessentenschichten präsentiert. Denn Martin Roth, der Wahl-Londoner mit schwäbischen Wurzeln, kehrt zurück an den Nesenbach, als Präsident im Institut für Auslandsbeziehungen. Dieses hat ebenfalls beste Erfahrungen und Erfolge mit der kostenfreien Kulturvermittlung. Selbst in den Kunstausstellungen ist der Eintritt dort in der Regel gratis.


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