Lord Mountbatten (Hugh Bonneville) mit Gattin Edwina (Gillian Anderson) und Bediensteten. Fotos: Tobis Film

Lord Mountbatten (Hugh Bonneville) mit Gattin Edwina (Gillian Anderson) und Bediensteten. Fotos: Tobis Film

Ausgabe 332
Kultur

Letzte Tage einer Kronkolonie

Von Rupert Koppold
Datum: 09.08.2017
Die britische Regisseurin Gurinder Chadha blickt in ihrem Film "Der Stern von Indien" zurück auf das Jahr 1947, als Großbritannien seine Kronkolonie in die Unabhängigkeit entlässt. Cineastisch misslungen aber historisch interessant, meint unser Filmkritiker.

Das ist aber mal ein Palast! Ein cremefarbenes Prachtstück, in dem fünfhundert Angestellte beschäftigt sind mit dem Fegen der Tennisplätze, dem Säubern der Pools und dem mit weißen Handschuhen zu bewerkstelligenden Decken der vielen Tafeln. Alles streng nach britischem Hofzeremoniell! Wenn der neue Herr des Hauses sich von seinen Kammerdienern ankleiden lässt, drückt er zuerst auf die Stoppuhr und sagt danach in mildem Ton, das könne noch schneller gehen. Gespielt wird dieser ordensbehängte Mann von Hugh Bonneville, der als langjähriger Chef des englischen TV-Adelssitzes Downton Abbey Erfahrung für einen solchen Job mitbringt und der sich nun, was seinen neuen Titel Vizekönig und das Ausmaß seines Palastes im indischen Delhi betrifft, klar verbessert hat. Allerdings wird seine im Jahr 1947 angetretene Regentschaft nicht in Serie gehen: Denn dieser Lord Mountbatten ist mit seiner Frau Edwina (Gillian Anderson) nur gekommen, um die Kronkolonie in die Unabhängigkeit zu entlassen.

Die in England aufgewachsene Regisseurin Gurinder Chadha ("Kick it like Beckham"), deren Familie aus der ehemaligen indischen Provinz Punjab stammt, erzählt in "Der Stern von Indien" aber nicht nur die Geschichte einer Entkolonialisierung, sondern gleichzeitig die einer Aufteilung, deren gravierende Folgen bis heute nachwirken. Während Mountbatten noch mit Gandhi, Nehru und dem Muslimführer Ali Jinnah darüber verhandelt, ob die Kronkolonie ihre Unabhängigkeit als ein einziger Staat erringt oder in die Teile Indien und Pakistan zerfällt, dringen aus den von Hindus, Sikhs und Moslems bewohnten Gebieten im Norden schon Nachrichten von Attentaten, Pogromen und Massakern in den Palast. Und selbst hier brechen nun Konflikte innerhalb der Dienerschaft aus: Als der Abzug der gemeinsam ungeliebten Kolonialherren bevorsteht, kommt das Trennende unverhüllt zum Vorschein, stehen sich also viele Hindus und Muslime plötzlich feindselig gegenüber.

Infos geschickt in Dialogen verpackt

"Die Geschichte wird von Siegern geschrieben". Dieses Churchill-Zitat stellt die Regisseurin ihrer britisch-indischen Produktion voran. Sie will nun, siebzig Jahre nach der Teilung, allen Parteien gerecht werden. Es sei ihr wichtig, so sagt Gurinder Chadha, "eine Sprache der Versöhnung anzustimmen, die Pakistaner, Inder und Briten gleichermaßen erreicht." Und so erzählt sie nicht nur vom stets um Fairness bemühten Lord Mountbatten, dem der gute Wille im Gesicht steht, und seiner fortschrittlichen Frau Edwina, die auf dem Speiseplan indische Gerichte durchsetzt, sondern auch vom Kammerdiener Jeet Kumar (Manish Dayal), einem Hindu, der sich um die muslimische Hofangestellte Aalia Noor (Huma Qureshi) bemüht. Eine dramaturgisch aufgesetzte Liebe. Sozusagen eine Liebe für den guten Zweck. Ihr Film, in dem viele Informationen ("92 Prozent Analphabeten") recht geschickt in die Dialoge eingeklinkt sind, richte sich "sowohl an das Herz als auch an den Verstand", sagt die Regisseurin, und fährt fort: "Um ein größeres Publikum zu erreichen, musst du Aufklärung mit Unterhaltung paaren."

Der Film will allen Positionen gerecht werden. Schwierig.
Schwierig: Der Film will allen Positionen gerecht werden.

So nähert sich "Der Stern von Indien" in manchen Sequenzen auch dem Bollywood-Kino an, in dem die großen und ins Sichtbare inszenierten Gefühle dominieren. Die Filmmusik hat A. R. Rahman geschrieben, der dieses Bollywood-Kino mitgeprägt, sich aber auch im Kino des Westens ("Slumdog Millionaire") einen Namen gemacht hat. Zu Gurinder Chadhas Vorbildern gehören dann aber weniger indische Filme als britische, etwa David Leans "Die Reise nach Indien" oder Richard Attenboroughs "Gandhi". Es stimmt zwar, dass sie allen Positionen gerecht werden will. Sie bringt in ihrer Geschichte sogar einen Satz unter, in dem die Vermittlungsversuche der Kolonialherren bei diesen innerdindischen Konflikten sarkastisch relativiert werden durch die Anmerkung, dass deren vorheriges Schüren erst zu dieser brisanten Situation geführt habe. Aber so ein Satz geht letztlich unter in der sympathisierenden Beschreibung des Lord Mountbatten, zu dessen Ehrenrettung dieser Film auch angetreten ist.

Nicht Moundbatten, sondern Churchill ist Schuld an der Teilung

"Er könnte einen Aasgeier von einer Leiche weglocken", so preist General Hastings Ismay (Michael Gambon) das Verhandlungsgeschick seines Chefs an, der von seinen Freunden "Dickie" genannt wird. Aber diesmal sieht Mountbatten nur noch den Zwei-Staaten-Plan als Ausweg, auch wenn Gandhi dagegen ist. Im Palast, der ja für das ganze Land steht, wird nun alles im Verhältnis 1:4 aufgeteilt, von einer Enzyklopädie erhält Pakistan zum Beispiel die Bände A bis E. Dass dies alles eine Notlösung ist, weiß Mountbatten. Aber er fühlt sich gedrängt, sie eilig durchzusetzen und er wird für sie, nicht nur in der britischen Geschichtsschreibung, immer noch kritisiert. Nicht jedoch von Gurinder Chadha, die sich auf eine neue Aktenlage beruft. Mountbatten ist bei ihr ein ehrlicher Makler, der hintergangen wurde. In ihrem Film hat Churchill die Teilung samt Trennlinie schon ein paar Jahre vorher geplant, er wollte sich in einem abzusehenden Kalten Krieg Pakistans Loyalität und auch den Zugang zu Ölvorkommen sichern.

Liebe für den guten Zweck: der hinduistische Kammerdiener Jeet Kumar (Manish Dayal) und die muslimische Hofangestellte Aalia Noor (Huma Qureshi).
Der hinduistische Kammerdiener Jeet Kumar (Manish Dayal) und die muslimische Hofangestellte Aalia Noor (Huma Qureshi).

So kommt es eben, wie es kam. Zu einer von gewalttätigen Scharmützeln begleiteten Flucht der Millionen, bei der die einen nach Osten müssen, die anderen nach Westen. Viele stranden in Lagern, zerlumpt, hungrig, durstig, krank. In diesen Szenen rückt "Der Stern von Indien" ganz nahe heran an die aktuellen Bilder aus dem Fernsehen. Tatsächlich hat ja auch das, was sich im Nahen Osten ereignet, seine Ursachen ebenfalls in einer gescheiterten britischen Entkolonialisierungspolitik. Man kann natürlich fragen, ob diese Anklagen der Kolonialmächte noch nötig sind, ob diese neuen Länder nach so langer Zeit nicht endlich für sich selbst verantwortlich sind. Doch wie sollen diese Länder mit ihren willkürlich gezogenen Grenzen solide Gebilde werden, wenn ihre Basis wackelt?

Aber zurück zu diesem Film, der mit cineastischen Maßstäben gemessen eher misslungen ist, der aber mit einer Fülle von Informationen aufwartet und wohl viel mehr Menschen erreicht als eine Dokumentation. Und zurück zu Dickie, den Hugh Bonneville wie einen braven Knuddelteddy spielt. Im richtigen Leben war Lord Mountbatten ein scharfkantiger Gesell und draufgängerischer Krieger, der im Zweiten Weltkrieg seine eigenen Leute in mörderische Missionen schickte. Auch als mehrfacher Seitenspringer hat sich Lord Mountbatten öffentlich zu erkennen gegeben. Wobei auch seine Frau auf diesem Gebiet nicht untätig war. Sie hatte sogar eine Affäre mit Nehru, dem ersten indischen Premierminister. Im Film passiert zwischen den beiden allerdings nichts. Da müssen Jeet und Aalia stellvertretend für Hindus und Muslime zusammenfinden – und nicht, wie in dieser seltsamen Volte der Realität, das alte Kolonialreich und die neue Nation.

 

Info:

Gurinder Chadhas "Der Stern von Indien" kommt am Donnerstag, den 10. August in die deutschen Kinos. In Stuttgart läuft er im Arthaus-Kino Delphi. Donnerstag bis Montag um 15.40 Uhr, sowie um 20.20 Uhr. Die Vorführung am Sonntagabend ist in Originalsprache mit Untertiteln. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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