KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere eins bis drei Punkt oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


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Arbeiten unter besseren Bedingungen, auf den Weingütern der Stellar Group. Fotos: Pit Wuhrer

Arbeiten unter besseren Bedingungen, auf den Weingütern der Stellar Group. Fotos: Pit Wuhrer

Ausgabe 332
Überm Kesselrand

Wein mit Würde

Von Pit Wuhrer
Datum: 09.08.2017
Im wirtschaftlich immer noch von Weißen dominierten Südafrika übernimmt die vorwiegend schwarze Belegschaft das größte Bioweingut des Landes. Die stille Revolution im Kleinen wird von einem baden-württembergischen Weinhändler und einem Verein im Landkreis Konstanz gefördert.

Mittagspause. Im Schatten eines großen Baums sitzen Andries Tromb und Chris Jacobs. Den ganzen Morgen über waren sie mit ihren acht Kollegen in den Reben gewesen, haben Stöcke beschnitten, den Boden bearbeitet, Unkraut gejätet. Ein harter Job, auch wenn vom Atlantik her eine Brise weht, die ihre Arbeit unter der sengenden Sonne Südafrikas etwas erträglicher macht. Müde blicken sie unter ihren Hüten hervor. Und doch klagen sie nicht.

"Der Lohn könnte zwar etwas höher sein", sagt Tromb, 50, der seit über zwanzig Jahren auf der Farm von Wilhelm Steenkamp arbeitet, "er liegt aber deutlich über dem für die Branche vereinbarten Mindestlohn". Der bringt rund neun Euro am Tag – und nicht einmal das zahlen die meisten Weinfarmer. "Hier erhalten wir auch Überstundenzuschläge und sind medizinisch gut versorgt. Außerdem bekomme ich jedes Jahr Anteile am Gesamtbetrieb gutgeschrieben", sagt Tromb. Die will er sich auszahlen lassen, wenn er in Rente geht. Jacobs, 30 Jahre alt, findet ökologische und politische Aspekte ebenso wichtig: "Erstens bin ich hier nicht den Giften ausgesetzt wie die Kollegen auf konventionell betriebenen Weingütern", zählt er auf, "zweitens werde ich respektiert. Und drittens gibt es gewählte Arbeiterkomitees, die unsere Interessen vertreten."

Chris Jacobs. Hier wird er respektiert.

Eine funktionierende Belegschaftsvertretung in einem Land, in dem 23 Jahre nach Ende der Apartheid die Chefs noch immer zumeist weiß und die Untergebenen schwarz sind? Das erstaunt. Schließlich wird im südafrikanischen Weinsektor immer noch mit harten Bandagen gekämpft. So streikten Ende 2016 die LandarbeiterInnen der Robertson Winery, einem der größten Weinbetriebe des Lands, vierzehn Wochen lang – und konnten am Ende doch kaum mehr als den Inflationsausgleich durchsetzen.

Die Trauben der Rebstöcke, die Tromb, Jacobs und ihre Kollegen auf Steenkamps Farm pflanzen, hochbinden, pflegen und schließlich ernten, sind für Stellar Organics bestimmt. Diese Bio-Weinkellerei – dreihundert Kilometer nördlich von Kapstadt zwischen den Kleinstädten Vredendal und Klawer gelegen – hat ein Modell geschaffen, das der traditionell hierarchisch strukturierten und von Weißen beherrschten südafrikanischen Weinbranche den Weg in eine andere Zukunft weisen könnte.

Der Wert einer Belegschaft

Ein imposantes Kellereigebäude, riesige Stahltanks, zwei Lagerhallen, ein Lkw-Parkplatz, ein einfacher Verwaltungstrakt, rund zwei Dutzend Arbeiterhäuschen, alles hinter Bäumen versteckt: Die "Stellar Winery", so ein Schild am Rand der Staatsstraße R362, liegt ziemlich unspektakulär in einer trockenen Ebene, in der ohne Bewässerungskanäle nur Gestrüpp wachsen würde. Spektakulär aber sind hier die vielfach ausgezeichnete Weine, teilweise ohne Schwefelzusatz. Und vor allem die Menschen. Leute wie Willem Roussow zum Beispiel, Gründer, Geschäftsführer und mit 28 Prozent größter Anteilseigner von Stellar Organics.

Willem Roussow. Unternehmensgründer, der von Anfang an auf Bio und Fairtrade setzte.
Willem Roussow. Unternehmensgründer, der von Anfang an auf Bio und Fairtrade setzte.

Der 46-Jährige hatte von Anfang an, schon beim Aufbau ab 1999, auf biologischen Anbau gesetzt. Und sich für Fairtrade engagiert, als dieses Konzept in Südafrika Fuß zu fassen begann. Warum? "Weil es allen nützt, den Beschäftigten und dem Betrieb." Und dann erzählt er von der Katastrophe, die ihm vor fast dreißig Jahren die Augen geöffnet hatte. Damals, 1989, waren er und seine Brüder im Gemüseanbau tätig. Einer seiner Brüder fuhr LandarbeiterInnen zu einer Farm. Der Lkw stürzte von einer Brücke; alle 53 Mitfahrenden kamen um. Mitten in der Erntezeit stand acht Wochen lang alles still. "Den Wert einer Belegschaft", sagt Roussow, "erkennst du erst, wenn du sie nicht mehr hast."

Auch Martin Theys gehört zu den Persönlichkeiten, die Stellar zu einem besonderen Weingut machen. Der ehemalige Lehrer aus der Provinz Northern Cape bezeichnet sich selber als "Hausmeister des Betriebs", weil alle nach ihm rufen, wenn etwas nicht funktioniert. Aber damit untertreibt er ein bisschen: Der 59-jährige Coloured – so nennen sich im Western Cape die Angehörigen der oft Afrikaans sprechenden Bevölkerungsgruppe multiethnischer Herkunft – ist Präsident der Belegschaftsfirma Stellar Trust, die schon früh vom Weingut gegründet worden war. Sie hält derzeit 26 Prozent der Stellar-Anteile und gehört den rund 180 ArbeiterInnen – also den Önologen, Lastwagenfahrern, Verwaltungsangestellten, Abfüllern, Etikettiererinnen in der Kellerei. Und den LandarbeiterInnen auf den elf Farmen, die Stellar Organics mit Trauben beliefern.

Das sorgt dafür, dass der Trust in allen Belangen mitentscheiden kann (Theys sitzt auch im Direktorium des Weinguts) und dass den Arbeitern "alle Türen offen stehen". Natürlich gebe es immer wieder Auseinandersetzungen, sagt Theys, "doch die Hierarchien sind flach". Und sie werden weiter eingeebnet. Jenseits des Zauns, der die Kellerei umgibt, planieren zwei Bulldozzer die rote Erde. Die Nachfrage nach Stellar-Weinen wachse beständig, erläutert der etwas andere Hausmeister. Und so entsteht gerade auf einer Fläche von 128 Hektar ein neues Rebbaugebiet. Die Firma, die es künftig betreiben wird, gehört größtenteils der schwarzen Belegschaft.

Die ArbeiterInnen kosten zuerst. Theys (links) und KollegInnen bei der Weinprobe.
Die ArbeiterInnen dürfen zuerst ran. Theys (links) und KollegInnen bei der Weinprobe.

Finanziert wird die Investition mit dem Geld, das dem Belegschaftsunternehmen durch die Fairtrade-Beiträge zukommt. Und damit kommt Konstanz ins Spiel. So zahlt die deutsche Vertriebsfirma – Peter Riegel Weinimport in Orsingen, Landkreis Konstanz – Stellar zehn Eurocent für jede verkaufte Flasche. Und mit Geldern des südafrikanischen Regierungsprogramms Broad-Based Black Economic Empowerment (kurz: BEE), 2004 eingeführt und 2014 erweitert, zielt das Programm auf eine Änderung der Besitzverhältnisse zugunsten der benachteiligten Bevölkerungsmehrheit ab. Das BEE-Konzept weist zwar viele Schwächen auf und wird vielfach kritisiert, auch weil es bislang vor allem einer kleinen schwarzen Mittelschicht zu enormem Reichtum verhalf. Gleichwohl verpflichtet es Firmen zu Ausgleichszahlungen, die die BEE-Kriterien im eigenen Unternehmen nicht umsetzen können oder wollen. Dieses Geld kommt nun auch dem künftigen Rebbaubetrieb der Stellar-Beschäftigen zugute. Ihm hat die BEE-Behörde einen Zuschuss in Höhe von 11,5 Millionen Rand (umgerechnet rund 800 000 Euro) zugesagt und zinsgünstige Kredite aus dem BEE-Fonds in Aussicht gestellt.

Die Last der Vergangenheit

Aber genügt eine schlichte Umverteilung? "Hier muss noch viel mehr geändert werden", sagt Gert Loubser, der seit acht Jahren bei Stellar die Wasserversorgung managt, drei Fußballmannschaften coacht sowie eine Judo-Mannschaft und eine Sporttanzgruppe der Belegschaft betreut. "Wir Coloureds haben bis heute die Vergangenheit nicht abschütteln können. Die meisten von uns leiden weiterhin an den Folgen von Kolonialismus und Apartheid, die uns entwurzelt und unsere Kultur gestohlen haben." Die Armut sei enorm, die Arbeitslosigkeit liege bei über fünfzig Prozent, "viele sehen keine Zukunft, weder für sich noch ihre Kinder".

Gert Laubser und die Tanzgruppe von Stellar.
Gert Laubser und die Tanzgruppe von Stellar.

Und so haben der zielstrebige Roussew, der bedächtige Theys und andere Stellar-Eigentümer ein eigenes Ermächtigungsprogramm entwickelt. Junge Arbeiter werden in Rebenanbau, Önologie und Betriebswirtschaft ausgebildet, der Betrieb bezahlt den Beschäftigten gewerkschaftliche Schulungskurse, eine von Stellar gegründete Stiftung unterhält einen Kindergarten, hat eine Krankenschwester sowie eine Psychotherapeutin angestellt und unterstützt lokale Grundschulen.

Für die Aufgaben im Sozialbereich ist Irene Dell zuständig. Vor einigen Jahren, erzählt die 37-Jährige, sei Lehrern der örtlichen Steilhoogte Primarschule aufgefallen, dass viele Kinder ausgezehrt aus den Ferien zurückkehrten. "Sie haben zu Hause nicht genug zu essen bekommen, weil ihre Eltern zu arm oder zu apathisch sind"; ein schmächtiger Junge, ein Mittelstreckentalent, habe in der schulfreien Zeit fünf Kilo verloren. Also hat die Stellar Foundation gehandelt. Dell, die in Namibia aufgewachsen ist, und Manus Spamer, der Schulrektor, initiierten ein Ernährungsprogramm. Seither bekommen rund fünfhundert Schüler dank der Stiftung und mit Hilfe zahlreicher Freiwilliger während der Schulferien täglich zu essen – nicht nur in der Mensa der Steilhoogte Primêr, sondern auch an vier weiteren Orten.

Ferienspeisungen, medizinische und psychologische Betreuung, Solarlampen und sonnenbetriebene Ladestationen für die Beschäftigten, Klappschreibtische für Schüler in den engen elterlichen Behausungen, finanzielle Zuschüsse für Kinderkrippen – all das zu organisieren, fällt Dell nicht immer leicht. Schließlich ist sie auch noch für die Inspektion der Weinfarmen zuständig, für die Zertifizierung durch das Fair-for-Life-Programm, für die Dokumentation des Rebentransports, für die Belegschaftstreffen, für die Stellar-Webseite. "Der Schlüssel für eine bessere Zukunft liegt in der Bildung", sagt sie. Und: "Allmählich bekommen die Menschen hier eine Ahnung davon, was Glück bedeutet."

Irene Dell: "Der Schlüssel für eine bessere Zukunft liegt in der Bildung."
Irene Dell: "Der Schlüssel für eine bessere Zukunft liegt in der Bildung."

Finanziert wird die Stiftungsarbeit aus dem BEE-Fonds – und mit Hilfe von Stellar-Kunden vor allem in den USA, den Niederlanden und Deutschland. Der von Riegel gegründete gemeinnützige Verein Good Grapes for a Better Life mit Sitz im Landkreis Konstanz finanziert etwa die medizinische und psychologische Betreuung der Beschäftigten und schenkte der Stellar-Belegschaft einen Klinikbus. Die soziale Fürsorge und die betriebliche Mitsprache haben ein Gemeinschaftsgefühl entstehen lassen. Nicht zu vergessen die Gewinnbeteiligung. Denn wer länger als fünf Jahre für Stellar arbeitet, bekommt regelmäßig Unternehmensanteile gutgeschrieben. Derzeit halten 120 Stellar-Arbeiter Anteile in Höhe von bis zu 80 000 Rand. Das sind umgerechnet 5600 Euro pro Person. Und so ist die bei anderen Weinbaubetrieben übliche hohe Fluktuation sehr niedrig. "Nur sehr wenige verlassen uns", sagt Geschäftsführer Roussow. "Unsere Leute wissen, dass sie ernst genommen werden."

Und so planen er, der Belegschaftsvertreter Theys, der Entwicklungsbeauftragte Loubser und die Sozialarbeiterin Dell den nächsten Schritt: In den nächsten zwei, drei Jahren soll der Besitzanteil der Belegschaft am Unternehmen auf über fünfzig Prozent steigen. Die zunehmende Nachfrage, die wachsende Anbaufläche, die BEE-Gelder und nicht zuletzt die Fair-for-Life-Beiträge der Stellar-Kunden "ermöglichen das", sagt Roussew. Dann wäre Stellar Organics nicht nur der größte Bio-Wein-Produzent Südafrikas und der erste Fairtrade-Weinbetrieb am Kap. Sondern auch das erste große Weingut im Besitz der – überwiegend schwarzen – Beschäftigten.

 

Info:

Mehr Informationen über das südafrikanische Weingut und seine Konstanzer Unterstützer gibt es auf den Seiten von Stellar Organics (englische und deutsche Website) und von Good Grapes for a Better Life.


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