KONTEXT Extra:
Gleise frei für den Güterverkehr

Nein, ein konkretes Datum, bis wann Züge zwischen Rastatt und Baden-Baden wieder verkehren können, das gibt es immer noch nicht. Nachdem am Freitag (18.08.) Vertreter der Deutschen Bahn und betroffener Kommunen im Verkehrsministerium zusammenkamen, teilte dieses mit: "Alle Beteiligten haben die Hoffnung, dass bis zum Ende der Sommerferien in Baden-Württemberg die Rheintalstrecke wieder durchgängig befahren werden kann." Das sind ganz andere Töne, als der ursprüngliche Zeitplan der Deutschen Bahn, in dem der 28. August angepeilt wurde. Das kommende Schuljahr beginnt im Südwesten am 11. September. Verbindlich ist das Datum nicht, die Bahn betont weiterhin, derzeit seien keine Prognosen möglich, bis wann die Reparaturmaßnahmen abgeschlossen sind.

Das Verkerhrsministerium teilte außerdem mit, man werde der Bahn in "gewissen Grenzen" entgegenkommen. Das bedeutet eine zwischenzeitliche Einschränkung des Personenverkehrs, Schienenersatzverkehr wird ab Samstag (19.08) auf den betroffenen Strecken eingerichtet. So sollen mehr Kapazitäten für Güterzüge geschaffen werden, die aktuell auf Umleitungen angewiesen sind. Unumwunden heißt es dazu in einer Pressemitteilung: "Bis zur Wiederherstellung der Trasse zwischen Rastatt und Baden-Baden werden auf den genannten Strecken in der Nacht Lärmbeeinträchtigungen für die Anlieger durch ein erhöhtes Güterzugaufkommen die Folge sein." Die Maßnahme sei jedoch zeitlich befristet und solle spätestens zu Beginn des neuen Schuljahres aufgehoben werden. Der Regionalverkehr dürfe zudem, wie es aus dem Ministerium heißt, nicht in den Hauptverkehrszeiten beeinträchtigt werden, daher gebe es zwischen 6 und 9 Uhr sowie 15 Uhr und 19 Uhr keine Zugausfälle.

Weiterhin kritisiert das Verkehrsministerium die Kollegen auf Bundesebene. Die Zurückhaltung bei der Ertüchtigung von Nebenstrecken räche sich nun. Minister Winfried Hermann beklage das bereits seit seinem Amtsantritt.

Betroffene Fahrgäste finden hier detaillierte Informationen zum Ersatzfahrplan. (18.08.2017)


"Runder Tisch" zu Rastatt

Bis zu 200 Güterzüge donnern tagtäglich durchs Rheintal. Im Hochsommer sind es weniger, dennoch stauen sich die Transporte – in der Planung – inzwischen zurück bis Rotterdam. Die grün-schwarze Landesregierung hat zwar keine direkten Zuständigkeiten rund ums Gleisdesaster der Deutschen Bahn in Rastatt. Das Verkehrsministerium bietet der DB aber an, die Folgen abzumildern. Noch in dieser Woche findet ein "Runder Tisch" in Stuttgart statt, um über Ausweichstrecken und Umleitungsverkehre zu reden. Unter anderem werden Kommunalpolitikern in betroffenen Städten und Gemeinden über die möglichen Belastungen rund um die Uhr informiert. Es dürfte nach den bisherigen Planungen "einen 24-Stunden-Güterbetrieb auf ziemlich beschaulichen Strecken“ geben, sagt ein Sprecher. Die Bahn teilte bereits mit, "ihren Kunden 200 Umleitungstrassen mit unterschiedlichen technischen Anforderungen anbieten zu können".  

Ebenfalls eingeladen nach Stuttgart sind Vertreter der DB Netz, der DB Region und der Nahverkehrsgesellschaft. Das Verkehrsministerium mit seinen Fachleuten prüft auch, wie und an welchen Strecken der Takt des Regionalverkehrs ausgedünnt werden könnte, um vorübergehend Güter zu transportieren. Das Angebot gilt aber nur bis zum Schulbeginn im September, weil nach den Ferien das Fahrgastaufkommen deutlich steigt. Die DB selber nennt als eine Umleitungsstrecke die Neckar-Alb-Bahn über Horb–Tübingen–Reutlingen–Plochingen. "Wegen der Umleitung der Güterzüge sind Anpassungen im Regionalzugverkehr auf der Neckar-Alb-Bahn notwendig", heißt es in einer Pressemitteilung weichgespült, und dass die DB "für die auftretenden Beeinträchtigungen und die verstärkte Nutzung der Neckar-Alb-Bahn für den Güterverkehr Anwohner und Fahrgäste um Verständnis bittet". Die notwendigen Umleitungsmaßnahmen für den Güterverkehr seien zeitlich befristet, "bis die durchgehende Sperrung der Rheintalbahn wieder aufgehoben werden kann". Ein konkretes Datum dafür wird nicht (mehr) genannt. Experten rechnen mit einer Wiederinbetriebnahme frühestens in der zweiten Septemberhälfte. 

Dazu: https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/333/der-schienen-gau-4546.html


Tunnel-Flop

Es sollte die Weltpremiere werden für die neue Stabilisierungsmethode per Eisring im Tunnelbau. Monatelang war an den Vorkehrungen getüftelt worden. Jetzt ist eine der meist befahrenen Eisenbahnstrecken Europas erst einmal bis mindestens 26. August gesperrt. In Rastatt-Niederbühl, dort, wo die Züge künftig aus dem Tunnel kommen werden, unterquert die Strecke den Bahndamm. Und die darauf liegenden Geleise sackten ab.

Die Konstruktion ist komplex, Stuttgart 21 lässt grüßen: Der Tunnel ist 4,3 Kilometer lang, führt in zwei Röhren von Ötigheim nach Niederbühl, unter der Murg, unter einer tief liegenden Straße, die ihrerseits unter der Rheintalstrecke durchführt, dann zügig wieder nach oben. Eingefroren wurde ein geschlossener Ring. Alle Beteiligen erklärten immer wieder, damit in actu auf einer Baustelle, keine Erfahrungen zu haben. Die Gewissheit, dass das Manöver gelingt, war dennoch groß. Bautechniker untersuchen bereits das Fiasko, möglicherweise ist der Regen der vergangenen Tage verantwortlich.

Das "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" ist "wenig überrascht von der Leichtfertigkeit, mit der die Deutsche Bahn offensichtlich Tunnelbauarbeiten unter einer der Hauptstrecke des deutschen Bahnverkehrs betrieben hat". Dass es keinen Plan B gebe, zeige die Selbstüberschätzung der DB und, auch hier, das Versagen des Aufsicht führenden Eisenbahnbundesamts, so Bündnissprecher Norbert Bongartz. Es sei im Vorfeld der Bauarbeiten in Rastatt "mit Händen zu greifen gewesen, dass ein Tunnelbau so knapp unter den bestehenden Bahngleisen und in Sandboden hoch riskant ist". Keinen Pfifferling seien die vollmundigen Beteuerungen der Bahn wert, sie habe die Tunnelbauarbeiten mitten im Stadtgebiet Stuttgarts voll im Griff. Auch wenn da die Überdeckung bei den Tunnelbaustellen zumeist deutlich höher ist: "Angesichts der besonderen geologischen Situation in Stuttgart muss auch hier über die schon bekannten Schäden hinaus mit Bauproblemen ganz anderer Größenordnung gerechnet werden." (14.8.2017)


Malen nach Zahlen

Das ist aber ein gelungener erster Platz! Die CDU habe mit sagenhaften 55 Prozent die Nase vorn beim Frauenanteil auf den Landeslisten für die Bundestagswahl. Das teilte jetzt Landeswahlleiterin Christiane Friedrich mit. Erst nach der Union kommen Grüne und Linkspartei mit je 50 Prozent und die SPD mit gut 46 Prozent. Jedoch, die schönen Zahlen sind Blendwerk.

Denn nahezu alle CDU-Abgeordneten werden auch 2017 wieder direkt in den Bundestag gewählt werden, als SiegerInnen in ihrem Wahlkreis. Davon gibt es 38 im Südwesten. Und in ihnen spiegelt sich die CDU-Wirklichkeit im Jahre 2017: in 35 wurden Kandidaten nominiert und nur in drei Kandidatinnen: Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium und Vorsitzende der Frauenunion, die Stuttgarterin Karin Maag und die bisher jüngste Volksvertreterin Ronja Kemmer.

Selbst in Mannheim, Heilbronn und Böblingen sind ausscheidende CDU-Männer, darunter auch Landeschef Thomas Strobl, durch Männer ersetzt. Dabei hatte der doch zur "politischen Grundmelodie" erklärt, dass "mehr Frauen zum Tragen kommen". Doch auch in Berlin ist die baden-württembergische Landesgruppe derzeit mit nur acht weiblichen Abgeordneten vertreten und am Ende des Bundesvergleichs zu finden.

Der Männeranteil auf allen im Land antretenden Listen ist laut Landeswahlleiterin Friedrich immerhin von 71 Prozent zurückgegangen auf 66 Prozent. Spitzenreiter in der Männerstatistik für die Wahl am 24. September ist die AfD mit 87 Prozent. Gefolgt werden die Rechtspopulisten von den Liberalen, die es 2017 im Land auf nur 19 Prozent Kandidatinnen bringen. Das bedeutet sogar einen Rückschritt im Vergleich zu vor vier Jahren und gut 21 Prozent bedeutet. (9.8.2017)


Kontext-Vorstand ruft zu Flashmob auf

"Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!", sagt unser zweiter Vereinsvorsitzender Jürgen Klose. Und weil er das schier nicht glauben kann, hat er gestern am Nachmittag vor lauter Zorn kurzfristig zu einem Flashmob aufgerufen. Etwa 20 Spontandemonstrierer standen wenig später vor dem Stuttgarter Rathaus – mit Fahrradhupen und Trillerpfeifen! Hier Jürgen Kloses Rede:

"Ich habe zu diesem Protest heute aufgerufen, weil ich zornig bin über die 'Ergebnisse' des Diesel-Gipfels. Ich wollte mein Adrenalin wieder loswerden!

Papst Gregor der Große (6. Jhdt.) soll gesagt haben: 'Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.' Das ist sozusagen mein Leitmotiv. Guckt euch auf YouTube das Video mit Georg Schramm an, dann wisst ihr was ich meine!

Wir sind zornig auf das peinliche Schaulaufen von Politik und Autoindustrie auf dem gestrigen Dieselgipfel!

Wir sind zornig auf die unverantwortliche Bundeskanzlerin. Sie lässt lieber Urlaubsfotos aus Südtirol verbreiten als den Automanagern die Leviten zu lesen!

Wir sind zornig auf die Bundesregierungen gleich welcher Couleur, die sich zum Büttel der Autoindustrie degradieren ließen statt ihrer Aufsichtspflicht für Verbraucher und Umwelt nachzukommen!

Wir sind zornig auf die vom Gipfel ausgesandte Botschaft 'Wir tun was!' - nur besonders wehtun durfte es den Autokonzernen nicht!

Wir sind zornig auf den Versuch, uns mit Placebos abzuspeisen: Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!

Wir sind zornig auf die jahrelange Missachtung von Grenzwerten und auf den offensichtlichen und schon länger bekannten Schwindel mit den Abgastests und der Mogelsoftware! 

Wir sind zornig auf die Täuschung der Verbraucher und den erfüllten Tatbestand des Betrugs (§263 StGB). Täuschungshandlung, Vermögensschaden, Bereicherungsabsicht - alle juristischen Tatbestände sind erfüllt! Strafen? Fehlanzeige!

Wir sind zornig auf die völlige Missachtung des Verursacherprinzips: Wer zahlt den Dieselbesitzern den Wertverlust ihrer Autos. Warum gibt es keinen Schadenersatz?

Wir sind zornig, dass die Autoindustrie anscheinend nach dem Leitmotiv handelt 'Profit vor Gesundheit' und 'Gier vor Umweltschutz'!

Wir sind zornig auf die Autokonzerne, die eine der Kernbranchen dieser Republik schwer beschädigen und damit Zehntausende von Arbeitsplätzen gefährden! Zukunftsvorsorge sieht anders aus!

Wir alle haben ein Recht auf saubere Luft, eine intakte Umwelt und gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen!

Wir alle wollen eine Abkehr vom Autowahn und die Umkehr zu einem anderen, menschen- und umweltfreundlicheren Verständnis von Mobilität!

Wir alle wollen Stuttgart vom Makel der Feinstaub- und Stauhauptstadt befreien!

Wir bleiben zornig, bis wir am Ziel sind!

Danke für eure Unterstützung!" (4.8.2017)


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Arbeiten unter besseren Bedingungen, auf den Weingütern der Stellar Group. Fotos: Pit Wuhrer

Arbeiten unter besseren Bedingungen, auf den Weingütern der Stellar Group. Fotos: Pit Wuhrer

Ausgabe 332
Überm Kesselrand

Wein mit Würde

Von Pit Wuhrer
Datum: 09.08.2017
Im wirtschaftlich immer noch von Weißen dominierten Südafrika übernimmt die vorwiegend schwarze Belegschaft das größte Bioweingut des Landes. Die stille Revolution im Kleinen wird von einem baden-württembergischen Weinhändler und einem Verein im Landkreis Konstanz gefördert.

Mittagspause. Im Schatten eines großen Baums sitzen Andries Tromb und Chris Jacobs. Den ganzen Morgen über waren sie mit ihren acht Kollegen in den Reben gewesen, haben Stöcke beschnitten, den Boden bearbeitet, Unkraut gejätet. Ein harter Job, auch wenn vom Atlantik her eine Brise weht, die ihre Arbeit unter der sengenden Sonne Südafrikas etwas erträglicher macht. Müde blicken sie unter ihren Hüten hervor. Und doch klagen sie nicht.

"Der Lohn könnte zwar etwas höher sein", sagt Tromb, 50, der seit über zwanzig Jahren auf der Farm von Wilhelm Steenkamp arbeitet, "er liegt aber deutlich über dem für die Branche vereinbarten Mindestlohn". Der bringt rund neun Euro am Tag – und nicht einmal das zahlen die meisten Weinfarmer. "Hier erhalten wir auch Überstundenzuschläge und sind medizinisch gut versorgt. Außerdem bekomme ich jedes Jahr Anteile am Gesamtbetrieb gutgeschrieben", sagt Tromb. Die will er sich auszahlen lassen, wenn er in Rente geht. Jacobs, 30 Jahre alt, findet ökologische und politische Aspekte ebenso wichtig: "Erstens bin ich hier nicht den Giften ausgesetzt wie die Kollegen auf konventionell betriebenen Weingütern", zählt er auf, "zweitens werde ich respektiert. Und drittens gibt es gewählte Arbeiterkomitees, die unsere Interessen vertreten."

Chris Jacobs. Hier wird er respektiert.

Eine funktionierende Belegschaftsvertretung in einem Land, in dem 23 Jahre nach Ende der Apartheid die Chefs noch immer zumeist weiß und die Untergebenen schwarz sind? Das erstaunt. Schließlich wird im südafrikanischen Weinsektor immer noch mit harten Bandagen gekämpft. So streikten Ende 2016 die LandarbeiterInnen der Robertson Winery, einem der größten Weinbetriebe des Lands, vierzehn Wochen lang – und konnten am Ende doch kaum mehr als den Inflationsausgleich durchsetzen.

Die Trauben der Rebstöcke, die Tromb, Jacobs und ihre Kollegen auf Steenkamps Farm pflanzen, hochbinden, pflegen und schließlich ernten, sind für Stellar Organics bestimmt. Diese Bio-Weinkellerei – dreihundert Kilometer nördlich von Kapstadt zwischen den Kleinstädten Vredendal und Klawer gelegen – hat ein Modell geschaffen, das der traditionell hierarchisch strukturierten und von Weißen beherrschten südafrikanischen Weinbranche den Weg in eine andere Zukunft weisen könnte.

Der Wert einer Belegschaft

Ein imposantes Kellereigebäude, riesige Stahltanks, zwei Lagerhallen, ein Lkw-Parkplatz, ein einfacher Verwaltungstrakt, rund zwei Dutzend Arbeiterhäuschen, alles hinter Bäumen versteckt: Die "Stellar Winery", so ein Schild am Rand der Staatsstraße R362, liegt ziemlich unspektakulär in einer trockenen Ebene, in der ohne Bewässerungskanäle nur Gestrüpp wachsen würde. Spektakulär aber sind hier die vielfach ausgezeichnete Weine, teilweise ohne Schwefelzusatz. Und vor allem die Menschen. Leute wie Willem Roussow zum Beispiel, Gründer, Geschäftsführer und mit 28 Prozent größter Anteilseigner von Stellar Organics.

Willem Roussow. Unternehmensgründer, der von Anfang an auf Bio und Fairtrade setzte.
Willem Roussow. Unternehmensgründer, der von Anfang an auf Bio und Fairtrade setzte.

Der 46-Jährige hatte von Anfang an, schon beim Aufbau ab 1999, auf biologischen Anbau gesetzt. Und sich für Fairtrade engagiert, als dieses Konzept in Südafrika Fuß zu fassen begann. Warum? "Weil es allen nützt, den Beschäftigten und dem Betrieb." Und dann erzählt er von der Katastrophe, die ihm vor fast dreißig Jahren die Augen geöffnet hatte. Damals, 1989, waren er und seine Brüder im Gemüseanbau tätig. Einer seiner Brüder fuhr LandarbeiterInnen zu einer Farm. Der Lkw stürzte von einer Brücke; alle 53 Mitfahrenden kamen um. Mitten in der Erntezeit stand acht Wochen lang alles still. "Den Wert einer Belegschaft", sagt Roussow, "erkennst du erst, wenn du sie nicht mehr hast."

Auch Martin Theys gehört zu den Persönlichkeiten, die Stellar zu einem besonderen Weingut machen. Der ehemalige Lehrer aus der Provinz Northern Cape bezeichnet sich selber als "Hausmeister des Betriebs", weil alle nach ihm rufen, wenn etwas nicht funktioniert. Aber damit untertreibt er ein bisschen: Der 59-jährige Coloured – so nennen sich im Western Cape die Angehörigen der oft Afrikaans sprechenden Bevölkerungsgruppe multiethnischer Herkunft – ist Präsident der Belegschaftsfirma Stellar Trust, die schon früh vom Weingut gegründet worden war. Sie hält derzeit 26 Prozent der Stellar-Anteile und gehört den rund 180 ArbeiterInnen – also den Önologen, Lastwagenfahrern, Verwaltungsangestellten, Abfüllern, Etikettiererinnen in der Kellerei. Und den LandarbeiterInnen auf den elf Farmen, die Stellar Organics mit Trauben beliefern.

Das sorgt dafür, dass der Trust in allen Belangen mitentscheiden kann (Theys sitzt auch im Direktorium des Weinguts) und dass den Arbeitern "alle Türen offen stehen". Natürlich gebe es immer wieder Auseinandersetzungen, sagt Theys, "doch die Hierarchien sind flach". Und sie werden weiter eingeebnet. Jenseits des Zauns, der die Kellerei umgibt, planieren zwei Bulldozzer die rote Erde. Die Nachfrage nach Stellar-Weinen wachse beständig, erläutert der etwas andere Hausmeister. Und so entsteht gerade auf einer Fläche von 128 Hektar ein neues Rebbaugebiet. Die Firma, die es künftig betreiben wird, gehört größtenteils der schwarzen Belegschaft.

Die ArbeiterInnen kosten zuerst. Theys (links) und KollegInnen bei der Weinprobe.
Die ArbeiterInnen dürfen zuerst ran. Theys (links) und KollegInnen bei der Weinprobe.

Finanziert wird die Investition mit dem Geld, das dem Belegschaftsunternehmen durch die Fairtrade-Beiträge zukommt. Und damit kommt Konstanz ins Spiel. So zahlt die deutsche Vertriebsfirma – Peter Riegel Weinimport in Orsingen, Landkreis Konstanz – Stellar zehn Eurocent für jede verkaufte Flasche. Und mit Geldern des südafrikanischen Regierungsprogramms Broad-Based Black Economic Empowerment (kurz: BEE), 2004 eingeführt und 2014 erweitert, zielt das Programm auf eine Änderung der Besitzverhältnisse zugunsten der benachteiligten Bevölkerungsmehrheit ab. Das BEE-Konzept weist zwar viele Schwächen auf und wird vielfach kritisiert, auch weil es bislang vor allem einer kleinen schwarzen Mittelschicht zu enormem Reichtum verhalf. Gleichwohl verpflichtet es Firmen zu Ausgleichszahlungen, die die BEE-Kriterien im eigenen Unternehmen nicht umsetzen können oder wollen. Dieses Geld kommt nun auch dem künftigen Rebbaubetrieb der Stellar-Beschäftigen zugute. Ihm hat die BEE-Behörde einen Zuschuss in Höhe von 11,5 Millionen Rand (umgerechnet rund 800 000 Euro) zugesagt und zinsgünstige Kredite aus dem BEE-Fonds in Aussicht gestellt.

Die Last der Vergangenheit

Aber genügt eine schlichte Umverteilung? "Hier muss noch viel mehr geändert werden", sagt Gert Loubser, der seit acht Jahren bei Stellar die Wasserversorgung managt, drei Fußballmannschaften coacht sowie eine Judo-Mannschaft und eine Sporttanzgruppe der Belegschaft betreut. "Wir Coloureds haben bis heute die Vergangenheit nicht abschütteln können. Die meisten von uns leiden weiterhin an den Folgen von Kolonialismus und Apartheid, die uns entwurzelt und unsere Kultur gestohlen haben." Die Armut sei enorm, die Arbeitslosigkeit liege bei über fünfzig Prozent, "viele sehen keine Zukunft, weder für sich noch ihre Kinder".

Gert Laubser und die Tanzgruppe von Stellar.
Gert Laubser und die Tanzgruppe von Stellar.

Und so haben der zielstrebige Roussew, der bedächtige Theys und andere Stellar-Eigentümer ein eigenes Ermächtigungsprogramm entwickelt. Junge Arbeiter werden in Rebenanbau, Önologie und Betriebswirtschaft ausgebildet, der Betrieb bezahlt den Beschäftigten gewerkschaftliche Schulungskurse, eine von Stellar gegründete Stiftung unterhält einen Kindergarten, hat eine Krankenschwester sowie eine Psychotherapeutin angestellt und unterstützt lokale Grundschulen.

Für die Aufgaben im Sozialbereich ist Irene Dell zuständig. Vor einigen Jahren, erzählt die 37-Jährige, sei Lehrern der örtlichen Steilhoogte Primarschule aufgefallen, dass viele Kinder ausgezehrt aus den Ferien zurückkehrten. "Sie haben zu Hause nicht genug zu essen bekommen, weil ihre Eltern zu arm oder zu apathisch sind"; ein schmächtiger Junge, ein Mittelstreckentalent, habe in der schulfreien Zeit fünf Kilo verloren. Also hat die Stellar Foundation gehandelt. Dell, die in Namibia aufgewachsen ist, und Manus Spamer, der Schulrektor, initiierten ein Ernährungsprogramm. Seither bekommen rund fünfhundert Schüler dank der Stiftung und mit Hilfe zahlreicher Freiwilliger während der Schulferien täglich zu essen – nicht nur in der Mensa der Steilhoogte Primêr, sondern auch an vier weiteren Orten.

Ferienspeisungen, medizinische und psychologische Betreuung, Solarlampen und sonnenbetriebene Ladestationen für die Beschäftigten, Klappschreibtische für Schüler in den engen elterlichen Behausungen, finanzielle Zuschüsse für Kinderkrippen – all das zu organisieren, fällt Dell nicht immer leicht. Schließlich ist sie auch noch für die Inspektion der Weinfarmen zuständig, für die Zertifizierung durch das Fair-for-Life-Programm, für die Dokumentation des Rebentransports, für die Belegschaftstreffen, für die Stellar-Webseite. "Der Schlüssel für eine bessere Zukunft liegt in der Bildung", sagt sie. Und: "Allmählich bekommen die Menschen hier eine Ahnung davon, was Glück bedeutet."

Irene Dell: "Der Schlüssel für eine bessere Zukunft liegt in der Bildung."
Irene Dell: "Der Schlüssel für eine bessere Zukunft liegt in der Bildung."

Finanziert wird die Stiftungsarbeit aus dem BEE-Fonds – und mit Hilfe von Stellar-Kunden vor allem in den USA, den Niederlanden und Deutschland. Der von Riegel gegründete gemeinnützige Verein Good Grapes for a Better Life mit Sitz im Landkreis Konstanz finanziert etwa die medizinische und psychologische Betreuung der Beschäftigten und schenkte der Stellar-Belegschaft einen Klinikbus. Die soziale Fürsorge und die betriebliche Mitsprache haben ein Gemeinschaftsgefühl entstehen lassen. Nicht zu vergessen die Gewinnbeteiligung. Denn wer länger als fünf Jahre für Stellar arbeitet, bekommt regelmäßig Unternehmensanteile gutgeschrieben. Derzeit halten 120 Stellar-Arbeiter Anteile in Höhe von bis zu 80 000 Rand. Das sind umgerechnet 5600 Euro pro Person. Und so ist die bei anderen Weinbaubetrieben übliche hohe Fluktuation sehr niedrig. "Nur sehr wenige verlassen uns", sagt Geschäftsführer Roussow. "Unsere Leute wissen, dass sie ernst genommen werden."

Und so planen er, der Belegschaftsvertreter Theys, der Entwicklungsbeauftragte Loubser und die Sozialarbeiterin Dell den nächsten Schritt: In den nächsten zwei, drei Jahren soll der Besitzanteil der Belegschaft am Unternehmen auf über fünfzig Prozent steigen. Die zunehmende Nachfrage, die wachsende Anbaufläche, die BEE-Gelder und nicht zuletzt die Fair-for-Life-Beiträge der Stellar-Kunden "ermöglichen das", sagt Roussew. Dann wäre Stellar Organics nicht nur der größte Bio-Wein-Produzent Südafrikas und der erste Fairtrade-Weinbetrieb am Kap. Sondern auch das erste große Weingut im Besitz der – überwiegend schwarzen – Beschäftigten.

 

Info:

Mehr Informationen über das südafrikanische Weingut und seine Konstanzer Unterstützer gibt es auf den Seiten von Stellar Organics (englische und deutsche Website) und von Good Grapes for a Better Life.


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