Kunst im Quadrat: Hinein ins richtige Leben. Fotos: Alamode Film

Ausgabe 342
Kultur

Kampf ums Kondom

Von Ruppert Koppold
Datum: 18.10.2017
Sollen wir den Menschen noch vertrauen? In seiner brillanten Kunstbetriebssatire "The Square" provoziert Ruben Östlund den Zuschauer immer wieder mit Situationen, die moralische Entscheidungen verlangen.

Die Kunst soll über ihren Kennerkreis hinaus wirken; sie soll hinein ins richtige Leben! Und so bereitet der Stockholmer Kurator Christian (Claes Bang), ein gut aussehender Mann Mitte vierzig, das Projekt "The Square" vor. Er lässt vor seinem X-Royal-Museum das Pflaster aufreißen und per Metallstreifen einen Platz ausweisen, der die Gesellschaft an das erinnern soll, was ihr verloren gegangen ist: "Das Quadrat ist ein Zufluchtsort, an dem Vertrauen und Fürsorge herrschen. Hier haben alle die gleichen Rechte und Pflichten." Und jetzt eilt der schwer beschäftigte Christian über einen anderen Platz, vorbei an einer vergeblich um Aufmerksamkeit bittenden Aktivistin für irgendeine gute Sache ("Wollen Sie ein Menschenleben retten?") und auch beinahe vorbei an einer Frau, die von einem Mann verfolgt wird und um Hilfe ruft: "Der bringt mich um!" Nun zögert Christian doch, bleibt stehen, stellt sich mit einem anderen Passanten schützend vor die Frau. Danach ist er stolz und euphorisch aufgeregt. Bis er beim Weitergehen entdeckt, dass ihm Handy und Brieftasche fehlen.

So ist Christian also selber in ein von anderen geplantes Projekt geraten, in eine virtuos durchgezogene Trickdieb-Aktion. Sein dunkelhäutiger Assistent Michael (Christopher Læssø) aber hat die Idee zu einem Gegenschlag. Er kann an seinem Computer die Bewegungen von Christians Handy orten, allerdings nur bis zu einer großen Mietskaserne, nicht zu einer einzelnen Wohnung. Wie wäre es denn, sagt der sich "streetwise" gebende Michael, wenn alle in diesem Haus einen Drohbrief erhielten, in dem sie zur Rückgabe des Diebesgutes aufgefordert werden? Gesagt, getan. So fahren die beiden in Christians Tesla am Täterhaus vor, und weil der vorher so taffe Michael plötzlich ganz kleinlaut wird, steigt schließlich der Bestohlene selber aus, schleicht ängstlich durch dunkeltrübe Flure und steckt in die Briefkästen ein Schreiben, das ein ganzes Milieu unter Generalverdacht stellt.

Der schwedische Regisseur Ruben Östlund ist ein Meister im Kreieren von Problemen, die nicht nur die Protagonisten seiner Filme, sondern auch deren Zuschauer in ein moralisches Dilemma führen. Wie hätte ich mich verhalten? Hätte auch ich die Aktivistin ignoriert? Hätte ich dann dieser anderen Frau geholfen? Hätte ich mich dann zu einer Reaktion hinreißen lassen, die zunächst clever klingt und dann in Abgründe führt? Solche Selbstbefragungen provoziert Östlund, indem er etwa das Thema "Vertrauen" so zuspitzt, dass eine Entscheidung seiner Helden unumgänglich ist. Gleichzeitig wird dabei deren Überforderung sichtbar, sie sehen sich plötzlich konfrontiert mit einer Art Lose-Lose-Situation. In dem Drama "Höhere Gewalt" (2014) zum Beispiel rauscht eine Lawine ins Ski-Urlaubsleben einer Mittelschichtsfamilie, rauscht eigentlich an ihr vorbei, aber der Vater hat vorher in unkontrollierter Panik Frau und Kinder im Stich gelassen.

Östlund verlagert wissenschaftliche Experimente in die Kunst

In Östlunds umstrittenem Film "Play" (2011) werden schwedische Mittelschichtskinder gemobbt von einer Migrantenkindergang und schaffen es nicht, aus den sich eher in verbaler denn physischer Bedrohung zeigenden Mechanismen auszusteigen. "Nur ein Spiel?", so bringt der deutsche Zusatztitel zu "Play" die Ereignisse auf den Punkt. Es ist eine Frage, die auch in "The Square" immer wieder auftaucht. Östlund verweist im Zusammenhang mit seinem neuen Film auf das "Barmherzige Samariter"-Experiment, dem 1973 an der Universität Princeton Theologiestudenten ausgesetzt waren. Sie wurden nach dem Ausfüllen eines Fragebogens dazu aufgefordert, sich eilig in ein anderes Gebäude zu begeben. Einer von ihnen war ein eingeschleuster Schauspieler, der auf dem Weg stürzte und um Hilfe bat – und sie nur selten bekam. In "The Square" arrangiert Östlund ähnliche Experimente, die er allerdings vom Bereich der Wissenschaft in den der Kunst verlagert. Zum Beispiel in ein von Christian arrangiertes und sehr luxuriöses Sponsoren-Dinner, bei dem den Gästen auch eine Performance serviert wird.

Es ist eine Performance, an die sich diese Gäste und auch wir Zuschauer noch lange erinnern werden. Denn der als muskulöser Affenmensch (Terry Notary) durch und über die Tischreihen springende Performer agiert immer bedrohlicher, wischt durch Gesichter, schlägt Gläser aus der Hand, treibt den blasierten Starkünstler Julian (Dominic West) aus dem Saal und bleibt auch dann noch in seiner Rolle, als Christian die Aufführung für beendet erklärt. Erst als der wild gewordene Grunzer sich eine Frau greift und an den Haaren übers Parkett schleift, stehen einige der Herren, die bisher demütig und still zu Boden geblickt haben, endlich auf und … Nun, da macht sich dann auch etwas Barbarisches Luft.

Der Film "The Square", in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, ist eine Satire auf den Kunstbetrieb, die immer wieder Grenzen überschreitet. Manchmal harmlos-schelmisch, wenn etwa im Museum ein Putzmann mit seinem Kehrgerät eine Kieselhaufen-Installation "bereinigt" (der Beuys'sche Badewannen-Skandal lässt grüßen); manchmal komisch-peinlich, wenn das Interview mit dem in einer Art Pyjama hingefläzten Julian durch unflätige Sätze eines Tourette-Kranken aus dem Publikum gestört wird und ein Nebensitzer für diesen sexbesessenen Schmährufer Toleranz einfordert; und manchmal auch hysterisch-krass, wenn zwei Jung-Fuzzi-Kunstbetriebler die Geilheit der Medien durch ein The-Square-Werbe-Video bedienen, in dem ein blondes, Kätzchen-tragendes Kleinkind in die Luft gesprengt wird.

Viel vor- aber nicht übernommen

Es stimmt, Östlund hat sich mit diesem Film ziemlich viel vorgenommen. Und dabei wurde der sehr lustige Kampf um ein gefülltes Kondom, den sich Christian und eine von ihm des Samenraubs verdächtigte Journalistin (Elisabeth Moss) nach schweißtreibendem Beischlaf liefern, noch gar nicht erwähnt. Aber Östlund übernimmt sich nicht, er hat seinen Film im Griff. Fast jede der sorgfältig aufgebauten und enorme Spannung entwickelnden Episoden könnte zwar für sich stehen, aber zusammen ergeben sie doch ein großes Ganzes. Was freilich nicht heißt, dass dieser Film auch zur Klärung der aufgeworfenen Fragen führt. Die Verhältnisse sind nämlich kompliziert, die da oben nicht immer nur böse, die da unten nicht immer nur gut. Es geht in "The Square" beispielsweise weniger um Haben und Nichthaben als um Haben und Habenwollen. Und manchmal handelt hier sogar eine Frau, wenn sie den Machismo der Männer anklagt, aus eher eigensüchtigen Motiven.

Also Östland gegen alle? Denn dieser Regisseur hält sich ja nicht an unsere Verabredungen, unterscheidet nicht zwischen Spiel und Ernst, stört Reden und Rituale, stürzt Ordnungen um und bringt etwas aus der Fassung. Im Zweifelsfall uns. Man könnte sich natürlich auf die sichere Seite begeben und diesen Film entschärfen, indem man ihn wieder zurückführt in sein Gehege und mit einem gewissen Recht sagt: Dieser Film ist selbst ein Kunstprodukt. Stimmt ja auch. Er ist dies genauso wie jene Installation, die er mal vorführt. In der soll der Besucher sich vor der Begehung per Knopfdruck entscheiden, ob er Menschen vertraut oder nicht. Wer sich für "I trust people" entscheidet, muss dann in einem dunklen Raum seine Brieftasche und sein Handy auf den Boden legen und weitergehen.

 

Info:

Ruben Östlunds "The Square" kommt am Donnerstag, den 19. Oktober in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt,finden Sie hier.


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