Wie ihre Romanfiguren ist auch die Autorin Shida Bazyar zwischen zwei Welten aufgewachsen. Foto: BW Stiftung/Sebastian Schulz

Wie ihre Romanfiguren ist auch die Autorin Shida Bazyar zwischen zwei Welten aufgewachsen. Foto: BW Stiftung/Sebastian Schulz

Ausgabe 342
Kultur

Ein Wortnetz über der Stadt

Von Anna Hunger
Datum: 18.10.2017
Stuttgart soll in Aufruhr versetzt werden. Mit Literatur und gemeinsamer Lektüre. Obendrein hat das Lesefest "Stuttgart liest ein Buch" Teezeremonien, iranische Kochkurse und politische Debatten zu bieten. Auch Kontext mischt mit.

Am Lagerfeuer, beim Tee, an der Bettkante von den Großeltern an die Enkel, die später selbst zu Großeltern werden: Seit Jahrtausenden werden kleine und große Geschichten mündlich überliefert. Dem Erzählen als uralter Tradition widmen sich am Mittwochabend in der nächsten Woche, 25. Oktober, das Welthaus in Zusammenarbeit mit den AnStiftern und Kontext an einem literarischen Abend im Rahmen des Lesefestivals "Stuttgart liest ein Buch". Begleitet wird der Abend von der Band "Hindukusch", eine Gruppe aus Afghanistan geflüchteter Musiker, die in Bad Cannstatt zusammengefunden haben. Zu Gast sein werden auch die beiden professionellen Erzählerinnen Odile Néri-Kaiser und Laiea Nekoufar, die kleine und große Geschichten aus dem Iran erzählen werden, die Moderation übernimmt Kontext.

Hermeskeil, Hildesheim, Berlin

Shida Bazyar, geboren 1988 in Hermeskeil, Reinland-Pfalz, studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und lebt in Berlin. Sie arbeitet als Bildungsreferentin für junge Menschen, die ein Freiwilliges Ökologisches Jahr machen, war Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkurses 2012 und Studienstipendiatin der Heinrich-Böll-Stiftung. Im Februar 2016 erschien ihr erstes Buch. (ana)

"Als Einwanderungsland birgt Deutschland viele Erzählungen, die hier mit hineingekommen sind, aber viel zu selten aufgeschrieben werden", sagte die Autorin Shida Bazyar in einem Interview mit dem Berliner "Tagesspiegel", nachdem im Februar 2016 ihr Debütroman erschien. "Nachts ist es leise in Teheran" eine vielschichtige Familiengeschichte erzählt aus vier Perspektiven, der sich das Schriftstellerhaus in seiner losen Reihe "Stuttgart liest ein Buch" in diesem Jahr widmet.

Es ist ein Ausnahmeroman, da sind sich die Kritiker von taz bis FAZ einig, "so lebendig, so berührend und aktueller denn je", "brillant", "herausragend", "intelligent konstruiert, schlau komponiert und toll geschrieben, eigenwillig im besten Sinne, ein glänzendes Debüt". Tragisch, traurig und wunderschön erzählt. Jedes Komma, jedes Wort der 275 Seiten scheint mit Bedacht gewählt und gesetzt und zu einer mehrschichtigen Familiengeschichte verwoben, die historisch ist und zugleich hoch aktuell.

Zwei Welten in zehn Tagen

Und so beginnt das Buch der knapp 30-jährigen Autorin mit der Erzählung von Behsad, dem Vater, dem jungen kommunistischen Revolutionär, der sich Ende der 70er Jahre gegen das von den USA unterstützte Regime des Schahs auflehnt. "Über dem Lehrerpult sein stolzer Blick, wir haben gelernt, was wir lernen mussten, wir sind älter geworden, und wir haben beschlossen, Egal, was in unseren Schulbüchern steht, wir wollen das Gegenteil davon. Wir lasen Es lebe der Schah und dachten, Tod dem Schah. Wir hörten Alle Arbeit gebührt dem König und sagten, Die Arbeit gehört den Arbeitern. Und wenn dort steht, Er führt uns zum Wohlstand, dann spucken wir auf seine Paläste, auf die Engländer, auf die Amerikaner, und schmuggeln die Bücher, kopieren sie, lernen sie auswendig, geben sie von Hand zu Hand. Wir haben gelesen, haben gelesen, haben gelesen, haben zu Hause geschwiegen und auf den Straßen geschrieben, haben unsere Eltern verflucht und sind für unsere Kinder gestorben."

Mitten in seinem Kampf lernt Behsad Nahid kennen, eine politische und intellektuelle Frau. Das Paar bekommt zwei Kinder, muss aus dem Iran nach Deutschland fliehen – in ein Leben, in dem sich Sicherheit, Sehnsucht und Fremde gegeneinander ausspielen.

Eine Parallele zum Heute ist nicht nur die Fluchtgeschichte der Eltern, das Entwurzeltwerden, das Ankommen in einem fremden Land und die fast gruseligen Begegnungen mit den netten, aber anstrengend bemühten Deutschen Walter und Ulla. Den Kindern Laleh und Mo, die in Deutschland aufwachsen als Menschen mit Migrationshintergrund, ist das Land ihrer Eltern nicht ganz, aber doch sehr fremd. Es geht in diesem Roman um Integration, um Lebensträume, Zugehörigkeit und Fremde, politisches Engagement und seine Grenzen, um die Identität von vier Menschen zwischen zwei Welten.

Gelungener Debutroman. Foto: BW Stiftung/Sebastian Schulz
Gelungener Debutroman. Foto: BW Stiftung/Sebastian Schulz

Die Reihe "Stuttgart liest ein Buch" verbindet diese Welten innerhalb von zehn Festivaltagen auch mit dem Publikum. Der Gedanke dahinter: eine ganze Stadt liest und diskutiert gemeinsam über ein Buch und dessen Themen, es soll Stadtgespräch sein. Das Konzept kommt aus den USA der späten Neunzigerjahre, hervorgegangen aus Buchklubs. Zum ersten Mal 1998 in Seattle "If All of Seattle Read the Same Book". Von da an verbreitete sich die Idee: Regelmäßig findet "Santa Monica Reads" statt, oder "One Book One Community" in Kentucky, "A Tale for Three Counties" in New York. 

"Stuttgart liest ein Buch" will dieses Jahr zum dritten Mal "ein Wortnetz über die Stadt legen", so nennt es Astrid Braun, die Geschäftsführerin des Stuttgarter Schriftstellerhauses. Immer eines zu aktuellen Themen, die die Menschen bewegen, die auf vielfältige Art herausfordern, spannend sind und eine große Gruppe Menschen ansprechen.

Sogar ein Schönheitssalon macht mit

2012 hatte die Jury für das Literaturfest Margeriet de Moors Roman "Sturmflut" ausgewählt, es ging um Familie, Rivalität und Naturkathastrophen. 2015 sprach die Stadt über Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe", einen Roman über eine antiquierte Lehrerin, die Themen waren Wissenschaft, Biologie, Theologie. "Eine Stadt in Aufruhr zu versetzen – mit Literatur!", das sei, sagt Stefanie Stegemann vom Literaturhaus Stuttgart, das Wundervolle an der zehntägigen Veranstaltung.

Ob leidenschaftliche Leseratten oder solche, die nur selten ein Buch genießen, "Stuttgart liest ein Buch" will zusammenbringen, das Gedachte und Gelesene vertiefen, es riechen, schmecken, fühlen lassen. In ausgesuchten Veranstaltungen werden die Welten gefeiert, zwischen denen sich "Nachts ist es leise in Teheran" bewegt. Mit Lesungen, Diskussionen und Filmvorführungen spannen verschiedene AkteurInnen und Institutionen der Stadt Fäden zwischen dem Plot des Romans und der Lebenswelt des Publikums: Neun SprecherInnen lesen die komplette Erzählung an verschiedenen Orten in der Stadt. Die "Spiegel Online"-Kolumnistin Margarete Stokowski diskutiert mit der Autorin über Feminismus, es gibt Musik zu hören, persische Buchkunst zu sehen, einen iranischen Kochkurs, eine Teezeremonie im Bürgerhaus Stuttgart-Rohracker und im Kosmetiksalon Mandana Abbasi sprechen die Autorin, Teilnehmende aus Literaturkreisen und dem Mädchengesundheitsladen über Schönheit.

Denn Laleh besucht im Roman zum ersten Mal einen Beautysalon und erlebt, wie sehr Schönheit schmerzen kann, und das nicht nur, weil ihr die Kosmetikerin die Gesichtshärchen mit einem Faden ausrupft.

 

Info: 

Der "Abend mit erzählten Geschichten und Musik" im Welthaus Stuttgart beginnt am Mittwoch, den 25. Oktober, um 19.30 Uhr. Mehr zum Programm des Festivals "Stuttgart liest ein Buch" gibt's hier.


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