Der Buchhändler Wendelin Niedlich 1990 im heimischen Bücher-Reich. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 330
Kultur

Bei Niedlich

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 26.07.2017
Wendelin Niedlich wird 90. Einige Jahre bevor er seinen politischen Buchladen in Stuttgart schließen musste, hat die Lyrikerin Anna Breitenbach bei ihm gelesen. Und darüber einen Text verfasst, der den Buchhändler treffend charakterisiert.

"Das Leben in vollen Zügen" hieß hintersinnig ein Kabarettprogramm, mit dem Anna Breitenbach und der Kabarettist Dieter Trieß 1990 in einem Eisenbahnwaggon vom Stuttgarter Hauptbahnhof aus auf Tournee gingen. Titel und Idee sind gleich in zweifacher Weise charakteristisch für die Arbeit der Esslinger Lyrikerin: zum einen für ihr Talent, in einfachsten Worten und Sätzen eine zweite Bedeutung zu entdecken; zum anderen, weil sich die Autorin im Laufe der Zeit eine Vielzahl unkonventioneller Wege ausgedacht hat, Poesie unters Volk zu bringen.

Sie veröffentlicht Gedichte auf Postkarten und Kalendern, auch im eigenen Online-Shop, ebenso in Schaufenstern wie derzeit im "Alimentari da Loretta" in der Römerstraße im Stuttgarter Süden. Sie liest "scharfes Zeugs" in Restaurants, "Wein- und Weibsgedichte" in Weinstuben und "haarige Geschichten" im Friseursalon. Sie verteilt Gedichte in der S-Bahn, tritt als Slam-Poetin auf, unter Titeln wie "K-G-B, Kunst gegen Bares" (Café Stella, 2012) oder "Poesie und Pommes (Kulturzentrum Franz K., Reutlingen), und belieferte das Freie Radio für Stuttgart mit mehreren (Doppelsinn!) "Büchersendungen".

"streuen wir wörter in die stadt!" beginnt Breitenbachs verfilmtes Gedicht "guerilla gardening": "im städtischen raum in den ständig/ strebsamen strom werden wir ganz/ ohne amtliche erlaubnis ja völlig/ unberechtigt eigenermächtigt/ feinste widerstandspartikel einleiten ..."

Eigenermächtigt war auch ihre Lesung im Buchladen von Wendelin Niedlich, irgendwann Mitte der neunziger Jahre. Bevor er seine Buchhandlung 1998 schließen musste, war Niedlich in Stuttgart fast vier Jahrzehnte lang eine Institution. Der gebürtige Berliner war 1959 nach Stuttgart gekommen, sein Laden fortan ein Treffpunkt der linken Intelligenz. Als ihn die Sicherheitskräfte observierten, stellte er ein Schild ins Schaufenster: "Vorsicht! Da drüben steht die Polizei." Wer alles bei Niedlich gelesen hat, ist noch nicht erforscht. Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: alles was Rang und Namen hat. Breitenbach probierte es auf gut Glück.

***

Ich habe bei Niedlich gelesen

Er war da. Stand hinter seiner Kasse, klein und gerade, und starrte durch die offene Tür nach draußen. Er schien nicht übel Lust auf eine Geschichte zu haben.

Ich stellte mich neben ihn. Wartete. Und sagte dann: Ich würde Ihnen gern was vorlesen. Haben Sie eine ruhige Ecke? Er hatte keine. Sie sehen doch, ich habe hier zu tun. Ich sah außer ihm noch drei, vier Leute im Laden stehen, mit einem Buch in der Hand. Niedlich hatte kein Buch in der Hand. Und die Augen draußen.

Ich kann auch hier. Das macht mir nichts, sagte ich. Und wartete. Vom Öffnen und Schließen des Mundes schien Niedlich nicht viel zu halten. Besonders nicht vom Öffnen. Endlich ein dünnes: Dann lesen Sie schon.

Ich las. Die Geschichte mit dem Koch. Und mit dem Heißenbüttel. Ich blieb stehen, wo ich stand, neben ihm und, wie ich fand, ziemlich lässig an seine Bücherleiter gelehnt, mit dem linken Ellbogen auf der vierten Stufe oder war's die fünfte.

Es war ruhig im Laden. Nichts los außer meiner Stimme. An der Stelle in der Story, wo das mit den Haaren im Hackfleisch anfängt, die Jungs nervös zu machen, dachte ich, ich sehe mal nach Niedlich. Er stand noch genau so, hinter seiner Kasse, die Augen auf der Straße, die Ohren sonstwo.

Verdammt. Die Sache läuft nicht, dachte ich. Niedlich sah gar nicht gut aus. Dabei hatte ich mir die Sache so einfach vorgestellt. Ein paar Leute im Laden. Ich mach eine lockere Lesung. Niedlich interessiert, je länger ich lese, umso mehr interessiert.

Ich brachte meine Geschichte zu Ende. Sie kam sonst wirklich immer gut an. Niedlich stand da. Und sah auch inzwischen nicht viel besser aus. Und jetzt muss ich was dazu sagen? Müssen Sie nicht. Aber Sie haben mich doch auch gezwungen, Ihnen zuzuhören. Ich habe Sie gefragt. Sie hätten nein sagen können. Es sah sich gut durch die Ladentür, mit Niedlich.

Das ist keine Geschichte, die mich aufregt. Der Satz musste zwischen seinen schmalen Lippen durchgekrochen sein. Und dann kam noch einer. Irgendwie was über Literatur. Und das hatte irgendwie wenig mit meiner Geschichte zu tun. Dann kam nichts mehr.

Okay, jetzt mussten zwei, drei Sätze meinerseits gesagt werden: Ich hab Ihnen was geschickt, schon länger, wegen einer Lesung in Ihrem Laden. Ich hab angerufen. Nichts. Nachgefragt. Wieder nichts. Ich dachte, ich geh mal vorbei. Ich dachte, ich les Ihnen einfach was vor. Dachte ich.

Niedlich dachte auch, nach, kurz. Ich wartete. Mal reingesehen. Ich gleich etwas erfreut: Haben Sie's gelesen? Ich sagte doch schon. Wenn da nicht eine kleine Schärfe in dem flachen Ton war! Kann dann hier im Laden abgeholt werden.

Draußen war ich. Die Sache war gelaufen. Verdammt, dachte ich. Die Sache war verdammt schlecht gelaufen. Reg dich nicht auf, dachte ich auch, das Leben geht weiter. Und immerhin, soviel steht fest: Ich habe bei Niedlich gelesen.

 

Anna Breitenbach arbeitet seit Ende der siebziger Jahre für den Süddeutschen Rundfunk und verfasst seit dieser Zeit auch Gedichte und Kurzgeschichten. Seit sie 2001 für ihren Roman "Fremde Leute" den Thaddäus-Troll-Preis erhielt, tritt sie häufig zu verschiedensten Anlässen in der Region auf. Ihr neuester Gedichtband trägt den lapidaren Titel: "Haus und Hof, Sachen, Leute. Brauchbare Gedichte"


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

3 Kommentare verfügbar

  • Jürgen Klose
    am 27.07.2017
    Erinnerung: Im Buchladen hing ein Schild "Wer hier klaut, hat nichts begriffen!" Und schön chaotisch ging's zu - ein Ort für Entdeckungen. Esoterik gab's nicht. Die Schließung markierte für mich eine Zeitenwende. Danke, Wendelin Niedlich!
  • Wolfgang Zaininger
    am 26.07.2017
    Den immer leicht griesgrämigen und misstrauischen Niedlich habe ich (im Gegensatz zu Joschka F.) nie beklaut, aber so richtig wohlgefühlt habe ich mich dort nie - im Gegensatz zu einer Genossenschaftsbuchhandlung in der Schweiz in der ich einen Teil meiner politischen Sozialisation erlebte mit Lesungen von Erich Fried und anderen. Offen, freundlich, nie links-elitär. Zu Niedlich gehörte nämlich immer auch eine Ansammlung von Stuttgarter Salon-Linken. Und der Streit um das Stuttgarter "Gedenken" an Friedrich Wolf im Nachhinein grenzwertig. Bei Niedlich der "F.W.-Keller" und am Wilhelmsplatz F.W. als Namensgeber der DKP-Buchhandlung.
  • Caesar Struwe
    am 26.07.2017
    Lieber Wendelin Niedlich. Ich vermisse Ihren Laden und Sie, ebenso den Julius und den Pit, den Poethen und.die Irmela........ 1979 habe ich" Zettels Traum" bei ihnen auf drei Raten gekauft.- wir waren beide glücklich. Und die so belesenen und gut aussehenden Gehülfinnen im Laden. Gute Gründe, sich dort einzufinden. Es war schön mit Ihnen zu schweigen. Und dann da und dort wieder ein Buch zu finden:" Die Seele und die Formen" oder "Die Stadt hinter dem Strom" oder die "Pagode von LeiFeng".. Morgen lege ich mich an die Ecke vor dem ehemaligen Buchladen und beginne meinen Hungerstreik.
    Warum haben Sie nicht Manufaktum gegründet? Dann gäbe es noch die guten Dinge und den Laden. Wendelin, Ihre Buchhandlung war das "Brot und Butter" des Geistes. Alles Liebe. 70 verweht, 90 nicht vergeht!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!