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Lindenhof kriegt eine Million vom Land

Das Theater Lindenhof ist ein Unikum in der baden-württembergischen Bühnenlandschaft, ein Regionaltheater in dem nicht einmal 1000 Seelen zählenden Dorf Melchingen, das mit Aufsehen erregenden Inszenierungen, etwa 2016 einem Stück mit syrischen Geflüchteten, immer wieder weit ins Land hinaus wirkt. Seit langem allerdings stehen in dem 1981 gegründeten Theater umfangreiche Umbauarbeiten an, um die Standards für Zuschauer und Schauspieler auf ein zeitgemäßes Niveau zu heben, unter anderem einen barrierefreien Zugang zu gewährleisten.

Für dieses Vorhaben gibt es nun eine Förderung von einer Million Euro vom Land. Am Freitag überreichte Peter Hauk (CDU), Minister für den ländlichen Raum, Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer den Zuschussbescheid. Eine stattliche Summe, Hallmayer ist dennoch "nicht überrascht" über die Höhe. "Wir hatten ja Anträge in bestimmten Höhen gestellt, das ist alles vorbesprochen worden." Schon bisher wird das Theater von den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb, der Sitzgemeinde Burladingen und vom Land gefördert, insofern entsprächen auch der Finanzierungsmix für den Umbau dieser Konstruktion. Trotzdem ist der Intendant ungeheuer froh über die jetzt bewilligte Landesförderung, denn immerhin habe es über acht Jahre von den ersten Plänen bis jetzt gedauert, die Umbaufinanzierung sicher zu stellen. "Es hat schon viel Überzeugungsarbeit bedurft", sagt Hallmayer, und auch nach dem Wechsel vom früheren zuständigen Minister Alexander Bonde (Grüne) zu Peter Hauk nach der Landtagswahl 2016 habe man wieder neuen Anlauf nehmen müssen. "Aber wir haben gemerkt, dass von allen Fraktionen eine außergewöhnliche Wertschätzung für das Theater da war."

Nun kann sofort mit dem Bauen begonnen werden, "der Bagger ist schon da", so Hallmayer. An den auf 2,5 Millionen Euro veranschlagten Baukosten beteiligen sich auch die angrenzenden Landreise und die Gemeinde Burladingen, und mit 750 000 Euro Eigenmitteln auch die Stiftung Theater Lindenhof. "Einen Teil davon haben wir schon", sagt Hallmayer, "für einen Teil wollen wir noch Unternehmen als Partner werben." (23.7.2017)


Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


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Hat auf einer Wanderung "wunderbare Nebelschwaden und andere tolle Wetterphänomene" entdeckt: Kai Bleifuß. Fotos: Joachim E. Röttgers

Hat auf einer Wanderung "wunderbare Nebelschwaden und andere tolle Wetterphänomene" entdeckt: Kai Bleifuß. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 294
Gesellschaft

Der Gewitterwanderer

Von Elena Wolf
Datum: 16.11.2016
Mit den Buchwochen steht Stuttgart derzeit ganz im Zeichen der Literatur. Im Rampenlicht stehen die Erfolgreichen, die vom Schreiben leben können. Die anderen sieht man nicht. Die Debütanten, die sich abstrampeln, um verlegt zu werden. Die jeden Job annehmen, um sich den Luxus leisten zu können, zu schreiben. Wie Kai Bleifuß aus Göppingen.

Kai Bleifuß ist Schriftsteller mit einem schonungslosen Blick auch auf sich selbst. "Schreiben", sagt er, "ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch." Klingt ein bisschen irre. Wahnsinn und Genie liegen bekanntlich nah beieinander. Das trifft auch auf den 33-jährigen Göppinger zu. Schon mit sieben Jahren hat er gewusst, dass er einmal Schriftsteller werden will. Scheffelpreis zum Abi, Stipendien im Studium der Neuen Deutschen Literaturwissenschaft, Politik und Kunstgeschichte. Geförderte Auslandsaufenthalte in Budweis, Neapel und London. Summa cum laude für die Doktorarbeit über "Demokratie im Roman der Weimarer Republik". Und so nebenbei immer wieder kleinere Geschichten. Eine davon bringt ihm den Kunstförderpreis der Stadt Augsburg ein – dort lebt er bis zum Ende seiner Uni-Zeit.

2014 erscheint sein erster Roman "Goethes Mörder" beim E-Book-Verlag Hockebooks. Der Goethe-Experte will aber endlich gedruckt werden. Telefoniert und tippt sich zwei Jahre lang Ohren und Finger wund mit Anfragen an Verlage. Kassiert hat er bislang nur Absagen. Das frustriert. Doch Bleifuß bleibt am Ball. Schließlich sei Schreiben das Beste, was er tun könne.

Lebenstraum(a) Schriftsteller

Jetzt muss er sich erst mal die Haare schön machen. "Ich geh nochmal kurz raus, bevor's richtig los geht", sagt der Doktor phil., zieht en passant eine Holzbürste aus dem Rucksack und verschwindet zum stillen Örtchen eines Szene-Cafés im Stuttgarter Heusteigviertel. Dem Bild vom verlotterten, kettenrauchenden Schriftsteller auf Ritalin und Whisky setzt Bleifuß einen himbeerroten Kuschelpulli mit erdbeerrotem Häkelschal entgegen. Als er fein frisiert zurück kommt, ordert er sich eine heiße Schokolade. Im Sommer sei er auf dem Älpelekopf in den Allgäuer Alpen wandern gewesen, "wie so oft bei schlechtem Wetter. Dabei gab es wunderbare Nebelschwaden, die ineinander waberten, und andere tolle Wetterphänomene zu sehen", schwärmt er. "Ganz großes Kino."

Bleifuß hat Mut, Neues auszuprobieren – am liebsten mit Tschaikowski im Hintergrund.
Bleifuß hat Mut, Neues auszuprobieren – am liebsten mit Tschaikowski im Hintergrund.

Schlechtes Wetter, keine andere Seele außer ihm auf dem Berg – für den Göppinger ist das paradigmatisch für die Gesellschaft und für den "Literaturzirkus". Alles werde unter Kosten-Nutzen-Rechnungen abgewogen. Scheine die Sonne nicht, lohne es sich für die meisten Menschen auch nicht, einen Berg zu besteigen. Bloß kein Risiko. Es fehle an Mut, Neues auszuprobieren, von dem man nicht von vorne herein weiß, ob es sich ökonomisch rentiere. Das wirft er auch vielen Verlegern vor. "Dabei muss ich als Autor ständig die Unsicherheit akzeptieren, dass Texte einfach in der Schublade landen."

Kai Bleifuß gehört nicht zu dem Schlag von KünstlerInnen, die sich hinter ihrem geistigen Output klein machen, weil es irgendwie chic ist. Der Sohn zweier Deutsch- und Französisch-LehrerInnen hat kein Problem damit, "Goethes Mörder" mit langsamem Wimpernaufschlag einen "postmodernen Bildungsroman" zu nennen und dabei das missionarische Überlegenheitsgefühl eines allwissenden Erzählers auszustrahlen. Dass er damit das Klischee des Deutsch-Leistungskurs-Strebers vorbildlich erfüllt, scheint ihm jedoch genauso am Allerwertesten vorbei zu gehen, wie Spott über sein grotesk altes, mobiles Telefon anno Goethe. Wenn man ihm so dabei zusieht, wie er unter wohl gewählten Worten den Milchschaum aus der Tasse löffelt, hat man den Eindruck, dass er dem Dichterfürsten im Geiste näher ist, als seinen AltersgenossInnen auf Facebook oder Twitter. Beides hat er nicht. Will er nicht. Braucht er nicht. Nichts gehe über ein persönliches Gespräch. Dann reflektiert der trendresistente Schriftsteller zum Beispiel auch seine Manuskripte und lässt sich kritisieren. Von Freunden, von seinen Eltern. "Am liebsten mit ein bisschen Tschaikowski im Hintergrund", sagt er. Der russische Komponist passe so gut zu ihm, weil er ihn an die lohnenswerten Gewitter-Wanderungen erinnern würde: aufbrausend, gewaltig, aufregend. Schlürf, schlürf. Tasse leer.

Lesen hülfe gegen den Fachkräftemangel, meint Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU).
Lesen hülfe gegen den Fachkräftemangel, meint Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU).

Lohnen muss es sich für die Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) vor allem in der Kasse. Im Grußwort des Programmhefts der 66. Stuttgarter Buchwochen im Haus der Wirtschaft schwärmt die promovierte Betriebswirtschaftlerin vom Buchmarkt, der "zu den klassischen Märkten der Kultur- und Kreativwirtschaft" zähle. Seine wirtschaftliche Bedeutung in Baden-Württemberg sei mit 2,3 Milliarden Euro Jahresumsatz beachtlich. Wer schon in der Schule viel lese, verbessere seine Lesekompetenz und helfe so, den Fachkräftenachwuchs für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg zu sichern. Dass die wenigsten SchriftstellerInnen von ihrer Arbeit leben können – geschenkt. Laut Künstlersozialkasse waren in Deutschland im Jahr 2015 1531 männliche und 1675 weibliche "Schriftsteller und Dichter" versichert. Während die Männer rund 18 000 Euro brutto im Jahr verdienen, krebsen die Frauen bei nicht mal 15 000 Euro. Wertschätzung sieht anders aus.

Immerhin weist Thomas Lindemann, Verleger und Landesvorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels darauf hin, dass Bücher uns auch in vielen Lebenslagen "helfen, unterhalten, trösten und informieren" können. Trotz eines leichten Minus von 1,4 Prozent machte die deutsche Buchbranche im vergangenen Jahr einen Umsatz von 9,19 Milliarden Euro. 89 505 Titel wurden insgesamt veröffentlicht – rund 2400 mehr als im Vorjahr. Allein auf der Buchmesse in Stuttgart werden bis zum 4. Dezember 25 000 Werke von etwa 300 Verlagen vorgestellt – 9000 davon sind Neuerscheinungen. "Goethes Mörder" von Kai Bleifuß ist nicht dabei.

Der Gewitterwanderer wohnt bei seinen Eltern. "Auf einem eigenen Stockwerk", schiebt er nach und schnappt sich ein Quarkbällchen vom Teller. Er spare so einfach Geld. Auch er kann vom Schreiben nicht leben. Demnächst fängt er wieder mal ein Praktikum an. Dieses Mal in der Kunsthalle Göppingen. Schriftsteller zu sein, schließe für ihn nicht aus, sich ein zweites Standbein aufzubauen. "Einen Job für Vernünftige" zu finden, wie er sagt. Denn trotz der bemerkenswerten Überzeugung für sein Schaffen als Schriftsteller fährt er zweigleisig. Man wisse ja nie. Ein Widerspruch zu seinem Traum vom großen Druck sei das nicht. Bleifuß wirkt, als könne er beide Gleise mit Vollgas befahren.

Doch einen "vernünftigen Job" zu bekommen, sei genauso irre schwierig, wie sich als Schriftsteller zu etablieren. Denn der Segen der Geisteswissenschaften ist gleichzeitig auch sein Fluch. Zwar hat der Literaturwissenschaftler viele Möglichkeiten unterschiedliche Berufe zu ergreifen. Dafür brauche er eigentlich zehn verschiedene Lebensläufe, sagt er, sonst heiße es schnell mal: "Sie haben zwar viel Erfahrung, aber leider nicht im Bereich kunsthistorische Museen mit Schwerpunkt Grafik im letzten Jahrzehnt der 19. Jahrhunderts." Da muss er selber lachen. Für Absurditäten hat er ein Faible.

In seinem Roman "Goethes Mörder" lässt er den jungen Goethe im Frankfurt unserer Zeit surreale Szenen erleben: als Jobsuchender auf dem Arbeitsamt; mit Gameboy; erfreut über das "oe" im Namen statt "ö", weil das besser für die E-Mail-Adresse ist; als Langzeitstudent, bei dem auch schon mal Kästen voller "rhythmisch klappernder, nie versiegender Spaßmunition aus den verschiedensten Brauereien des Landes" zum Einsatz kommen. Er hätte auch einfach Bierflaschen schreiben können. Das wäre aber kein echter Bleifuß. Den gibt's nämlich nur mit cleverem Sprachwitz und schrägem Blick auf Alltägliches.

Diesen Blick hat er auch in seinem eigenen Alltag trainiert. Als er sich mit seinem E-Book für ein staatlich gefördertes Stipendium bewirbt, bekommt er eine Absage, weil E-Books oftmals nicht als Referenzen akzeptiert werden. Wenn er sich für kleinere Preise bewirbt, ist das E-Book ein Ausschlusskriterium, weil man dafür noch überhaupt nichts veröffentlicht haben darf. Manchmal kommt sich Bleifuß vor, wie im falschen Film, "in dem man besser behandelt wird, wenn man überhaupt noch nix geschrieben hat", sagt er. Auch die unzähligen VerlegerInnen, die er kontaktiert hat, hätten ihm immer dasselbe gesagt: "Leider voll, aber trotzdem viel Glück und nicht verzagen." An dieses Glück mag er an manchen Tagen nicht mehr glauben.

Jedes Debüt eine riskante Entscheidung

Hubert Klöpfer vom Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer sitzt auf der anderen Seite. Auf seinem Schreibtisch landen jede Woche unaufgefordert 15-20 Manuskripte. Im Jahr kommen da schon mal 1000 Stück zusammen, erzählt der Verleger für Essayistik und Literatur. Ein Viertel davon seien richtig gut. Doch eine Buchproduktion koste in der Erstauflage von 2000 Exemplaren etwa 16 000 Euro aufwärts. "Da müssen erst mal 1500 Bücher verkauft werden, damit man schwarze Zahlen schreibt", erklärt Klöpfer. Das wiederum setze voraus, dass man die Bücher überhaupt bei Buchläden ins Regal bekomme. "Bei einem unbekannten Autor extrem schwierig." Jedes Debüt sei eine riskante Entscheidung seines Verlags. Und "die Zerstreuung eines Buches durch die Welt ist fast ein ebenso schwieriges und wichtiges Werk als die Verfertigung desselben", zitiert Klöpfer den alten Schiller.

Der Alltag frisst Geld, Schreiben bringt nichts ein – ein Dilemma, das Bleifuß gut kennt. Er sei froh, dass er für das Praktikum in der Göppinger Kunsthalle überhaupt was bekomme. Wie schlecht es genau um die SchreiberInnen steht, weiß niemand so genau. "Als Selbständige können sie sich meist schlecht arbeitslos auf dem Amt melden", erklärt ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Momentan seien bundesweit lediglich 230 "Kunden" in der Kategorie "Autoren und Schriftsteller" gemeldet – die haben ihren Beruf als Angestellte ausgeübt.

Aufs Amt muss der Göppinger zwar nicht. Trotzdem ist ihm selten zum Lachen zumute, wenn er über seine Erfahrungen als Schriftsteller spricht. Zum Aufhören aber auch nicht. Weitermachen heißt seine Devise. Die nötige Selbstironie hat er. Talent im Durchhalten auch. Außerdem bekomme er jedes Mal wieder einen Energieschub, wenn ihm nach Lesungen Leute sagen, dass sie seine Arbeit toll finden. Letztlich sieht er seine schreiberische Tätigkeit auch als politische Aufgabe. "Zur Demokratie gehört auch eine ganzheitliche Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen", sagt der Goethe-Fan. "Und die kann Literatur sehr gut leisten." Man sehe ja, was dabei rauskomme, wenn man diese demokratischen Auseinandersetzungen den Talkshows im Fernsehen überlässt: "Klein-klein aktionistische Reaktionen auf eine chaotische Welt. An die großen Fragen traut sich niemand heran." Zum Beispiel an die Frage, wie es um unser aller Verantwortungsbewusstsein der Gesellschaft gegenüber stünde.


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