Hat auf einer Wanderung "wunderbare Nebelschwaden und andere tolle Wetterphänomene" entdeckt: Kai Bleifuß. Fotos: Joachim E. Röttgers

Hat auf einer Wanderung "wunderbare Nebelschwaden und andere tolle Wetterphänomene" entdeckt: Kai Bleifuß. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 294
Gesellschaft

Der Gewitterwanderer

Von Elena Wolf
Datum: 16.11.2016
Mit den Buchwochen steht Stuttgart derzeit ganz im Zeichen der Literatur. Im Rampenlicht stehen die Erfolgreichen, die vom Schreiben leben können. Die anderen sieht man nicht. Die Debütanten, die sich abstrampeln, um verlegt zu werden. Die jeden Job annehmen, um sich den Luxus leisten zu können, zu schreiben. Wie Kai Bleifuß aus Göppingen.

Kai Bleifuß ist Schriftsteller mit einem schonungslosen Blick auch auf sich selbst. "Schreiben", sagt er, "ist das Idiotischste, was man machen kann. Nicht schreiben aber auch." Klingt ein bisschen irre. Wahnsinn und Genie liegen bekanntlich nah beieinander. Das trifft auch auf den 33-jährigen Göppinger zu. Schon mit sieben Jahren hat er gewusst, dass er einmal Schriftsteller werden will. Scheffelpreis zum Abi, Stipendien im Studium der Neuen Deutschen Literaturwissenschaft, Politik und Kunstgeschichte. Geförderte Auslandsaufenthalte in Budweis, Neapel und London. Summa cum laude für die Doktorarbeit über "Demokratie im Roman der Weimarer Republik". Und so nebenbei immer wieder kleinere Geschichten. Eine davon bringt ihm den Kunstförderpreis der Stadt Augsburg ein – dort lebt er bis zum Ende seiner Uni-Zeit.

2014 erscheint sein erster Roman "Goethes Mörder" beim E-Book-Verlag Hockebooks. Der Goethe-Experte will aber endlich gedruckt werden. Telefoniert und tippt sich zwei Jahre lang Ohren und Finger wund mit Anfragen an Verlage. Kassiert hat er bislang nur Absagen. Das frustriert. Doch Bleifuß bleibt am Ball. Schließlich sei Schreiben das Beste, was er tun könne.

Lebenstraum(a) Schriftsteller

Jetzt muss er sich erst mal die Haare schön machen. "Ich geh nochmal kurz raus, bevor's richtig los geht", sagt der Doktor phil., zieht en passant eine Holzbürste aus dem Rucksack und verschwindet zum stillen Örtchen eines Szene-Cafés im Stuttgarter Heusteigviertel. Dem Bild vom verlotterten, kettenrauchenden Schriftsteller auf Ritalin und Whisky setzt Bleifuß einen himbeerroten Kuschelpulli mit erdbeerrotem Häkelschal entgegen. Als er fein frisiert zurück kommt, ordert er sich eine heiße Schokolade. Im Sommer sei er auf dem Älpelekopf in den Allgäuer Alpen wandern gewesen, "wie so oft bei schlechtem Wetter. Dabei gab es wunderbare Nebelschwaden, die ineinander waberten, und andere tolle Wetterphänomene zu sehen", schwärmt er. "Ganz großes Kino."

Bleifuß hat Mut, Neues auszuprobieren – am liebsten mit Tschaikowski im Hintergrund.
Bleifuß hat Mut, Neues auszuprobieren – am liebsten mit Tschaikowski im Hintergrund.

Schlechtes Wetter, keine andere Seele außer ihm auf dem Berg – für den Göppinger ist das paradigmatisch für die Gesellschaft und für den "Literaturzirkus". Alles werde unter Kosten-Nutzen-Rechnungen abgewogen. Scheine die Sonne nicht, lohne es sich für die meisten Menschen auch nicht, einen Berg zu besteigen. Bloß kein Risiko. Es fehle an Mut, Neues auszuprobieren, von dem man nicht von vorne herein weiß, ob es sich ökonomisch rentiere. Das wirft er auch vielen Verlegern vor. "Dabei muss ich als Autor ständig die Unsicherheit akzeptieren, dass Texte einfach in der Schublade landen."

Kai Bleifuß gehört nicht zu dem Schlag von KünstlerInnen, die sich hinter ihrem geistigen Output klein machen, weil es irgendwie chic ist. Der Sohn zweier Deutsch- und Französisch-LehrerInnen hat kein Problem damit, "Goethes Mörder" mit langsamem Wimpernaufschlag einen "postmodernen Bildungsroman" zu nennen und dabei das missionarische Überlegenheitsgefühl eines allwissenden Erzählers auszustrahlen. Dass er damit das Klischee des Deutsch-Leistungskurs-Strebers vorbildlich erfüllt, scheint ihm jedoch genauso am Allerwertesten vorbei zu gehen, wie Spott über sein grotesk altes, mobiles Telefon anno Goethe. Wenn man ihm so dabei zusieht, wie er unter wohl gewählten Worten den Milchschaum aus der Tasse löffelt, hat man den Eindruck, dass er dem Dichterfürsten im Geiste näher ist, als seinen AltersgenossInnen auf Facebook oder Twitter. Beides hat er nicht. Will er nicht. Braucht er nicht. Nichts gehe über ein persönliches Gespräch. Dann reflektiert der trendresistente Schriftsteller zum Beispiel auch seine Manuskripte und lässt sich kritisieren. Von Freunden, von seinen Eltern. "Am liebsten mit ein bisschen Tschaikowski im Hintergrund", sagt er. Der russische Komponist passe so gut zu ihm, weil er ihn an die lohnenswerten Gewitter-Wanderungen erinnern würde: aufbrausend, gewaltig, aufregend. Schlürf, schlürf. Tasse leer.

Lesen hülfe gegen den Fachkräftemangel, meint Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU).
Lesen hülfe gegen den Fachkräftemangel, meint Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU).

Lohnen muss es sich für die Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) vor allem in der Kasse. Im Grußwort des Programmhefts der 66. Stuttgarter Buchwochen im Haus der Wirtschaft schwärmt die promovierte Betriebswirtschaftlerin vom Buchmarkt, der "zu den klassischen Märkten der Kultur- und Kreativwirtschaft" zähle. Seine wirtschaftliche Bedeutung in Baden-Württemberg sei mit 2,3 Milliarden Euro Jahresumsatz beachtlich. Wer schon in der Schule viel lese, verbessere seine Lesekompetenz und helfe so, den Fachkräftenachwuchs für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg zu sichern. Dass die wenigsten SchriftstellerInnen von ihrer Arbeit leben können – geschenkt. Laut Künstlersozialkasse waren in Deutschland im Jahr 2015 1531 männliche und 1675 weibliche "Schriftsteller und Dichter" versichert. Während die Männer rund 18 000 Euro brutto im Jahr verdienen, krebsen die Frauen bei nicht mal 15 000 Euro. Wertschätzung sieht anders aus.

Immerhin weist Thomas Lindemann, Verleger und Landesvorsitzender des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels darauf hin, dass Bücher uns auch in vielen Lebenslagen "helfen, unterhalten, trösten und informieren" können. Trotz eines leichten Minus von 1,4 Prozent machte die deutsche Buchbranche im vergangenen Jahr einen Umsatz von 9,19 Milliarden Euro. 89 505 Titel wurden insgesamt veröffentlicht – rund 2400 mehr als im Vorjahr. Allein auf der Buchmesse in Stuttgart werden bis zum 4. Dezember 25 000 Werke von etwa 300 Verlagen vorgestellt – 9000 davon sind Neuerscheinungen. "Goethes Mörder" von Kai Bleifuß ist nicht dabei.

Der Gewitterwanderer wohnt bei seinen Eltern. "Auf einem eigenen Stockwerk", schiebt er nach und schnappt sich ein Quarkbällchen vom Teller. Er spare so einfach Geld. Auch er kann vom Schreiben nicht leben. Demnächst fängt er wieder mal ein Praktikum an. Dieses Mal in der Kunsthalle Göppingen. Schriftsteller zu sein, schließe für ihn nicht aus, sich ein zweites Standbein aufzubauen. "Einen Job für Vernünftige" zu finden, wie er sagt. Denn trotz der bemerkenswerten Überzeugung für sein Schaffen als Schriftsteller fährt er zweigleisig. Man wisse ja nie. Ein Widerspruch zu seinem Traum vom großen Druck sei das nicht. Bleifuß wirkt, als könne er beide Gleise mit Vollgas befahren.

Doch einen "vernünftigen Job" zu bekommen, sei genauso irre schwierig, wie sich als Schriftsteller zu etablieren. Denn der Segen der Geisteswissenschaften ist gleichzeitig auch sein Fluch. Zwar hat der Literaturwissenschaftler viele Möglichkeiten unterschiedliche Berufe zu ergreifen. Dafür brauche er eigentlich zehn verschiedene Lebensläufe, sagt er, sonst heiße es schnell mal: "Sie haben zwar viel Erfahrung, aber leider nicht im Bereich kunsthistorische Museen mit Schwerpunkt Grafik im letzten Jahrzehnt der 19. Jahrhunderts." Da muss er selber lachen. Für Absurditäten hat er ein Faible.

In seinem Roman "Goethes Mörder" lässt er den jungen Goethe im Frankfurt unserer Zeit surreale Szenen erleben: als Jobsuchender auf dem Arbeitsamt; mit Gameboy; erfreut über das "oe" im Namen statt "ö", weil das besser für die E-Mail-Adresse ist; als Langzeitstudent, bei dem auch schon mal Kästen voller "rhythmisch klappernder, nie versiegender Spaßmunition aus den verschiedensten Brauereien des Landes" zum Einsatz kommen. Er hätte auch einfach Bierflaschen schreiben können. Das wäre aber kein echter Bleifuß. Den gibt's nämlich nur mit cleverem Sprachwitz und schrägem Blick auf Alltägliches.

Diesen Blick hat er auch in seinem eigenen Alltag trainiert. Als er sich mit seinem E-Book für ein staatlich gefördertes Stipendium bewirbt, bekommt er eine Absage, weil E-Books oftmals nicht als Referenzen akzeptiert werden. Wenn er sich für kleinere Preise bewirbt, ist das E-Book ein Ausschlusskriterium, weil man dafür noch überhaupt nichts veröffentlicht haben darf. Manchmal kommt sich Bleifuß vor, wie im falschen Film, "in dem man besser behandelt wird, wenn man überhaupt noch nix geschrieben hat", sagt er. Auch die unzähligen VerlegerInnen, die er kontaktiert hat, hätten ihm immer dasselbe gesagt: "Leider voll, aber trotzdem viel Glück und nicht verzagen." An dieses Glück mag er an manchen Tagen nicht mehr glauben.

Jedes Debüt eine riskante Entscheidung

Hubert Klöpfer vom Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer sitzt auf der anderen Seite. Auf seinem Schreibtisch landen jede Woche unaufgefordert 15-20 Manuskripte. Im Jahr kommen da schon mal 1000 Stück zusammen, erzählt der Verleger für Essayistik und Literatur. Ein Viertel davon seien richtig gut. Doch eine Buchproduktion koste in der Erstauflage von 2000 Exemplaren etwa 16 000 Euro aufwärts. "Da müssen erst mal 1500 Bücher verkauft werden, damit man schwarze Zahlen schreibt", erklärt Klöpfer. Das wiederum setze voraus, dass man die Bücher überhaupt bei Buchläden ins Regal bekomme. "Bei einem unbekannten Autor extrem schwierig." Jedes Debüt sei eine riskante Entscheidung seines Verlags. Und "die Zerstreuung eines Buches durch die Welt ist fast ein ebenso schwieriges und wichtiges Werk als die Verfertigung desselben", zitiert Klöpfer den alten Schiller.

Der Alltag frisst Geld, Schreiben bringt nichts ein – ein Dilemma, das Bleifuß gut kennt. Er sei froh, dass er für das Praktikum in der Göppinger Kunsthalle überhaupt was bekomme. Wie schlecht es genau um die SchreiberInnen steht, weiß niemand so genau. "Als Selbständige können sie sich meist schlecht arbeitslos auf dem Amt melden", erklärt ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Momentan seien bundesweit lediglich 230 "Kunden" in der Kategorie "Autoren und Schriftsteller" gemeldet – die haben ihren Beruf als Angestellte ausgeübt.

Aufs Amt muss der Göppinger zwar nicht. Trotzdem ist ihm selten zum Lachen zumute, wenn er über seine Erfahrungen als Schriftsteller spricht. Zum Aufhören aber auch nicht. Weitermachen heißt seine Devise. Die nötige Selbstironie hat er. Talent im Durchhalten auch. Außerdem bekomme er jedes Mal wieder einen Energieschub, wenn ihm nach Lesungen Leute sagen, dass sie seine Arbeit toll finden. Letztlich sieht er seine schreiberische Tätigkeit auch als politische Aufgabe. "Zur Demokratie gehört auch eine ganzheitliche Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen", sagt der Goethe-Fan. "Und die kann Literatur sehr gut leisten." Man sehe ja, was dabei rauskomme, wenn man diese demokratischen Auseinandersetzungen den Talkshows im Fernsehen überlässt: "Klein-klein aktionistische Reaktionen auf eine chaotische Welt. An die großen Fragen traut sich niemand heran." Zum Beispiel an die Frage, wie es um unser aller Verantwortungsbewusstsein der Gesellschaft gegenüber stünde.


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