Foto: Joachim E. Röttgers

Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 133
Kultur

Roman als Reality-Revue

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 16.10.2013
Mit seinen zwei kleinen Bühnen hat sich das Studio Theater in der Hohenheimer Straße am Rande der Stuttgarter Innenstadt in den letzten Jahren überregional zum Geheimtipp gemausert. Das liegt nicht zuletzt am Musical „Die Schlichtung“. Nun kommt hier zum ersten Mal ein Roman des Stuttgarter Literaten Heinrich Steinfest auf die Bühne.

"Ich habe die Schlichtung im Fernsehen gesehen", sagt Christof Küster, der künstlerische Leiter des Studio Theaters und Initiator des gleichnamigen Musicals. "Die Hauptdarsteller waren schnell klar: Herr Kefer (Bahnvorstand), Frau Gönner (Ex-Verkehrsministerin) – auf der anderen Seite Herr Palmer (Tübingens OB), Kretschmann (heute Ministerpräsident): alles Originale, wie man sie im Theater braucht. Heiner Geißler als Moderator und Entertainer hat auch viel Stoff geliefert. Ich habe schnell gemerkt, dass diese Schlichtung teilweise Realsatire war. Viel Futter, aus dem man schöpfen konnte. Dazu kam die Idee, dass Stuttgart ja eine Musicalstadt ist: Das ist irgendwie aufgegangen."

Künstlerischer Leiter des Studio-Theaters: Christof Küster. Foto: Joachim E. Röttgers
Künstlerischer Leiter des Studio-Theaters: Christof Küster. Foto: Joachim E. Röttgers

Wie gut das Konzept aufging, zeigt die Publikumsreaktion. Jede einzelne Vorstellung war ausverkauft. Schließlich wurden die Aufführungen ins Theaterhaus verlegt. Es war das erfolgreichste Stück in der langen Geschichte des kleinen Theaters und stieß bundesweit auf Interesse. Viele wollten die Farce, die ihnen an neun Tagen live aus dem Stuttgarter Rathaus im Fernsehen vorgespielt worden war, gern noch einmal ansehen, mit allen kleinen Tricks, billigen Effekten, freiwilligen und unfreiwilligen Lachnummern. Aber dort, wo Theater hingehört: auf der Bühne. Alle Texte stammten aus den realen Verhandlungen. Auch einige der originalen Protagonisten haben sich das Stück angesehen: Heiner Geißler nicht, aber Winfried Hermann.

Die Realität direkt auf die Bühne zu holen ist eine interessante Tendenz des jüngeren Theaters. Die Gruppe "Rimini Protokoll" tut das oder Volker Lösch mit den Bürgerchören und Interviews, die er in seine Stücke einbaut. Christof Küster hat bereits 2010, zum 80. Geburtstag des Altkanzlers, eine Helmut-Kohl-Revue ausschließlich aus Originalzitaten zusammengestellt. In eine ähnliche Richtung geht die aktuelle Reihe "StudioTalk: Dialog" – Interviews mit Marcel Reich-Ranicki oder Jackie Kennedy, in Buchform eine etwas trockene Kost, werden auf der Bühne zum Leben erweckt.

Küster inszeniert auch Klassiker wie "Wilhelm Tell" oder Kleists "Prinz von Homburg", vor allem für Schulklassen. Zu dem "Zwei-Sparten-Haus" gehört der Kruschteltunnel, Stuttgarts ältestes Kindertheater, eine Konstante, auch eine finanzielle, bei aller Experimentierfreude.

Gruppenbild mit Schriftsteller: Heinrich Steinfest (Dritter von rechts) bei der Probe. Foto: Joachim E. Röttgers
Gruppenbild mit Schriftsteller: Heinrich Steinfest (Dritter von rechts) bei der Probe. Foto: Joachim E. Röttgers

176 000 Euro im Jahr erhält das Studio Theater von der Stadt als institutionelle Förderung – der Betrag wurde kürzlich erst aufgestockt. Das mag sich nicht schlecht anhören, deckt aber nicht einmal die Grundkosten. Für jedes einzelne Stück müssen Projektgelder eingeworben werden. Dies ist in den letzten fünf Jahren, seit Küster das Theater leitet, im Großen und Ganzen gelungen. Wenn nur für ein einziges Stück die Anträge abschlägig beschieden werden, droht sofort die Schuldenfalle. Zwar hat das Theater eigene Einnahmen. Aber die gehen zu 70 Prozent an Schauspieler und Freischaffende. Küster selbst kann von seiner Tätigkeit am Studio Theater nicht leben und arbeitet nebenher mit eigenem Ensemble am Theaterhaus oder auf den Klosterfestspielen in Weingarten.

Am Studio Theater war vor Küsters Zeit "Loriot" ein Quotenbringer. Küster hat den Spielplan ausgemistet und konzentriert sich nun auf junge Autoren, auch Roman-Adaptationen, die noch nie auf die Bühne gebracht wurden. Der Erfolg gibt ihm recht: Das Publikum ist jünger geworden, die Vorstellungen sind zu 80 Prozent ausgelastet. Schauspieler, nicht nur aus Stuttgart, wollen im Studio Theater auftreten.

Mit der "Haischwimmerin" von Heinrich Steinfest kommt am 23. Oktober zum ersten Mal ein Roman des österreichischen Autors mit Stuttgarter Wohnsitz auf eine Theaterbühne. Vier Schauspieler verkörpern 25 Rollen – im Roman ist das Personal noch zahlreicher.

Regisseur Günter Maurer. Foto: Joachim E. Röttgers
Regisseur Günter Maurer. Foto: Joachim E. Röttgers

Günter Maurer, der Regisseur, hat im SWR bereits eine Hörspielversion von Steinfests Stuttgart-21-Krimi "Wo die Löwen weinen" erarbeitet und im Studio Theater Jules Vernes "20 000 Meilen unter dem Meer" inszeniert. "Die Haischwimmerin" spielt im fernen Sibirien, wo sich die Sowjetelite einst einen Atombunker eingerichtet hat. In diese Unterwelt hat sich nun eine Verbrecherrepublik eingenistet. Hinter der Skurrilität der Fantasiewelt verbergen sich, wie immer bei Steinfest, durchaus handfeste Realitäten. "Es gibt Orte", kommentiert Maurer, "wo ziemlich genau das zutrifft, die wesentlich näher sind."

Dass Christof Küster sein eigenes, freies Ensemble "Stuttgart 22" nennt, hat mit dem Musical "Die Schlichtung" allerdings nichts zu tun. Die Truppe gibt es bereits seit 2000, als Küster von Frankfurt nach Stuttgart kam. Die Zahl 22 sollte auf 22 Aufführungsorte verweisen. Und auf einen langen Atem.

 

Die Haischwimmerin von Heinrich Steinfest hat am 23. Oktober Premiere. Weitere Vorstellungen am 24., 25., 26. und 31. Oktober sowie am 1. November.

www.studiotheater.de


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