Polizist Noredin (Fares Fares) verstrickt sich in einen Fall, dessen politische Implikationen er zunächst nicht erkennt. Fotos: Port au Prince Pictures

Polizist Noredin (Fares Fares) verstrickt sich in einen Fall, dessen politische Implikationen er zunächst nicht erkennt. Fotos: Port au Prince Pictures

Ausgabe 340
Kultur

Hoffnungslos korrupt

Von Rupert Koppold
Datum: 04.10.2017
Tarek Salehs Thriller "Die Nile Hilton Affäre" blickt zurück auf das Ägypten kurz vor der Revolution. Und weil diese letztlich gescheitert ist, erzählt der Regisseur seine mörderische Geschichte als fatalistischen Film noir.

Gerade ist der Polizist Noredin in seinem verbeulten Peugeot noch an den riesigen Plakaten mit dem Porträt einer berühmten Sängerin vorbeigetuckert, da steht er in einer Suite des Kairoer Hilton Hotels vor ihrer blutumflossenen Leiche. Seine Kollegen waren schon vor ihm da, sie wollen den Fall schnell abschließen. Selbstmord. Da sind sie sich einig. "Sie hat sich also selber die Kehle durchgeschnitten?", fragt Noredin (Fares Fares). Doch das ist kein Aufbegehren, höchstens ein kleiner, sarkastischer Hinweis darauf, dass das Offensichtliche, wenn es den Mächtigen nicht genehm ist, ignoriert oder vertuscht wird. Man schreibt das Jahr 2011 und die Polizei agiert in diesem Land, obwohl sich schon ein Aufruhr abzeichnet, noch immer als Freund und Helfer des korrupten Mubarak-Systems.

Auch Noredin, ein großer Kerl um die vierzig, hat sich an- und eingepasst. Wenn er seine schwarzen Haare gekämmt, seine Krawatte gebunden und seine Lederjacke angezogen hat, fährt er durch die staubigen Straßen, grüßt die Informanten, die Händler, die Restaurantbetreiber und bekommt Scheine zugesteckt. Jetzt gibt es auf dem Revier, das von seinem feisten Onkel geleitet wird, ein bisschen Streit um den Verteilungsschlüssel des eingetriebenen Geldes. Noredin hält sich da eher raus, genauso wie bei den alltäglichen Häftlingsmisshandlungen. Überhaupt umgibt diesen Mann, in dessen unaufgeräumter Wohnung Bilder von Frau und Kind auf ein anderes und früheres Leben hindeuten, eine Aura umfassender Gleichgültigkeit. Eigentlich kann ihm nichts mehr passieren. Eigentlich ist schon alles vorbei. Und dann lernt er Gina (Hania Amar), die schöne Freundin der ermordeten Sängerin kennen und verstrickt sich in einen Fall, dessen politische Implikationen er zunächst nicht erkennt.

Der in Schweden geborene Regisseur und Drehbuchautor Tarek Saleh hat seinen Rückblick über ein Land vor der Revolution als Film noir gedreht. Sein atmosphärischer Thriller, in dem der angeschlagene Held sich so viele Zigaretten ansteckt wie kaum ein anderer in den letzten Kinojahren, führt immer wieder durch Nacht und Stadt und auch durch viele Milieus hindurch. Das sudanesische Zimmermädchen Salwa (Mari Malek) etwa, das den Täter im Hotelflur gesehen hat, haust beengt im Schwarzenviertel und wird ausgebeutet von einem Landsmann und Landlord. Der das "Neue Kairo" anpreisende Bautycoon Shafiq (Ahmed Seleem) dagegen residiert in einer luxuriösen "gated community", spielt Golf und lässt Noredin, der ihm ein paar Fragen stellen will, kühl abblitzen. Wenn dann die mondäne Gina in einem Nachtclub singt, ist das der klassische Auftritt einer Femme fatale. Und wenn sich zeigt, dass ihr Schlafzimmer mit einer Kamera ausgestattet ist, dann ist das ein direktes Zitat aus "The Big Sleep", in dem Humphrey Bogart einem Sex-Erpressungsplot nachspürt.

Noredin verfolgt ernsthaft einen Verdächtigen.
Noredin verfolgt ernsthaft einen Verdächtigen.

Dieser Film reiht sich also ein in ein Genre, aber er versinkt dabei nicht in Nostalgie. Die Geschichte spielt, wie gesagt, im Jahr 2011, und so wie etwa die brillanten Polizeithriller "Memories of Murder" von Joon-Ho Bong oder "La isla minima" von Alberto Rodriguez, angesiedelt zur Zeit der koreanischen Militärdiktatur respektive kurz nach der spanischen Franco-Ära, verweist auch "The Nile Hilton Affair" immer wieder auf ein repressives System. Ein Taxifahrer, der Noredin zunächst nicht als Polizisten erkennt, erzählt voller Zorn von einem in Alexandria getöteten Demonstranten. "Die haben Flugblätter verteilt", so wird Noredin auf dem Revier informiert, als eine Gruppe junger Männer in eine Zelle gesteckt wird. Und der malade Vater, den Noredin nur widerwillig besucht, schaut seinen Sohn verächtlich an und erklärt, dass sich Würde und Geldeintreiben nicht vertrügen. Das erinnert dann an einen anderen alten Mann, nämlich an den 2008 gestorbenen Yussef Chahine, den bekanntesten ägyptischen Filmregisseur, der in seinem letzten Film "Chaos" seiner Wut noch einmal Luft machte. Es war großes und selbstbewusstes Kolportage-Kino und eine vehemente Attacke auf ein System von Zensur, Willkür und Folter.

Femme fatale par excellence: Gina (Hania Amar).
Femme fatale par excellence: Gina (Hania Amar).

"Chaos" aber wurde vor der Revolution gedreht, "Die Nile Hilton Affäre" jedoch danach – und im Wissen um deren Scheitern. Auch deshalb hat Tarek Saleh wohl das fatalistische Genre des Film-noir-Thrillers gewählt und einen Helden, in dessen Gesicht sich die Resignation abgelagert hat. Auch wenn Noredin sich schließlich von seinen Kollegen absetzt, auch wenn er tatsächlich das versucht, was die anderen torpedieren, nämlich die Aufklärung eines brisanten und bis in höchste Kreise führenden Falles: dieser Film zeigt ein so korruptionsverseuchtes Land, dass ein radikaler Wechsel kaum vorstellbar ist. Der Hotelmanager legt für Noredin ganz selbstverständlich Geld ins Gästebuch, um sich sein Schweigen zu erkaufen. Noredin selber muss einige Scheine rausrücken, weil Polizisten eines anderen Stadtviertels ihn sonst nicht mit einem Verdächtigen abziehen ließen. Und der Bauunternehmer Shafiq vermutet bei Noredin, der sich jetzt nicht mehr abspeisen lassen will, einen geografischen Irrtum: "Glaubst du, wir sind in der Schweiz?"

Auf eine andere geografische Verlagerung muss bei der "Nile Hilton Affäre" auch noch hingewiesen werden. Tarek Saleh wollte zwar in Kairo drehen, aber das alte Regime hat sich letztlich wieder durchgesetzt, so ein Film, der zudem lose auf einem wahren Fall basiert, kommt also nicht mehr durch die ägyptische Zensur. Deshalb ist Casablanca nun zum täuschend echten Double für die Metropole am Nil geworden. Am Ende kommt es zum Aufstand, für einen Moment sieht es so aus, als würde das alte System hinweggefegt. Ein Demonstrant macht sich schon an einem hauswandgroßen Mubarak-Plakat zu schaffen, aber bis jetzt hat er nur ein kleines Stück abreißen können. Und Noredins Onkel sagt beim Showdown zu seinem Neffen: "Das wird in ein paar Tagen vorbei sein. Ohne uns geht es nicht." Dass es dann doch ein paar Tage länger gedauert hat, ist nur ein schwacher Trost.


Info:

Tarek Salehs "Die Nile Hilton Affäre" kommt am Donnerstag, den 5. Oktober in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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