Die gehörlose Shoko sucht den Weg in die Gemeinschaft und wird doch immer wieder ausgestoßen. Bilder: ©YK/SVM

Die gehörlose Shoko sucht den Weg in die Gemeinschaft und wird doch immer wieder ausgestoßen. Bilder: ©YK/SVM

Ausgabe 338
Kultur

Schuld und Sühne eines Mobbers

Von Rupert Koppold
Datum: 20.09.2017
Der japanische Zeichentrickfilm "A Silent Voice" erzählt von einem Jungen, der eine gehörlose Mitschülerin durch üble Streiche von der Schule ekelt. Als junger und selber zum Außenseiter gewordener Mann trifft er sein früheres Opfer wieder.

"Letzter Tag", so steht es im Kalender von Shoya, einem ernsten jungen Mann mit Igelfrisur. Noch ein paar Dinge hat er zu erledigen, dann steigt er auf das Geländer einer Brücke und ... Und nun kracht das Leben als Rückblende in die melancholischen Bilder, nun wird die sanfte Musik verdrängt vom trotzig-harten Hit "Talking about my Generation" von The Who, nun tobt Shoya mit zwei Grundschulfreunden ausgelassen über den Schulhof, zappelt an Videospielkonsolen rum, versichert sich durch Kumpelgesten – Faust an Faust – seiner tollen Existenz. Fünf Jahre ist das her, aber inzwischen ist so viel passiert. Die gehörlose Shoko ist damals neu in die Klasse gekommen, der Lehrer bittet um Rücksicht, Shoya aber röhrt ihr von hinten ins Ohr, macht ihre näselnd-stockende Sprechweise nach, raubt ihr immer wieder die Hörgeräte, wirft auch ihr Ringheft weg, das sie den Mitschülern als Kommunikationsmittel offeriert hat.

Die Geschichte eines Mobbers? Die Geschichte seines Opfers? Die Geschichte eines gescheiterten Inklusionsversuchs? Ja, all dies. Und doch noch viel mehr. Ohne falsche Rücksichtnahme, aber immer mit großer Empathie schildert die japanische Regisseurin Naoko Yamada in ihrem Anime "A Silent Voice", wie schwer es für Shoko ist, sich in dieser Klasse einzugliedern oder gar Freunde zu finden. Denn diese Schüler sind ja in einem Alter, in dem sie selber schwer damit beschäftigt sind, dazuzugehören. Was eben auch heißt, sich Cliquen anzuschließen, die sich über andere erheben und ablästern: "Die zieht sich an wie ein Sack Kartoffeln!" Dieser Film ist auf Shokos Seite, aber er zeigt auch, dass die anderen in der Klasse viel Verständnis und Geduld aufbringen müssen. Und dass viele dazu nicht fähig sind, so dass die einzige Schülerin, die sich Shoko annähert, als "Schleimerin" denunziert wird.

Im Chor singt Shoko, die sich selber nicht hören kann, zu früh los. In der Pause brechen Mitschülerinnen die schriftliche Kommunikation ab, weil es für sie zu mühsam ist. Und an der Tafel steht plötzlich der Satz: "Behalte dein Gestammel für dich!" Shoya hat das hingeschrieben, gegenüber der stets defensiv auftretenden und sich immer wieder entschuldigenden Shoko aber tut er so, als wische er die bösen Worte gerade weg. Obwohl er sie so getriezt hat, fragt sie ihn naiv und per Gebärdensprache: "Freunde?" Dieses "Herumgestochere" mit Hand und Fingern aber stachelt ihn, der auf verquere und ihm selber nicht bewusste Weise an ihr interessiert ist, zu noch größerer Aggression an. So weit treibt Shoya schließlich sein Mobbing, dass Shoko die Schule wechselt, dass sich sogar seine Mittäter distanzieren und er plötzlich, nachdem die vorher halbherzige Schulleitung endlich eingegriffen hat, selber als Außenseiter dasteht.

Shoya piesackt seine Mitschülerin.
Shoya piesackt seine Mitschülerin.

Shoya nimmt diese Rolle an. Nach einem Sprung in die Gegenwart sieht man ihn als reuig-depressiven Oberschüler voller Selbstzweifel, als einen jungen und suizidgefährdeten Mann, der mit gesenktem Kopf herumläuft und den anderen nicht ins Gesicht schauen kann. Dieser Zeichentrickfilm findet dafür ein ebenso klares wie eindrückliches Bild: Die Köpfe von Shoyas Mitschülern sind durchgekreuzt, eine Kommunikation ist nicht möglich. Aber dann überwindet Shoya sich und tritt für einen kleinen, dicken Klassenkameraden ein. Und irgendwann steht er, der inzwischen einen Gebärdensprachkurs besucht, auch Shoko gegenüber. Aber ganz so leicht, wie man das erwarten könnte, macht es die Regisseurin dem Zuschauer jetzt nicht. Die Kindheit und die Jugend mit ihren Gefühlsverwirrungen und ihren Verletzungen, ihrem Gruppendruck und ihrer Suche nach Freundschaft und Anerkennung sind solch prägende Zeiten, dass die Vergangenheit nicht einfach zu reparieren ist durch späte Goodwill-Bekundungen.

"A Silent Voice" nimmt sich viel Zeit für seine Geschichte, bettet sie ein in genaue Schilderungen der Orte – das idyllische Brücklein über dem Karpfenbach als Treffpunkt! – und des in beiläufiger Selbstverständlichkeit gezeigten proletarischen Milieus: Die Mütter von Shoya und Shoko sind beide alleinerziehend und haben schwer zu kämpfen. Atmosphärische Bilder von Natur und Landschaft, zum Beispiel sattgrüne Felder, sternenklare Vollmondhimmel oder prachtvolle Kirschblüten, fungieren als farbig-leuchtender und ruhiger Kontrast zu dem dunklen Aufruhr und der Verzweiflung in der Seele mancher junger Menschen. Aber nein, nicht alle drohen hier in der Depression zu versinken! Shoyas neuer Freund etwa ist ein robuster Gernegroß, der sich nicht unterkriegen lässt; Shokos jüngere Schwester ein selbstbewusst burschikoses Mädchen, das mit wachem Blick fotografiert; und außerdem ist noch eine gern gesehene Anime-Standardfigur zu erleben, ein fröhliches Kleinkind, das seine Wünsche und Befindlichkeiten ("Hunger!") so direkt herauskräht, wie es Erwachsenen gerade in Japan nicht möglich wäre.

Der Blickwinkel eines Außenseiters.
Der Blickwinkel eines Außenseiters.

Und wie geht es nun weiter? Kann man sich wirklich ändern? Wird man nicht wieder der Alte, wenn man die früheren Mitschüler wiedertrifft? Ist über so viele Jahre und über so viele neue Missverständnisse hinweg eine Wiedergutmachung möglich? Und kann aus Freundschaft vielleicht sogar mehr werden? Wie gesagt, die Regisseurin lässt sich bei der Beantwortung dieser Fragen Zeit. Da ändert sich noch oft das einströmende Sonnenlicht bei vielen Bahnfahrten, da kräuselt sich noch oft das Wasser im klaren Karpfenbach, da fließen auch noch – und das muss so sein! – viele, viele Tränen. Und da wird es, während ein Feuerwerk am Himmel explodiert, auch noch hochdramatisch. Denn japanische Zeichentrickfilme sind nicht immer für Kinder gedacht, ein Anime wie "A Silent Voice" richtet sich an Jugendliche und Erwachsene. Und die können hier, über die Entfernung zu Japan und das Abstrahieren des Genres hinweg, vieles wiedererkennen, was sie selber gerade erleben oder früher mal erlebt haben.

Info:

Naoko Yamadas "A Silent Voice" läuft am Dienstag, dem 26. September im Stuttgarter Cinemaxx an der Liederhalle. Weitere Spielorte finden Sie hier.


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