Er ist einfach der Größte: BDZV-Präsident Mathias Döpfner (Mitte), Stellvertreter Richard Rebmann (links) und Valdo Lehari vom Reutlinger Generalanzeiger. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 338
Medien

Die Taschenlampe raus

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 20.09.2017
Kretschmann, Löw, Schulz, Zetsche – aber der Star heißt Döpfner. Der Springer-Chef ist der Hohepriester der Zeitungsverleger. Er hält die besten Sonntagspredigten beim BDZV-Kongress und die Stuttgarter Blätter pflegen ihn mit Hingabe.

Der deutsche Zeitungsverleger ist ein weithin unbekanntes Wesen. Was man weiß, ist, dass er überwiegend männlich, altersmäßig fortgeschritten, vermögend und eher der CDU als der Linken zugeneigt ist. Und dass er seit einigen Jahren in seiner Art bedroht ist. Wegen des Internets, Google, Facebook & Co., heißt es. Er selber spricht nicht gerne darüber, wie es ihm so geht und wo es weh tut. Dafür hat er seinen Verein, den Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger, kurz BDZV.

Der hat seit einem Jahr einen neuen Präsidenten. Mathias Döpfner, Zweimeterzwei groß und Vorstandsvorsitzender des Axel-Springer-Verlags. Er hat zwar die meisten seiner Papierzeitungen verkauft, an die Funke-Mediengruppe, die jetzt immer wieder in den Nachrichten auftaucht, aber das macht nichts, weil Döpfner ein Mann der Zukunft und der Zuversicht ist. Als einer der ganz wenigen macht sein Riesenladen im digitalen Geschäft Gewinne, was insbesondere an Immobilien-, Job- und Handelsportalen liegt. Nicht an "Bild" und nicht an der "Welt".

Wenn Frauen keine Miniröcke mehr tragen

Döpfner war der Star am vergangenen Montag und Dienstag in der Stuttgarter Carl-Benz-Arena. Trotz Kretschmann, Schulz und Zetsche. Man könnte auch sagen, er war der Hohepriester im Hochamt der Verleger, in dem sie in der Mühsal ihres Gewerbes wieder aufgerichtet werden sollten. Knapp zweistellige Renditen machen einfach schlechte Laune. Und dann kracht noch die Welt rund herum (Terror, Trump, Weidel), die Autokraten (Putin, Erdogan, Orban) sind auf dem Vormarsch, und wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht den Freiheitsfeinden unterwerfen. Warnt Döpfner. Dazu braucht es die Möglichmacher von Journalismus. Also die Verleger. Sonst passiert, was Michel Houellebecq prophezeit: Frauen tragen keine Miniröcke mehr, treten zum Islam über, um nicht unangenehm aufzufallen.

Nun will Döpfner nicht irgendeinen Journalismus. Er soll natürlich ein kritischer und unabhängiger sein, ein "Werkzeug der Freiheit", ein "Scheinwerfer der Aufklärung" oder zumindest eine "Taschenlampe des mündigen Bürgers". Deshalb sollen sie nicht sparen bei ihren Reportern, bei den Querköpfen in der Redaktion, bei den exzellenten Autoren, bittet er seine Kollegen. Sie sollen den aneckenden Lokalredakteur unterstützen, Proteste von Politikern ignorieren, einen Anzeigenboykott riskieren. Dafür würden sie fürstlich entlohnt, wenn auch immateriell. Mit einer "wunderbaren offenen Gesellschaft", in der wir so gerne und gut leben, in der am Ende nicht die Angst, sondern die Freiheit siegt. Verspricht der Großverleger, der "keinen Spielraum zum bangen Kompromiss" mehr sieht (die komplette Rede gibt es hier).

Löw sagt, man müsse einen Plan haben

Danach tritt der Fußballtrainer Joachim Löw auf. Von ihm, sagt Döpfner, könnten die Kollegen lernen, "wie man das Siegen trainieren kann". Dass er selber mal eine Sportflasche war, verschweigt der promovierte Musikwissenschaftler diesmal. Löw erläutert, dafür müsse man einen Plan haben und man dürfe nicht am Status quo festhalten. Befragen lässt er sich vom Pressesprecher der Nationalmannschaft, umrahmt von einem Werbefilm des Fußballbundes, der viele Mercedes-Sterne zeigt. Später wird Daimler-Chef Dieter Zetsche ebenfalls einen Stern-Streifen vorführen und sagen, dass ihm um die Zukunft der Medienindustrie so wenig bange ist wie um das Auto. Jenes werde bald emissionsfrei und elektrisch sein und Mercedes ganz vorne. Zetsche ist wieder in Turnschuhen gekommen.

So manches Silberhaar schaut da ein wenig skeptisch zwischen Mercedes und Springer herum. Freiheit, siegen, Taschenlampe. Ist ja alles prima, hilft aber nicht, wenn die Profitrate tendenziell fällt, wenn der Aldi nicht mehr inserieren will. Manche verkaufen dann lieber, wie in Esslingen oder Böblingen. Solange sie für ihre Erbstücke noch was kriegen. Das Internet zertrümmert ihre Auflagen, zieht die Anzeigen ab, die LeserInnen sind undankbar und bezweifeln die Gültigkeit ihrer Hervorbringungen. Die Kinder der Verleger fürchten um ihre Existenzsicherung, machen lieber einen Saftladen auf.

Kretschmann will mit der Zeitung rascheln

Für den millionenschweren Springer-Chef ist das keine Option. Er hat das Große und Ganze im Blick, die Demokratie und die freie Presse, die einander bedingen. Das betonen auch der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann ("existenziell") und der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ("zentral"). Beide Politiker präsentieren sich als Verlegerversteher, versprechen, sich für die Belange der "Qualitätspresse" einzusetzen, wobei bei Kretschmann noch Persönliches mitspielt. Er möchte sein Frühstück nicht ohne "Zeitungsrascheln" haben, und damit das so bleibt, will er die Verlage bei ihren Zustellern steuerlich stärker entlasten. Es sei ein "schlechter Scherz", meint er, wenn hier der unter Druck geratenen Branche nicht geholfen werde. Das hätte gewiss auch Horst Seehofer (CSU) in seiner Rede gesagt, wenn er hätte kommen können. Aber er hatte sich beim Oktoberfest erkältet.

Dafür war ein anderer da: Günther Oettinger (CDU). Nicht persönlich, aber rechtzeitig per Interview in den Stuttgarter Einheitsblättern. Es fehlte einfach noch eine Attacke auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (mit dem man sonst gerne kooperiert). Also durfte der EU-Kommissar sagen, was vor ihm schon Kretschmann gesagt hat, und Döpfner so nett "gebührenfinanzierte Staats-Presse" genannt hat. Dass die Textangebote von ARD und ZDF im Netz eine "scharfe Konkurrenz" seien, begrenzt und im Zweifel gerichtlich geprüft werden müssten. Tagesschau.de steht national auf Platz 13. Das haben weder der Alt- noch der amtierende MP gesagt, und das stand auch nicht in den StZN, in der sonst Vieles stand.

Beeindruckend, mit welcher Hingabe das Stuttgarter Pressehaus als Gastgeber des Kongresses zu Werke gegangen ist. Täglich zwei Seiten in Papier, Meldungen über Meldungen im Netz ("Löw spricht über seine Führungskraft"), Fotos über Fotos von Anzugmännern, alles gefertigt von einer Mannschaft so groß wie Jogis Truppe. Chefredakteure, Ressortleiter, Titelautoren, Geschäftsführer (alles Männer), Marketingpersonal – da hat sich ein sonst so sparsames Haus im Sinne der Sache, also der verlegerbasierten Demokratie, nicht lumpen lassen. Daran nicht sparen, hat der Druide Döpfner gemahnt, und SWMH-Geschäftsführer Richard Rebmann, der auch Döpfners Vize im BDZV ist, hat es wohl vernommen.

Unzufrieden waren nur die, die nicht eingeladen waren. Die Gewerkschaften. Sie hätten gerne etwas über die Folgen der alltäglichen Sparwut in den Verlagen gehört, über die zusammengelegten, ausgedünnten oder ganz geschlossenen Redaktionen, über die miese Bezahlung der Freien, das Mehr an Arbeit. Befürchtet haben sie, dass es an "Lippenbekenntnissen" nicht mangeln werde. Angesichts der Dichte an Gästen aus Politik und Wirtschaft. Ihre Sorge war und ist berechtigt.


Info:

In seinem Schlußwort hielt BDZV-Chef Döpfner fest, MP Kretschmann (Grüne) habe die Rede gehalten, die er von MP Seehofer (CSU) erwartet habe. Deshalb steht sie hier.


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3 Kommentare verfügbar

  • Philippe Ressing
    am 20.09.2017
    Diese Verleger aber auch - immer wieder lustig! Wie die "Freunde der Italienischen Oper" in Billy Wilders "Manche mögens heiß". Da macht sich der Herr Döpfner zum Verteidiger der Tageszeitungen. der Mann, der im Springer-Konzern fast alle Tageszeitungen an Funke (WAZ-Krake) verkloppt hat. Nur die BLÖD, BLÖD am Sonntag und die Welt laufen noch unter dem Springer-Label. Mit Zukäufen im Online-Bereich - von denen keiner weiß, ob und wie sie sich langfristig rechnen - macht er aus dem einstigen Verlagshaus einen Gemischtwarenladen - Zeitungen als Nebensache. Die Abwanderung der Anzeigenkunden - vor allem Stellenanzeigen - in den Onlinesektor ist seit Jahren Fakt. Das bringt die Verluste! Obacht: immer noch sind die Tageszeitungen - bei allem Gejammer - aber ein profitables Geschäft. Die Leser bezahlen die Verluste des Anzeigenmarktes. Finanzierte sich eine Tageszeitung einst zu 2/3 aus Anzeigen und 1/3 Verkauf, ist es heute umgekehrt. Die Verlagskonzentration erlaubt ihnen, Preiserhöhungen durchzusetzen. Gleichzeititg tobt der publizistische Kahlschlag in den Redaktionen. Die Funke-Gruppe - einst WAZ - reduziert Redaktionen in NRW auf ein Skelett, andere Verleger schmeißen ihre Journalisten raus, um sie ihnen dann in tariffreien Tochtergesellschaften als Billigjobs anzubieten. Und wer ist Schuld? ARD und ZDF! Das ich nicht lache. Das Gewetter gegen die Öffentlich-Rechtlichen hat einen ganz anderen Hintergrund: Die Ministerpräsidenten beraten über eine Änderung des Telekommunikations-Staatsvertrages. Dabei sollen ARD und ZDF das verfassungsmäßige Recht zur digitalen Weiterentwicklung nutzen - etwa Mediatheken aussbauen. Dagegen laufen die Verleger - oft selber im Kommerzfunk aktiv - seit ewigen Zeiten Sturm. Herr Kretschmann, gepampert von den Publikationen der SWMH-Mediengruppe (Süddeutsche, Stuttgarter Zeitung/Nachrichten) bläst brav in das Horn, das ihm die Verleger hinhalten. Siehe auch: https://medienfresse...rschwinden.html
  • Jörg Tauss
    am 20.09.2017
    Schlimmer noch: Döpfner manipuliert hemmungslos, dass sich die Balken biegen... Ein Beispiel: Seine Suggestion, irgendein Freibad verkaufte wegen böser Muslime keine Bockwürste mehr. Richtig ist: Es lohnte sich für den Kiosk nicht mehr, weil keiner die Dinger mehr bestellte.

    Wenn schon ihr Verbandssprecher zur rechten Stimmungsmache solche Lügereien unter die Leute bringt, ohne dass es Presse- Verleger juckt, muss man sich über ANDERES nicht mehr wundern....
  • ein Sansculotte
    am 20.09.2017
    Dem Autor sei Dank, der sich zwei Tage dem Klassen- und Demokratie-Feind aussetzt, um die Chronistenpflicht gegenüber seinen Bürgerinnen und Lesern zu erfüllen. Was sich an gesellschaftlicher Elite zwei Tage beweihräuchert hat und von den Politikern pinseln ließ, hat kaum noch etwas mit jener Spezies zu tun, die als sogenannte Verleger der ersten Stunde nach dem Nazismus mit unterkühlten Hintern und klammen Fingern mit ihren Redaktions-Kolleginnen an der Berichterstattung über die neue Demokratie zu reflektieren oder später den Kalten Krieges mit zu bauen. Wer mit den heutigen Verlegern das Vergnügen hatte, z. B. einen Sozialplan auszuhandeln, der zwanzig oder mehr Beschäftigten die Existenz kosten soll, damit die Bilanz für den Kauf der kommenden Druckmaschine stimmt, wird eine Selbstgewissheit erfahren,
    die wirklich meint, dass ihnen die Zeitung gehört und alles durch ihrer Hände Arbeit ehrlich verdient sei und tiefe Dankbarkeit seitens des Personals erwarten, das schließlich in Lohn und Brot steht. Dieses entwickelte Erbe an Geist und Beutel steht seit nunmehr zwanzig Jahren ratlos vor der neuen Technologie in dem Medium und hat nichts anderes erfunden, als einerseits am Personal zu sparen- bis oh Wunder- sich von alleine ein neues Geschäftsmodell ergibt und andererseits die politischen Hilfstruppen zu mobilisieren, ihre Geschäftsfelder mit einer Art von Journalismus durch Gesetze zu schützen und zu stützen. EU-Kommissar Oettinger, gar nicht mehr für die Digitalisierung zuständig, erfindet für den deutschen Verleger ein eigenes Urheberrecht auf Europa-Ebene, damit Geld von google etc. für die dort verwerteten Urheberrechte zu zahlen sind. Herr Günther Oettinger ist noch nie in die Niederungen des Freien Journalisten oder der fest angestellten Redakteurin gedrungen, um empört festzustellen, wie landauf, landab die Urheber des redaktionellen Inhalts durch blanke Willkür oder vordergründig behauptete und rechtlich kaum haltbare Kooperationen seitens der Verleger, die Beteiligung der Autoren und Urheber" vergessen werden", angemessen zu beteiligen. Der Journalist, der dagegen klagt, gewinnt vor Gericht, verliert aber seine Beschäftigung. Und zum Geschäftsmodell der Zukunft ist Einiges zu tun: Die Redakteurinnen wäre zuerst und endlich in einem Dialog einzubeziehen ( wenngleich sie auch untereinander ziemlich zerstritten sind), welcher Art ihr Journalismus denn sei soll: Die Döpfnersche Art oder das Blatt, das streng werbliche Inhalte trennt und Journalismus will. Wenn sich alle Verleger einig wären, auf einen Termin hin, das Produkt Zeitung nicht mehr online zu stellen, sondern nur noch in haptischer Form zu verkaufen, dann wäre doch der Bürger gezwungen, seine Zeitung wieder zu entdecken und zu bezahlen. Spinnerei? Wir werden uns auf der Erde in den kommenden Jahren noch sehr viel mehr anpassen müssen. Vom Trinkwasser über die Luft und den Spatz, der nicht mehr tschilpt. Aber eines könnten wir gemeinsam tun: Dafür sorgen, dass unsere Zeitungen die Welt kritisch begleiten und nicht die Symbiose unserer Sehnerven zum Kaufzwang entwickeln. Dafür darf man und frau sich Bürger und Bürgerin einer Republik nennen!

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