KONTEXT Extra:
Gleise frei für den Güterverkehr

Nein, ein konkretes Datum, bis wann Züge zwischen Rastatt und Baden-Baden wieder verkehren können, das gibt es immer noch nicht. Nachdem am Freitag (18.08.) Vertreter der Deutschen Bahn und betroffener Kommunen im Verkehrsministerium zusammenkamen, teilte dieses mit: "Alle Beteiligten haben die Hoffnung, dass bis zum Ende der Sommerferien in Baden-Württemberg die Rheintalstrecke wieder durchgängig befahren werden kann." Das sind ganz andere Töne, als der ursprüngliche Zeitplan der Deutschen Bahn, in dem der 28. August angepeilt wurde. Das kommende Schuljahr beginnt im Südwesten am 11. September. Verbindlich ist das Datum nicht, die Bahn betont weiterhin, derzeit seien keine Prognosen möglich, bis wann die Reparaturmaßnahmen abgeschlossen sind.

Das Verkerhrsministerium teilte außerdem mit, man werde der Bahn in "gewissen Grenzen" entgegenkommen. Das bedeutet eine zwischenzeitliche Einschränkung des Personenverkehrs, Schienenersatzverkehr wird ab Samstag (19.08) auf den betroffenen Strecken eingerichtet. So sollen mehr Kapazitäten für Güterzüge geschaffen werden, die aktuell auf Umleitungen angewiesen sind. Unumwunden heißt es dazu in einer Pressemitteilung: "Bis zur Wiederherstellung der Trasse zwischen Rastatt und Baden-Baden werden auf den genannten Strecken in der Nacht Lärmbeeinträchtigungen für die Anlieger durch ein erhöhtes Güterzugaufkommen die Folge sein." Die Maßnahme sei jedoch zeitlich befristet und solle spätestens zu Beginn des neuen Schuljahres aufgehoben werden. Der Regionalverkehr dürfe zudem, wie es aus dem Ministerium heißt, nicht in den Hauptverkehrszeiten beeinträchtigt werden, daher gebe es zwischen 6 und 9 Uhr sowie 15 Uhr und 19 Uhr keine Zugausfälle.

Weiterhin kritisiert das Verkehrsministerium die Kollegen auf Bundesebene. Die Zurückhaltung bei der Ertüchtigung von Nebenstrecken räche sich nun. Minister Winfried Hermann beklage das bereits seit seinem Amtsantritt.

Betroffene Fahrgäste finden hier detaillierte Informationen zum Ersatzfahrplan. (18.08.2017)


"Runder Tisch" zu Rastatt

Bis zu 200 Güterzüge donnern tagtäglich durchs Rheintal. Im Hochsommer sind es weniger, dennoch stauen sich die Transporte – in der Planung – inzwischen zurück bis Rotterdam. Die grün-schwarze Landesregierung hat zwar keine direkten Zuständigkeiten rund ums Gleisdesaster der Deutschen Bahn in Rastatt. Das Verkehrsministerium bietet der DB aber an, die Folgen abzumildern. Noch in dieser Woche findet ein "Runder Tisch" in Stuttgart statt, um über Ausweichstrecken und Umleitungsverkehre zu reden. Unter anderem werden Kommunalpolitikern in betroffenen Städten und Gemeinden über die möglichen Belastungen rund um die Uhr informiert. Es dürfte nach den bisherigen Planungen "einen 24-Stunden-Güterbetrieb auf ziemlich beschaulichen Strecken“ geben, sagt ein Sprecher. Die Bahn teilte bereits mit, "ihren Kunden 200 Umleitungstrassen mit unterschiedlichen technischen Anforderungen anbieten zu können".  

Ebenfalls eingeladen nach Stuttgart sind Vertreter der DB Netz, der DB Region und der Nahverkehrsgesellschaft. Das Verkehrsministerium mit seinen Fachleuten prüft auch, wie und an welchen Strecken der Takt des Regionalverkehrs ausgedünnt werden könnte, um vorübergehend Güter zu transportieren. Das Angebot gilt aber nur bis zum Schulbeginn im September, weil nach den Ferien das Fahrgastaufkommen deutlich steigt. Die DB selber nennt als eine Umleitungsstrecke die Neckar-Alb-Bahn über Horb–Tübingen–Reutlingen–Plochingen. "Wegen der Umleitung der Güterzüge sind Anpassungen im Regionalzugverkehr auf der Neckar-Alb-Bahn notwendig", heißt es in einer Pressemitteilung weichgespült, und dass die DB "für die auftretenden Beeinträchtigungen und die verstärkte Nutzung der Neckar-Alb-Bahn für den Güterverkehr Anwohner und Fahrgäste um Verständnis bittet". Die notwendigen Umleitungsmaßnahmen für den Güterverkehr seien zeitlich befristet, "bis die durchgehende Sperrung der Rheintalbahn wieder aufgehoben werden kann". Ein konkretes Datum dafür wird nicht (mehr) genannt. Experten rechnen mit einer Wiederinbetriebnahme frühestens in der zweiten Septemberhälfte. 

Dazu: https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/333/der-schienen-gau-4546.html


Tunnel-Flop

Es sollte die Weltpremiere werden für die neue Stabilisierungsmethode per Eisring im Tunnelbau. Monatelang war an den Vorkehrungen getüftelt worden. Jetzt ist eine der meist befahrenen Eisenbahnstrecken Europas erst einmal bis mindestens 26. August gesperrt. In Rastatt-Niederbühl, dort, wo die Züge künftig aus dem Tunnel kommen werden, unterquert die Strecke den Bahndamm. Und die darauf liegenden Geleise sackten ab.

Die Konstruktion ist komplex, Stuttgart 21 lässt grüßen: Der Tunnel ist 4,3 Kilometer lang, führt in zwei Röhren von Ötigheim nach Niederbühl, unter der Murg, unter einer tief liegenden Straße, die ihrerseits unter der Rheintalstrecke durchführt, dann zügig wieder nach oben. Eingefroren wurde ein geschlossener Ring. Alle Beteiligen erklärten immer wieder, damit in actu auf einer Baustelle, keine Erfahrungen zu haben. Die Gewissheit, dass das Manöver gelingt, war dennoch groß. Bautechniker untersuchen bereits das Fiasko, möglicherweise ist der Regen der vergangenen Tage verantwortlich.

Das "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" ist "wenig überrascht von der Leichtfertigkeit, mit der die Deutsche Bahn offensichtlich Tunnelbauarbeiten unter einer der Hauptstrecke des deutschen Bahnverkehrs betrieben hat". Dass es keinen Plan B gebe, zeige die Selbstüberschätzung der DB und, auch hier, das Versagen des Aufsicht führenden Eisenbahnbundesamts, so Bündnissprecher Norbert Bongartz. Es sei im Vorfeld der Bauarbeiten in Rastatt "mit Händen zu greifen gewesen, dass ein Tunnelbau so knapp unter den bestehenden Bahngleisen und in Sandboden hoch riskant ist". Keinen Pfifferling seien die vollmundigen Beteuerungen der Bahn wert, sie habe die Tunnelbauarbeiten mitten im Stadtgebiet Stuttgarts voll im Griff. Auch wenn da die Überdeckung bei den Tunnelbaustellen zumeist deutlich höher ist: "Angesichts der besonderen geologischen Situation in Stuttgart muss auch hier über die schon bekannten Schäden hinaus mit Bauproblemen ganz anderer Größenordnung gerechnet werden." (14.8.2017)


Malen nach Zahlen

Das ist aber ein gelungener erster Platz! Die CDU habe mit sagenhaften 55 Prozent die Nase vorn beim Frauenanteil auf den Landeslisten für die Bundestagswahl. Das teilte jetzt Landeswahlleiterin Christiane Friedrich mit. Erst nach der Union kommen Grüne und Linkspartei mit je 50 Prozent und die SPD mit gut 46 Prozent. Jedoch, die schönen Zahlen sind Blendwerk.

Denn nahezu alle CDU-Abgeordneten werden auch 2017 wieder direkt in den Bundestag gewählt werden, als SiegerInnen in ihrem Wahlkreis. Davon gibt es 38 im Südwesten. Und in ihnen spiegelt sich die CDU-Wirklichkeit im Jahre 2017: in 35 wurden Kandidaten nominiert und nur in drei Kandidatinnen: Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium und Vorsitzende der Frauenunion, die Stuttgarterin Karin Maag und die bisher jüngste Volksvertreterin Ronja Kemmer.

Selbst in Mannheim, Heilbronn und Böblingen sind ausscheidende CDU-Männer, darunter auch Landeschef Thomas Strobl, durch Männer ersetzt. Dabei hatte der doch zur "politischen Grundmelodie" erklärt, dass "mehr Frauen zum Tragen kommen". Doch auch in Berlin ist die baden-württembergische Landesgruppe derzeit mit nur acht weiblichen Abgeordneten vertreten und am Ende des Bundesvergleichs zu finden.

Der Männeranteil auf allen im Land antretenden Listen ist laut Landeswahlleiterin Friedrich immerhin von 71 Prozent zurückgegangen auf 66 Prozent. Spitzenreiter in der Männerstatistik für die Wahl am 24. September ist die AfD mit 87 Prozent. Gefolgt werden die Rechtspopulisten von den Liberalen, die es 2017 im Land auf nur 19 Prozent Kandidatinnen bringen. Das bedeutet sogar einen Rückschritt im Vergleich zu vor vier Jahren und gut 21 Prozent bedeutet. (9.8.2017)


Kontext-Vorstand ruft zu Flashmob auf

"Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!", sagt unser zweiter Vereinsvorsitzender Jürgen Klose. Und weil er das schier nicht glauben kann, hat er gestern am Nachmittag vor lauter Zorn kurzfristig zu einem Flashmob aufgerufen. Etwa 20 Spontandemonstrierer standen wenig später vor dem Stuttgarter Rathaus – mit Fahrradhupen und Trillerpfeifen! Hier Jürgen Kloses Rede:

"Ich habe zu diesem Protest heute aufgerufen, weil ich zornig bin über die 'Ergebnisse' des Diesel-Gipfels. Ich wollte mein Adrenalin wieder loswerden!

Papst Gregor der Große (6. Jhdt.) soll gesagt haben: 'Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.' Das ist sozusagen mein Leitmotiv. Guckt euch auf YouTube das Video mit Georg Schramm an, dann wisst ihr was ich meine!

Wir sind zornig auf das peinliche Schaulaufen von Politik und Autoindustrie auf dem gestrigen Dieselgipfel!

Wir sind zornig auf die unverantwortliche Bundeskanzlerin. Sie lässt lieber Urlaubsfotos aus Südtirol verbreiten als den Automanagern die Leviten zu lesen!

Wir sind zornig auf die Bundesregierungen gleich welcher Couleur, die sich zum Büttel der Autoindustrie degradieren ließen statt ihrer Aufsichtspflicht für Verbraucher und Umwelt nachzukommen!

Wir sind zornig auf die vom Gipfel ausgesandte Botschaft 'Wir tun was!' - nur besonders wehtun durfte es den Autokonzernen nicht!

Wir sind zornig auf den Versuch, uns mit Placebos abzuspeisen: Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!

Wir sind zornig auf die jahrelange Missachtung von Grenzwerten und auf den offensichtlichen und schon länger bekannten Schwindel mit den Abgastests und der Mogelsoftware! 

Wir sind zornig auf die Täuschung der Verbraucher und den erfüllten Tatbestand des Betrugs (§263 StGB). Täuschungshandlung, Vermögensschaden, Bereicherungsabsicht - alle juristischen Tatbestände sind erfüllt! Strafen? Fehlanzeige!

Wir sind zornig auf die völlige Missachtung des Verursacherprinzips: Wer zahlt den Dieselbesitzern den Wertverlust ihrer Autos. Warum gibt es keinen Schadenersatz?

Wir sind zornig, dass die Autoindustrie anscheinend nach dem Leitmotiv handelt 'Profit vor Gesundheit' und 'Gier vor Umweltschutz'!

Wir sind zornig auf die Autokonzerne, die eine der Kernbranchen dieser Republik schwer beschädigen und damit Zehntausende von Arbeitsplätzen gefährden! Zukunftsvorsorge sieht anders aus!

Wir alle haben ein Recht auf saubere Luft, eine intakte Umwelt und gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen!

Wir alle wollen eine Abkehr vom Autowahn und die Umkehr zu einem anderen, menschen- und umweltfreundlicheren Verständnis von Mobilität!

Wir alle wollen Stuttgart vom Makel der Feinstaub- und Stauhauptstadt befreien!

Wir bleiben zornig, bis wir am Ziel sind!

Danke für eure Unterstützung!" (4.8.2017)


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Geld stinkt nicht: Der "Deutschland-Kurier" bringt dem "Stuttgarter Wochenende" rund 10 000 Euro. Foto: Joachim E. Röttgers. Titelmontage: Kontext

Geld stinkt nicht: Der "Deutschland-Kurier" bringt dem "Stuttgarter Wochenende" rund 10 000 Euro. Foto: Joachim E. Röttgers. Titelmontage: Kontext

Ausgabe 332
Medien

Ein ganz dunkles Wochenende

Von Josef-Otto Freudenreich und Minh Schredle
Datum: 09.08.2017
Das Stuttgarter Pressehaus verbreitet ein rechtes Pamphlet – ohne Bedenken. Dem Anzeigenblatt "Stuttgarter Wochenende" liegt der "Deutschland-Kurier" bei, der auch das Zentralorgan der AfD sein könnte. STZN-Geschäftsführer Bernhard H. Reese sagt, auch solche Meinungen müssten einen "Marktplatz" haben.

"Hilfe, was ist das?" So meldet sich Marlene Blumenstock in der Redaktion. Die 65-Jährige ist eine sehr lebendige Frau mit pfiffigen Ideen. Zuletzt hat sie in Untertürkheim einen Laden für regionale Produkte aufgemacht. Dort erfährt Frau Blumenstock, was es Neues gibt im Quartier. Die Zeitung "Wochenende" solle sie lesen, sagt eine Freundin, da liege Ungeheuerliches bei. Ein "Deutschland-Kurier". Durchs Logo fliege ein schwarz-rot-gold gestreifter Adler. Normalerweise liest die Aktionskünstlerin so etwas nicht.

Frau Blumenstock hat uns besucht, der Aufklärung halber. Vielleicht sollte man zunächst erwähnen, dass das "Wochenende" gar keine Zeitung, sondern ein Anzeigenblatt ist. Das ist nichts Schlimmes, eben eine gedruckte Shopping Mall, dekoriert mit ein paar Texten, damit es so aussieht, als wäre es eine Zeitung. Für die Verleger bringt es Geld und ist billig herzustellen, für die LeserInnen ist es gratis, für die Werbetreibenden günstig, weil sie zu geringeren Preisen ziemlich viele Leute erreichen. Aus diesen Gründen wirft nahezu jeder Zeitungsverlag ein Anzeigenblatt auf den Markt. In Stuttgart sind es gleich zwei aus demselben Haus: das "Wochenblatt" (Auflage 350 000) und das "Stuttgarter Wochenende" (213 000). Beide gehören zur Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), beide haben dieselben Geschäftsführer.

Bernhard H. Reese bei der Einweihung des Stadtbüros der STZN. Foto: Achim Zweygarth
Bernhard H. Reese bei der Einweihung des Stadtbüros der STZN. Foto: Achim Zweygarth

Einer von ihnen ist Bernhard H. Reese. 2008 von der "Saarbrücker Zeitung" gekommen, ist er durch einige Aktivitäten aufgefallen. Im Juli 2009 verkündete er 17 RedakteurInnen bei "Sonntag Aktuell", dass sie zum Jahresende ihren Job verlieren würden. Im Dezember 2015, als die Überreste des Blattes vor dem Exitus standen, verkaufte er die Titelseite komplett an Daimler. Als "besonders aufmerksamkeitsstarke Werbeform", wie er damals betonte. Das stimmte. "Sonntag Aktuell" erschien plötzlich wie ein Stern aus dem Mercedes-Reich, und die Fachwelt fragte sich, ob die Trennung zwischen Redaktion und Reklame jetzt endgültig perdu sei?

Der "Deutschland-Kurier" ist nicht einfach rein gerutscht

Nun hat Reese seinem "Wochenende" den "Deutschland-Kurier" beigelegt. Erschienen am Samstag, den 5. August. Ein Blatt, das auch das Zentralorgan der AfD sein könnte. Es ist nicht einfach so rein gerutscht in das "Wochenende", es war eine bewusste Entscheidung, bestätigt der Geschäftsführer auf Kontext-Anfrage. Nicht nur wegen der 10 000 Euro, die verbucht werden können, auch wegen grundsätzlicher Erwägungen. In Kauf nimmt er dafür die Proteste vieler LeserInnen, das Missvergnügen im eigenen Laden, die Säuernis seiner Austräger, die noch öfter angemistet werden. Und ob seine Verleger-Kollegen über den Deal erfreut sind, dürfte ziemlich zweifelhaft sein. Zum einen wollen sie juristisch gegen den Kurier vorgehen (DuMont), zum anderen sind sie realistisch genug, zu wissen, dass sie aus dieser Ecke stets Feuer kriegen. "Stand jetzt war das kein Fehler", sagt Reese, auch wenn er den Auftraggeber, diesen "fragwürdigen Verein", selbst nicht gut finde. Dasselbe gelte für die AfD. Um Himmels willen. Es sei aber nun mal nicht sein Job, die "Appetitlichkeit" von politischen Prospektbeilagen zu bewerten.

Demokratietheoretisch betrachtet, so führt der Manager weiter aus, müssten auch solche Meinungen einen "Marktplatz" finden. Und die LeserInnen die Chance haben, sich mit der gesamten politischen Bandbreite auseinander zu setzen. Selbstverständlich werde vorher geprüft, bei Wahlwerbung stets zentral, also auf der Ebene der Geschäftsführer, ob die Inhalte rechtskonform sind. Sollte ein Auftraggeber gar im Visier des Verfassungsschutzes sein, werde man "natürlich ablehnen".

Wie sensibel er zu reagieren in der Lage ist, will Reese am Beispiel der Fernsehzeitung "rtv" verdeutlichen, in deren Herausgeberkreis er sitzt. Das Millionenblatt liegt auch den Stuttgarter Gazetten bei und war lange eine beliebte Reklameplattform für den Rottenburger Kopp-Verlag, der mit Vorliebe gegen die "Islamisierung" des Abendlandes und für die AfD agitiert. Auf die Anzeigen der Fernsehzeitung habe er keinen Einfluss, aber sowas würde er für seine Anzeigenblätter ablehnen, versichert Reese. Soviel Abstand muss sein.

Als wär's ein Lesezirkel von Grundgesetzfreunden

Wir lernen: Der "Deutschland-Kurier" ist weniger schlimm. Das liegt wahrscheinlich schon am Namen. Herausgeber ist der "Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten", was wie ein Lesezirkel von Grundgesetzfreunden klingt. Bekannt geworden ist der Verein erst kürzlich als Tarnorganisation für GroßspenderInnen, die die AfD bundesweit mit Wahlwerbung unterstützen. Seinen Sitz hat er in Stuttgart, Julius-Hölder-Straße 48, wo kein Klingelschild auf ihn verweist. Sein Vorsitzender ist David Bendels, der das Büro, so genau weiß er es denn auch nicht, in der Stuttgarter Hölderlin-Straße wähnt. Der 32-Jährige selbst wohnt 250 Kilometer nordöstlich im oberfränkischen Lichtenfels und war früher in der CSU.

Die CSU war ihm wohl zu unpopulistisch: David Bendels. Foto: JouWatch/Flickr
Die CSU war ihm wohl zu links: David Bendels. Foto: JouWatch/Flickr, CC BY 2.0

Auf die Frage, warum gerade Stuttgart, warum hier die Gründung im September 2016, warum hier das Büro, sagt er, das sei ganz einfach. Viele Männer der ersten Stunde kämen aus Schwaben, darunter etliche Mittelständler, die früher bei der FDP waren. Deshalb auch die Adresse in Degerloch, wo der Klub bei einem office management unter gekommen ist, das auch noch Gebäudereiniger, Finanzdienstleister und die "Krake Verwaltungs KG" betreut. Im Untergeschoss verspricht die "Pasit Thaimassage" der Kundschaft "Wellness pur für Körper, Geist & Seele". Noch sei man nicht so weit, sich eine Villa anmieten zu können, erläutert Bendels gegenüber Kontext. Auch wenn die Spendenbereitschaft "sehr groß" sei. 14 000 Unterstützer habe sein Verein bereits. Namen nenne er selbstverständlich nicht.

Und wie hält er's mit der AfD? Das hat er schon dutzende Male beantwortet und das hat sich nicht geändert. Sein Verein sei "parteipolitisch unabhängig", betont Bendels, es gebe "keine Kooperation und keine Absprachen", allerdings erscheine ihm die AfD die "derzeit einzige wählbare konservativ-bürgerliche Partei" zu sein. Dies könne er auch guten Gewissens empfehlen. Da ist es praktisch, dass er auch noch zugleich Chefredakteur des "Deutschland-Kuriers" ist. Bereits im Vorfeld der ersten Ausgabe (Titelzeile: "Merkel irrer als Trump?") hatte er angekündigt, das Blatt solle als "Bild-Zeitung von rechts" langfristig angelegt sein. Für ein Publikum, dem die neurechte "Junge Freiheit" zu intellektuell ist.

Schauen wir uns also die neue Ausgabe an: Guido Reil (früher SPD, heute AfD) hat sich Dreck ins Gesicht geschmiert und einen Helm aufgesetzt. So posiert der Mann des Volkes, ein echter Arbeiter eben, für das Foto zu seiner Kolumne "Glück auf! Der Steiger spricht". Darin ist zu lesen: "Jeder Pleite-Griechen (sic!) hat im Schnitt mehr Immobilienbesitz als der deutsche Michel."

Na klar, in Schorndorf waren 1000 sexwütige Ausländer unterwegs

Ehemalige Unionschristen sind ebenfalls mit von der Partie. Neben der ehemaligen Vertriebenenchefin Erika Steinbach, die inzwischen Wahlwerbung für die AfD macht, schreibt auch Rechtsanwalt Maximilian Krah (früher CDU, heute AfD). In seiner Kolumne "Hier kräht der Krah" (ja, sie heißt wirklich so), darf er sich über das "Skandalurteil der Woche" auslassen. Aktuell kräht der Krah, in Schorndorf wären 1000 sexwütige Ausländer unterwegs gewesen. Dass die Polizei ihre Falschmeldung auf 100 Randalierer korrigiert hat – reine Show. Da ist er sich ziemlich sicher, denn: die Polizei hat ja bei Köln schon mal gelogen, da sind weitere Beweise überflüssig, um ganz genau Bescheid zu wissen. Ein wenig erinnert das an die "Breitbart"-Brüder aus den Vereinigten Staaten, die mit alternativen Fakten aufwarten konnten, lang bevor sie in Mode kamen und nach der Kölner Silvesternacht vermeldeten, der wütende Sexmob habe außerdem den Dom und einige Polizisten in Brand gesetzt.

Der schrägste Vogel unter den derzeitigen Autoren – und gleichzeitig vom "Deutschland-Kurier" als Aushängeschild beworben – ist Peter Bartels, der vor gut zwei Jahrzehnten mal Chefredakteur der "Bild"-Zeitung war. Später hatte er versucht, die "Super!" als "Bild"-Konkurrenz für Ostdeutschland aufzubauen. Sollte ne ganz große Nummer werden. Im Mai 1991 ist die Zeitung mit einer Auflage von 500 000 Exemplaren an den Start gegangen, im Juli 1992 war schon wieder Schluss. Geblieben ist eine legendäre Schlagzeile, die das Boulevardblatt bereits am zweiten Erscheinungstag brachte: "Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen – ganz Bernau ist glücklich, daß er tot ist".

Konsequenterweise wurde Bartels auch Kopp-Autor. Bei den Rottenburger Rechtsaußen erschien 2016 sein Buch über die Bildzeitung, in dem er die "Wahrheit über den Niedergang" enthüllen wollte; die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali beschimpfte er als "iranische Paradelesbe", und seit März 2017 schreibt er für das rechtsextreme Hetzportal "PI News". Diese Europäer, befand er dort jüngst, wollen "keine neuen Millionen "Flüchtlinge", die sich auf der verlogenen schwarz/rot/grünen Welle einer angeblichen "Gut-Menschlichkeit" in die weichen Wohlfahrts-Bettchen tragen lassen, weil ein paar Tausend alimentierte Tugend-Terroristen wie Volker Beck sich womöglich in einer Crystal-Meth-Wolke um ihr Karma sorgen."

Auch im "Deutschland-Kurier" wettert Bartels in wüsten und wirren Tiraden gegen alles, was nicht rechts ist – und schafft es dabei tatsächlich, sich noch diffuser zu artikulieren. Wegen Merkel würden deutsche Frauen zwischen 8 und 80 "es" (ohne weiter zu konkretisieren, was "es" denn sein soll) jeden Tag stumm über sich ergehen lassen, "nicht selten mit der Machete an der Kehle. Um dann von einer Dame namens 'Justizia' zynisch gemessert zu werden, warum sie gar nicht … oder nicht laut genug geschrien haben …" (Auslassungen im Original).

Marlene Blumenstock bringt den "Deutschland-Kurier" in die Redaktion. Foto: Kontext
Marlene Blumenstock bringt den "Deutschland-Kurier" in die Redaktion. Foto: Kontext

Gewieft haben die Blattmacher ihre aktuelle Ausgabe inhaltlich auf die Landeshauptstadt abgestimmt, und ein anonymer Autor stemmt sich gegen "Dieselpanik und Feinstaubhysterie" in Stuttgart. Treibende Kraft bei den Fahrverboten, erfährt man hier, seien nicht Gerichte oder die Deutsche Umwelthilfe, sondern Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann, "ein altgrüner Betonkopf". Denn, so lernt man im "Deutschland-Kurier", der nebenbei bemerkt kostengünstig in Osteuropa (Prag) gedruckt wird, ist es eine grüne Leidenschaft, lustvoll das industrielle Rückgrat Deutschlands zu demontieren.

Frau Blumenstock reicht es jetzt. Sie sagt beim Redaktionsbesuch, am meisten sei ihr geholfen, wenn sie das "Wochenende" samt Beilage in die Altpapiertonne treten könnte.


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