KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere einen bis drei Punkte oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


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Geld stinkt nicht: Der "Deutschland-Kurier" bringt dem "Stuttgarter Wochenende" rund 10 000 Euro. Foto: Joachim E. Röttgers. Titelmontage: Kontext

Geld stinkt nicht: Der "Deutschland-Kurier" bringt dem "Stuttgarter Wochenende" rund 10 000 Euro. Foto: Joachim E. Röttgers. Titelmontage: Kontext

Ausgabe 332
Medien

Ein ganz dunkles Wochenende

Von Josef-Otto Freudenreich und Minh Schredle
Datum: 09.08.2017
Das Stuttgarter Pressehaus verbreitet ein rechtes Pamphlet – ohne Bedenken. Dem Anzeigenblatt "Stuttgarter Wochenende" liegt der "Deutschland-Kurier" bei, der auch das Zentralorgan der AfD sein könnte. STZN-Geschäftsführer Bernhard H. Reese sagt, auch solche Meinungen müssten einen "Marktplatz" haben.

"Hilfe, was ist das?" So meldet sich Marlene Blumenstock in der Redaktion. Die 65-Jährige ist eine sehr lebendige Frau mit pfiffigen Ideen. Zuletzt hat sie in Untertürkheim einen Laden für regionale Produkte aufgemacht. Dort erfährt Frau Blumenstock, was es Neues gibt im Quartier. Die Zeitung "Wochenende" solle sie lesen, sagt eine Freundin, da liege Ungeheuerliches bei. Ein "Deutschland-Kurier". Durchs Logo fliege ein schwarz-rot-gold gestreifter Adler. Normalerweise liest die Aktionskünstlerin so etwas nicht.

Frau Blumenstock hat uns besucht, der Aufklärung halber. Vielleicht sollte man zunächst erwähnen, dass das "Wochenende" gar keine Zeitung, sondern ein Anzeigenblatt ist. Das ist nichts Schlimmes, eben eine gedruckte Shopping Mall, dekoriert mit ein paar Texten, damit es so aussieht, als wäre es eine Zeitung. Für die Verleger bringt es Geld und ist billig herzustellen, für die LeserInnen ist es gratis, für die Werbetreibenden günstig, weil sie zu geringeren Preisen ziemlich viele Leute erreichen. Aus diesen Gründen wirft nahezu jeder Zeitungsverlag ein Anzeigenblatt auf den Markt. In Stuttgart sind es gleich zwei aus demselben Haus: das "Wochenblatt" (Auflage 350 000) und das "Stuttgarter Wochenende" (213 000). Beide gehören zur Südwestdeutschen Medienholding (SWMH), beide haben dieselben Geschäftsführer.

Bernhard H. Reese bei der Einweihung des Stadtbüros der STZN. Foto: Achim Zweygarth
Bernhard H. Reese bei der Einweihung des Stadtbüros der STZN. Foto: Achim Zweygarth

Einer von ihnen ist Bernhard H. Reese. 2008 von der "Saarbrücker Zeitung" gekommen, ist er durch einige Aktivitäten aufgefallen. Im Juli 2009 verkündete er 17 RedakteurInnen bei "Sonntag Aktuell", dass sie zum Jahresende ihren Job verlieren würden. Im Dezember 2015, als die Überreste des Blattes vor dem Exitus standen, verkaufte er die Titelseite komplett an Daimler. Als "besonders aufmerksamkeitsstarke Werbeform", wie er damals betonte. Das stimmte. "Sonntag Aktuell" erschien plötzlich wie ein Stern aus dem Mercedes-Reich, und die Fachwelt fragte sich, ob die Trennung zwischen Redaktion und Reklame jetzt endgültig perdu sei?

Der "Deutschland-Kurier" ist nicht einfach rein gerutscht

Nun hat Reese seinem "Wochenende" den "Deutschland-Kurier" beigelegt. Erschienen am Samstag, den 5. August. Ein Blatt, das auch das Zentralorgan der AfD sein könnte. Es ist nicht einfach so rein gerutscht in das "Wochenende", es war eine bewusste Entscheidung, bestätigt der Geschäftsführer auf Kontext-Anfrage. Nicht nur wegen der 10 000 Euro, die verbucht werden können, auch wegen grundsätzlicher Erwägungen. In Kauf nimmt er dafür die Proteste vieler LeserInnen, das Missvergnügen im eigenen Laden, die Säuernis seiner Austräger, die noch öfter angemistet werden. Und ob seine Verleger-Kollegen über den Deal erfreut sind, dürfte ziemlich zweifelhaft sein. Zum einen wollen sie juristisch gegen den Kurier vorgehen (DuMont), zum anderen sind sie realistisch genug, zu wissen, dass sie aus dieser Ecke stets Feuer kriegen. "Stand jetzt war das kein Fehler", sagt Reese, auch wenn er den Auftraggeber, diesen "fragwürdigen Verein", selbst nicht gut finde. Dasselbe gelte für die AfD. Um Himmels willen. Es sei aber nun mal nicht sein Job, die "Appetitlichkeit" von politischen Prospektbeilagen zu bewerten.

Demokratietheoretisch betrachtet, so führt der Manager weiter aus, müssten auch solche Meinungen einen "Marktplatz" finden. Und die LeserInnen die Chance haben, sich mit der gesamten politischen Bandbreite auseinander zu setzen. Selbstverständlich werde vorher geprüft, bei Wahlwerbung stets zentral, also auf der Ebene der Geschäftsführer, ob die Inhalte rechtskonform sind. Sollte ein Auftraggeber gar im Visier des Verfassungsschutzes sein, werde man "natürlich ablehnen".

Wie sensibel er zu reagieren in der Lage ist, will Reese am Beispiel der Fernsehzeitung "rtv" verdeutlichen, in deren Herausgeberkreis er sitzt. Das Millionenblatt liegt auch den Stuttgarter Gazetten bei und war lange eine beliebte Reklameplattform für den Rottenburger Kopp-Verlag, der mit Vorliebe gegen die "Islamisierung" des Abendlandes und für die AfD agitiert. Auf die Anzeigen der Fernsehzeitung habe er keinen Einfluss, aber sowas würde er für seine Anzeigenblätter ablehnen, versichert Reese. Soviel Abstand muss sein.

Als wär's ein Lesezirkel von Grundgesetzfreunden

Wir lernen: Der "Deutschland-Kurier" ist weniger schlimm. Das liegt wahrscheinlich schon am Namen. Herausgeber ist der "Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten", was wie ein Lesezirkel von Grundgesetzfreunden klingt. Bekannt geworden ist der Verein erst kürzlich als Tarnorganisation für GroßspenderInnen, die die AfD bundesweit mit Wahlwerbung unterstützen. Seinen Sitz hat er in Stuttgart, Julius-Hölder-Straße 48, wo kein Klingelschild auf ihn verweist. Sein Vorsitzender ist David Bendels, der das Büro, so genau weiß er es denn auch nicht, in der Stuttgarter Hölderlin-Straße wähnt. Der 32-Jährige selbst wohnt 250 Kilometer nordöstlich im oberfränkischen Lichtenfels und war früher in der CSU.

Die CSU war ihm wohl zu unpopulistisch: David Bendels. Foto: JouWatch/Flickr
Die CSU war ihm wohl zu links: David Bendels. Foto: JouWatch/Flickr, CC BY 2.0

Auf die Frage, warum gerade Stuttgart, warum hier die Gründung im September 2016, warum hier das Büro, sagt er, das sei ganz einfach. Viele Männer der ersten Stunde kämen aus Schwaben, darunter etliche Mittelständler, die früher bei der FDP waren. Deshalb auch die Adresse in Degerloch, wo der Klub bei einem office management unter gekommen ist, das auch noch Gebäudereiniger, Finanzdienstleister und die "Krake Verwaltungs KG" betreut. Im Untergeschoss verspricht die "Pasit Thaimassage" der Kundschaft "Wellness pur für Körper, Geist & Seele". Noch sei man nicht so weit, sich eine Villa anmieten zu können, erläutert Bendels gegenüber Kontext. Auch wenn die Spendenbereitschaft "sehr groß" sei. 14 000 Unterstützer habe sein Verein bereits. Namen nenne er selbstverständlich nicht.

Und wie hält er's mit der AfD? Das hat er schon dutzende Male beantwortet und das hat sich nicht geändert. Sein Verein sei "parteipolitisch unabhängig", betont Bendels, es gebe "keine Kooperation und keine Absprachen", allerdings erscheine ihm die AfD die "derzeit einzige wählbare konservativ-bürgerliche Partei" zu sein. Dies könne er auch guten Gewissens empfehlen. Da ist es praktisch, dass er auch noch zugleich Chefredakteur des "Deutschland-Kuriers" ist. Bereits im Vorfeld der ersten Ausgabe (Titelzeile: "Merkel irrer als Trump?") hatte er angekündigt, das Blatt solle als "Bild-Zeitung von rechts" langfristig angelegt sein. Für ein Publikum, dem die neurechte "Junge Freiheit" zu intellektuell ist.

Schauen wir uns also die neue Ausgabe an: Guido Reil (früher SPD, heute AfD) hat sich Dreck ins Gesicht geschmiert und einen Helm aufgesetzt. So posiert der Mann des Volkes, ein echter Arbeiter eben, für das Foto zu seiner Kolumne "Glück auf! Der Steiger spricht". Darin ist zu lesen: "Jeder Pleite-Griechen (sic!) hat im Schnitt mehr Immobilienbesitz als der deutsche Michel."

Na klar, in Schorndorf waren 1000 sexwütige Ausländer unterwegs

Ehemalige Unionschristen sind ebenfalls mit von der Partie. Neben der ehemaligen Vertriebenenchefin Erika Steinbach, die inzwischen Wahlwerbung für die AfD macht, schreibt auch Rechtsanwalt Maximilian Krah (früher CDU, heute AfD). In seiner Kolumne "Hier kräht der Krah" (ja, sie heißt wirklich so), darf er sich über das "Skandalurteil der Woche" auslassen. Aktuell kräht der Krah, in Schorndorf wären 1000 sexwütige Ausländer unterwegs gewesen. Dass die Polizei ihre Falschmeldung auf 100 Randalierer korrigiert hat – reine Show. Da ist er sich ziemlich sicher, denn: die Polizei hat ja bei Köln schon mal gelogen, da sind weitere Beweise überflüssig, um ganz genau Bescheid zu wissen. Ein wenig erinnert das an die "Breitbart"-Brüder aus den Vereinigten Staaten, die mit alternativen Fakten aufwarten konnten, lang bevor sie in Mode kamen und nach der Kölner Silvesternacht vermeldeten, der wütende Sexmob habe außerdem den Dom und einige Polizisten in Brand gesetzt.

Der schrägste Vogel unter den derzeitigen Autoren – und gleichzeitig vom "Deutschland-Kurier" als Aushängeschild beworben – ist Peter Bartels, der vor gut zwei Jahrzehnten mal Chefredakteur der "Bild"-Zeitung war. Später hatte er versucht, die "Super!" als "Bild"-Konkurrenz für Ostdeutschland aufzubauen. Sollte ne ganz große Nummer werden. Im Mai 1991 ist die Zeitung mit einer Auflage von 500 000 Exemplaren an den Start gegangen, im Juli 1992 war schon wieder Schluss. Geblieben ist eine legendäre Schlagzeile, die das Boulevardblatt bereits am zweiten Erscheinungstag brachte: "Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen – ganz Bernau ist glücklich, daß er tot ist".

Konsequenterweise wurde Bartels auch Kopp-Autor. Bei den Rottenburger Rechtsaußen erschien 2016 sein Buch über die Bildzeitung, in dem er die "Wahrheit über den Niedergang" enthüllen wollte; die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali beschimpfte er als "iranische Paradelesbe", und seit März 2017 schreibt er für das rechtsextreme Hetzportal "PI News". Diese Europäer, befand er dort jüngst, wollen "keine neuen Millionen "Flüchtlinge", die sich auf der verlogenen schwarz/rot/grünen Welle einer angeblichen "Gut-Menschlichkeit" in die weichen Wohlfahrts-Bettchen tragen lassen, weil ein paar Tausend alimentierte Tugend-Terroristen wie Volker Beck sich womöglich in einer Crystal-Meth-Wolke um ihr Karma sorgen."

Auch im "Deutschland-Kurier" wettert Bartels in wüsten und wirren Tiraden gegen alles, was nicht rechts ist – und schafft es dabei tatsächlich, sich noch diffuser zu artikulieren. Wegen Merkel würden deutsche Frauen zwischen 8 und 80 "es" (ohne weiter zu konkretisieren, was "es" denn sein soll) jeden Tag stumm über sich ergehen lassen, "nicht selten mit der Machete an der Kehle. Um dann von einer Dame namens 'Justizia' zynisch gemessert zu werden, warum sie gar nicht … oder nicht laut genug geschrien haben …" (Auslassungen im Original).

Marlene Blumenstock bringt den "Deutschland-Kurier" in die Redaktion. Foto: Kontext
Marlene Blumenstock bringt den "Deutschland-Kurier" in die Redaktion. Foto: Kontext

Gewieft haben die Blattmacher ihre aktuelle Ausgabe inhaltlich auf die Landeshauptstadt abgestimmt, und ein anonymer Autor stemmt sich gegen "Dieselpanik und Feinstaubhysterie" in Stuttgart. Treibende Kraft bei den Fahrverboten, erfährt man hier, seien nicht Gerichte oder die Deutsche Umwelthilfe, sondern Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann, "ein altgrüner Betonkopf". Denn, so lernt man im "Deutschland-Kurier", der nebenbei bemerkt kostengünstig in Osteuropa (Prag) gedruckt wird, ist es eine grüne Leidenschaft, lustvoll das industrielle Rückgrat Deutschlands zu demontieren.

Frau Blumenstock reicht es jetzt. Sie sagt beim Redaktionsbesuch, am meisten sei ihr geholfen, wenn sie das "Wochenende" samt Beilage in die Altpapiertonne treten könnte.


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