Ausgabe 292
Editorial

Zarte Pflänzchen

Von unserer Redaktion
Datum: 02.11.2016

Du kommst in die Hauptstadt und willst über gemeinnützigen Journalismus reden. Im Kopf den Brief eines Kollegen, der bekennt, resigniert zu haben ob der Zustände im Pressewesen. Kein Aufschrei, keine Gegenwehr, weder von Intellektuellen und Kulturmenschen noch von den JournalistInnen selbst, klagt er. "Ich bin müde", schreibt er, nach vielen Jahren gewerkschaftlicher Arbeit.

In Berlin wartet das Netzwerk Recherche mit einer Tagung zum Non-Profit-Journalismus auf. Begleitet von den Meldungen des Tages, die besagen, dass die "Berliner Zeitung" und der "Berliner Kurier" zusammengeschmissen und 50 RedakteurInnen ihren Job verlieren werden. Nur so, glaubt der Verlag DuMont, könnten die Blätter wieder "profitabel" werden. Damit zitiert wird der Aufsichtsrat Hans-Werner Kilz, der früher einmal Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung" war. Die SWMH lässt grüßen.

Zum Netzwerk Recherche sind viele junge Menschen gekommen. Sie alle haben eine Idee, wie der Journalismus besser zu machen wäre. Unabhängig von den Konzernen, von ihrer Profitgier und ihrer Themenagenda, die von Klickzahlen, Agentur- und PR-Meldungen bestimmt wird. Ihre Projekte heißen "Hostwriter", "Perspective Daily", "Deine Korrespondentin", "Einfach Heidelberg" und natürlich "correctiv", das Recherchezentrum in Essen, mit dem auch Kontext kooperiert. Vom Kapital der Großen können sie nur träumen, ihnen würden schon die Peanuts reichen, vorwärts mit dem Motto: Not a dime in the pocket, but a dream in my head.

Niemand kann an diesem Tag sagen, wer es schaffen wird, und niemand behauptet, dass der gemeinnützige Journalismus die Lösung der Misere sei. Aber alle, sei's der Medienprofessor Volker Lilienthal, der Vorstand der Schöpflin Stiftung, Tim Göbel, der Hamburger Staatsrat Carsten Brosda oder Stephanie Reuter von der Augstein Stiftung, erkennen die Notwendigkeit, das zarte Pflänzchen zu pflegen. Mit im Boot auch die GLS Treuhand, die Stiftung der Gemeinschaftsbank.

Hier ist tatsächlich die Einsicht gewachsen, dass es zwischen dem privatwirtschaftlichen und öffentlich-rechtlichen System noch etwas Drittes geben muss. Sie haben bemerkt, dass Medien als Ware die gesellschaftliche Realität nur noch unzureichend abbilden, der Verdruss des Publikums, die Abkehr vom herrschenden Mediengewerbe, immer stärker wird. Und diese Stiftungen ahnen, wie gefährlich das für eine demokratische Gesellschaft ist. Warum den Journalismus also nicht, im echten Wortsinn, gemeinnützig organisieren und finanzieren?

Einfach ist das nicht. Von der Politik, die dafür die Rahmenbedingungen schaffen müsste, kommt keine nennenswerte Unterstützung. Sie vertraut auf das alte System, mit dem sie gut gefahren ist, und glaubt, weiterhin gut zu fahren. Nebenbei: Da warten wir doch gespannt auf den Runden Tisch, den Kretschmanns Sprecher Rudi Hoogvliet einrichten will, zur "Stärkung der Medienvielfalt" im Land. Ihn treibt die Sorge um, sagt er, dass der Abschied von den Altmedien eine "Vorstufe zur Verabschiedung aus dem Gemeinwesen" sein könnte.

Wenn die Erkenntnis Folgen haben sollte, umso besser. Am besten wäre freilich, wenn Leuten wie Hoogvliet Druck gemacht würde. Von eben jener Gesellschaft, die sich nichts vorgaukeln lässt, sondern diese "Vielfalt" einfordert – und bereit ist, dafür Geld auszugeben. Im Sinne des Gemeinnutzes.

In den USA ist der gemeinnützige Journalismus wesentlich älter und besser finanziert. Als erfolgreichstes Modell gilt "Mother Jones", ein linksliberales Online-Portal, das auch gedruckt erscheint, und seit 40 Jahren besteht. Die Ko-Chefredakteurin Monika Bäuerlein war bei der Tagung in Berlin und hat dort dem WDR ein Interview gegeben, das Sie hier anhören können

Eine Dokumentation zum Non-Profit-Journalismusfindet sich hier.


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1 Kommentar verfügbar

  • Max Torf
    am 19.05.2017
    Solange "Vielfalt" nicht die intellektuelle-, die politische und die Meinungsvielfalt beinhaltet, solange Journalisten nur links, extrem links, oder links-grün als Meinung gelten lassen, sich als die Erben der ehemaligen Besatzer verstehen, , deren antideutsche Nachkriegspropaganda mehr oder weniger offen in ihren aktuellen Berichten mitschwingt, solange sind Journalisten nicht die Anwälte, sondern die Gegner des kleinen Mannes auf der Straße, der informiert, nicht erzogen werden will. Der merkt ganz genau, dass er die Länge der Koteletten von Jürgen Drews diskutieren darf, die wichtigsten Themen in den Foren unter den Artikeln aber für Diskussionen gesperrt sind. Für diese Themen sind nur Akklamateure willkommen, eine verlogene Willkommenskultur, die man nicht finanziell unterstützen will. Nicht die Presse, der, der sie sterben lässt, schützt nämlich die Demokratie. "Demokratie" beruht auf der freien Willensentscheidung des Wählers. Ein freier Wille benötigt ungefilterte Informationen von allen Seiten eines Themas. Ist diese Information gefiltert, manipuliert oder von Spin Doktoren verfälscht, wird der Wille des Wählers manipuliert, ist seine Entscheidung nicht frei. Demokratie wird so zur Illusion. Demokratie hat eine freie und unabhängige Presse verdient. Eben dafür muss die aktuelle Presse den Platz frei machen.

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