S-21-Fan wie eh und je: die IHK. Im Hintergrund das Weinberghäusle, wo S 21 einst eingefädelt wurde. Fotos: Joachim E. Röttgers

S-21-Fan wie eh und je: die IHK. Im Hintergrund das Weinberghäusle, wo S 21 einst eingefädelt wurde. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 292
Wirtschaft

Die IHK wackelt nicht

Von Susanne Stiefel
Datum: 02.11.2016
Vor der Debatte ist nach der Debatte. Dies ist das magere Ergebnis einer internen IHK-Veranstaltung zu Stuttgart 21. Auch die Umstieg-21-Experten konnten nichts daran ändern: Die Stuttgarter Industrie- und Handelskammer steht weiter in Treue fest zum Tiefbahnhof.

Zarte Hoffnungen gab es, wenn überhaupt, nur eine Nacht lang. Gleich am Morgen nach der abendlichen S-21-Sonderveranstaltung am 24. Oktober stellte die Stuttgarter IHK klipp und klar fest: "Die Entscheidung der Vollversammlung, sich positiv zu dem Gesamtprojekt zu bekennen, besteht", so Hauptgeschäftsführer Andreas Richter. Mit Verwunderung habe die IHK zur Kenntnis genommen, dass mit Hinweis auf die abendliche Veranstaltung "gegenüber Politik und öffentlicher Verwaltung" über einen Haltungswechsel zu Stuttgart 21 spekuliert worden sei. Die Fahnen der IHK wehen also weiter für das umstrittene Bahnhofsprojekt. Aus der Traum.

Beharrlicher Kämpfer: Klaus Steinke.
Beharrlicher Kämpfer: Klaus Steinke.

Klaus Steinke ist Unternehmensberater, S-21-Gegner und sitzt seit vier Jahren für die IHK-Rebellen Kaktus in der Vollversammlung des Unternehmerklubs. Ein Träumer ist er nicht, eher ein beharrlicher Kämpfer, der den Glauben an die Kraft der Argumente noch nicht verloren hat. Als "Wutunternehmer", wie der damalige IHK-Präsident Herbert Müller nach dem überraschenden Wahlerfolg der Kakteen 2012 zu Protokoll gab, sieht er sich nicht. Immer wieder hat Steinke dafür gestritten, dass in der IHK nicht nur die Bahn und die Befürworter von Stuttgart 21 zu Wort kommen. Antrag für Antrag hat er gestellt, nicht lockergelassen, sich festgebissen.

Die nicht öffentliche Runde ("Stuttgart 21 – Der Umstieg: Utopie oder sinnvoll machbar?") ist auch dieser Unverdrossenheit zu verdanken. Darauf ist Steinke ein bisschen stolz. "Meine Motivation, nicht lockerzulassen, ist gewachsen", sagt er am Tag danach. Manche Unternehmer, so seine Einschätzung, hätten begriffen, dass das keine Wutunternehmer in ihren Reihen seien, sondern dass bei den S-21-Gegnern eine große Bearbeitungstiefe da sei. 70 Interessierte hätten sich angemeldet, gekommen seien zwar nur etwa 40, aber als Experte Christoph Engelhardt vorgerechnet habe, dass der neue Bahnhof im Vergleich zum bestehenden nur 70 Prozent der Leistung bringe, sei es still geworden im Raum.

Who's who der S-21-Gegner auf IHK-Veranstaltung

Nun hat sicher niemand erwartet, dass die IHK Stuttgart über Nacht plötzlich zur Speerspitze des Widerstands mutieren würde. Auch dann nicht, wenn mit dem Physiker Christoph Engelhardt, dem Informatiker Wolfgang Hesse, dem Ingenieur Klaus Gebhard und dem Bonatz-Enkel Peter Dübbers die geballte Kompetenz der Bahnhofsgegner den Abend bestritt. Schließlich gilt das IHK-Weinberghäusle als Tatort für das Bahnhofsprojekt. Dort soll S 21 einst bei einem Gläschen Wein ausbaldowert worden sein, bei einem sogenannten Gedankenaustausch zwischen Politik, Wirtschaft und Medien. So nennt man intern diese Treffen, zu denen die IHK gedankenschwere Entscheider einlädt, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, versteht sich, damit man ungestört plaudern kann.

Welchen Segen sie von dem tiefergelegten Bahnhof erwartet, hat sich die IHK einst sogar auf die Fahnen geschrieben. Die wehten vor dem Geschäftsgebäude, bis ein richterlicher Beschluss der plakativen Unterstützung 2011 ein Ende machte: "S 21 – mehr Jobs, mehr Tempo, mehr Stadt." Und das klingt heute eher wie Hohn, angesichts des derzeitigen Verkehrschaos in der Hauptstadt des Feinstaubs und der Auto-Staus.

Hält den Umstieg nach wie vor für machbar: Werner Sauerborn.
Hält den Umstieg nach wie vor für machbar: Werner Sauerborn.

Werner Sauerborn ist Pragmatiker. Als Gewerkschafter und Geschäftsführer des Aktionsbündnisses gegen S 21 kennt er die normative Kraft des Faktischen. Die Tunnel sind schon angebohrt, die Bahnhofgrube klafft wie eine riesige Wunde in der Stadt. Doch Sauerborn hält den Umstieg für machbar. Wie aus den Baugruben ein Parkhaus, ein Omnibusbahnhof oder ein Veranstaltungsort werden kann, wie machbare Alternativen aussehen könnten, die das Faktische miteinbeziehen, das hat er den IHKlern an diesem Abend aufgeblättert. Diskutiert wurde wenig, bei einem Glas Wein danach kam man ins Gespräch, weniger konfrontativ als in früheren Zeiten. "Für uns war wichtig, dass die Veranstaltung stattgefunden hat", sagt Sauerborn. Wenn schon die hartleibige IHK sich die Argumente anhört und womöglich bedenkt, so die Hoffnung, tun das womöglich auch die Grünen.

IHK-Hauptgeschäftsführer Andreas Richter (64) jedenfalls, eifriger Trommler für den Tiefbahnhof, gab sich ungewohnt zurückhaltend in seiner Moderation, berichten Teilnehmer. Manche mutmaßen, dass der jüngste Wahlerfolg der Kakteen (45 schafften den Sprung in die Vollversammlung) Grund für die Dialogbereitschaft ist. Verwegenere hoffen, dass die ständig explodierenden Kosten und das Verkehrschaos auch den Unternehmern der Region Stuttgart und ihren Geschäftsführern zunehmend Sorgen bereiten. Tatsache ist, dass der Andreas Richter im nächsten Jahr in Rente geht. In den Startlöchern für die Nachfolge soll schon Joachim Dorfs, der Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung", stehen. Das in der Stadt umlaufende Gerücht hat inzwischen auch die IHK-Zentrale erreicht und dort für Heiterkeit gesorgt. Nur weil der Hauptgeschäftsführer früher Wirtschaftschef der StZ gewesen sei, bedeute das nicht, dass sein Nachfolger auch aus Möhringen kommen müsse, heißt es in der Stuttgarter Jägerstraße. Politisch würde es zumindest passen.


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