Ausgabe 276
Wirtschaft

Krach beim "Kaktus"

Von Susanne Stiefel
Datum: 13.07.2016
Wie halten Sie's mit der AfD? Das müssen sich die Rebellen von "Kaktus" fragen lassen, die der Stuttgarter Industrie- und Handelskammer mächtig Dampf gemacht haben. Im Zuge der Wahlen bei der IHK wächst die Unsicherheit.

Sie verstehen sich als die Guten. Ausgelöst durch den Streit um die IHK-Flagge, die unverhohlen für Stuttgart 21 warb, haben sich die Rebellen 2011 zu einer Initiative mit klaren Forderungen zusammengeschlossen: gegen die Zwangsmitgliedschaft und für mehr Transparenz und Demokratie in der Loge der organisierten Wirtschaft. Seitdem quälen sie insbesondere Hauptgeschäftsführer Andreas Richter, der das Gewohnte bevorzugt und gerne zurückkeilt. Mit dem Hinweis zum Beispiel, die Kakteen seien im Esoterikfach zu Hause.

2012 rüttelten die "Kaktus"-Gründer Klaus Steinke, Clemens Morlok, Thomas Albrecht und Lisa Werle (v. l. n. r.) am Zaun zum Weinberghäusle der IHK. Foto: Joachim E. Röttgers
2012 rüttelten die "Kaktus"-Gründer Klaus Steinke, Clemens Morlok, Thomas Albrecht und Lisa Werle (v. l. n. r.) am Zaun zum Weinberghäusle der IHK. Foto: Joachim E. Röttgers

Nun wird seit 4. Juli (bis zum 26. Juli) gewählt, und zwar die neue Vollversammlung, das oberste Gremium der IHK. Und "Kaktus"-Sympathisant Ulrich Stähle ist verunsichert. Aufgeschreckt hat den Vorstand von Stadtmobil eine Diskussion im Oktober vergangenen Jahres. Im Mailverteiler ging es hoch her zwischen den Kakteen, von Grenzen ziehen gegen rechts war die Rede, von einem gemeinsamen Menschen- und Gesellschaftsbild, das hinausgehen müsse über die Ablehnung von Stuttgart 21 und der IHK-Zwangsmitgliedschaft und mit einer Hetze gegen Flüchtlinge nicht vereinbar sei.

Auslöser der Grundsatzdebatte war der Bio-Gemüsegroßhändler Hansjörg Schrade. 2011 war er auf der "Kaktus"-Liste in die IHK-Vollversammlung gerutscht – als Grüner. Inzwischen ist der evangelische Freikirchler zur AfD gewechselt und hat einen kruden populistischen Blog ("Die Wähler sind frei") aufgemacht. Dort lobt der Reutlinger Seitenwechsler die "Demo für alle", wettert gegen Multikulti, die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel und die EU-Zahlungen an Griechenland. Mit AfDlern wolle er nicht auf einer gemeinsamen Liste stehen, entschied Stadtmobil-Chef Stähle und zog seine Kandidatur zurück. Heute fragt er sich, ob er überhaupt noch "Kaktus" wählen kann. Und er ist nicht der Einzige.

Kaktus des Anstoßes: Bio-Gemüsegroßhändler Hansjörg Schrade. Foto: Joachim E. Röttgers
Kaktus des Anstoßes: Bio-Gemüsegroßhändler Hansjörg Schrade. Foto: Joachim E. Röttgers

Derzeit weilt Schrade für drei Monate auf einer Schweizer Alp, sticht Disteln und beantwortet abends nach 21 Uhr, wenn die Kühe gemolken sind, sogar Mails. "Mit der Politik habe ich abgeschlossen, in der Hinsicht, dass ich mich nicht mehr öffentlich äußern möchte", antwortet er auf Kontext-Anfrage. Als seine AfD-Mitgliedschaft im vergangenen Jahr zum Politikum wurde, hat Schrade die "Kaktus"-Gruppe verlassen. Er habe damit, schreibt er, für eine "selbst verordnete Säuberungswelle" gesorgt.

Das bestätigt auch Clemens Morlok, aktiver "Kaktus" der ersten Stunde und einer der Sprecher. Der Geschäftsführer der Gesellschaft für Wirtschaftsmathematik betont: "Die Kaktusliste ist jetzt AfD-frei." Auch einstige Unterstützer wie der Münchinger Maschinenbauer René Engelhardt, der nicht in den "Refugee Hype" einstimmen wollte, und die Salacher Weinhändlerin Tina James ("Wir können nicht in guter alter Hippiemanier fremde Menschen willkommen heißen" ) hätten sich von der Gruppe "entfernt".

Vergangenen Oktober, als die Flüchtlingsdebatte intern aufbrach, hat Morlok einen syrischen Jungen in seine Familie aufgenommen. Will sagen, fremdenfeindliche Äußerungen liegen ihm fern. "Aber wie sollen wir denn eine Grenze ziehen?", fragt er und verweist auf die Struktur seiner Organisation.

Die "Kaktus"-Initiative ist weder eine Partei noch eine Wahlliste. Jeder, der kandidiert, tut es als Einzelperson. Die Rebellen kämpfen für eine bessere IHK, das ist der kleinste gemeinsame Nenner. Für Ulrich Stähle ist das zu wenig. Für ihn kann es "keine politische Gemeinschaft mit Repräsentanten der AfD geben". Vor fünf Jahren hat er noch unbesehen jedem auf der "Kaktus"-Liste Vertrauen und seine Stimme geschenkt. Nun ist er vorsichtiger geworden.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!