Oje, oje, die AfD. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 275
Politik

Wie hältst du's mit Gedeon?

Von Marcus Bensmann
Datum: 06.07.2016
Über diese Frage hat sich heute die Landtagsfraktion der AfD in Baden-Württemberg zerlegt. Das Recherchezentrum Correctiv hat jetzt ein weiteres Werk des umstrittenen Abgeordneten entdeckt, in dem dieser gegen Juden und Amerikaner hetzt. Rechtsaußen Björn Höcke findet es prima.

Das Werk des Stuttgarter AfD-Abgeordneten Wolfgang Gedeon vom November vergangenen Jahres ist nur 56 Seiten dick, enthält aber jede Menge kruder Theorien, revanchistische Ansichten und antisemitische Vorurteile. Es ist bisher nur Insidern bekannt und trägt den sperrigen Titel: "Grundlagen einer neuer Politik über Nationalismus, Geopolitik, Identität und die Gefahr einer Notstandsdiktatur". Correctiv hat das Werk direkt von Gedeon bezogen, ausgewertet und mit dem Antisemitismusforscher Marcus Funk von der TU Berlin analysiert.

"Der "Amerikanismus", schreibt Gedeon dort, sei ein "politischer Glaube, (..) nicht mehr der christliche Glaube vom jenseitigen Gottesreich, es ist der alte jüdische Glaube vom neuen irdischen Jerusalem". Die USA hätten klare Ziele, schreibt Gedeon weiter: "Seit 1989 weitet sich im Westen die Amerikanisierung zu einem alle Lebensbereiche umfassenden System aus. Westen bedeutet dabei die de facto Annexion durch die USA."

Die "Annexion" sei in elf Schritten vonstatten gegangen. Darunter: "Bevölkerungsaustausch", Ersetzung der Realwirtschaft durch "Spekulanten" sowie die "tendenzielle Auflösung des Christentums, die durch systematische Islamisierung christlicher Staaten zusätzlich vorangetrieben wird". Nach Einschätzung von Marcus Funk vom Zentrum für Anitsemitismusforschung der TU Berlin hat auch diese Schrift Gedeons, über die Grundlagen einer neuen Politik, eindeutig einen "anitsemitischen Grundton". Weiter schreibt Gedeon: Der potenzielle Gegner der USA wäre ein Deutschland, das zusammen mit Russland ein Gegengewicht gegen den "Amerikanismus" bilden könnte, der, siehe oben, dem "alten jüdischen Glauben" entspringe.

Hier sieht Gedeon auch den Grund für den Kriegseintritt der Amerikaner. So müssen wir uns seiner Meinung nach "von der Mär verabschieden, die US-Amerikaner hätten den Krieg gegen Deutschland geführt, um die Deutschen und Europa vom Faschismus zu befreien", schreibt Gedeon.

Nicht der Angriff der Wehrmacht auf Polen, Frankreich oder die Sowjetunion habe das Eingreifen der USA ausgelöst, noch sei es der Genozid an den europäischen Juden gewesen. Die Amerikaner hätten den Krieg gewollt, so oder so. "Hätte sich damals ein demokratisches Deutschland in gleicher Weise zu einer politischen und wirtschaftlichen Großmacht entwickelt wie das nationalsozialistische: Man hätte außenpolitisch und militärisch nicht anders gehandelt, als man es im Fall Hitler-Deutschlands getan hat", schreibt Gedeon in der nun aufgetauchten Schrift. Nazideutschland – ein Opfer des US-amerikanischen Machtstrebens? Die Kriegsschuldfrage wird damit von Gedeon auf den Kopf gestellt.

Gedeon hat stets bestritten, eine antisemitische Grundhaltung zu haben. Eine Anfrage, wie entsprechende Stellen in seiner Broschüre zu verstehen seien, hat er bis Redaktionsschluss nicht beantwortet. Der thüringische AfD-Sprecher Björn Höcke hat Gedeons Schrift im Dezember 2015 auf Facebook ausdrücklich gelobt und zur Lektüre empfohlen. Höcke würdigte Gedeons Arbeit in einem ausführlichen Beitrag. So verstehe es Gedeon, laut Geschichtslehrer Höcke, "die Lage Deutschlands und Europas – auch im historischen und philosophischen Rekurs – für jeden nachvollziehbar zu entwickeln".

Weiterhin verweise Gedeon auf die "existentielle Bedrohung der europäischen Völker und ihrer Kulturen. In der notwendigen Klarheit benennt er den Feind unserer Freiheit in Vielfalt." Eine Anfrage, ob sich an seiner Einschätzung des Werkes von Gedeon inzwischen etwas geändert habe, ließ Höcke bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet.

Wegen der antisemitischen Äußerungen Gedeons hat sich die baden-württembergische AfD-Fraktion heute zerlegt. Jörg Meuthen, Sprecher der Bundespartei und Vorsitzender der baden-württembergischen AfD-Fraktion, verließ zusammen mit zwölf weiteren Abgeordneten die Fraktion. "Wir bedauern ausdrücklich, die Trennung vollziehen zu müssen", sagte Meuthen. Er hatte in den vergangenen Wochen einen Ausschluss des umstrittenen Abgeordneten Gedeon aus der Fraktion erreichen wollen, aber die dafür nötige Zweidrittelmehrheit der Abgeordneten nicht erreicht. Heute zog er aus dieser lähmenden Situation die Konsequenzen.

In seinen bisher bekannten Veröffentlichungen hatte Gedeon unter anderem geschrieben, dass die Protokolle der Weisen von Zion echt seien, außerdem verglich er Holocaust-Leugner wie Horst Mahler mit Dissidenten in China oder schrieb, dass "die talmudischen Ghetto-Juden der innere Feind des christlichen Abendlandes" seien.

 

Der Autor Marcus Bensmann ist Redakteur des RecherchezentrumsCorrectiv.


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1 Kommentar verfügbar

  • Rolf Steiner
    am 07.07.2016
    Zitat Kontext: "Der thüringische AfD-Sprecher Björn Höcke hat Gedeons Schrift im Dezember 2015 auf Facebook ausdrücklich gelobt und zur Lektüre empfohlen. " Jetzt steht Höcke plötzlich hinter Meuthen, der den Antisemiten Gedeon "raus" haben will. Eine völlig schizophrene Haltung dieses rechten Rassisten, der in manchen braunen Kreisen schon als "Heilsfigur" angesehen wird. .

    Interessant bleibt, dass Höcke gestern vorgeschlagen hat, der AfD-Bundesvorstand solle „ein grundsätzliches und allgemeingültiges Pressemoratorium“ aussprechen. . Er selbst werde sich in den Medien nicht weiter zur Situation der AfD äußern, kündigte er am Mittwoch 6.7.16 zugleich an. Die AfD und die Fraktion in Baden-Württemberg brauchten nun Zeit für sich. Sie dürften sich nicht in die Rolle des Getriebenen drängen lassen.

    Ausgerechnet der "Fahnenjunker" Höcke (bei Anne Will) will seiner AfD eine Hinterzimmerpolitik verordnen, die sie sonst bei den von ihr diffamierten "Alt-Parteien" als Dauer-Anklage verächtlich macht. Eine Hinterzimmer-Politik dieser AfD, die frech von sich behauptet, für "Meinungsfreiheit" zu stehen. Ob nun die AfD mit Petry, die Gedeon noch "Respekt" entgegenbringt (!) oder Meuthens A. für Baden-Württemberg, die sich von Gedeon scheinbar mit Grausen abwendet: weder die eine Gruppe noch die andere steht für Demokratie. Auf die nächsten Lügen dieser Querulantentruppe darf man gespannt sein.

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