Ausgabe 2
Wirtschaft

Im Weinberg der Macht

Von Susanne Stiefel und Andreas Langen (Fotos)
Datum: 13.04.2011
Für die einen ist dieser lauschige Ort der Inbegriff von schwarzem Filz. Für die anderen ein Grund, Stuttgart zu lieben. Am Weinberghäuschen der Industrie- und Handelskammer scheiden sich die Geister. Hier oben lädt die Kammer zu Hintergrundgesprächen zwischen Politik, Wirtschaft und Medien. So viel ist sicher. Manche meinen deshalb, dass auch das umstrittene Bahnhofsprojekt S 21 hier oben eingetütet worden sei.

Es gibt Orte, die die Fantasie anregen. Magische Orte. Die Trauminsel Sansibar etwa, die die Deutschen angeblich gegen Helgoland eingetauscht haben, was aber längst als moderne Legende entlarvt ist. Das Tadsch Mahal, dieses imposante Mausoleum für eine indische Prinzessin. Oder eben das Weinberghäuschen der IHK in Stuttgart, das hier nur Weinberghäusle heißt.

Hier auf halber Höhe des Stuttgarter Kessels gibt man sich äußerlich schwäbisch-bescheiden. Doch drinnen soll es – hui! - so richtig zur Sache gehen. Sagen manche, die schon drin gewesen sind. Und viele, die nie reinkommen werden. Über die wichtigen Projekte des Landes werde dort beraten. Ein offenes Gespräch zwischen den Entscheidungsträgern aus Wirtschaft, Politik und Medien soll es dort geben, streng geheim natürlich, unbeeinträchtigt von aller lästigen politischen Korrektheit. Es braucht nicht allzu viel Fantasie, um sich solche Runden in einem Bundesland vorzustellen, das fast 58 Jahre lang von der gleichen Partei regiert wurde. Man kennt sich.  

Da ist etwa Hans Peter Stihl, Sägenfabrikant und langjähriger IHK-Präsident, Dieter Hundt, Unternehmer und Arbeitgeberfunktionär, Jürgen Offenbach, langjähriger Chefredakteur der "Stuttgarter Nachrichten", der heute unter dem Namen "ok" (Offenbach Kommunikation) ein Büro betreibt, dessen Zielsetzung im Online-Auftritt so formuliert ist: "Damit es gut läuft, braucht es einen Lotsen im magischen Dreieck zwischen Wirtschaft, Politik und Medien." Ein Schelm, wem hier die Fantasie durchgeht.

Über Inhalte wird nur in Andeutungen gesprochen. Man fühlt sich geehrt, wenn man zu den geladenen Auserwählten gehört, wenn die Industrie- und Handelskammer 14 Jünger zum Abendmahl über den Dächern von Stuttgart lädt. In diesen Kreisen weiß Mann: Der Gentleman schweigt und genießt. Übrigens: es sollen auch schon Frauen dort gewesen sein.

Tatort für das Bahnhofsprojekt

"Natürlich waren auch schon Frauen da", bekräftigt Andreas Richter, "zum Beispiel Tanja Gönner, die Umweltministerin." Doch, und darauf legt der IHK-Hauptgeschäftsführer Wert, das sei erst im November vergangenen Jahres gewesen. Nach, "ich betone: nach", der Schlichtung zu S 21 unter der Regie von Heiner Geißler. So viel Klarstellung muss sein im Jahr der engagierten Bürgerproteste.

Beim Aufruhr um die Tieferlegung des Stuttgarter Bahnhofs werden auch IHK-Verantwortliche zurückhaltend, allerdings nur in der Formulierung. Die Position der Kammer hingegen ist klar: pro Stuttgart 21. Das schrieb sie sich sogar auf die Fahnen ("S 21 - mehr Jobs, mehr Tempo, mehr Stadt"), die vor dem Geschäftsgebäude wehten. Die muss sie jetzt allerdings ganz schnell auf richterlichen Beschluss hin einholen. Der neuen grün-roten Regierung hat die Kammer übrigens schon einen Tag nach der Wahl ihre Unterstützung angeboten. Man will ja weiter dabei sein.

Bekannt wurde das IHK-Häusle durch den Streit über Stuttgart 21, der längst eine ganze Stadt spaltet. Es war auch schon Kulisse für den "Tatort" und für Theaterstücke, doch vor allem steht es symbolisch als Tatort für das Bahnhofsprojekt. Hier oben, mit ausgeruhtem Blick auf den Talkessel und den Kopfbahnhof, soll der Entschluss vorbereitet worden sein, den Bahnhof samt Gleisen im Stuttgarter Untergrund zu versenken. Hier sollen sich die Herren aus den Redaktionen, von der IHK, Bahn und Politik zwei, drei Gedanken darüber gemacht haben, wie man dieses Vorhaben voranbringen kann, das sie für einen großen Fortschritt halten, weil es Stuttgart endlich mit dem Rest der Welt verbindet.

Dass hier im rustikalen Gewölbekeller bei Wein und in harmonischem Dreiklang von Wirtschaft, Politik und Medien etwa zwei-, dreimal im Jahr ein "Gedankenaustausch" stattfindet, gibt Andreas Richter gerne zu Protokoll. Doch dass hier Mitte der 90er-Jahre auf das umstrittene Projekt S 21 eingeschworen worden sei, weist der Mann, der seit 1998 die IHK-Geschäfte führt, vehement zurück. "Das ist doch alles an den Haaren herbeigezogen", wettert Andreas Richter,  der früher Wirtschaftsressortleiter der "Stuttgarter Zeitung" war. Dass man mal drüber gesprochen habe, kann und will er jedoch nicht ausschließen.

"Es soll halt niemand wissen, dass die da gewesen sind"

Nicht gesprochen wird darüber, wer denn nun zu dem starken Dutzend gehört, das die IHK zwei-, dreimal im Jahr zum erlauchten Treffen lädt. Nur so, meint der Hauptgeschäftsführer, könne man sich schließlich unbekümmert  austauschen. Geheime Treffen also, bei denen keine Namen genannt und nicht fotografiert werden darf? "Geheim, geheim, was heißt schon geheim?", fragt Richter zurück. "Es soll halt niemand wissen, dass die da gewesen sind." Kein Wunder, dass die Fantasie das Häuschen umrankt wie die Reben. Vor allem in der hitzigen Diskussion über S 21, in der sich die Gegner nicht nur einmal von ihrer Regierung und den örtlichen Zeitungen verschaukelt fühlten. Hier soll also alles  angefangen haben? "Wenn Sie das hier oben gesehen haben, dann kühlt Ihre Fantasie ab", sagt Andreas Richter. Zum Abkühlen also hinaufgestiegen auf den Kriegsberg.

Das Gewölbe ist rustikal, roter Sandstein, einfache Stühle, Holztisch. Eine intime Atmosphäre ist schon allein durch die Größe sichergestellt, alles leer heute, nur der IHK-Hausmeister Michael Fritz ist da und schließt auf. Kaum zu glauben, dass hier in diesem kleinen Raum 14 Menschen Platz finden sollen. Hier kann man sich nahekommen. Vor dem Häusle liegen wie mit dem Lineal gezogen die IHK-eigenen Reben. 70 Ar stadtnahe Reben, erklärt Hausmeister Fritz, aus denen jährlich etwa 7000 Flaschen IHK-Riesling und IHK-Trollinger gepresst werden. Hübsch gelegen zwischen Chinesischem Garten, einem Relikt der Internationalen Gartenschau, und dem Züblin-Weinberg, "die haben ein größeres Häusle", sagt der Hausmeister. Da schwingt ein bisschen Neid mit. Der alte Bahnhof, der Bonatzbau, liegt in seiner ganzen Pracht zu Füßen des Weinbergs.

Michael Fritz weiß, dass "genau unter uns durch"  der Tunnel gegraben werden soll, durch den die tiefergelegte Bahn dann rauschen soll. Er weiß auch, dass die Bedienungen früher noch vors Häusle geschickt wurden, nachdem sie den Herren tüchtig eingeschenkt hatten, damit die drinnen ungehört tagen konnten. Bei Regen sei das besonders unangenehm gewesen. Inzwischen finden die Bedienungen Unterschlupf in einer angebauten kleinen Küche, wenn drinnen in Geheimnissen gekramt wird.  

Auch der Master of Disaster war schon drin

Uli Maurer war auch schon drin. Zu Zeiten der Großen Koalition durften Maurer als  SPD-Fraktionschef und Dieter Spöri  als SPD-Wirtschaftsminister auch mal mitspielen. Das war Mitte der 90er-Jahre und lange bevor der bullige Mann, den seine Mitarbeiter nur "Master of Disaster" nennen, bei den Linken und im Bundestag gelandet ist. Uli Maurer war neugierig, und womöglich fühlte er sich auch ein bisschen geschmeichelt. Im Gewölbekeller im Weinberghäusle hoch über Stuttgart stellte er fest, dass da alle munter mitmischten. Da wurden Projekte eingetütet, von der Wirtschaft initiiert, von der Politik auf den Weg gebracht, von den Medien begleitet. "Mir blieb die Spucke weg", sagt Maurer heute. "So macht man also Politik, hab ich gedacht."

Die einen sehen "Keinen Filz weit und breit" hier im Weinberg, so schrieb es der Politik-Ressortleiter der "Stuttgarter Nachrichten", für den das Weinberghäusle von 100 Gründen, Stuttgart zu lieben, der 92ste ist. Andere mutmaßen, dass dort oben viel effektiver Politik gemacht wird als im Landtag, wie der "Stern"-Journalist Hans Peter Schütz in seinem Artikel "Fahrt auf schwäbischem Filz", der hier oben den Grund dafür gefunden haben will, warum die Stuttgarter Medien das Projekt S 21 so lange so freundlich begleitet haben: weil sie hier im Weinberghäusle Mitte der 90er-Jahre mit den Chefs von CDU und SPD und einflussreichen Wirtschaftsbossen zusammengesessen seien, als der Zug auf die Schiene gesetzt wurde, wenn das Bild noch erlaubt ist. "Wir mussten nicht eingenordet werden", sagt ein leitender Redakteur, der mit dabei war, "wir waren doch voll begeistert." Es war die Zeit des Mauerfalls, die Achsen hatten sich verschoben, und viele Lokalpatrioten fürchten, von der Mitte Europas an den Rand gedrängt zu werden. Es war die Geburtsstunde der legendären Magistrale Paris-Stuttgart-Bratislava.

Und es war vor Andreas Richters Zeit als Hauptgeschäftsführer. Nun ist sein Häusle also durch S 21  berühmt-berüchtigt geworden. Nervt Sie das, Herr Richter? "Für die IHK ist das super", sagt Richter, "wenn im 'Stern' und anderswo geschrieben wird, wie viel Macht die Kammer hat. Was mich stört, ist höchstens, dass das alles frei erfunden ist." Nicht erfunden jedenfalls ist die abschließende Ansage des IHK-Geschäftsführers:  "2012 werden wir hier oben sicher darüber nachdenken, wie ein guter OB  für Stuttgart aussehen kann." Es ist ja nicht so, als ob man nicht mitmischen wollte.

Womöglich werden demnächst auch die Herren Kretschmann und Schmid hier oben sitzen. Aber, pardon, das ist jetzt wirklich pure Fantasie.

 

Zur Seite unseres Fotografen Andreas Langen: www.dieargelola.de

 


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4 Kommentare verfügbar

  • BennoMehring
    am 15.04.2011
    "2012 werden wir hier oben sicher darüber nachdenken, wie ein guter OB für Stuttgart aussehen kann." Wie nett von den Strippenziehern der IHK. Manchmal machen sie auch ein bissle Politik im lauschigen Weinberghäusle. So vor dem zweiten Wahlgang der OB-Wahl, als es galt, die Wiederwahl von Wolfgang Schuster gegen die rote Ute Kumpf abzusichern. Da zauberten die "Stuttgarter Nachrichten" nach einer Runde im Häusle mit den Herren Stihl, Ex-Bankchef Zügel und StN-Chefredakteur Offenbach den Pforzheimer OB Becker (SPD) zur allgemeinen Überraschung und zum Entsetzen der Genossen als "unabhängigen" Bewerber per Redaktionsgespräch und großem "Exklusivbericht" auf Seite 3 aus dem Hut. Vermutlich wird Herr Richter auch dieses Treffen dementieren. Protokoll wie unlängst beim BDI-Plausch mit Wirtschaftsminister Brüderle wurde jedenfalls nicht geführt.
  • canislauscher
    am 13.04.2011
    Mit Sicherheit werden die beiden Herren K+S dort auch sitzen, denn -mal im Ernst- was soll sich so schnell ändern? Das hat ja erst mal nichts mit möglichen charakterlichen Schwäche des einen oder des anderen zu tun, sondern mit sogenannten Realitäten (Steigerungsform: 'Sachzwänge'): Wer (eine bestimmte, nicht grundsätzlich am Status quo rüttelnde) Politik machen will, wird an der Wirtschaft und ihren Strukturen (wiewohl deren Akteuren und Gepflogenheiten) nicht vorbeikommen.

    Interessanter ist dann schon die Frage, in wie fern und wie schnell im weiteren Verlauf sich die neu gewählte Politik in sie wärmenden Filzdecken einwickeln lässt. Oder: Wie lang die Löffel eigentlich sind, mit denen man mit dem Teufel (sic!) gemeinsam Suppe löffeln möchte. (Was Sie hoffentlich energisch und kritisch begleiten werden.)

    Ein gewaltiger Fortschritt wäre schon, wenn man vor allem mit diesen Herrschaften und ihren undurchsichtigen Strukturen und Netzen nicht gleich den Konsens sucht, bevor man ihn mit der Bürgergesellschaft nicht gefunden hat. Das könnte so, also: dieses Mal anders verlaufend, gleichbedeutend mit dem Umstand sein, dass Bürgerpolitik und somit Bürgerinteressen wieder das Primat vor Wirtschaftsinteressen bekämen -die Wirtschaft also dem Menschen dient, nicht umgedreht (und der falsche Götze 'Wachstum' letztlich vom Sockel gestoßen wird).

    Das Wahlergebnis in B/W scheint mir ein Ausdruck vor allem dafür zu sein, dass die Bürger mindestens genau spüren, dass es 'so nicht weiter geht'. Dass sich dabei die Energie, der Zorn, gerade gegen ein Projekt wie S21 richtet, ist eigentlich logisch, da hierin alles im Kleinen sichtbar wird, es jeder somit verstehen, spüren kann. (Ohne, dass der Einzelne möglicherweise weiß, dass es überhaupt so etwas gibt wie Bilderberg-Konferenzen).

    Ein „Weiter so“ kann und darf es also nicht geben. Politiker (und Medien!) müssen mit den Bürgern darüber ins Gespräch kommen. Es muss einen echten Dialog darüber geben. Strukturen müssen verändert werden. Klassische Sparkonzepte, wie sie bislang noch jede Politik nach Wahlen aus dem Hut zauberte, sind nicht der Weisheit letzter Schluss. Sie sind, wenn es schon nicht anders geht, Zwischenlösungen, Mittel zum Zweck. Ebenso ist echte Bürgerbeteiligung und Partizipation mehr als Kosmetik am Antlitz der Demokratie.

    Wir leben in einem Land, dass unermesslich reich ist, verglichen mit anderen Regionen der Welt. Daraus erwächst uns eine besondere Verantwortung: die, ein Veränderung einzuleiten, hin zu einer Gesellschaft, die z.B. Teilen wieder lernt und wo der Mensch eher des Menschen Freund ist. Das hat nichts mit Kuscheln oder Esoterik zu tun. Vielmehr mit der Erkenntnis, dass solidarische Kooperation statt egomanischer Konkurrenz angesagt ist. Es ist auch nicht 'links/rechts/vorne/oben/unten/hinten' -es ist ein Gebot der Vernunft, wenn wir (und unsere Kinder) überleben wollen.

    Ein erster und richtiger Schritt in diese Richtung wäre, Stuttgart21 konsequent zu stoppen. Wobei es nötig scheint (das legt auch Ihr Beitrag wieder einmal nahe), zunächst bestimmte Herrschaften mit bestimmten Interessen zu stoppen. Das obliegt nun auch der neugewählten Politik. Die Medien können dabei behilflich sein. Allerdings -und das ist eine der Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit- wird dieser Prozess wohl nur dann nachhaltig und wirksam in Gang kommen, wenn die citoyens in ihrem Prozess der Emanzipation nicht stehen bleiben...
    (. . .)
  • armure
    am 13.04.2011
    So tolpatschig wird das grün-rote Duo nicht sein, um auch nur einen Fuß ins schnieke Lobby-Bastiönchen der Stuttgarter IHK zu setzen. Da lassen sich Gespräche weit bürgernäher im Laizer Schützenhaus arrangieren. In dem Gewölbekellerchen über dem Stuttgarter Bahnhof werden künftig allenfalls die alten Seilschaften zusammen mit den neuen Kaltgestellten Wunden lecken und vergangenen Kungelrunden nachtrauern. Aus dem angeblichen Weinberg der Macht wird, so ist zu erwarten, bald das Wengertle samt Austragshäusle eines teils abgewählten und insgesamt abgelebten Stuttgarter Machtkartells.
  • Bundschuh
    am 13.04.2011
    So eine Residenz im Grünen ist schon etwas feines. Noch einen Weinberg drumherum und über 1,7 Milliarden Euro als Pensionsrückstellungen. So lässt es sich leben. So lässt es sich auf Kosten der Gewerbetreibenden leben, die in dieses Zwangssystem einzahlen und die Fronarbeit für die hohen Herren verrichten. Aber es regt sich Unmut. Der Bundesverband für freie Kammern (bffk.de), der die Rückstellungsuhr betreibt, setzt sich für eine freiwillige Mitgliedschaft ein. Denn nur, wer den hohen Herren ihren Altersruhesitz finanzieren möchte, soll es auch tun. Die Anderen würde ihr schwer verdientes Geld lieber in in ihren eigenen Betrieb stecken als in die IHK-Spätlese. Und das ist jetzt keine Fantasie.

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