Vergangenen Mittwoch war es wieder so weit. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 292
Politik

Charmanter als Fahrverbote

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 02.11.2016
Seit dem ersten Feinstaubalarm im Herbst steht fest, dass Stuttgart auch in diesem Jahr wieder gegen EU-Recht verstößt. Dabei gäbe es einfache und praktikable Lösungen. Etwa den Ausbau des Park-and-Ride-Systems.

Nach astronomischen Kriterien hat das Winterhalbjahr am 23. September begonnen. Gefühlt spielt die Zeitumstellung, seit 1996 am letzten Oktobersonntag, eine ebenso wichtige Rolle. Stuttgart definiert die kalte Jahreszeit neuerdings noch einmal anders: durch Feinstaubalarm. Die Zeit, in der mit Ausrufen des Alarmzustands zu rechnen ist, beginnt am 15. Oktober und endet am 15. April.

Wenn erhöhte Feinstaubwerte drohen, die über dem Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter liegen, appelliert die Landeshauptstadt seit Anfang des Jahres an die Autofahrer, doch bitte ihr Fahrzeug zu Hause zu lassen und sich auf andere Weise fortzubewegen. Flankierende Maßnahmen wie vergünstigte ÖPNV-Tickets sollen das Umsteigen erleichtern.

Bis Mitte April gab es fünfmal Alarm, an insgesamt 22 Tagen. An 16 von diesen Tagen hat die Rekordmessstation Neckartor die Latte trotzdem gerissen, ebenso an weiteren 14 Tagen ohne Feinstaubalarm. Mit vereinzelten weiteren Tagen im Mai und September waren nun zu Beginn der nächsten Alarmsaison 34 Überschreitungstage erreicht. 35 sind zulässig. Doch bereits am Freitag waren es schon 36 Tage.

Die EU-Kommission droht bereits seit zwei Jahren mit Klage. Anwohner am Neckartor haben sich im April mit dem Regierungspräsidium (RP) auf einen Vergleich geeinigt. Demnach muss das RP, wenn das Problem bis dahin nicht gelöst ist, bis 1. Januar 2018 verkehrsbeschränkende Maßnahmen einführen.

Verwaltungsgericht verhängt Frist von nur einem Monat

Allerdings könnte es nun doch schneller gehen. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) klagt ebenfalls, wegen erhöhter Stickoxidwerte (NOx). In Düsseldorf hat sie damit kürzlich einen vollen Erfolg eingefahren. Das Gericht beschied, Fahrverbote gegen Diesel-Fahrzeuge seien so schnell wie möglich auszusprechen. Nun macht auch das Stuttgarter Verwaltungsgericht Druck. Nicht erst Ende August 2017, wenn der aktualisierte Luftreinhalteplan vorgestellt werden soll, nein sofort, innerhalb eines Monats, wollen die Richter wissen, welche verkehrsbeschränkenden Maßnahmen geplant sind.

Stickoxid ist nicht gleich Feinstaub. Seit 2010 gilt die verschärfte Regelung, dass der Grenzwert von 200 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft nur noch 18 statt 175 Stunden im Jahr überschritten werden darf. Das ist am Neckartor immer noch der Fall, anderswo sind die Werte seit 2014 gesunken. Hauptverursacher sind Dieselabgase. Eine blaue Plakette für besonders umweltfreundliche Fahrzeuge, wie von der Landesregierung gewünscht, hat der Bund abgelehnt. Ohnehin fragt man sich, was angesichts der Tricksereien und fehlenden Kontrollen von "sauberen" Dieselmotoren zu halten ist. Von einem Verbot wäre freilich der komplette Baustellen- und Lieferverkehr betroffen: Fast alle Lkw haben nun mal Dieselmotoren.

Aber das Feinstaubproblem am Neckartor lässt sich mit einem Dieselverbot allein ohnehin nicht lösen. Nur sechs Prozent des Feinstaubs am Neckartor, Stand 2013, stammen aus den Autoabgasen vor Ort, dazu noch ein Prozent aus dem Umland. Nur 45 Prozent des Feinstaubs entstehen direkt an der B 14, davon aber zwei Drittel, das sind 31 Prozent der Gesamtmenge, aus Aufwirbelungen, Reifen- und Bremsabrieb. Fünf mal so viel wie aus dem Auspuff.

In diesem Punkt sind Elektroautos keinen Deut besser. Bisher auch nicht für das Klima: Batterieherstellung und Stromerzeugung mitgerechnet, fällt die Bilanz derzeit ähnlich aus wie beim Diesel, etwas besser als beim Benziner. Lediglich die Stickoxide verschwinden. Aber die Feinstaubwerte am Neckartor könnten, selbst wenn nur noch Fahrzeuge mit Elektroantrieb unterwegs wären, um nicht mehr als sechs Prozent zurückgehen. Bezogen auf den Grenzwert von 50 Mikrogramm sind das drei Mikrogramm pro Kubikmeter.

Bei Messwerten bis 53 Mikrogramm würde also ein vollständiges Verbot von Verbrennungsmotoren helfen, den Grenzwert einzuhalten. Bei Werten darüber nicht. An acht Tagen im Januar lagen die Werte sogar mehr als 50 Prozent über dem Grenzwert. Mit sauberen Motoren lässt sich da nichts ausrichten. Nur ein völliges Fahrverbot könnte Abhilfe schaffen.

Verkehrsaufkommen senken ist einzige echte Lösung

Es wird auf Dauer unvermeidlich sein, das Verkehrsaufkommen zu senken. 20 Prozent weniger streben Stadt und Land an. An Feinstaubalarm-Tagen. Warum so zögerlich? Mit Feinstaub ist nicht zu spaßen. Er verursacht, wie medizinische Untersuchungen zeigen, Herz- und Kreislauferkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Die Partikel sammeln sich im Körper an: Bis zu 60 Prozent werden nicht wieder abgegeben. Deutschlandweit hat das Umweltbundesamt jährlich 47 000 vorzeitige Sterbefälle durch Luftschadstoffe errechnet.

Das Problem besteht auch nicht nur am Neckartor. Am Marienplatz, am Olgaeck, an der Heilbronner Straße – überall an den großen Durchgangsstraßen liegen die Werte ähnlich hoch wie am Neckartor, wie Berechnungen zeigen, die das städtische Amt für Umweltschutz in Auftrag gegeben hat. Und von den 34 Überschreitungen bis Mitte Oktober lagen ganze 17 außerhalb der Tage des Feinstaubalarms.

Ein entschlosseneres Vorgehen ist nötig. Den Autoverkehr im Talkessel zu reduzieren, und zwar nicht nur an Feinstaubalarmtagen: Das könnte ein Anfang sein, um Stuttgarts anerkannt größte Bausünde, den Umbau zur "autogerechten Stadt" in den 1960er-Jahren, zu reparieren. Fast die Hälfte der Stuttgarter nutzen auf dem Weg zur Arbeit bereits jetzt den öffentlichen Verkehr. Sie leiden wie alle anderen unter den Emissionen. Die Verkehrsplaner reden längst davon, nur nicht in Stuttgart: Der motorisierte Individualverkehr hat in den Innenstädten eigentlich nichts verloren. Es gibt intelligentere Arten, den Verkehr zu organisieren.

Stuttgart ist die einzige Stadt in Deutschland, die einen grünen Oberbürgermeister, einen grünen Ministerpräsidenten und seit 1. Juni mit Wolfgang Reimer auch einen grünen Regierungspräsidenten vorweisen kann. Aber Kuhn und Reimer bleiben zurückhaltend. Sie warten auf Anordnung des einen oder anderen Gerichts, dann liegt der Schwarzen Peter nicht bei ihnen. So ganz ist es ihnen nicht zu verdenken. Der frühere CDU-Bürgermeister Klaus Lang nutzt die "Bild"-Zeitung, um gegen den "Feinstaubalarmismus" zu wettern, den die Grünen aus seiner Sicht nur benützen, um das Automobil zu diskreditieren. Die CDU will noch mehr Straßen, wenn nötig auch unter der Erde.

Autoindustrie fortschrittlicher als CDU

Da ist selbst die Automobilindustrie schon weiter, die mit Firmentickets oder anderen Vergünstigungen für Mitarbeiter ihr durch den Dieselskandal angekratztes Image aufpolieren will. Oder die Industrie- und Handelskammer (IHK), die im April noch vor möglichen Fahrverboten gewarnt hat, nun aber zu erkennen beginnt, dass es mit dem Motto "Augen zu und durch" nicht mehr weitergeht. In einer gemeinsamen Pressemitteilung der IHK und der Handwerkskammer betonen beide: "Die beiden großen Wirtschaftskammern in der Region Stuttgart wollen die Landeshauptstadt in ihrem Kampf um bessere Luft unterstützen."

Die Kammern geben zwei sehr wichtige Hinweise: Der erste betrifft den gewerblichen Verkehr. Es bedarf einer besseren Organisation des Zulieferverkehrs, insbesondere der "letzten Meile" vor der Auslieferung. Derzeit kommt es immer noch häufig vor, dass Zulieferer mit ihren Lkw die Kunden einzeln abklappern. Der Verkehr mit Feinstaub produzierenden, klimaschädlichen großen Dieselmotoren ließe sich erheblich einschränken, wenn die Ware an Verladestationen am Stadtrand abgeladen und anschließend gesammelt ausgeliefert würde. Dazu kämen auch Lastenräder in Betracht, darauf hat der Arbeitskreis Innenstadtlogistik der IHK schon vor vier Jahren hingewiesen.

Der zweite wichtige Hinweis: Das Park-and-Ride-System gehört überarbeitet. Das bestehende Angebot ist auf die S-Bahn abgestimmt, doch nicht wenige Parkhäuser sind dauerhaft ausgebucht: Backnang zum Beispiel, ganz besonders wichtig als Endstation der S 3, von der aus das weitere Umland nur noch begrenzt mit dem Bus erreichbar ist. Weiter entlang der Linie sind auch Nellmersbach, Schwaikheim, Winnenden, Fellbach und Sommerrain permanent belegt: Fast die gesamte Strecke nach Stuttgart, Maubach zu 95 Prozent, lediglich in Neustadt-Hohenacker finden sich noch einige Plätze.

Nicht ganz so schlimm ist es an der Strecke der S 1, aber Kirchheim ist ebenfalls voll, Ötlingen ebenso. Wendlingen und Wernau haben noch freie Plätze, Plochingen nur sehr wenige. Altbach, Zell und Oberesslingen sind voll, in Esslingen und Mettingen gibt es überhaupt keinen Park-and-Ride-Platz. Wer findig ist, könnte nach Obertürkheim fahren, dort gibt es auf dem Parkplatz am Bahnhof 167 Stellplätze zum Preis von 1,50 Euro pro Tag.

S-Bahnen sind zu teuer

Wer von hier aus mit der S-Bahn weiterfährt, zahlt hin und zurück zur Stadtmitte mit dem Einzelticket 5,60, insgesamt also 7,10 Euro. Parkhäuser in der Stadtmitte kosten aber in der Regel nur zwischen 1,50 und 2,50 Euro pro Stunde. Wer nicht länger als zwei bis drei Stunden in der Stadt bleiben will, fährt also in der Regel billiger mit dem Auto. An den Stadtbahnlinien gibt es bis auf wenige Ausnahmen überhaupt keine Park-and-Ride-Standorte, obwohl sie zum Teil bis weit aufs Land hinausfahren.

Gäbe es an allen Haltestellen außerhalb des Talkessels ausreichend Park-and-Ride-Plätze und würde das Parken dort einschließlich ÖPNV-Ticket deutlich weniger kosten als ein Platz im Parkhaus im Zentrum, hätte sich ein Großteil des Feinstaubproblems schnell erledigt. Nur der öffentliche Verkehr müsste dann schnell und deutlich ausgebaut werden. Notfalls könnte Stuttgart von den unwilligen Autofahrern eine Abgabe erheben und die Einnahmen dafür verwenden. Oder um die Ticketpreise zu senken. Eigentlich charmanter als Fahrverbote.


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18 Kommentare verfügbar

  • Velo Fisch
    am 13.12.2017
    Noch mehr kostenlose Parkplätze bereit stellen ist sicher nicht der richtige Weg. Bereits jetzt zahlen Anwohner viel Geld für Straßen, öffentliche Parkplätze und private Stellplätze, die dann von den Autofahrer_innen kostenlos oder stark subventioniert genutzt werden können. Andersherum wird ein Schuh daraus. Parkplätze abbauen und konsequent Radverkehr und ÖPNV fördern. Eine Reduktion der Preise für die S-Bahn ist sicherlich sinnvoll. Studien zu P+R haben ergeben, dass dort vor allem Leute profitieren, die sonst anderweitig, d.h. mit Bus oder Rad zum Bahnhof gefahren wären. Es findet also eine Verlagerung zu mehr Autoverkehr statt. Das sollte nicht mit Milliarden gefördert werden. Die Abschaffung der steuerlichen Subvention von Dienstwägen dagegen wäre eine sehr wirksame Maßnahme. Wer einen Dienstwagen hat und ihn nur wenig benutzt zahlt im Endeffekt steuerlich drauf. Hier wird also sinnvolles Verkehrsverhalten bestraft und der Autoverkehr mit massiven Steuergeldern gefördert.
  • Andrea
    am 08.11.2016
    @Schwabe,

    flächendeckend und bundesweit wurde einmal der Slogan "Güter gehören auf die Bahn" propagiert. Leider stand dahinter auch kein politischer Wille.

    Die LKW-Testfahrzeuge eines namhaften regionalen Autoherstellers verringern ihre Fahrten übrigens auch während des Feinstaubalarms nicht...
  • Schwabe
    am 07.11.2016
    Wie in meinem Artikel zuvor angedeutet, lässt sich der öffentliche Personen Nah- und Fernverkehr (Bahn, S-Bahn, Straßenbahn, Bus, Fahrradtaxi, etc.) - sofern der politische Wille da wäre - flächendeckend bundesweit (entspr. den Ballungszentren) so ausbauen, dass er mit dem Individualverkehr vergleichbar wird - jedoch mit entscheidend weniger tödlichem Feinstaub (nicht nur mit etwas weniger wie bei Elektroautos), mit der Schaffung von hunderttausenden von anständigen Arbeitsplätzen, er ist nachhaltiger, weniger Unfalltote und inklusive der Förderung gesellschaftlicher Beziehungen/Kommunikation.

    Noch eine Bemerkung zum Verbrennungsmotor:
    Dieser wird auch deshalb so hartnäckig von unseren regierenden bürgerlichen PolitikerInnen verteidigt, da sich durch das "Schutzschild" Autofahrer/Autobesitzer nicht nur die Mineralölsteuer leicht "verteidigen" lässt, sondern man damit auch leicht die Notwendigkeit von Ölkriegen zum Erhalt der westlichen Kriegsmaschinerie vertuschen lässt.
    Natürlich wehren sich auch z.B. Versicherungskonzerne (Lobbyisten) gegen die Abschaffung des Individualverkehrs und damit gegen ihre lukrative Geldquelle.
  • Roland
    am 06.11.2016
    Auch wenn das Elektroauto sicher nicht unsere Verkehrsprobleme lösen wird, so kommt es in der Betrachtung der Feinstaubsituation meiner Meinung nach in obigem Artikel doch zu schlecht weg: 31% der lokalen Belastung kommen durch Aufwirbelung, Brems- und Reifenabrieb. Jedoch sollte der Bremsabrieb bei einem Elektroauto deutlich niedriger sein als bei einem konventionellen Fahrzeug, denn gebremst wird zuallererst mittels des Elektromotors zur Energierückgewinnung (Rekuperation). Dies sollte über die 6% Reduktion durch die nicht vorhandenen Abgase hinaus zu einer weiteren Reduktion des Feinstaubs beitragen - und jeder Feinstaub, der nicht emittiert wird, kann auch nicht mehr aufgewirbelt werden.
    Eine weitere Quelle für Feinstaub sind aber auch Stickstoffoxide, aus denen ebenfalls Feinstaub entstehen kann (sekundärer Feinstaub). Leider läßt sich in den im Artikel verlinkten Daten nicht erkennen, ob dieser sekundäre Feinstaub bereits in den Abgasen des Straßenverkehrs enthalten ist, oder ob er unter "Sonstige" fällt.
  • Schwabe
    am 05.11.2016
    Ich selbst habe alle Führerscheine und war eingefleischter Autofahrer. Seit rund 8 Jahren besitze ich kein Auto mehr - und dafür habe ich mich bewusst entschieden (wg. Ölangriffskriegen, Mineralölsteuer, überteuerten Kundendiensten/Reparaturen, Kfz-Versicherungen, Autolobby,etc.). Seitdem schlage ich mich mit dem schlechten (und immer schlechter und teurer werdenden) öffentlichen Personen Nah- und Fernverkehr in Deutschland herum (Stichwort Privatisierung).
    Natürlich glaube ich nicht und kann auch nicht erwarten das viele meinem Beispiel (freiwillig) folgen - dazu fehlt der politische Aufklärungswille. Das ist ähnlich wie mit dem rauchen oder mit Milch im Kaffee - wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat...! Das Problem dabei ist nur, dass man sich heutzutage auf die Vernunft von regierenden Politikern nicht verlassen kann (insbesondere den egoistischen und kapitalorientierten "bürgerlichen). Denn die zocken lieber die AutofahrerInnen ab (Mineralölsteuer) anstatt (Auto)Konzerne und Banken anständig zu besteuern um Geld in die Staatskasse zu spülen. Mit den Bürgern haben sie leichtes Spiel. Die muss man nur etwas anstacheln und schon hat man Millionen Bürger (pro Autoverkehr) auf seiner Seite. Auf die Bereitschaft, Bürger auf Ausstieg aus dem massenhaften Individualverkehr und auf den Umstieg auf den ÖPNV vorzubereiten kann man lange warten bei bürgerlichen Politikern und der tendenziösen Presselandschaft.
    Nüchtern/sachlich betrachtet wäre der mittelfristige Ausstieg aus dem massenhaften Individualverkehr natürlich kein Problem, wenn gleichzeitig der öffentliche Personen Nah- und Fernverkehr bundesweit flächendeckend ausgebaut würde - ähnlich dem Angebot in Ballungszentren. Dieser riesige, neu geschaffene Wirtschaftszweig (in öffentlicher Hand) würde deutschlandweit gute Arbeitsplätze der öffentlichen Hand schaffen - weit mehr als in der Autoindustrie.
  • Andrea
    am 05.11.2016
    @CharlotteRath,

    global gesehen haben Sie sicher Recht und eine gerechtere Steuerverteilung könnte sicher in vielen Bereichen Gutes bewirken.

    Doch hier ging es um eine konkrete Maßnahme zur Verringerung der Feinstaubbelastung in Stuttgart. Und da greifen Sie ins Leere, denn kostenfreie städtische Stellplätze gibt es dort schon lange nicht mehr.
  • CharlotteRath
    am 04.11.2016
    @Andrea:

    Eine Kfz-Steuer, deren Höhe selten 50 Euro pro Jahr erreicht, kann wohl kaum geeignet sein, öffentliche Fläche zum Privatbesitz zu machen - das wären ja bestenfalls 0,5 % der Kosten eines Parkplatzes (auf dem ein Pkw durchschnittlich 95 % seiner Zeit herumsteht).

    Anstelle der Mineralölsteuer gibt es seit zehn Jahren die Energiesteuer. Was bekommen wir als Gegenleistung des Staates für die Zahlung von Energiesteuern auf Erdgas, Heizöl, Strom? Tja.

    Nur öffentliche Einnahmen aus "Abgaben" sind zweckgebunden einzusetzen, "Steuern" gehen hingegen in den allgemeinen öffentlichen Haushalt ein, ohne dass sich daraus ein Recht auf konkrete Gegenleistung ergäbe.

    Also: Der öffentliche (Straßen-)Raum wird von allen Steuerpflichtigen gemeinsam finanziert - aber vom MIV in erheblich größerem Umfang beansprucht als von allen anderen Mobilitätsarten. Ist das fair?
  • M. Stocker
    am 04.11.2016
    Noch was zum Thema Stickoxide. Ich hätte da ebenfalls eine charmante Alternative zu Fahrverboten und blauen Plaketten. Wir nehmen die Herren Vorstandsvorsitzenden der Automobilkonzerne (als erste die offensichtlichen und prototypischen Betrüger vom VW-Konzern) drücken sie juristisch und politisch mit der Gurgel an die Wand. Und zwar so lange, bis das Geld für die Nachrüstung aller Dieselfahrzeuge mit einer wirksamen selektiven katalytischen Reduktion der Stickoxide (SCR, vulgo Harnstoff-Kat) aus ihren Taschen fällt. Und mit allen Dieselfahrzeugen meine ich wirklich alle, die ausweislich der Fahrzeugscheine die Abgasnorm Euro 5 und 6 zu erfüllen vorgeben. Damit wären wir zumindest ein Thema los: die Stickoxid-Emission. Denn technisch ist das machbar, bei LKWs längst gelöst. Allerdings nur mit der SCR-Technik, und nicht mit dem Woodoo-Zauber, mit dem der VW-Konzern gerade zu Werke geht: Der Einbau eines Gitter-Strömungsgleichrichters an einem Massenstrommesser (HFM) im Ansaugrohr, der von ein paar ganz ultraschlauen Sparfüchsen dieses Konzerns zu Lasten der Messgenauigkeit zuvor wegoptimiert wurde. Wert: 20 ct, wenn vom Hersteller in der Standard-Ausführung dieses Bauteils miteingebaut. Denn diese Maßnahme ist genauso alberne Kosmetik, wie der Ausbau der Prüfstandserkennungs-Beschiss-Software. Auf der Straße funktioniert nur die SCR-Technik zuverlässig und ohne faule Kompromisse.

    Gewiss, die vorgeschlagene Methode ist jetzt nicht übertrieben charmant, die Folgen für die Kunden und die Umwelt schon. Denn im Gegensatz zum Partikelfilter-Galama vor 10 Jahren würde den Kunden die nächste willkürliche Entwertung der Dieselmotor-Fahrzeuge, und damit schlicht eine milliardenschwere Vernichtung von Privatvermögen und gezielte Enteignung erspart bleiben. Mit anderen Worten, der ganze Plakettenschwachsinn hätte sich schon damals erübrigt, wenn im Jahr 1998 die Vorrüstung und ab 2000 der Einbau der Partikelfilter in Neufahrzeuge vorgeschrieben worden wäre. Das verhinderten die Marionettenfäden, an denen der damalige Autokanzler Schröder zappelte, und seine eiserne Nachfolgerin immer noch zappelt. Ganz zu schweigen von der zusätzlichen gelenkschmierenden Wirkung der räumlichen Nähe zu Daimler und Porsche, die wir staunend an unserem schwarzgrünen Ministerpräsidenten erleben dürfen.

    Das ist es auch, was ich besonders liebe an unserer politischen Kaste, insbesondere der saturiert-grünen und der schwarz-sozialdemokratischen. Dort kann sich keiner mehr vorstellen, dass man als Normalverdiener Mühe hat, für den zweiten Stellplatz gschwind aus der Portokasse ein Elektro-Cityrutscherle zu kaufen und das in Ungnade gefallene Dieselauto nach Rumänien oder Kasachstan zu verticken. Mein Gott, die paar tausend Euros. Und, liebe GrünInnen, gabs da nicht mal eine Diskussion über Nachhaltigkeit, ist der Protest gegen geplante Obsoleszenz (darunter fällt auch betrügerische) schon wieder ein den Kretschmann-Realos geopfertes Auslaufmodell?

    Und das ist es auch, was ich an unseren Technikfeinden in den Automobilkonzernen liebe. Wenn eine Behörde, die im Weltmaßstab winzig klein ist, und von uns aus gesehen keinerlei demokratische Legitimation hat, feststellt, dass Los Angeles zu viel hustet, und deshalb die Abgasnormen im Bundesstaat Kalifornien der fernen USA verschärft werden müssen, dann, ja dann werden bei uns blitzschnell und geräuschlos ein paar hundert Millionen Entwicklungsgelder in die Hand genommen, für feinste Technik, um den Export der 'Premium'-Fahrzeuge zu sichern, mit dem Segen der EPA (Environmental Protection Agency) natürlich. Erfrecht sich aber eine immerhin formal demokratisch legitimierte Regierung Europas, insbesondere die deutsche, den etablierten Stand der Technik auch den Europäern zugute kommen zu lassen, dann bricht ein infernalisches Lobbygezeter aus, dass allen hören und sehen vergehen lässt. Europäer sind für die nadelgestreiften Nieten der Automobilindustrie - so wie es aussieht - Menschen zweiter Klasse.

    Jetzt noch zu den unvermeidlichen Einwänden der Autoindustrie.

    Die Nachrüstung ist viel zu teuer! Das gefährdet unseren Bestand! Unsere Antwort: Ist uns genauso (uncharmant ausgedrückt) scheißegal, wie der hiesigen Automobilindustrie die Umwelt, die Gesundheit der Menschen und der Gebrauchswert der vertickten Fahrzeuge ist. Zehn Jahre ohne Dividende: der gerechte Ausgleich für die Aktionäre, die die organisierte Betrugskriminalität auf den Hauptversammlungen immer schön entlastet haben.

    Autoindustrie: Das benachteiligt uns auf dem Weltmarkt! Unsere Antwort: Ach ja? Das heißt wohl, andere können das besser? Gut geschlafen die letzten paar Jahre? Oder zuviel Geld in Entwicklungsleichen wie Drive-by-Wire versenkt? In des Kaisers neue Blechkleider und unnötige Multimedia-Gadgets statt in Abgasreinigung und Effizienz?

    Das beste zum Schluss: SCR ist Premium-Fahrzeug-Technik, ist viel zu teuer! Der Preiskampf gerade im Low-Cost-Segment ist gnadenlos! Unsere Antwort: das kennen wir, das Geschwätz, es ist genauso wie beim Partikelfilter. Wenn der vorgeschrieben ist, dann, oh Wunder, haben alle den gleichen Nachteil. Und wenn SCR in allen Dieselfahrzeugen verbaut wird, dann kostet das ganze noch 200 Euro, maximal. Nicht mal ein Dacia-Käufer wird deswegen das Fahrzeug stehen lassen. Und das hätte übrigens noch eine charmante Seite: der bei gutsituierten Grünen beliebte Distinktionsgewinn, der Ablasshandel (viel Geld gegen gutes Öko-Gewissen) und die Verachtung für die kleinen 'Stinker'-Käufer wäre damit auch vorbei.
  • M. Stocker
    am 04.11.2016
    Das ist schon tolldreist, was sich der CDU-Ex-Bürgermeister Klaus Lang da leistet: die Forderung nach einer Verlegung des Autoverkehrs unter die Erde. Prima, kann ich da nur sagen! Gute Idee! Sehe ich genauso. Autos im Tunnel verstauben sich gegenseitig, und zur Not kann man die Abluft in großen Röhren den Kohlestaub-Brennern der Kraftwerke Gaisburg, Münster und Altbach zuführen. Die haben spätestens nach dem Kessel die notwendigen Filter. Leider haben die Vollpfosten seiner Partei zusammen mit der ganz großen Koalition der Vollpfosten der SPD, der FDP und FW sich dafür entschieden, den umweltfreundlichsten Verkehrsträger, den schienengebundenen Regional- und Fernverkehr in Stuttgart mit Milliardenaufwand unter die Erde zu legen. Statt der Autobahnen. Tja, für 10+X Milliarden könnte man wahrscheinlich den gesamten Stuttgarter Cityring ungefähr drei mal unter die Erde verlegen. Leider wird ein großer Teil der Intelligenzbolzen es nicht mehr erleben, wie der Minderleister-Murksbahnhof die Probleme des innerstädtischen Autoverkehrs vergrößern wird, und wird damit dazu verdammt sein, auch noch dumm zu sterben.
  • Andrea
    am 04.11.2016
    @Charlotte Rath, Sie vergessen, dass der Autofahrer für die Nutzung der öffentlichen Straßen bezahlt - mit der KFZ-Steuer und der Mineralölsteuer. Ganz so kostenfrei ist die Parkerei auch außerhalb der Stadt nicht. Übrigens wird auch überall dort, wo es praktisch ist, Geld dafür verlangt. Dazu gehört ganz Stuttgart aber auch stets und überall das Parken zum Umsteigen in die Bahn. Auch die P+R sind erst dann kostenfrei, wenn man ein Ticket für den ÖPNV kauft. Also keine Sorge, die Geschenke fallen nciht allzu üppig aus.

    @BerndKruczec: Was macht eine Stadt in Ihren Augen aus? Soll es sich um ein reines Wohngebiet handeln? Dann würde tatsächlich niemand mehr dort hinwollen...
  • Horst Ruch
    am 03.11.2016
    ....hi hi...bei mir kommt der Strom aus der Steckdose..das hatten wir doch schonmal. Dietrich Heißenbüttel hat's erkannt. Wenngleich heute differenzierter, gilt letztlich immer noch die Goldene Regel der Mechanik W= F x s . (Arbeit ist Kraft mal Weg)
    Der angepeilte weltgrößte Premiumhersteller für Kfz+LKW+ Busse aus Stuttgart (nicht aus China wohlgemerkt) operiert mit staatlicher Förderung die Erforschung von selbstlenkenden Autos, anstatt zuvorderst Lösungen zur Verminderung von Feinstäuben und Gasen zur Mobilität zu erkunden.Der Verein DUH bringt das Zauberwort "Elektro" in die Medien, ohne Gesamtbetrachtung der Energiebilanzen im Blick zu haben.
    Das Berg und Tal-Straßennetz der Landeshauptstadt mit dem weltgrößten Verkehrsanteil dieses Konzerns eignet sich hervorragend zur kostenlosen Teststrecke.
    Das Ergebnis liegt seit Jahren zweifelsfrei vor.
    Je größer, schwerer, um so teurer ein SUV-iges Mobil mit seiner Masse nunmal ist, umsomehr exorbitante Energiezulieferung
    (30-40 l/100km bei den Verbrennungsmotoren) werden bei der Beschleunigung (6sec/auf 100km/h) verbraucht, um nach ein paar hundert Metern beim forschen Abbremsen des 2,5 Tonners vor der nächsten roten Ampel den Abbrieb der Bremsbeläge in die Luft zu blasen. Gleich welche Antriebsart, siehe obige Formel. Der Elektroantrieb verpufft seine Energie -das ist der Vorteil, wenn man den Reifenabrieb nicht in Betracht zieht- wenigstens nicht an Ort un Stelle in die Luft, dafür umsomehr in der Herstellung und Entsorgung der giftigen Akkus.
    Es wundert sich der Laie, wenn im "europäischen" Prüfverfahren solche Werte gedanklich wie technisch ausgeschaltet werden. Der Verdacht ist naheliegend, spült doch ein schweres Mobil nur alleine schon durch den Verkaufspreis eine höhere Mehrwertsteuer in die staatlichen Quersubventionskassen.
    Dafür verbürgt die Deutschland AG. Die Kasse macht's...nur weiter so.
  • Bernd Kruczek
    am 03.11.2016
    Außer den Arbeitsplätzen sollten auch die EZs aus Stuttgart raus. Erst am WE und am Brückentag war am Müllaneum wieder die Hölle los. Und dann steht das in der St.Z:
    http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.koettbullar-in-stuttgart-ikea-will-wieder-in-die-stadt.8f11d660-4abd-47de-a331-9abc2e3f9671.html
  • Bernd Kruczek
    am 03.11.2016
    Der Ausbau des PR Systems würde doch in Kosequenz bedeuten, dass die Arbeitsplätze in der Stadt verbleiben. Um den Verkehr zu senken müssen diese aber raus aus der Stadt! Also keine neuen Arbeitsplätze in der Stadt (Stichwort Betongold) und Motivation der Arbeitgeber bei denen das aufgrund der Tätigkeit der Angestellten (Banken im Büro, Versicherungen, etc) zu Heimarbeitsplätzen.
  • CharlotteRath
    am 02.11.2016
    Seltsam:

    Wenn ich mein Abwasser der städtischen Kanalisation und Kläranlage zuleite, muss ich Abwassergebühren bezahlen. Wildpinkeln ist verpönt, es bleibt also nur der Toilettengang, und der kostet. Jedes Mal.
    (Mittlerweile zahlt jeder Stadtbewohner sogar fürs Regenwasser, das in den Kanal geht, und fürs Regnen kann ja nun wirklich keiner 'was.)

    Parke ich jedoch ein Fahrzeug auf städtischen Straßen (obwohl es Mobilitätsalternativen gibt), kostest das in den allermeisten Fällen: Nichts.

    Professor Knie hatte ausgerechnet, dass die deutschen Städte jeden Pkw-Abstellplatz entlang ihrer Straßen durchschnittlich mit 10.000 Euro jährlich subventionieren (http://www.zeit.de/2015/03/energiewende-auto-verkehr-benzin-strom).
    Jetzt kann sich jede/r selbst ausrechnen, wieviel Geld z. B . die Stadt Stuttgart in die Subventionierung des Pkw-Besitzes investiert.
    Zum Vergleich: Der Zuschuss der Stadt Stuttgart zum laufenden Geschäft der SSB (Betrieb von Straßenbahnen und Busse) belief sich im Jahr 2015 auf exakt: 0 Euro.
    Siehe: http://www.ssb-ag.de/files/16057_geschaeftsbericht_2015_internet.pdf

    Braucht es tatsächlich noch mehr Abstellflächen für Pkws (Park&Ride), gar noch von der Allgemeinheit finanziert - oder ginge es auch anders, nämlich mit einer Nutzungsabgabe pro stätischem Stellplatz?
    Über das Melderegister der Pkws verfügt die Stadt längst schon. Wer seinen Pkw auf privatem Grundstück abstellt, könnte sich davon ggf. auf Antrag befreien lassen.
    Und schon wäre reichlich Geld vorhanden, Alternativen zum Feinstaub-, NOx-, SOx- und lärmemittierenden MIV zu fördern. Zugleich würde Straßenraum frei, diesem sozial- und umwelfreundlicheren Verkehr auch Platz zu geben.
  • Fritz
    am 02.11.2016
    War da nicht was mit einem neuen OB in Stuttgart? Oder taucht der nur noch bei repräsentativen Anlässen aus der Versenkung auf?

    Nicht dass er bei den wesentlichen Themen (S21 vorneweg) bislang schon einen wesentlichen Kontrapunkt gesetzt hätte. Oder das jemals tun wird.
  • Barolo
    am 02.11.2016
    Zu der Park+Ride:
    - 365 Euro / Jahr für eine Netztkarte wie in Wien.
    - Einen S-Bahn Verkehr der leistungsfähiger und pünktlicher ist als heute.

    Alles ander kann nicht funktionieren wie der Artikel richtig beschreibt.

    Komisch nur, daß man das mit dem attraktiveren ÖPNV eigentlich seit Jahren weiss.
    Gemacht würde nichts, ausser einer S60 und Preiserhöhungen.
    Sind die Politiker (CDU,SPD,FDP,Grüne) alle dumm oder faul?
    Reagieren die nur mit Fahrverboten wenn die EU nach Jahren der Kulanz nun Strafen durchsetzt?
    Wass allein die Stadt für S21 an Geld verplemppert, da wäre der ÖNPV komplett zukunftsicher ausgebaut
  • Wanderarbeiter
    am 02.11.2016
    Eine intelligente Art, das Verkehrsaufkommen zu senken, ist das Dynamic Ride Sharing. Wenn die Fahrzeuge nur zu 20% der Sitzplätze ausgelastet sind, ist es doch einfach, über eine Smartphone-App Mitpendler für Teilstrecken zu suchen bzw. Fahrer zu finden. Dieses System lebt jedoch von der massenhaften Nutzung, z.B. flinc.org. Bitte alle mal ausprobieren!
  • Chris S
    am 02.11.2016
    "Lediglich die Stickoxide verschwinden." Genau die sind die gesundheitsschädlichen Substanzen, die es zu reduzieren gilt, und zwar dringlicher als den in der öffentlichen Wahrnehmung präsenteren Feinstaub. Insofern sollte man sich das ablenkende Geschwätz von wegen "Elektroautos machen auch Feinstaub, also fahr ich weiter meinen Diesel spazieren" mal sparen.

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