KONTEXT Extra:
Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


So schnell kann's gehen: Grün-schwarzer Knatsch

Es war schon in trockenen Tüchern, dass die Landesregierung eine Sprungrevision gegen das zweite Stuttgarter Feinstaub-Urteil anstrengt. Fast. Die CDU-Fraktion hatte diesen Weg zum Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am Dienstag einstimmig als Kompromiss eröffnet und tags darauf bestätigt. Und die Grünen, von denen viele in Fraktion und Partei zur Annahme des Richterspruchs vom Juli 2017 samt Fahrverboten neigte, wären auch einverstanden gewesen. Trotzdem platzten am Freitag die Verhandlungen der Koalittionsspitzen im Staatsministerium – völlig unerwartet. Denn: Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sollte längst im Flieger nach Berlin sitzen, als sich die Verhandlungsgruppen in Stuttgart, mal gemeinsam und mal getrennt, immer noch die Köpfe heiß debattierten.

Ein Knackpunkt klingt besonders absurd. Winfried Hermanns Verkehrsministerium hat ein Maßnahmenbündel zur Luftreinhaltung in Stuttgart erarbeitet, wonach das Land Geld aus dem mit einer Milliarde Euro für diesen Zweck gefüllten Topf des Bundes abrufen und eventuell auch selber Mittel in die Hand nehmen will, etwa um ÖPNV-Preise deutlich abzusenken. Die CDU-Fraktion formulierte am Dienstag ausdrücklich, es solle "jetzt schnell ein Bündel an verbindlichen, rechtlich zulässigen Maßnahmen als Alternative zu Fahrverboten beschlossen werden". Hier sei "in erster Linie das Ministerium für Verkehr gefordert, entsprechende Vorschläge zu unterbreiten". Das Ministerium hat unterbreitet. Nun aber will die CDU plötzlich ein Gegengeschäft machen und diesen Maßnahmen nur dann zustimmen, wenn die Grünen ihrerseits damit einverstanden sind, dass gegen das Urteil berufen wird. Bis kommenden Mittwoch um 23.59 Uhr bleibt Zeit, einen Kompromiss zu finden. Andernfalls, die KlägerInnen würden jubeln, ist das Urteil angenommen. (29.09.2017)


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Im "rtv"-Heft erscheint rechte Werbung. Allen Beteiligten ist das egal. Fotos: Joachim E. Röttgers

Im "rtv"-Heft erscheint rechte Werbung. Allen Beteiligten ist das egal. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 245
Medien

Lifta und Propaganda

Von Anna Hunger
Datum: 09.12.2015
Der rechtspopulistische Kopp Verlag wirbt seit vielen Jahren in Fernsehmagazinen – den auflagenstärksten Wochenbeilagen Deutschlands. Auch in den Stuttgarter Zeitungen. Und keiner hat ein Problem damit.

Als Beilage für Tageszeitungen dröselt "rtv" nicht nur jeden Freitag das Fernsehprogramm auf. Besser bekannt noch ist die Beilage als Zentralorgan der deutschen Treppenlift-Wirtschaft. Zielgruppe des Hefts seien "Best Ager" und "Best Consumer", sagt Alexandra Bücheler, zuständig für dessen Werbung, in einem Interview für das Marketing-Magazin "Marke41". Heißt: Leute, die sich mal was gönnen wollen. Bella Sicilia ab 389 Euro, das Naturheil-Mittel Deseo gegen sexuelle Schwäche oder eben einen Lifta. "Alle Marken, die körperliches und seelisches Wohlbefinden fördern, sind bei "rtv" richtig", sagt Marketing-Frau Bücheler.

Auch der Rottenburger Kopp Verlag wirbt dort, oft sogar mehrseitig, schon viele Jahre. Seit 2012 berichtet Kontext über seine kruden Bücher, seine hetzerische Online-Nachrichtenseite, seine Vorliebe für AfD und Pegida, seine Hetze gegen Muslime und Flüchtlinge. Doch auch schon davor löste die Werbung aus Rottenburg bei den Lesern des Wohlfühl-Fernseh-Blättchens Unwohlsein aus. 

Ängste und Vorurteile für die "Best Consumer"

Bei Thomas Kutschaty zum Beispiel. 2008 hat er unter der Überschrift "Volksverhetzung als Programm?" eine Kleine Anfrage zur Werbung von Kopp im "rtv"-Magazin gestellt. Damals war er Landtagsmitglied für die SPD in Nordrhein-Westfalen, heute ist er NRWs Justizminister. Es ging um eine Anzeige in Heft 44/2008, Werbung für Udo Ulfkottes Buch "SOS Abendland. Die schleichende Islamisierung Europas", die "höchst problematisch" sei, "weil sie Ängste und Vorurteile in der Bevölkerung schürt", schreibt Kutschaty. "Die Anzeige selbst verschleiert nicht die deutlich tendenziöse Interpretation des Buches, nämlich der durch eine schleichende Islamisierung Europas kurz bevorstehende Untergang des Abendlandes."

Populistisch und gefährlich: Kopp-Verlag in Rottenburg.
Populistisch und gefährlich: Kopp-Verlag in Rottenburg.

Die Redaktion der Programmzeitschrift postete damals in der Kommentarspalte ihrer Homepage: "Wir entschuldigen uns für die Äußerungen, die in dieser Anzeige gemacht werden, auch wenn Sie außerhalb unserer redaktionellen Verantwortung liegen". 

Die Anfrage von Thomas Kutschaty ist lange her. In der Zwischenzeit hat sich der Protest gegen den Untergang des Abendlandes in Dresden manifestiert. Anschläge auf Asylbewerberheime sind fast alltäglich, Journalisten werden bedroht, das Gehetze gegen Flüchtlinge und Muslime im Internet ist manchmal kaum noch auszuhalten. Der Kopp Verlag hat sich mittlerweile ein großes neues Gebäude gebaut, verkauft immer mehr seltsame Bücher und die Nutzung seiner Online-Nachrichtenseite ist auf mehr als sechs Millionen Klicks pro Monat gestiegen.

Aber bei "rtv" hat sich nichts geändert an der Kopp'schen Werbepraxis. Das mit der Verantwortung ist eben so eine Sache. Der Verlag, der regelmäßig über die Fernsehbeilage Millionen von Menschen erreicht, stellt eben keine Treppenlifte her. Er hat ein politisches Programm. Eines, das gefährlich ist, gerade heute. 

"Rtv" wird als sogenanntes Supplement angeboten, als Beilage für Tageszeitungen, nahezu in jedem Bundesland. In 8,2 Millionen Stück verkaufter Auflage jede Woche. Das Heft ist die größte Fernsehzeitschrift in Deutschland, es gibt keine Wochenzeitung, die eine größere Auflage hat als dieses Blatt. Herausgegeben wird es von der VIG, der Verleger-Interessengemeinschaft e.V. in Aalen. Deren Vorstand sind die Geschäftsführer diverser Verlags- und Druckhäuser, unter anderem Bernhard Reese von der Stuttgarter Zeitung Werbevermarktung GmbH. Und der legt das Heftchen Tageszeitungen der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) bei, 44 Titeln - auch der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten". Laut Reese gibt es "rtv" in 1,2 Millionen Zeitungsausgaben. Jeden Freitag.

Die "Islamisierungs"-Anzeige war dann doch zu viel

Die Stuttgarter seien ja nicht die einzigen, die das Blättchen beilegen, sagt Bernhard Reese, auch die Südwestpresse (SWP) aus Ulm täte das. Außerdem würden auch andere Werbung für Kopp schalten. "Prisma" beispielsweise. Das ist die zweite große Fernseh-Beilage in Deutschland. Auch da wirbt der Verlag seit Jahren, wenn auch selten. Man bemühe sich nicht um dessen Werbung, sagt Gabriele Schröder, die Verkaufsleiterin des Prisma-Verlags in Düsseldorf. Aber sie schalten sie dann offenbar doch, eine Doppelseite hatte er Anfang 2015 im Heft. Die Fernsehzeitung hat eine Auflage von mehr als sechs Millionen Stück und bespielt Gebiete und Tageszeitungen, die "rtv" übrig lässt.

Ausgabe 28/15 von "rtv" ist Bernhard Reese im Stuttgarter Pressehaus sogar aufgefallen. Dort wirbt der Kopp Verlag für das Buch "Mekka Deutschland - Die stille Islamisierung" von Udo Ulfkotte. Auf der Verlagshomepage ist der Inhalt des Werks angerissen: "Wissen Sie, dass Vielweiberei in Deutschland zwar offiziell verboten ist, dies aber nicht für Muslime gilt und bis zu vier Frauen eines Muslims Anspruch auf Witwenrente haben? Dass Anhänger der "Religion des Friedens" pro Stunde durchschnittlich sieben Menschen unter Berufung auf Mohammed töten? Dass SPD und Grüne Mädchen und Jungen den Muslimen zuliebe in den Schulen wieder getrennt unterrichten möchten?" 

Er habe die Anzeige reklamiert, sagt Reese, "weil wir mit dem Inhalt nicht einverstanden waren", der ginge nicht überein mit dem journalistischen Anspruch der eigenen Presseprodukte. Er habe "rtv" aufgefordert, "Aufträge des genannten Kunden inhaltlich genauer zu prüfen." Das war im Sommer dieses Jahres. Aber Kopp wirbt weiter im Fernseh-Heft, wenn auch, laut Reese, genauer geprüft, und liegt weiterhin den Zeitungen der SWMH bei.

Der Kopp Verlag mit den großen roten Buchstaben wurde und wird durch Werbung in solch massenweise verbreiteten Zeitschriften zu einem Begriff. Wer ihn googelt, weil ihm womöglich ein Buch über Saftfastenkuren in einer "rtv" so gut gefallen hat, landet auf der verlagseigenen Nachrichtenseite "Kopp Online". Statt Saftfasten gibt's Hetze: "Schweden galt lange Zeit als Vorzeigeprojekt für die 'gelungene Integration' von Muslimen. Jetzt hat man die Grenzen geschlossen, weil wegen der Migranten in immer mehr Städten bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen."

Sofern die Werbung in "rtv" "nicht rechtswidrig oder aus sonstigem Grund abmahnfähig ist, ist unser Einfluss auf die verkaufte Werbung begrenzt", schreibt Reese, immerhin Mitherausgeber. Für weitere Fragen verweist er an "rtv" in Nürnberg. 

Die Verantwortlichen sind alle "außer Haus"

Die Zeitschrift wird von der rtv media solutions verlegt. Deren Leiterin ist Alexandra Bücheler, die "rtv" so förderlich fürs Wohlbefinden findet und die Werbung im Heft verantwortet. Äußern mag sie sich nicht. Auch nicht der Geschäftsführer der rtv media group Ulrich Buser, ebensowenig sein Stellvertreter Dirk Kemmerer. Alle im Urlaub, sagt die Sekretärin nach mehrfacher Anfrage, mit unbekanntem Rückkehrdatum. Man möchte sich doch bitte an Arvato wenden, zu der wiederum die rtv media solutions gehört.

Arvato ist ein Bertelsmann-Unternehmen. Am Telefon sagt der Sprecher, dass er persönlich gar nicht so viel essen könne, wie er kotzen möchte, wenn er sich die ganzen Pegidisten anschaut. Als offizielles Statement schickt er dann: "Die rtv unterliegt als Massenmedium gesetzlichen Vorgaben. Im Sinne der Werbe- und Pressefreiheit steht es uns nicht zu, willkürlich Anzeigen abzulehnen."

Nicht? "Schrot und Korn" hat es vorgemacht. Das Naturkostmagazin hat ebenfalls lange für den Verlag geworben. Die Dame in der Anzeigenabteilung sagt, wegen der Kopp'schen Rechtsaußen-Tendenz sei "die Zusammenarbeit seit 2011 eingestellt". Und das durchaus gesetzlich gedeckt. Denn, so erklärt Anne Grote, die stellvertretende Sprecherin des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft ZAW: "Auch in diesem Bereich gilt der Grundsatz der Vertragsfreiheit, also keine Verpflichtung zur Anzeigenschaltung." 

Es gibt natürlich auch kein Verbot, solange der Werbepartner nicht gegen Gesetze verstößt. Und das tut der Verlag nicht. Kopp und Kollegen schreiben sich seit Jahren haarscharf an allem vorbei, was irgendwie juristisch habhaft wäre. Deshalb auch beobachtet der Verfassungsschutz den Verlag nicht im nachrichtendienstlichen Sinne, liest nur seine öffentliche Homepage. Kopp und seine Schreiber verstoßen nicht gegen Gesetze, sie sind im Gegenteil durch Presse- und Meinungsfreiheit geschützt.

Jeder, der möchte, darf natürlich für ihn Werbung schalten. Wer auch immer will, darf Pegida-Demonstrationen besuchen, gegen Flüchtlinge mobil machen oder AfD wählen. Das alles muss man sogar dürfen. Das Gute aber an der gesetzlich geschützten Freiheit in Deutschland ist, dass keiner all das tun muss.

Der Kopp Verlag hetzt und verunglimpft, er verschiebt die Fakten, bis sie ihm ins rechte Weltbild passen und trotzdem noch irgendwie wahr bleiben. Er verstößt gegen die Moral. Gegen die Ethik im Allgemeinen. Gegen die Presse-Ethik im Besonderen. Aber Geld frisst auch hier, wie so oft, Moral und Ethik und spuckt sie als Freiheit wieder aus.

Fast keine Beschwerden aus der Leserschaft

Der Sprecher der Bertelsmann-Tochter Arvato, dem schlecht wird, wenn er Pegidisten sieht, schreibt: "Anzeigen, die rassistisch, sexistisch oder gewaltverherrlichend sind, nehmen wir nicht an. Gemäß dieser Leitlinien haben wir einige Anzeigen des Kopp-Verlags veröffentlicht, andere Motive dieses Verlags aber auch bereits abgelehnt."

Treppenlift-Werbung in "rtv".
Treppenlift-Werbung in "rtv".

Welches normale Unternehmen arbeitet mit einem Kunden zusammen, dessen Anzeigen manchmal so rassistisch sind, dass man sie ablehnen muss? "Lieber Herr Reese, warum legt eines der größten Presseunternehmen in Deutschland, die SWMH, insgesamt 44 ihrer Tageszeitungen einen Beilage bei, die nicht zum ersten Mal durch rechtspopulistische Werbung auffällt?" Solche Supplement-Verträge seien über viele Jahre im Voraus abgeschlossen, antwortet er. Und weiter: "Wie wir aus Marktbefragungen wissen", seien die Leserinnen und Leser "mit rtv als TV-Supplement sehr zufrieden. Wir haben so gut wie keine Beschwerden aus unserer Leserschaft."

Eine Gesellschaft, sagt der Arvato-Sprecher am Telefon, müsse sowas wie den Kopp-Verlag aushalten. Aber eine Gesellschaft kann nur aushalten, wenn es Menschen gibt, die gegensteuern. Zumal solche, die eine sehr breite Öffentlichkeit mit ihren Heftchen beglücken, die eine Verantwortung haben, weil sie Teil der Presselandschaft in Deutschland sind. Da reicht es manchmal einfach nicht, wenn einem still und heimlich übel wird.


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