Ausgabe 245
Medien

Die Zeitung als Deko

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 09.12.2015
Die meisten Verleger glauben, dass mit gedruckten Zeitungen kein Geld mehr zu verdienen ist. Digital heißt ihr Zauberwort. Eigentlich müsste ihnen die Lizenz entzogen werden.

Was hatten wir für Verleger! Wenn Hans W. Baur in der Redaktion auftauchte, wussten wir, was los war. "An die Platte, Buba", lautete der Befehl, und wir sausten um seine Tischtennisplatte herum. Er im Unterhemd und wir in der Gewissheit, danach mit ihm Kessler Hochgewächs trinken zu müssen. Meistens gab es dann auch noch mehr Geld und eine Dienstreise zu Olympischen Spielen. Baur war Verleger der "Badischen Neuesten Nachrichten" in Karlsruhe, und die leben immer noch.

In Freiburg saß der alte Hodeige, der es mit der "Badischen Zeitung" zu Wohlstand gebracht hatte. Er setzte und druckte unsere "Karlsruher Rundschau", ein alternatives Wochenblatt, und rettete uns vor der privaten Pleite. Ein Abendmahl in seiner Villa, formvollendet mit servierendem Butler in weißen Handschuhen, beendete er mit der Botschaft, uns 170 000 Mark Schulden zu erlassen. Jungunternehmer, die etwas wagten, müssten unterstützt werden, sagte er. Die "Badische Zeitung" gibt es immer noch.

Richard Rebmann. Foto: BDZV/David Ausserhofer.
Richard Rebmann. Foto: BDZV/David Ausserhofer

Viele Jahre später trat in Stuttgart Richard Rebmann an. Er werde keinen Stein auf dem anderen lassen, hat er betont und dabei wie das Orakel von Delphi geguckt. Keiner sollte behaupten können, er habe nicht gewusst, was da dräue, überraschend war nur die Geschwindigkeit des Dampfhammers. Die alte Manager-Riege wurde gefeuert, das Fußvolk in Angst und Schrecken versetzt, bis zum Pförtner outgesourct, ausgepresst, was irgendwie auszupressen war, und zum Schluss die grandiose Idee geboren, aus zwei Redaktionen eine zu machen: die STZN. Sie habe, so Rebmann, der (stark schwindenden) Kundschaft jeden Tag einen Blumenstrauß zum Frühstücksei zu binden. Wenn's nicht so traurig wäre, müsste man darüber lachen.

Aus der Zeitung ist also ein Deko-Artikel geworden. Wie kürzlich, als junge Frauen mit Kleidchen aus Zeitungspapier herum hüpften, beim Kongress der Zeitungsverleger in Regensburg, wo diese sich mannhaft der "Herausforderung der Digitalisierung" stellten. Die Zeitung als Accessoire - besser hätten die Herren ihre Missachtung gegenüber dem gedruckten Wort nicht ausdrücken können. Mit ihm sind sie zwar reich geworden, und sie sind es immer noch, aber jetzt, so heißt es, sei der Besitzstand in Gefahr, das Bedrucken toter Bäume ein vergangenes Geschäftsmodell.

Das Internet sei der Quell allen Übels, die Leute läsen nur noch digital und zahlten nix. Das darf nicht sein, also runter mit der Bezahlschranke und rein mit den Smarties, die locker weg zu schlucken sind. Viele bunte Smarties, als Journalismus getarnter Content. Vielleicht gibt es ja irgendwann Geld dafür, sollte das Anfixen erfolgreich sein. Blöd nur, dass das niemand weiß beziehungsweise der User sich bisher beharrlich dagegen wehrt.

Angeblich bald am Ende: Papierzeitung. Foto: Joachim E. Röttgers
Angeblich bald am Ende: Papierzeitung. Foto: Joachim E. Röttgers

Sicher sind sich die Herrschaften offenbar nur darin, dass die Papierzeitung, mit der sie immer noch ihre Profite machen, keine Zukunft mehr hat. Warum sollte es anders sein, wenn der Blumenstrauß am Frühstückstisch Blüten und Blätter hängen lässt, nicht einmal mehr als Deko taugt?

Wer regt sich noch über eine Regionalzeitung auf, wer sagt hoppla, eine sauber recherchierte Geschichte, ist mir neu, bringt mich weiter? Mehr als ich in der "Tagesschau" gesehen habe? Stattdessen aufgewärmter Einheitsbrei, Wegducken vor wirklichen Konflikten, Affirmation der Macht, mit Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Auch das muss gesagt sein.

Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht gelänge, eine Zeitung zu machen, die einen jeden Morgen anspringt. Geschrieben von mutigen JournalistInnen, die nicht im neoliberalen Strom schwimmen, weil es bequem ist oder weil sie als Eier legende Wollmilchsau keine Zeit für einen zweiten Gedanken haben. Die angreifen, aufdecken, die Empathie haben zu begreifen, was ihr Publikum will. Kurz und gut: Sie müssten nur ihren Job machen, wie er in vernünftigen Lehrbüchern steht. Es hat doch seinen Grund, wenn ihre Kundschaft vom Glauben an die Presse abfällt. Alle rein in einen Sack, Politik, Wirtschaft, Medien. Und die Verleger predigen Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit.

In der Realität haben es die meisten von ihnen geschafft, aus ihren Redaktionen angstbesetzte Zonen zu machen, den Arbeitsdruck weiter zu erhöhen, Kreativität in Facebook-Fragmente zu pressen, Kritik in Wattebäusche. Funktionieren ist Pflicht, Reflektieren Luxus. Widerstand dagegen ist nicht erkennbar, eher ein Sich-Fügen in das scheinbar Unvermeidliche, das von BWL-Managern definiert wird. Zugegeben, das deprimiert bisweilen.

Wie weit ist es gekommen, wenn sich jetzt Stiftungen bemüßigt fühlen, die Rettung des "Qualitätsjournalismus" auszurufen? Dafür sind doch die einst als Hüter der Presse- und Meinungsvielfalt sowie der vierten Gewalt eingesetzten Herren zuständig. Sogar qua Grundgesetz. Zumindest behaupten sie das auf ihren Kongressen.

Was sollte sich ein alter Haudegen von solchen Leuten wünschen? Aufbruch, Umkehr, Mut zum Risiko, Achtung ihres Personals? Nein, da fehlt der Glaube. Warum sagt eigentlich keiner, dass es das Beste wäre, den Sonntagsrednern unter ihnen die Lizenz zu entziehen? Einer wie Hans W. Baur, Gott habe ihn selig, möge davon ausgenommen sein. Er hat schon eine Stiftung.

 

Der Autor war von 1977 bis 1980 bei den BNN. Der Text ist geschrieben für das Buch "Print - Ein Plädoyer für Slow Media", in dem sich auch Bascha Mika (FR) und Sebastian Turner ("Tagesspiegel") wieder finden. Herausgegeben wird es von Peter Turi, zu beziehen ist es über www.turi2.de/abo.


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