Ausgabe 245
Medien

Fürchtet euch nicht

Von Gerhard Manthey
Datum: 09.12.2015
Tatsächlich – es soll noch gute Zeitungsverleger geben. In Karlsruhe sitzt einer bei den "Badischen Neuesten Nachrichten" (BNN), die zwar kein journalistischer Leuchtturm sind, aber auch keine Abschussrampe fürs Personal.

Es vergeht kein Tag, an dem nicht berichtet wird, dass bei einem Zeitungskonzern gespart wird. Wie immer an den Menschen. Ob in Hannover bei Madsack, in Essen bei der Funke Gruppe oder im Stuttgarter Pressehaus, wo bis zum April 2016 zwei große selbständige Redaktionen der "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten" zu einer Gesamtredaktion zusammengeschrumpft werden sollen. Minus 34 Redakteure zum bisherigen Personalstand. Wie stets behaupten die Verleger, das müsse so sein, um die "Qualität" ihrer Produkte zu erhalten.

Nicht alle. Nein, in Karlsruhe sollen die Uhren anders gestellt werden. Hier heißt es:"Die BNN waren ein Familien-Unternehmen, sind ein Familien-Unternehmen und werden ein Familien-Unternehmen bleiben." Nach dem Tode des Alt-Verlegers Hans Wilhelm Baur (88), am 10. Januar 2015, hat man sich Zeit gelassen mit dem offiziellen Stabwechsel in der nordbadischen Zeitung, die eine Gesamtauflage von 133 382 Stück hat. Hinzu kommt das Anzeigenblatt "Der Sonntag" mit 200 000 in Karlsruhe und 30 000 in Mittelbaden.

Der Adoptivsohn Klaus Michael Baur (früher Willimek) ist seitdem Herausgeber, Verleger und Chefredakteur und hat nach dem Tode des Patriarchen Hans W. Baur die nicht leichte Aufgabe, die Zeitung für die Zukunft in Papier und Digital krisenfest zu halten. Er tut das bemerkenswert unaufgeregt.

"Die Zeitung steht gesund da, auch wenn wir einige Probleme zu bewältigen haben", ist dem Bericht des Verlegers zu entnehmen, den er seinen Mitarbeitern vorgetragen hat. Und: Es soll ohne Entlassungen unter den 566 Beschäftigten des Verlages und der Druckerei geschafft werden.

Das entspricht dem Credo des Alten, den der Junge ein "wahres Urgestein der Zeitungsbranche" genannt hat. Hans W. Baur hatte das Blatt 1973 in der Leitung übernommen, 1994 zusammen mit seiner Frau Brunhilde in eine Stiftung umgewandelt, als Verleger die Mehrheitsanteile behalten und die Botschaft verkündet: "Solange ich lebe, wird niemand bei der BNN entlassen". Dieses Versprechen gegenüber Belegschaft und Gewerkschaft hat er bis zu seinem Tode gehalten, auch wenn es in ihn zuweilen einige hunderttausend Euro jährlich aus privater Schatulle gekostet hat.

Es hat ihn herzlich wenig gekümmert, als er vor einigen Jahrzehnten aus dem Verlegerverband ausgeschlossen wurde. Nicht etwa, weil er die Tarife drücken wollte, sondern weil er keinen Anlass sah, seine Leute auszusperren, angesichts eines Streiks der IG Druck und Papier. Der alte Baur hat dann eben Hausverträge abgeschlossen, die gut dotiert waren, und den Abgesandten der Gewerkschaft erfreut haben, wenn er zum tarifpolitischen Espresso eingeladen war.

Neue Zeiten? Nicht bei Hans W. Baur. "Redakteure sollen schreiben und redigieren und nicht an einem Computer-Terminal sitzen", auch das war einer seiner journalistischen Leitsätze, mit dem er sich einen nicht eben kleinen Aufstand einhandelte. Bis ihn Betriebsrat, Gewerkschaft und andere überzeugen konnten, dass auch die BNN ein Redaktionssystem braucht, mit dem das Zeitungmachen auf ein halbwegs zeitgemäßes Niveau gehoben werden konnte. Eine richtige Online-Ausgabe der Zeitung gab es bis zu seinem Tode nicht.

Man kann es also durchaus altmodisch nennen, was damals in der Karlsruher Lammstraße passiert ist, personell wie politisch-inhaltlich. Man könnte auch konservativ dazu sagen oder im journalistischen Sinne langweilig. Die BNN war behäbig wie die Stadt, von Überraschungen und linker Umtriebe frei, was 1982 zur Gründung der "Karlsruher Rundschau" führte, die freilich nur zwei Jahre alt wurde. Danach war wieder Ruhe und der Oberbürgermeister die zentrale Deutungsinstanz. Nur: Ist Ruhe immer schlecht?

Baurs Nachfolger will die Zukunft nun gemeinsam und "mutig" mit seiner Belegschaft angehen. Dazu nutzt er die Worte der Weihnachtspredigt "Fürchtet euch nicht", was sehr selten ist in diesen Zeiten, in denen die Herren der Zeitungen vor allem Angst verbreiten. Vor dem Untergang des Gedruckten, dem Verlust des Arbeitsplatzes und einer unbotmäßigen Haltung. Baur junior will eine flache Führung, nicht mehr das Patriarchale ("Geh mol zum Chef hoch, der will was vunn dir"). Die Geschäftsleitung im vierten Stock in Karlsruhe-Neureut soll eine Etage der offenen Begegnung werden: "Wer Sorgen oder Anregungen hat, findet eine offene Tür".

Der neue Verleger ist klug genug zu wissen, dass er die künftigen Probleme nur mit allen Beschäftigten zusammen lösen kann. Die Modernisierung der BNN-Filialen in Pforzheim, Bühl und der Karlsruher Lammstraße ist dringend nötig, dort empfängt heute noch der Charme der 50er Jahre. Die Belegschaft ist überaltert, das verlangt Fingerspitzengefühl, soziale Kompetenz und finanziell nicht billige Altersteilzeiten. Auch beim Monopolisten brechen die Anzeigen ein, auch da sind Ideen und eine anständige Bezahlung der Akquisiteure vonnöten. Wenn er es also ernst meint mit dem Anspruch, dass beides nötig sei, Qualität im Druck wie im Netz, dann gibt es noch viel zu tun.

Er scheint es wagen zu wollen. Sein Auftritt bei der Mitarbeiterversammlung in der Badnerlandhalle, wo er erstmals nicht mehr seinem Adoptivvater die Treppen zum Rednerpult hinauf half, war danach. Klaus Michael Baur, einst BNN-Volontär, ließ erkennen, dass er weiß, was er tut. An der Zukunft arbeiten, mit den Beschäftigten zusammen und ohne Angst.

 

Der Autor hat über viele Jahre mit Hans W. Baur die Tarife bei den BNN ausgehandelt. Gewerkschafter Manthey (verdi) hat den Karlsruher Verleger geschätzt.


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6 Kommentare verfügbar

  • Isolde Vetter
    am 14.12.2015
    Mein Leserbrief an die BNN auf den Artikel vom 24.2.09 hin wurde - entgegen erster Zusage per e-mail und trotz Nachfrage von mir - dann doch nicht gedruckt. Beim nicht lange zurückliegenden Wiederbezug des (wegen Platzmangels mit einem Anbau versehenen und so noch mehr Raum im Botanischen Garten beanspruchenden) Gebäudes stellte sich dann heraus, dass Gerichtspräsident Vosskuhle eine persönliche Vorliebe für dieses Gebäude und seinen Standort hegte...

    "BVG IN DIE KASERNE": JETZT MÖGLICHKEIT ZUM RÜCKBAU DES BOTANISCHEN GARTENS ERGREIFEN!
    Ihrem Artikel "Die letzten vier verbliebenen Soldaten packen schon ihre
    Koffer. Umbau der General-Kammhuber-Kaserne für das
    Bundesverfassungsgericht kann bald beginnen" (BNN Nr.45 vom 24.2.09,
    S.15) entnehme ich, dass "ein Bau" der genannten Kaserne "zuletzt vom
    Militärischen Abschirmdienst (MAD) genutzt" und daher
    "zugangskontrolliert, autark in seiner Wasser- und Stromversorgung und
    abhörsicher" ist. Diese Gelegenheit, das BVG dorthin umzusiedeln, sollte
    nicht nur für einige Jahre, sondern dauerhaft genutzt werden! Das
    bisherige Gebäude dürfte kaum all die genannten Vorteile bieten -
    jedenfalls steht schon jedem Karlsruher 'Normalbürger' seine
    ungeschützte Lage mit ihrer offenen Bewachungssituation ständig vor Augen.
    Die dauerhafte Umsiedlung hätte aber noch einen anderen, ganz großen
    Vorteil, ja wäre fast als 'Himmelsgeschenk' zu betrachten: Der herrliche
    Botanische Garten könnte dann aufs Schönste rückgebaut werden! Für das
    jetzige BVG-Gebäude fände sich bestimmt eine andere, passendere Funktion
    an einem anderen Ort, sei es in Karlsruhe oder anderswo. Ich denke da
    z.B. daran, dass nicht mehr benötigte Straßenbahnwagen nach Rumänien
    (oder wo es war) verkauft oder dorthin abgegeben wurden. Das - an sich
    ja schöne - BVG-Gebäude dürfte gewiss auch einen dankbaren Abnehmer finden.
    Ich appelliere hiermit an alle mit den entsprechenden Entscheidungen
    betrauten Personen und Institutionen, meinen Vorschlag ernsthaft zu
    überdenken und in die Tat umzusetzen. Die BNN-Leserschaft bitte ich um
    zustimmende Anrufe, Briefe oder e-mails an alle passenden Stellen.

    Prof.Dr.Isolde Vetter
    Hochschule für Musik/University of Music
  • Thomas Müller
    am 14.12.2015
    Hallo!
    Die BNN sind ein kohlrabenschwarzes Blatt, schwärzer gehts nicht....die hommage auf diese Zeitung ist für mich nicht nachvollziebar, zumindest nicht aus der Sicht eines Lesers.
    liebe Grüße
    Thomas Müller
  • Matthias Kehle
    am 12.12.2015
    Lieber Gerd, ich kenne ein paar Redakteure der BNN und die erzählten mir ganz andere Dinge. Und die Honorierung der Freien ist nach wie vor unter aller Kanone. Gerade von Dir hätte ich mir ein paar kritische Bemerkungen gewünscht. Liebe Grüße von Pappert ;-)
  • caesar von+struwe
    am 10.12.2015
    Da hat der Berufsverbands-Funktionär der "Freischreiber" Benno Stieber recht, dass diese Dinge geschahen. Nur: Im Falle der Berichterstattung über den Anzeigen-Kunden konnte in einer langen Diskussion der Gewerkschaft ver.di mit dem Verleger in Karlsruhe ein Kompromiss gefunden und schlimmere arbeitsrechtliche Sanktionen verhindert werden. Was die Vergütung der freien Kolleginnen und Kollegen betrifft, hat die Gewerkschaft ver.di mehrmals versucht, alle Freien an einem Tisch zusammen zu bringen, um von diesen den gemeinsamen einhelligen Beschluss zu erhalten, hinter der "angemessenen Vergütung" zu stehen und diese mit den Gewerkschaften , den Freien , dem
    Betriebsrat und den gewerkschaftlich organisierten Redakteuren und Redakteurinnen gemeinsam im Verlag durchzusetzen. Leider kam dieser Beschluss und die gemeinsame Solidarität nicht zustande - und ohne Gemeinsamkeit bleibt auch eine "angemessene Vergütung" gutsherrenhaft. Neuer Verleger - neuer Versuch? "Fürchtet euch nicht!" war die Parole.
  • Benno Stieber
    am 09.12.2015
    Wie schlecht müssen die Zeiten sein, wenn ein Gewerkschafter einem Verleger, der seine Leser ganz offenbar immer für unmüdige Kinder gehalten hat, denen man Kontroversen und kritische Berichterstattung nicht zumuten kann, eine solche Eloge schreibt? Die BNN hat schon einmal Redakteure wegen kritischer Berichterstattung gegen Anzeigenkunden strafversetzt. Bezahlt Freie unterirdisch und entzieht Fotografen nach Gutsherrrenart Aufträge. Das soll ein Vorbild für andere Zeitungen sein? Im Ernst, Herr Manthey?
  • Jutta Mertins, Karlsruhe
    am 09.12.2015
    Das ist erfreulich zu lesen, daß unsere Monopolzeitung ihre Redakteure anständig bezahlt! Ich wünschte, ich könnte ebenso positiv über die inhaltliche Ausrichtung der Zeitung berichten. Ein kleines aktuelles Beispiel: nach Meinung der BNN - oder zumindest ihres Chefs der Lokalredaktion - ist unsere Demokratie in höchster Gefahr, wenn ein Gastwirt sein Gastrecht ausübt und der AFD keinen Veranstaltungsraum überläßt. Wenn die SPD dabei mit Überzeugungsarbeit nachgeholfen hat, dann ehrt sie das zwar in in meinen Augen, wird aber in den BNN seit Wochen zum politischen Skandal aufgeblasen.

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