Ausgabe 245
Editorial

Nicht nörgeln, handeln

Von unserer Redaktion
Datum: 09.12.2015

Menschen wie Britta Mösinger finden wir bewundernswert. Sie ist Mitbegründerin des Leerstandsmelders in Stuttgart und steht in dieser Ausgabe für unsere Soli-Abo-Kampagne. Gemeinsam mit vielen anderen hat sie Informationen über 250 leerstehende Wohnungen und Gebäude in der Stadt gesammelt. Und mit Genugtuung registriert, dass Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn endlich eingesehen hat, dass Vermietern nicht mit Appellen beizukommen ist: Zum Jahresbeginn 2016 wird das Zweckentfremdungsverbot, das Leerstand unter Strafe stellt, in Kraft treten.

Menschen, die wichtige Themen anpacken, die hartnäckig sind und voller Power für das einstehen, was sie richtig und wichtig finden, gehört unsere Wertschätzung. Denn sie nörgeln nicht aus dem Off, sie stehen mit breitem Kreuz für etwas ein. Sie übernehmen Verantwortung.

In vielen Texten dieser Ausgabe geht es um Verantwortung.

Manchmal ist sie tonnenschwer, wie bei Ex-MP Stefan Mappus und Ex-Verkehrsministerin Tanja Gönner. Hunderte von Menschen kamen beim Schlossgarteneinsatz am 30.9.2010 durch sie zu Schaden. Dennoch haben beide jahrelang gelogen, verschleiert, abgestritten, betrogen und letztlich Gesetze gebrochen, um sich dieser Verantwortung zu entziehen.

Manchmal trägt einer die Verantwortung für einen ganzen Kontinent. Wie Giuisi Nicolini, die Bürgermeisterin von Lampedusa, von der Insel, deren Name weltweit zum Synonym für das Leid von Millionen von Flüchtlingen wurde. "Wenn für diese Menschen die Reise auf den Kähnen der letzte Funken Hoffnung ist, dann meine ich, dass ihr Tod für Europa eine Schande ist", schrieb sie an die EU, kaum, dass sie im Amt war. Am vergangenen Sonntag hat sie den Friedenspreis der Anstifter dafür bekommen.

Auch sehr verantwortlich: Bei der 300. Montagsdemo am vergangenen Montagabend liefen tausende Demonstranten mit. Foto: Martin Storz
Auch sehr verantwortlich: Bei der 300. Montagsdemo am vergangenen Montagabend liefen tausende Demonstranten mit. Foto: Martin Storz

Verantwortung kann Freude machen und bunt sein. Wie die Taschen und Mäntel, die bei Manomama in Augsburg hergestellt werden. Sina Trinkwalder ist die Chefin der Textilfirma. Sie beschäftigt 150 Menschen, die keinen Arbeitsplatz finden, weil sie zu alt scheinen, behindert sind oder lange arbeitslos waren. "Das sind keine faulen Schweine. Unser Wirtschaftssystem hat nur keinen Platz für sie", sagt sie.

Verantwortung zu übernehmen macht besonders. Zumal im Zeitungsgeschäft, das seit Jahren von Krise zu Krise eiert. Hans Wilhelm Baur ist immer standhaft geblieben. Zwar ist seine BNN aus Karlsruhe keine Zeitung von Weltruhm, dafür eine mit offenbar zufriedenen RedakteurInnen. "Solange ich lebe, wird niemand bei der BNN entlassen", sagte er einmal. Im Januar ist er gestorben. Sein Adoptivsohn hat nicht nur den Verlag von ihm übernommen, sondern auch das Versprechen.

Manchmal ist die Verantwortung auch ein armes Schwein, das ständig von einem zum anderen geschubst wird und letztlich doch heimatlos bleibt. Wie beim Fernsehmagazin "rtv", das seit Jahren Werbung für den rechten Kopp-Verlag macht. Warum? Weil es Geld bringt. Und weil man darf. Dabei wäre es ganz einfach, es nicht mehr zu tun. Es müsste nur einen geben, der Nein sagt.

Natürlich muss man die Verantwortung nicht immer zu sich einladen. Aber jeder einzelne sollte fähig sein, bei Bedarf ein Stück von ihr zu tragen, wie Britta Mösinger vom Leerstandmelder. Denn eines ist sicher: die Pflicht sich einzusetzen, sei es für Arme, für unser Klima, für Gerechtigkeit, gegen Rassismus oder für ein friedliches Zusammenleben, wird in Zukunft nicht verschwinden. Zumal in einem Bundesland, in dem 16 Prozent potenzielle Rechts-Wähler sind.

Im Gegenteil. Und da ist es gut, wenn man zuvor ein wenig geübt hat. Eine gute und leichte Übung für den Anfang gibt es unter diesem Link, da geht es zum Kontext-Spenden-Formular.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!