Ausgabe 329
Medien

Pressefreiheit mit Haltung

Von Chris Grodotzki
Datum: 19.07.2017
Zu Kontext kam er als engagierter Fotoneuling im Umfeld von Stuttgart 21. Inzwischen hat Chris Grodotzki Fotografie studiert und einen dpa-Preis in der Tasche. Er ist der engagierte Fotoreporter geblieben. Und einer von denen, die beim G20-Gipfel auf der Schwarzen Liste landeten. Heute berichtet er ausnahmsweise in eigener Sache.
So hat alles angefangen: Chris Grodotzki mit Anna Hunger (Mitte) und Susanne Stiefel von Kontext bei der Schlossgartenräumung 2012.
So hat alles angefangen: Chris Grodotzki mit Anna Hunger (Mitte) und Susanne Stiefel von Kontext bei der Schlossgartenräumung 2012.

Beim G20-Gipfel in Hamburg wurden mir und acht weiteren Kollegen die Presseakkreditierungen entzogen. Die Begründung: "Sicherheitsbedenken." Konkreter wurden die beteiligten Ämter uns gegenüber bisher nicht. Doch dann, nach einer Welle der Kritik, durch die Regierungssprecher Steffen Seibert heftig ins Rudern kam, meldeten sich mit einem Mal anonyme "Sicherheitskreise" bei verschiedenen Medien zu Wort. Die "Sicherheitskreise", so schrieben unter anderem der "Tagesspiegel" und die "Süddeutsche", erklärten: Unter den 32 Namen auf der Schwarzen Liste seien ein Reichsbürger, ein PKK-Sympathisant sowie Straftäter zu finden. "taz"-Chef Georg Löwisch sieht diesen Vorgang so: "Weil die Kriminalbeamten und Schlapphüte nach ihrem Eingriff in die Pressefreiheit kritisiert worden sind, werfen sie die 32 Journalisten vorsorglich in einen Topf. Vorwürfe rein, umrühren, fertig. Erst akkreditiert, dann diskreditiert."

Ich werde nicht weiter auf die Vermutung eingehen, die Türkei habe Einfluss auf die Entscheidung genommen. Selbst wenn es so war, wird sich das kaum beweisen lassen. Doch auch wenn die türkische Seite keinen Einfluss genommen hat, bleibt, was sich in Hamburg abspielte, ein ernsthaftes Problem für die Meinungs- und Pressefreiheit. Denn das hieße, die deutschen Sicherheitsdienste entscheiden aufgrund ihrer im Verborgenen erlangten und schwer nachprüfbaren "Erkenntnisse" nach eigener Einschätzung, wer frei berichten darf und wer nicht.

Vorweg gesagt: Ich bin kein Reichsbürger. Und – Geheimdienstarbeit par excellence – auch der NDR-Kollege nicht, dem dies beim G20 aufgrund einer Namensverwechslung vorgeworfen wurde. Ich bin kein "Anhänger" der kurdischen Arbeiterpartei PKK, außer vielleicht, man bezieht seine Informationen von der türkischen Polizei, die mich 2014, zusammen mit zwei Kollegen, wegen "Terror-Propaganda" festsetzte. Dann wären freilich auch der Welt-Korrespondent Deniz Yücel und fast alle anderen Journalisten, die momentan in den Knästen der Türkei einsitzen, PKK-Anhänger. Ich wurde auch nie wegen einer Straftat verurteilt. Woher kommen also diese Beschuldigungen?

Haltung ist ein schwieriges journalistisches Ideal

Vor meiner journalistischen Laufbahn war ich mehrere Jahre als das unterwegs, was man gemeinhin einen "Aktivisten" nennt. Ich engagierte mich gegen Nazis, für Tierrechte, beteiligte mich an Umweltschutzaktionen wie die Besetzung von Bäumen beim Protest gegen Stuttgart 21, besetzte Castor-Gleise und saß im Vorstand der Umweltorganisation Robin Wood. Natürlich ging ich auf jede Menge Demonstrationen und kam, wie jeder, der sich außerparlamentarisch politisch betätigt, ab und an mit der Staatsmacht in Konflikt. Anzeigen flogen hin und her und im Verlauf dessen wurde mir in der Polizeidatenbank der "Personengebundene Hinweis: Straftäter – linksmotiviert" angeheftet.

Solche juristisch und datenschutzrechtlich äußerst fragwürdigen Vermerke kann die Polizei ohne Verurteilung vergeben. Angeblich dienen sie nur der "Eigensicherung von Beamten" und dürfen nicht als Grundlage für Polizeimaßnahmen oder Ungleichbehandlung irgendeiner Art verwendet werden. Wenn auf dieser Grundlage grundgesetzlich verbrieftes Recht auf Pressefreiheit eingeschränkt wird, ist dies nicht nur rechtlich mehr als bedenklich, sondern kommt einem gesinnungspolitischen Berufsverbot gefährlich nahe.


Haltung ist heutzutage ein schwieriges journalistisches Ideal. Einerseits wird sie auf jedem Journalismus-Podium gefordert. Doch wer sie beweist, wird schnell als "Aktivist" verschrien. Dabei ist Journalismus, was gern vergessen wird, selbst eine politische Aktivität. Wir Journalisten liefern Informationen und tragen damit bei zur Meinungsbildung der Gesellschaft – was kann es Politischeres geben? Jede Journalistin, die auch nur einen Funken Elan in ihre Arbeit legt, einen Satz mehr schreibt, als unbedingt nötig, weil ihr das Thema wichtig ist, ist im Endeffekt eine Aktivistin. Ich persönlich stehe dem positiv gegenüber. Ich bin ein politisch denkender Mensch und unterstütze, in und außerhalb meiner journalistischen Tätigkeit, weiterhin NGOs, Aktivisten und Künstlergruppen, die sich für gesellschaftspolitischen Fortschritt einsetzen.

Und ich sehe mich hier in guter Gesellschaft meiner (foto-)journalistischen Vorbilder: von Gerda Taro, Robert Capa und George Orwell, die 1936 in den spanischen Bürgerkrieg zogen, um den Kampf gegen die Franco-Faschisten weltweit bekannt zu machen. Von Gordon Parks, der sich über 30 Jahre für die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung einsetzte. Von Stanley Greene, Henry Nxumalo, Egon Kisch, Anna Politkowskaja, Henry Cartier-Bresson, Laurie Penny und vielen, vielen anderen. Haltung zeigen, sich einmischen und die neutrale Distanz auch mal verlassen – das ist vielleicht nicht das Berufsethos der Nachrichtenagentur. Das des Reporters aber umso mehr.


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