Ausgabe 329
Medien

Pressefreiheit mit Haltung

Von Chris Grodotzki
Datum: 19.07.2017
Zu Kontext kam er als engagierter Fotoneuling im Umfeld von Stuttgart 21. Inzwischen hat Chris Grodotzki Fotografie studiert und einen dpa-Preis in der Tasche. Er ist der engagierte Fotoreporter geblieben. Und einer von denen, die beim G20-Gipfel auf der Schwarzen Liste landeten. Heute berichtet er ausnahmsweise in eigener Sache.

Beim G20-Gipfel in Hamburg wurden mir und acht weiteren Kollegen die Presseakkreditierungen entzogen. Die Begründung: "Sicherheitsbedenken." Konkreter wurden die beteiligten Ämter uns gegenüber bisher nicht. Doch dann, nach einer Welle der Kritik, durch die Regierungssprecher Steffen Seibert heftig ins Rudern kam, meldeten sich mit einem Mal anonyme "Sicherheitskreise" bei verschiedenen Medien zu Wort. Die "Sicherheitskreise", so schrieben unter anderem der "Tagesspiegel" und die "Süddeutsche", erklärten: Unter den 32 Namen auf der Schwarzen Liste seien ein Reichsbürger, ein PKK-Sympathisant sowie Straftäter zu finden. "taz"-Chef Georg Löwisch sieht diesen Vorgang so: "Weil die Kriminalbeamten und Schlapphüte nach ihrem Eingriff in die Pressefreiheit kritisiert worden sind, werfen sie die 32 Journalisten vorsorglich in einen Topf. Vorwürfe rein, umrühren, fertig. Erst akkreditiert, dann diskreditiert."

Ich werde nicht weiter auf die Vermutung eingehen, die Türkei habe Einfluss auf die Entscheidung genommen. Selbst wenn es so war, wird sich das kaum beweisen lassen. Doch auch wenn die türkische Seite keinen Einfluss genommen hat, bleibt, was sich in Hamburg abspielte, ein ernsthaftes Problem für die Meinungs- und Pressefreiheit. Denn das hieße, die deutschen Sicherheitsdienste entscheiden aufgrund ihrer im Verborgenen erlangten und schwer nachprüfbaren "Erkenntnisse" nach eigener Einschätzung, wer frei berichten darf und wer nicht.

Vorweg gesagt: Ich bin kein Reichsbürger. Und – Geheimdienstarbeit par excellence – auch der NDR-Kollege nicht, dem dies beim G20 aufgrund einer Namensverwechslung vorgeworfen wurde. Ich bin kein "Anhänger" der kurdischen Arbeiterpartei PKK, außer vielleicht, man bezieht seine Informationen von der türkischen Polizei, die mich 2014, zusammen mit zwei Kollegen, wegen "Terror-Propaganda" festsetzte. Dann wären freilich auch der Welt-Korrespondent Deniz Yücel und fast alle anderen Journalisten, die momentan in den Knästen der Türkei einsitzen, PKK-Anhänger. Ich wurde auch nie wegen einer Straftat verurteilt. Woher kommen also diese Beschuldigungen?

Haltung ist ein schwieriges journalistisches Ideal

Vor meiner journalistischen Laufbahn war ich mehrere Jahre als das unterwegs, was man gemeinhin einen "Aktivisten" nennt. Ich engagierte mich gegen Nazis, für Tierrechte, beteiligte mich an Umweltschutzaktionen wie die Besetzung von Bäumen beim Protest gegen Stuttgart 21, besetzte Castor-Gleise und saß im Vorstand der Umweltorganisation Robin Wood. Natürlich ging ich auf jede Menge Demonstrationen und kam, wie jeder, der sich außerparlamentarisch politisch betätigt, ab und an mit der Staatsmacht in Konflikt. Anzeigen flogen hin und her und im Verlauf dessen wurde mir in der Polizeidatenbank der "Personengebundene Hinweis: Straftäter – linksmotiviert" angeheftet.

Solche juristisch und datenschutzrechtlich äußerst fragwürdigen Vermerke kann die Polizei ohne Verurteilung vergeben. Angeblich dienen sie nur der "Eigensicherung von Beamten" und dürfen nicht als Grundlage für Polizeimaßnahmen oder Ungleichbehandlung irgendeiner Art verwendet werden. Wenn auf dieser Grundlage grundgesetzlich verbrieftes Recht auf Pressefreiheit eingeschränkt wird, ist dies nicht nur rechtlich mehr als bedenklich, sondern kommt einem gesinnungspolitischen Berufsverbot gefährlich nahe.


Haltung ist heutzutage ein schwieriges journalistisches Ideal. Einerseits wird sie auf jedem Journalismus-Podium gefordert. Doch wer sie beweist, wird schnell als "Aktivist" verschrien. Dabei ist Journalismus, was gern vergessen wird, selbst eine politische Aktivität. Wir Journalisten liefern Informationen und tragen damit bei zur Meinungsbildung der Gesellschaft – was kann es Politischeres geben? Jede Journalistin, die auch nur einen Funken Elan in ihre Arbeit legt, einen Satz mehr schreibt, als unbedingt nötig, weil ihr das Thema wichtig ist, ist im Endeffekt eine Aktivistin. Ich persönlich stehe dem positiv gegenüber. Ich bin ein politisch denkender Mensch und unterstütze, in und außerhalb meiner journalistischen Tätigkeit, weiterhin NGOs, Aktivisten und Künstlergruppen, die sich für gesellschaftspolitischen Fortschritt einsetzen.

Und ich sehe mich hier in guter Gesellschaft meiner (foto-)journalistischen Vorbilder: von Gerda Taro, Robert Capa und George Orwell, die 1936 in den spanischen Bürgerkrieg zogen, um den Kampf gegen die Franco-Faschisten weltweit bekannt zu machen. Von Gordon Parks, der sich über 30 Jahre für die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung einsetzte. Von Stanley Greene, Henry Nxumalo, Egon Kisch, Anna Politkowskaja, Henry Cartier-Bresson, Laurie Penny und vielen, vielen anderen. Haltung zeigen, sich einmischen und die neutrale Distanz auch mal verlassen – das ist vielleicht nicht das Berufsethos der Nachrichtenagentur. Das des Reporters aber umso mehr.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

3 Kommentare verfügbar

  • Andreas Lotter
    am 21.07.2017
    Auch Kontext ist nicht unschuldig in dieser Sache. Jetzt wird die Fahne der freien Presse und der freien Meinungsäußerung hoch gehalten. Vor gar nicht langer Zeit beteiligte man sich aber an einer undifferenzierten Bashingaktion gegen diverse alternative Medienportale, indem man die Ergebnisse einer sehr fragwürdigen Studie der Brennerstiftung einfach wieder gab. Anstatt den Finger in die Wunde zu legen und nachzufragen, leicht auffindbare Lücken und pauschale Verurteilungen der Studie aufzufinden und dann vielleicht ein Streitgespräch zwischen dem Studienmacher, dessen Auftraggeber sowie den betroffenen Medienportalen durchzuführen. Das wäre großer Journalismus gewesen, dies wäre eine Wegmarke gegen Einschränkung und Einschüchterung der Presse gewesen. Aber man hat damals vergessen das auch Kontext nur ein "alternatives Medienportal" ist und, in einem Klima wie wir es nach G20-Hamburg nun haben, sich sehr schnell auf der Anklagebank einer kommenden Medienstudie der Brennerstiftung wieder finden kann. Ob diese Studie dann immer noch ohne jegliche Kritik, hier einfach dem Leser verlinkt werden wird?
  • Blender Blender
    am 21.07.2017
    Es ist das sprichwörtliche Gutsle (Bonbon) das hier den Betroffenen ans Rever geheftet wurde. Ein Fleck bleibt, auch wenn man es wieder abgemacht hat. Die Entscheidungsträger die die Diskreditierung veranlasst haben bekommen irgendwann mal unrecht zugesprochen, aber wer zahlt dann die viel zu geringe Wiedergutmachung. Der Steuerzahler. Die Diskreditierer bekommen ihre Gehälter und Pensionen. Wer hat den Stress seinen Ruf wiederherzustellen. Der Diskreditierte. Wer muss vor Gericht seine Harmlosigkeit Beweisen. Der Diskreditierte. Wer mussJahrelang auf herausgabe der Akten klagn. Der Diskreditierte. Bis zu dieser Wiederherstellung des Rufes gilt KEINE Unschuldsvermutung, wie sonst immer bei Anklagen, und es besteht keine Garantie, dass die Daten jemals ganz gelöscht weden. Es wurde ja auch gar nicht Angeklagt, sondern nur diskreditiert, vollendete Tatsachen geschaffen, aufgrund geheimer Informationen, geheimer Informanten die natürlich Persönlichkeitsschutz genießen. Die BRD hat das Stasi-IM Wesen noch perfektioniert und in rechtstaatliches Format gegossen. Wir sind von Situationen wie unter Orban, Kazinski und Erduan gar nicht so weit entfernt. Wenn man die "Karten" "Verleumdung der Opfer" und "Terrorismusverdacht" auf,der einen Seite und "Unschuldsvermutung der Täter" und "Persönlichkeitsschutz der Informanten" auf der anderen Seite, richtig ausspielt und alle Register in den Instanzen zieht, bis die Richter in den Ruhestand müssen, kann man den Rechtstaat, als Bürokrat in Schlüsselposition (Polizei, Verfassungschutz, Bürgermeister, Regierungssprecher oder Innenminister), leicht ad Absurdum führen. Das ist Macht. Ich wünsche Chris Grodotzki (und auch den Anderen) viel Kraft bei der Wiederherstellung seines guten Rufes, auch wenn es mich als Steuerzahler einiges kostet. Halten Sie uns in Kontext auf dem Laufenden.
  • Ruby Tuesday
    am 20.07.2017
    Es könnte schnell vorbei sein mit der Reisefreiheit, wenn die Echt Bodensee Card auch bald für den Staatsschutz schnüffelt. Ob Gastgeber Uhldingen-Mühlhofen e.V. oder die Redakteure vom Forum Langenargen, der Kampf gegen die von der Kontext Redaktion (319 / Datenkrake vom Bodensee) Datenkrake genannte Touristenkarte eint mehrere hundert Gastgeber*innen sowie Einwohner*innen am Bodensee. Der Wunsch nach mehr landesweiter Unterstützung ist groß.

    Die Einverständniserklärung zum Datenschutz auf dem e-Meldeschein liest sich harmlos. Man gestattet damit die Nutzung seiner persönlichen Daten für Werbung und Marketingzwecke und zwar unbegrenzt. Dann braucht es nur noch eine App auf dem Smartphone mit dem hübschen Namen elektronisches Fahrgeldmanagement, also e-Card und die Buchung eines Tickets von Stuttgart zur nächsten Demo könnte plötzlich nicht mehr möglich sein, weil ein Staatsschützer das "rote Kästchen" angekreuzt hat. Weder mit dem Smartphone, am PC, dem DB - Automaten oder einer Bahnagentur. Sobald man seinen Namen angibt oder mit Kreditkarte bezahlen will erscheint der Satz, dass zur Zeit keine Buchung möglich ist. Da gibt es nicht einmal eine Begründung wie "Sicherheitsbedenken".

    Fahrwege, Kontakte und Mitreisende können lückenlos mit Zeitangabe erfasst werden. Wozu gibt es denn WLAN in Bussen und Bahnen. Und wer in Hamburg nur wenige Minuten vorher in einem ausgebrannten Supermarkt war, der erhält wohl einen Eintrag in der Liste "gewaltbereiter Störer" oder Besuch vom Landeskriminalamt.

    Übrigens der Datenkauf kostet für Marketing oder Werbezwecke, das gilt auch für "Schlapphüte", nur wenige Euro und ist darüber hinaus legal. Unternehmen, denen eine umfangreiche Auskunft über persönliche Daten aus Kostengründen nicht zugemutet werden kann sind von der Auskunftspflicht an Betroffene befreit.

    So lieber Chris Grodotzki nun recherchieren sie mal gut. Denn mit den heutigen technischen Möglichkeiten wäre auch der Rasende Reporter nicht einmal von Ulm nach Langenargen gekommen. Es sei denn als Schwarzfahrer, aber das wäre eine Straftat die ins Gefängnis führt.

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!