Ausgabe 335
Medien

Bildblog lebt

Von Minh Schredle
Datum: 30.08.2017
Vergangene Woche stand eines der relevantesten Portale für Medienkritik kurz vor dem Aus. Beim "Bildblog" mit bis zu einer Million LeserInnen im Monat reichten die Einnahmen nicht, um zwei Redakteuren den Mindestlohn zu zahlen. Dass das Projekt jetzt überlebt, liegt an Leserspenden.

Gewartet haben sie bis fünf vor zwölf. Vergangenen Mittwoch, den 23. August, vermelden die Betreiber des "Bildblogs" in eigener Sache: "Wir können so nicht mehr professionell arbeiten", das lasse die finanzielle Lage nicht zu. Denn trotz etwa 30 000 BesucherInnen am Tag, berichtet Redaktionsleiter Moritz Tschermak, verdiene man durch Werbebanner auf der Onlineseite nur noch zwischen 200 und 700 Euro im Monat – deutlich zu wenig, um den Betrieb am Laufen zu halten.

Froh, dass es weitergeht: "Bildblog"-Chef Moritz Tschermak. Foto: privat
Froh, dass es weitergeht: Redaktionsleiter Moritz Tschermak. Foto: privat

Der Aufruf trägt schnell Früchte: Keine 24 Stunden später haben sich genügend UnterstützerInnen gefunden, die zusammen gut 2000 Euro im Monat beisteuern und dem Blog damit ein Existenzminimum sichern. Bei Tschermak klingt die Erleichterung in jeder einzelnen Silbe durch: "Wir haben natürlich gehofft, dass es weitergehen kann. Aber nicht damit gerechnet, dass es so schnell geht." Ihr Monatsbudget reiche nun aus, den beiden festen Redakteuren – ihm und Lorenz Meyer – wenigstens den Mindestlohn auszuzahlen. Eine Woche später sind durch die Kampagne etwa 3000 Euro an monatlicher Unterstützung zusammengekommen, damit ist wieder ein wenig Budget vorhanden, um freie AutorInnen zu beauftragen.

Pioniere der Online-Medienkritik

Aktuell liegen Faktenchecks gegen Falschmeldungen und grob verzerrte Darstellungen voll im Trend. Das "Bildblog" gehört derweil zu den Pionieren der Medienkritik im Netz. Bereits seit 2004 dokumentieren die AutorInnen fehlerhafte Berichterstattung in Deutschlands größter Boulevard-Zeitung. Neben den meist ironisch-süffisanten Korrekturen gibt es auf der Seite auch eine Rechtsberatung ("Hilfe – ich bin in der Bild"') oder den Schlagzeil-O-Mat, der – in leicht antiquierter Erscheinung eines einarmigen Banditen – zufallsgenierte, boulevardeske Überschriften ausspuckt, die häufig Nonsens sind ("Busen-Panne stürzt Hitler"), aber manchmal auch wortgleich in der Bild stehen könnten ("Drogen-Minister würgt Anwalt").

In der Anfangszeit des Blogs wurden dort ausschließlich die größten Verfehlungen der "Bild"-Zeitung aufgegriffen und richtiggestellt – in einem solchen Umfang, dass sich die damaligen Autoren Stefan Niggemeier und Christoph Schultheis irgendwann genötigt sahen, eine Rechnung an den Springer-Verlag zu schicken, weil "Bild.de" offenbar entschieden habe, das "Bildblog als eine Art externe Schlussredaktion oder Korrektorat zu benutzen". Die Rechnung wurde jedoch nie bezahlt.

Auch im 13. Jahr nach Gründung ist die Kritik an der "Bild" der Schwerpunkt der Berichterstattung. Seit 2008 befasst sich das Blog allerdings auch mit den Irrtümern und fehlerhaften Berichten anderer Redaktionen, in der Serie "Mut zur Wirrheit" zum Beispiel mit den hanebüchenen Räuberpistolen des rechtspopulistischen "Compact-Magazins", oder in der Reihe "Perlen des Lokaljournalismus" mit unsinnigen Formulierungen aus Lokalzeitungen ("Obduktion sorgt für Gewissheit: Vermisste Erdingerin ist tot") und rhetorischen Tritten ganz tief ins Fettnäpfchen ("Viele Besucher erkunden NS-Gelände ohne Führer"). Überwiegend stehen Boulevard-Zeitungen im Fokus der Kritik, doch regelmäßig auch seriöse Medienhäuser. Etwa wenn FAZ, "Spiegel Online" und die "Frankfurter Rundschau" übereinstimmend berichten, die AfD wolle vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die "Ehe für Alle" klagen – obwohl sie das gar nicht kann

"Sex-Mullah verklagt Porno-Star" – die Schlagzeile von morgen? Screenshot
"Sex-Mullah verklagt Porno-Star" – die Schlagzeile von morgen? Screenshot

"Leider bleiben jede Menge Themen liegen, die wir gerne machen würden", sagt Tschermak. Über Medien zu schreiben sei ein Gebiet, das tagtäglich tausende Themen liefere, "das überblickt keine Redaktion der Welt." Natürlich gebe es die üblichen Verdächtigen – Die "Bild"-Angebote, "Focus Online", "Huffington Post" und so weiter. "Aber wenn die 'Kieler Gazette' (Name erfunden, die Red.) im Lokalteil Mist baut, dann kriegen wir das ohne Leserhinweise nicht mit." Deswegen sind kritische Leserinnen und Leser für ihre Arbeit "eminent wichtig". An sehr ruhigen Tagen kommen nur eine Handvoll Hinweise rein, bei größeren Nachrichtenlagen dutzende, die sortiert, bewertet, und bestenfalls bearbeitet werden wollen.

Bemerkenswert dabei: Während sich große Medienhäuser mit teils hunderten JournalistInnen grobe Schnitzer bei der Recherche leisten, sind die Korrekturen auf dem "Bildblog" häufig tagesaktuell, trotz der kleinen Mannschaft. "Im Kern waren das seit Gründung selten mehr als zwei Leute, die hier fest gearbeitet haben", erzählt Tschermak. Unterstützt von – je nach finanzieller Lage – manchmal vielen, und manchmal wenigen freien MitarbeiterInnen. Dabei bemängelt der Redaktionsleiter den "fürchterlichen Männerüberschuss" im Team und versichert, man wolle künftig mehr Autorinnen gewinnen.

Dicke Einzelspenden helfen nicht langfristig

Geldsorgen plagten die Blogbetreiber immer wieder, zuletzt Ende 2015: Die traditionelle Winterpause von Weihnachten bis Ende Januar verlängerten die Autoren damals um einen Monat, mit dem Hinweis auf die karge Finanzlage. Vor allem Einzelspenden liefen nach der Aktion ein, teils Beträge bis zu 500 Euro, erzählt Tschermak: "Da kam ein großer Berg zusammen, und den haben wir langsam abschmelzen sehen" – was sich deutlich bemerkbar machte, denn die Zahl der freien AutorInnen nahm über die vergangenen Monate hinweg kontinuierlich ab. Zuletzt verblieben unter den Aktiven nur noch Tschermak selbst und Lorenz Meyer, der jeden Werktag eine Liste mit lesenswerten Texten anderer Nachrichtenportale zusammenstellt.

Trotz klammer Kassen sind alle Inhalte stets kostenfrei lesbar geblieben. Wenn Texte im Netz Geld kosten, finde er das völlig legitim, betont Tschermak. Für den "Bildblog" seien Bezahlschranken allerdings nie in Betracht gekommen, da Gebühren immer zulasten der Reichweite gingen. "Wir wollen ja erreichen, dass Redaktionen sauberer arbeiten", sagt er. "Also ist es wichtig, dass möglichst viele Menschen mitbekommen, was da abgelaufen ist."

"Manchmal", räumt Tschermak ein, "fühlt sich die Arbeit an wie ein Kampf gegen Windmühlen." Etwa wenn er die "Bild" aufschlägt und zum gefühlt dreitausendsten Mal über die vermeintlich "faulen und unfähigen Pleitegriechen" lesen muss. "Das kann schon mal frustrierend sein." Und dennoch: Fundierte Medienkritik findet er wichtiger denn je. Trotz systemischen Missständen in einigen Redaktionen und teils fragwürdigen Mentalitäten ist Tschermak, wie er selbst sagt, der Letzte, der etwas von "Lügenpresse" hören will. "Gerade um Qualitätsjournalismus zu schützen, ist es wichtig, die Fehler präzise zu kritisieren." Und die Arbeit wird durchaus geschätzt, von zahlreichen JournalistInnen, die einen großen Teil der Leserschaft ausmachen. "Die finden das 'Bildblog' meistens super", sagt Tschermak belustigt. "Bis sie selbst darin auftauchen."


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