Leichter zu entwirren als die Wahrheit im Netz: fürchterlicher Kabelsalat. Fotos: Joachim E. Röttgers

Leichter zu entwirren als die Wahrheit im Netz: fürchterlicher Kabelsalat. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 303
Politik

Dann klopft mal schön

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Datum: 18.01.2017
Das Recherchenetzwerk "Correctiv" will Facebook auf die Finger schauen und, wo nötig, drauf klopfen. Mit Blick aufs Wahljahr 2017 und die mögliche Beeinflussung durch Fake News. In eine bessere digitale Welt aufbrechen könnten aber auch viele andere – ohne großen Aufwand.

Ausgerechnet FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke, der gern die verbale Keule schwingt, sorgte beim Dreikönigstreffen für Furore mit seinem einfachen und praktikablen Vorschlag. Die klassischen Medien, forderte der frühere Lehrer, sollten ihre Kommentarfunktion nur noch für Nutzer mit Klarnamen öffnen: "Wer öffentlich etwas kommentieren möchte, soll sich dazu bekennen – oder die Klappe halten."

Rülke steht fürs Pöbeln unter Klarnamen.
Rülke steht fürs Pöbeln unter Klarnamen.

Mehr war nicht nötig, um nicht nur liberale Nerds in Wallung zu versetzen. Im Netz und außerhalb. "Die Frage ist doch, ob ein 56-jähriger Berufspolitiker, der vor langer Zeit Germanistik, Politik, Geschichte und Soziologie studiert hat, der richtige Ansprechpartner bei einem solchen Thema ist", postete einer, um solche "Plattitüden von Kritikverweigern" scharf zu kritisieren und dann mitzuteilen: "Ich traue mich nicht, so etwas unter meinem echten Namen zu veröffentlichen." Die Frage nach dem Warum, muss auf ewig unbeantwortet bleiben. Denn anders als beim guten alten Leserbrief und selbst bei den tausenden kritischen Mails, geschrieben mit offenem Visier, die täglich in den Redaktionen republikweit eingehen, ist eine ernsthafte Argumentation unmöglich.

Auf vielen Portalen wird allein der Anstoß zu einer Debatte über Klarnamen mit Zensur gleichgesetzt. "Wir sind der Überzeugung", bot einer der (jungen) Delegierten beim FDP-Parteitag einen Einblick in seine Gedankengänge, dass es "keine absolute Wahrheit" gibt, dass das "freie offene Internet Sinnbild der zensurfreien Kommunikation ist" und es möglich sein müsse, "Überzeugungen zu verbreiten und zu verteidigen, die naturwissenschaftlich nicht belegbar sind". Jedwede Wahrheitsprüfung sei gerade von Liberalen abzulehnen. Der Applaus fiel keineswegs spärlich aus.

Mit Milliardär Zuckerberg in einem Boot

Auch vor dem Hintergrund solcher Debatten ist es zumindest gewagt, wenn "Correctiv" jetzt falsche Nachrichten aufspüren mochte, die dann mit Warnhinweisen versehen werden. Unentgeltlich übrigens und vorerst ohne Finanzierungperspektive, im Rahmen eines Testlaufs. Ziemlich zeitgleich zur Bekanntmachung der ungleichen Allianz schwirrte die Realnews rund um den Erdball, dass Facebook-Gründer Marc Zuckerberg zu jenen acht Männern gehört, die mit 426 Milliarden US-Dollar zusammen so viel Geld besitzen wie die ärmere Hälfte der gesamten Weltbevölkerung.

Schon die ersten Kommentare auf Geschäftsführer David Schravens Erläuterungen zur neuen Zusammenarbeit belegen, wie dünn das Eis für das gemeinnützige Recherchenetzwerk ist. "Alles nur Meinungsmache"; oder: "Grundgesetzwidrige Zensur, nicht mehr, nicht weniger"; oder: "Werden auch Aussagen und Kommentare der Politiker mit Falschmeldung oder Fake gekennzeichnet? Da habt ihr euch aber viel vorgenommen. Denke, wenn ihr euch anmaßt, Privatpolizei zu spielen, werdet ihr einen ganzen Haufen Geld brauchen, um die Gerichtsverfahren durchzustehen, die euch erwarten. Ist doch absolut lachhaft, wenn sich da irgendwelche Robin-Hood-Verschnitte zusammensetzen und für Gerechtigkeit in der Welt sorgen wollen. Zumal eure Seite wohl eindeutig eure einseitige politische Richtung ausdrückt."

Die Personalfrage treibt andere ebenfalls um, etwa die Internetwächter von mimikama.at in Österreich, die mit zwei haupt- und 17 ehrenamtlichen Mitarbeitern bestückt sind, und sich pro Tag bis zu einem Dutzend Themen widmen (können). Derzeit zum Beispiel dem Umstand, dass Fake News mehr sind als entsprechend zu kennzeichnende Nachrichten, sondern "ein Geschäftsmodell, an dem Facebook mitverdient". Wie groß der Aufwand auch nur einer kontinuierlichen Pflege der eigenen Seite mit Rückantworten auf Beschimpfungen, Beleidigungen und Verdrehungen ist, davon kann gerade die Südwest-FDP ein Lied singen. Mit nicht weniger als vier Mitarbeitern war sie in der heißen Phase des Landtagswahlkampfs aktiv. "Und wir sind kaum nachgekommen", so Lisa Rossel, die in der Landesgeschäftsstelle dafür zuständig war.

Rückenwind kommt aus Österreich

Im aufgeheizten österreichischen Präsidentschaftswahlkampf hat die für die Van-der-Bellen-Kampagne verantwortliche Agentur Jung von Matt ebenfalls eine Reaktionsinitiative im Netz gestartet. "Wir haben ununterbrochen unzählige Foren durchforstet, wir haben jedes einzelne Posting, das gegen Van der Bellen gerichtet war, aufgespürt und eine Antwort gepostet", berichtete Co-Geschäftsführer Martin Radjaby kürzlich. "Wir waren always on, weil die FPÖ always on war." So etwas sei "mühselige Kleinarbeit". Dass FPÖ-Kandidat Norbert Hofer am Ende klar unterlag, zeige allerdings, dass sich die Mühe lohne. Internationale Interessenten werden inzwischen in Wien vorstellig, um zu erfahren, wie der rechtspopulistische Trend in ganz Europa gebrochen werden könnte.

Will Facebook von Falschem bereinigen: David Schraven.
Schraven will Facebook von Falschem bereinigen.

Correctiv will in der Testphase nach eigenen Angaben genau diesen Aufwand miterheben. Wie das im Detail funktionieren soll, bleibt fürs erste das große Rätsel, genauso wie die Antwort auf die Frage, wie das gemeinnützige Projekt seinen Spendern erläutern will, dass sie Geld dafür ausgeben sollen, "Facebook zu heilen". Schraven räumt das in seinem Facebook-Statement selbst ein, ebenso wie den Hauruckstart. "Leider haben wir sehr wenig Zeit", schreibt er, die "entscheidende Richtungswahl" in NRW findet bereits im Mai statt. Der Geschäftsführer befürchtet, dass die "große Bedrohung der Gesellschaft" durch Fake News – gerade bei Facebook – in den kommenden Monaten noch massiver wird.

Immerhin: Die Verantwortlichen bei mimikama.at sind froh, dass "zumindest ein erster Schritt gemacht ist", wie Mitarbeiter Andre Wolf sagt. Es sei erfreulich, dass nicht englisch-, sondern deutschsprachige Enttarner unterwegs sind. Wie in vielen Foren wird allerdings auch bei dem seit 2011 gegen "Internetmissbrauch, Internetbetrug und Falschmeldungen" kämpfenden Verein darüber diskutiert, wie Markierungen und die darauffolgenden Konsequenzen für alle, die Fake News posten, gerichtsfest ausrecherchiert werden können.

Über die Klarnamenpflicht wird schon seit Jahren debattiert, schon zu Zeiten, die noch nicht als postfaktisch galten. Und es liegen zahlreiche Studien auf dem Tisch, die belegen, dass sich zumindest ein Teil der Pöbler und Beleidiger keineswegs abhalten lässt und ließ, weil sie schon heute mit ihrem Namen kübeln mit Verbalinjurien gegen Promis und Normals. Weit vor FDP-Rülke sind zahlreiche Politiker gebasht worden, etwa der stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Ralf Stegner, der Anfang 2016 meinte, demokratische Debatten zeichneten sich dadurch aus, dass man "seinen Namen und sein Gesicht zeigt". Der Hass war überbordend. Schon damals wurde breit darüber diskutiert, wie einfach gerade politische interessierte Nutzer und Nutzerinnen selber aktiv werden könnten. "Nachdenken, Hinsetzen, Schreiben", postet einer auf der Kieler SPD-Seite, "denn wir sind in der Mehrheit: Warum machen wir das nicht deutlich?" So kann's auch gehen.


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