Ausgabe 342
Kolumne

Arsch in der Hose

Von Peter Grohmann
Datum: 18.10.2017

Der letzte Postminister ist tot. Wolfgang Bötsch trieb die Umwandlung von Telekom, Postbank und Postdienst in profitable Aktiengesellschaften voran – dann brauchte man ihn nicht mehr. Seitdem kommt bei uns täglich dreimal die Briefpost und sechsmal ein Paketdienst. Mancher Briefträger sieht so verhungert aus, dass ihn meine Omi Glimbzsch in Zittau sofort zum Frühstück einladen würde. Wenn es wirklich eng wird, stellt das Sozialsystem Wohlfahrtsmarken zur Verfügung – Motiv 2017: Hänsel und Gretel. Zum Abschlecken.

Wie H&M. Das schwedische Modehaus ärgert sich über Verdi, die Aktion Arbeitsunrecht und Demonstrationen vor den 400 deutschen Filialen – ausgerechnet am Freitag, dem Dreizehnten! Die Schweden haben bekanntlich schon lange vor der Oktoberrevolution den echten Sozialismus erfunden, aber eben auch nur auf dem Papier. Diesmal ging's nicht um Sozialismus, sondern um Union Busting. Schlicht gesagt ist damit die professionelle und systematische Bekämpfung von Betriebsräten und gewerkschaftlicher Organisierung gemeint. Weltweit sind Netzwerke aus Anwälten, Unternehmensberatern, Personalmanagern und Detektiven aktiv, um mit allen Tricks und Mitteln die unabhängige Organisierung von Arbeitern und Angestellten zu verhindern. Dazu gehört etwa auch die erfolgreich gestreute Meinung, dass Gewerkschaften "eigentlich" überflüssig seien. Überholt, unflexibel, kurz: oll.

Oll sind vor allem die Werte- und Rechtsvorstellungen bei H&M. Der Konzern ist im Alltag alles andere als modern, fröhlich oder gar locker. "Er beutet seine Angestellten aus: hässlich, brutal, mittelalterlich", sagt der interventionistische Philosoph Werner Rügemer. H&M macht seinen Leuten das Arbeiten und Leben zur Hölle. Da gibt es etwa den Flex-Vertrag, bei dem sich die Arbeitszeit ständig ändern kann. Mal sind's zehn Stunden, mal 40 pro Woche. Ständig ändert sich das Einkommen, mal reicht's zum Leben, mal nicht. Gewerkschaften sind gaga – Hauptsache, der Arsch passt in die Hose.

Nein, das ist natürlich kein Thema für Jamaika und auch keins für Macron. Die Arbeit wird knapper und flexibler, der Druck nimmt zu, die alten Rechte werden Zug um Zug abserviert. Klar ist nur: Die Zahl der Hungernden steigt. Da dürfen die Profite nicht zurückbleiben. Wo es keine Betriebsräte gibt, ist der Arbeitnehmer allein. Kusch, oder werde Briefträger.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die AnStifter.Alle "Wettern"-Videos gibt's hier zum Anschauen.


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1 Kommentar verfügbar

  • Peter Meisel
    am 20.10.2017
    Toll - Die Privatisierung hat Industrie 4.Null (Arbeitsplätze) auch für Beamte durchgeführt.
    Dank des Profits kommt meine Tageszeitung nur jeden zweiten Montag. Auf Bankbeamte war noch Verlass und der öffentlich Autobahnbau war günstiger (ohne Zinsen, ohne Gewinn und ohne Mautgebühren). Die Deutsche Bundesbahn war pünktlich und günstig, dank der Beamten und konnte vom Bundesrechnungshof überprüft werden.
    Als 100% igle Tochter des Staates ist die Bahn AG ist dies dem Rechnungshof verwehrt und Günther Oettinger (CDU) konnte einen „Finanzierungsvertrag für Stuttgart 21 über 4.526 Mrd. Euro unterschreiben ohne dass für „Dritte der Vertragsteil §2,2
    mit der Wirtschaftlichkeit“ nicht zugänglich ist.
    Das erlaubt auch kurzfristige Kündigungen der Arbeitsverträge und somit die Dumpingpreise unserer Industrie wie das Beispiel H&M wonach „die unabhängige Organisierung von Arbeitern und Angestellten zu verhindern seien. Dazu gehört etwa auch die erfolgreich gestreute Meinung, dass Gewerkschaften "eigentlich" überflüssig seien.

    Deutschland geht es gut - auf kosten der Menschen. Mir sind bei der Bundestagswahl zum 24.9.17 die vielen jungen Kandidaten aufgefallen. Ein Blick auf deren Ausbildung (dank Briefwahl: Namen + Google) konnte ich mir deren Ausbildung vorher anschauen.
    Und ein Klick: Die Abgeordnetenentschädigung beträgt seit dem 1. Juli 2017 monatlich 9.541,74 Euro plus beheiztes Büro, Spesen und kostenlose "Beratung" durch Lobbyisten.
    Ich freue mich auf dieses Vorbild für die vielen jungen Bewerber bei der Bundestagswahl. So kann ein Bedingungsloses Grundeinkommen auch aussehen?
    Danke Peter Grohmann: Hauptsache, der Arsch passt in die Hose!

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